Werte und Paradigmen

Wertmasstäbe

Um etwas beurteilen zu können, braucht man notwendigerweise einen Masstab - ein Wertesystem - an dem gemessen werden kann. Ein solches Wertesystem ist aber immer stark paradigmenabhängig.

Was meine ich damit?

Versetzen wir uns in das Mittelalter. Die allgemeine Überzeugung war die, dass die Welt von Gott geschaffen war , dass Adam und Eva den Sündenfall begangen hatten und dass Jesus die Menschen, die an ihn glaubten, erlösen könne. Das Ziel des Lebens war es in den Himmel zu kommen. Dafür hatte man eben dieses Tal der Tränen zu ertragen und die Gebote der Kirche zu beachten.

Andersdenkende wurden als Ketzer oder Häretiker bezeichnet und oft verbrannt, natürlich nur um ihr Seelenheil zu retten.

Gut war, was dem Glauben entsprach, schlecht was nicht so richtig hineinpasste.

Die Weltsicht, das Paradigma der Kirche war es also, das die Wertmasstäbe vorgab.

Ist es heute anders?

Wir sind jetzt natürlich aufgeklärt, belächeln vielleicht etwas den naiven Glauben der damaligen Zeit.

Aber wir haben nur die Paradigmen vertauscht. Das Paradigma der heutigen Zeit ist der Materialismus. Die neue Religion heisst Naturwissenschaft.

"Religion" deswegen, weil sie wie jedes Denksystem auf Glaubenssätzen/Dogmen beruht, die da lauten: "Es gibt nur eine objektive Welt, in der wir uns befinden", "Alles ist aus Materie gemacht", etc.
Wobei bei strikter Anwendung ihrer eigenen Erkenntnisse, die Naturwissenschaft sich selbst widerlegen würde - denn Nervenreize können niemals das Bewusstsein einer Welt hervorbringen.

Das Paradigma der heutigen Zeit ist die allem zugrundeliegende Ansicht und Überzeugung, dass es nur Materie gibt, dass der Mensch ebenfalls nur Materie ist, sein Denken und Bewusstsein nichts als eine Funktion des Gehirns. Dass sich alles Geschehen mit Hilfe von Interaktionen der Atome erklären lässt. Dass der Mensch sich vom Affen durch Evolution zum heutigen Homo Sapiens weiterentwickelt hat und das Zufall und das Überleben der am besten Angepassten diese Evolution gesteuert haben. Und daraus ergibt sich als natürliche Schlussfolgerung, dass man nur einmal lebt, dass mit dem Tode alles aus ist, dass es keine Verantwortung gibt, dass es keine Folgen hat, wenn man betrügt oder grausam ist, falls man sich nur nicht erwischen lässt.

Und so weiter, und so weiter..

Wenn man nur tief genug gräbt, findet man hinter allen Erscheinungen der heutigen Welt Überzeugungen die sich auf diese materialistische Sicht zurückführen lassen.

Täglich ist man diesen Suggestionen ausgesetzt. "Kauf Dir xy und es geht Dir besser". "Du brauchst Dich nicht um Deine Gesundheit kümmern, Du gehst einfach zum Arzt, der verschreibt Dir eine Pille und dann geht es Dir besser. Du selbst brauchst Dich nicht zu ändern."

Wir alle unterliegen immer mehr diesen unmerklichen Einflüsterungen alles auf materieller Ebene lösen zu wollen.

Was nicht durch die Sinne erfassbar ist, existiert nicht, ist nicht "Fakt".

Wir alle werden duch das Paradigma des Materialismus mehr oder weniger beeinflusst.

Ein anderes Paradigma

Kann man also die Welt auch anders sehen, anders als die Naturwissenschaft es uns lehrt?

Ja, man kann.

Die Naturwissenschaft beginnt mit dem Standpunkt, ausserhalb von uns gibt es Objekte. Also lasst uns diese untersuchen.

Was nicht "objektiv" ist, wird nicht untersucht, fällt sozusagen durch das Raster.

Eine andere Sicht wäre es mit dem Standpunkt zu beginnen, dass ich nichts anderes kenne, als das was mir bewusst wird.

Die Farbe Rot gibt es nur in meinem Bewusstsein, Gegenstände senden keine Farbe aus, sondern nur Wellen einer bestimmten Frequenz. Auch mein Gehirn kennt nur Neuronen, deren Axone nur feuern oder nicht feuern können. Davon gibt es zwar sehr viele, aber wie kommt es, dass diese elektrischen oder chemischen Signale die Farbe Rot ergeben?

Und was für das Auge gilt, gilt natürlich für jedes Sinnesorgan. Die Welt da draussen - wenn es sie denn gibt - können wir nicht erkennen. Wir haben nur die Botschaften unserer Sinnesorgane. Daraus wählt ein unbewusster Vorgang das aus was für uns bedeutsam erscheint, das andere wird nicht bewusst wahrgenommen. Und aus dieser Auswahl bauen wir unsere ach so wirklich erscheinende Realität.

Wie aber kommt es dann, dass wir alle in Bezug auf Objekte alle das gleiche sehen?

Das ist einfach eine Frage der Übereinstimmung, die durch Erziehung und Kultur geleistet wird.

Wer nicht übereinstimmt und behauptet, dass ein Stuhl eine Katze wäre, der wird weggesperrt. Das war natürlich schon immer so, so dass hier eine generationenlange Auslese stattgefunden hat, die die Realität in der wir leben immer fester gemacht hat.

Und wie prüft man etwas auf seine Wahrheit, Stimmigkeit ? Doch nur indem man einen Vergleich anstellt, zwischen dem bisher Geglaubten und dem Neuen. Fügt sich die neue Sichtweise in das bestehende Weltbild stimmig ein, dann ist sie wahr. Ansonsten wird sie abgelehnt. Dabei wird vergessen, dass alles was uns bekannt ist, also auch das Weltbild der Naturwissenschaft, nur durch Beobachtung und Interpretation von Sinnesdaten entstanden ist.

Die wahre Welt dahinter bleibt uns für immer verschlossen.

Ja, der Philosoph Kant geht sogar so weit zu sagen, dass Raum und Zeit nur Anschauungsformen unseres Geistes sind.

Also nur die Art und Weise WIE unser Geist die unbekannte Wirklichkeit in einzelne fassbare Daten zerlegt.

Und eine neuere philosophische Richtung der Konstruktivismus, der auch Biologie und Kybernetik zu Hilfe zieht, postuliert, dass unsere Realität von jedem von uns "er-rechnet," also nicht da draussen gegeben ist. Um es nochmal deutlicher zu sagen, wir passen also nicht unser Bild der Welt an eine äussere, objektive Welt an, sondern konstruieren, errechnen uns, je nach unseren Entscheidungen eine eigene Realität.

Dies erzeugt eine ganz spezifische, eigene "Realitäts-Schwingung", die uns mit anderen Menschen ähnlicher Schwingung in Resonanz bringt, aber nur mit diesen. So wie bei einem Radioapparat nur ein Sender eingestellt und wahrnehmbar ist, obwohl es viele Sender gibt, so können wir auch nur in unser eigenen Realität mit Menschen ähnlicher Realität in Berührung kommen, und dies nur auf Gebieten gleicher Interessen, Kulturen, Paradigmen etc.

Realität wird durch Übereinstimmung erzeugt. Wenn man mit etwas übereinstimmt, wird es zur Realität für einem.

Man kann also behaupten, dass wir nicht die Welt sehen, sondern nur ein BILD DER WELT in unserem Bewusstsein.

Dieses Bild der Welt ist UNSERE Realität, ist alles was wir wissen können, ist alles wonach wir unsere Handlungen ausrichten, wonach wir gut oder böse, wertvoll oder wertlos, nützlich oder schädlich beurteilen. Die scheinbar ach so wirkliche Welt da draussen ist nur eine Konstruktion in unserem Bewusstsein.

Nun enthält ein solches Weltbild Masstäbe, mit deren Hilfe Handlungen auf ihren Wert beurteilt werden können.

Für einen Mönch der Inquisition war es "gut" eine Hexe zu verbrennen, um damit ihr Seelenheil zu retten. Für einen Verteidiger des Islam ist es "gut" seinen Glauben zu verteidigen indem er ein Attentat begeht, um so als Heiliger ins Paradies einzugehen. Von unserem Standpunkt aus können wir dem nicht zustimmen. Von ihrem Weltbild aus, das ihren Standpunkt bestimmt, aber sind sie Helden oder Märtyrer.

Weltbilder haben Folgen, die die Geschicke der Völker bestimmen. Und Weltbilder die Leid, Unglück, Unfreiheit, Armut zur Folge haben, sollten nicht geduldet werden.

Der springende Punkt hier aber ist, dass man gefährliche Weltanschaungungen nicht mit Feuer und Schwert bekämpfen kann, sondern nur indem man deren Unrichtigkeit aufdeckt, bewusst macht. Dazu aber muss man bis auf den Grund der Überzeugungen durchstossen, die diesen Anschauungen zugrunde liegen.

Oder man muss eine bessere Sicht der Welt anbieten. Denn das Bessere ist des Guten Feind und wird es kampflos verdrängen.

Worum es hier also geht ist ein Wettstreit von zwei Weltbildern, oder Paradigmen und der Wertmasstäbe die sie bedingen.

Einerseits haben wir hier den Materialismus, andererseits eine spirituelle Sicht des Menschen.

Der Materialismus lässt nur "Fakten" zu,, ist an "Ideologien" nicht interessiert. Der Witz dabei ist, dass auch der Materialismus eine Ideologie darstellt, nämlich ein Modell der Welt mit seinen WertMasstäben, das nur Sinnesdaten zulässt.

Denn ohne Modelle der Welt, Weltanschauungen, Paradigmen können wir nicht denken. Und jedes Weltmodell enthält an der Basis eine meist unbewusste Ideologie, die nur deswegen nicht in Frage gestellt wird, weil man nicht darüber nachdenkt.

Wer nur die Fakten untersucht, aber nicht die ihnen zugrundeliegenden Überzeugungen (Philosophie), wird die Welt nicht zum Guten verändern können. Unsere Welt liefert den Beweis dafür.

Der Materialismus impliziert, dass Gedanken, Beschlüsse, Meinungen nur Gehirnprozesse sind und damit relativ bedeutungslos oder zumindest den Objekten untergeordnet. Die physikalischen und chemischen Prozesse alleine bestimmen das Geschehen. Oder so etwas wie Evolution durch Auslese der am besten Angepassten. Es gibt in der Wissenschaft nur Objekte, und so wird der Mensch selber zum Objekt, das beliebig manipuliert werden kann.

Eine mehr spirituelle Sicht stellt den Menschen selber wieder in den Mittelpunkt.

Wie jemand die Welt sieht ist entscheidend für ihn. Die Welt ist ein Spiegelbild meiner selbst, von mir gestaltet und erschaffen, über das ich aber die Kontrolle verloren habe, infolge äusserer Einflüsse, denen ich aber zugestimmt habe, und für die ich deswegen auch verantwortlich bin.

Wir, jeder einzelne von uns, hat seine Welt selber gemacht. Und diese Erkenntniss ist oft eine sehr bittere Pille.

Aber darin liegt auch die Rettung.

Denn wenn ich es selber gemacht habe, kann ich es auch selber wieder ändern..

Der Mensch ist nicht ein Körper, sondern ein Ursachen- und Bewusstseinspunkt der vorübergehend einen Körper bewohnt.

Dieser Wahrnehmungspunkt, den man als Seele bezeichen kann, ist das was wir sind.

Und die grosse Aufgabe, die aber jeder nur für sich alleine leisten kann ist es, diese Seele aus diesem selbstgeschaffenen Gefängnis von begrenzenden Überzeugungen zu befreien.

Das ist der oft verkannte und tausendfach verdrehte Sinn einer jeden Religion.

Dies führt mühelos zu Liebe, Toleranz und Verständnis.

Dies führt zu einer effektiven Verbesserung der Lebensbedingungen der Welt.

Dies führt zu einem sinnerfüllten Leben.

Und so ist dies mit Sicherheit die bessere Weltanschauung.

(Auch dann, wenn dies NUR ein anderes Weltbild darstellt)