Die folgende Geschichte fand ich vor einigen Jahren im Internet. Die Quelle ist mir leider verloren gegangen. Da sie aber mit der ausdrücklichen Bitte nach Weiterverbreitung endet denke ich, dass ich sie hier wiedergeben kann, da sie gut hierher passt.

Marionetten


Zufall: Etwas, das sich außerhalb einer bestimmten oder außerhalb jeder erkennbaren Gesetzlichkeit ereignet.
(Der Volksbrockhaus,1974)

Kapitel 1

" Wenn Sie meinen, daß Sie frei sind, haben Sie sich gründlich geirrt, denn Freiheit gibt es nicht. Sie leben in einem Gefängnis. Das glauben sie nicht? Sie können die Mauern zwar nicht sehen, aber sie sind da. Immer und überall. Und diese Wände sind stärker als jeder Beton. Keine Gewalt kann sie einreißen. Nichts macht sie durchlässig.

Wenn Sie meinen, daß Sie entscheiden, haben Sie sich erst recht geirrt, denn den freien Willen gibt es nicht. Immer werden Sie beeinflußt und manipuliert. Gedanken sind frei. So frei, wie ein Vogel, der frei in seinen Käfig umherfliegt. So frei, wie ein Fisch im Aquarium. So frei, wie ein Gefangener, der in seiner Zelle auf und ab geht. Er hat den freien Willen, denn er kann sich setzen, wann immer er will. Sie sind in derselben Situation. Ihre Zelle ist größer und ihre Alternativen sind komplexer, aber ausbrechen, können auch sie nicht.

Jede Minute wird der Mensch mit über 1000 Reizen (grob geschätzt, wahrscheinlich sind es unendlich viel mehr) überflutet. Lichtsignale, Geräusche, Gerüche stürmen auf Sie ein. Die können Sie gar nicht alle wahrnehmen. Doch wer oder was trifft die Auswahl für Sie? Sie glauben, Sie könnten das selbst bestimmen? Nun, das dachte ich auch mal. Aber dem ist nicht so. Bei weitem nicht.

Zunächst müssen Sie sich damit abfinden, daß es die sogenannte Objektivität nicht gibt. Nichts ist objektiv, d.h. ohne persönlichen Einfluß. Fakten existieren nicht. Alle Gesetze, wie z.B. physikalische, gelten nur vorläufig. Solange nämlich, bis sie jemand widerlegt. Das kann morgen sein, oder in 1000 Jahren. Vielleicht werden sie auch nie widerlegt. Da wir das aber nicht wissen, müssen wir sie als Hypothesen begreifen.

Diese ganzen Punkte sind äußert radikale Standpunkte in einer alten Diskussion. Ich will, kann und werde nicht entscheiden, ob sie richtig sind oder nicht. Aber Sie sollten wenigstens einkalkulieren, daß es so sein könnte.

Diese Punkte habe ich mir natürlich nicht einfach so aus den Fingern gesaugt, sondern es steckt ein jahrelanger Erkenntnisprozeß dahinter, den vollständig zu beschreiben, weder möglich noch sinnvoll wäre. Deshalb möchte ich mich auf ein paar sogenannte Schlüsselerlebnisse beschränken. Dazu muß ich leider in eines der dunkelsten Kapitel meiner Vergangenheit zurück. Dunkel kann man ruhig wörtlich nehmen, denn ich habe schlicht kein Licht mehr am Ende des Tunnels gesehen. Ich war leer und ausgebrannt und litt unter Depressionen. Keine Angst, das ganze soll nicht auf Mitleid hinauslaufen, sondern dieser Umstand ist einfach wichtig, um meinen persönlichen Hintergrund zu verstehen. Da wenn die Not am größten, der Strick am nächsten ist, dachte ich mir, warum eigentlich nicht auf ganz radikale Weise ausbrechen. Aus der Tatsache, daß sie gerade dieses Schriftstück lesen, können sie entnehmen, daß der Strick so nah nun auch wieder nicht war. Auf Einzelheiten möchte ich nicht eingehen. Ich habe zu diesem Thema schon an anderer Stelle viel und vor allem vermutlich das falsche gesagt. Aber trotzdem muß ich darauf eingehen.

Also in meiner besonders schwarzen Phase, an dem Abend, wo ich mir sagte, ich habe keine Lust mehr, da passierte ein Wunder. Ich weiß, daß das sehr übertrieben klingt. Doch ich verstehe es immer noch als ein Wunder. Da es unter Umständen sehr schmerzhaft sein kann, dieses ohne fachliches Wissen durchzuziehen, sie merken, daß ich vermeiden will, die ganze Sache konkret zu benennen, habe ich mir Fachliteratur besorgt. In einer schönen Broschüre, die wohl nicht ganz legal verfaßt und verbreitet worden ist, ist die richtige Dosis und die Herstellung eines Giftes beschrieben worden. Auch in ihrem Interesse sehe ich davon ab, diese Anleitung zu wiederholen. Leider kann ich auf Grund der Tatsache, daß diese Broschüre irgendwie unter einen Stapel alter Zeitungen gekommen sein muß, und ich diese weggeworfen habe, nicht beweisen, daß die Dosis falsch angeben wurde. Sonst hätte ich die Firma verklagt. Irgendwie muß bei dem Druck eine Kommastelle verrutscht sein. Oder ich habe schlicht falsch abgeschrieben. Auf jeden Fall lebe ich noch, und das dürfte laut dem Versprechen der Firma nicht sein. Umstände haben das 'Gelingen' meines Vorhabens verhindert. Ganz nebenbei bemerkt, das ist auch ganz gut zu. Nur seit diesem Tag frage ich mich, war das alles nur Zufall ?

Ich auf jeden Fall habe seit diesem Tag Probleme mit diesem Begriff. Da selbst die schlimmsten Phasen irgendwann vorbei sind, ging auch diese zu Ende. Ziemlich abrupt übrigens. Sozusagen von einer Sekunde auf die andere. Das warum kann ich auch heute nur raten. Doch dies werde ich jetzt nicht tun. Kommen wir zu einem anderen Ereignis, daß mit dem vorigen in einer gewissen Verbindung steht. Nach der dunklen Phase kam die Phase des Verstehens. Teilweise konnte ich nämlich nicht mehr in den Spiegel schauen, weil ich mich immer wieder fragte, wie ich so nur so blöd sein konnte. Deshalb wollte ich genau wissen, wie es dazu kommen konnte. Ich habe schlaue Bücher gelesen und ein wenig mehr erfahren. Irgendwann hatte ich dann eine komplette Selbstanalyse fertig. Von da an verfolgte mich dieses Thema. Ich konnte machen, was ich wollte. In irgendeiner Form lief mir wieder dieses Thema über den Weg. Fernsehdiskussionen schienen sich nur noch damit zu beschäftigen. Zeitungsberichte in rauhen Mengen. Selbst in Fernsehserien kamen sie darauf zu sprechen. Vielleicht habe ich auch unbewußt nach solchen Informationen gesucht. Doch dann passierte wieder ein,Zufall'. Ich habe keine Ahnung wie viele Bücher es gibt, aber ich glaube eine ganze Menge. Warum muß ich mich dann ausgerechnet im Deutschunterricht mit einem Buch (für Kenner der Materie 'Die Leiden des jungen Werther') zu diesem Thema herumschlagen ? Warum ? Ich habe keine Lust mehr darüber zu sprechen. Warum lassen sie mich nicht endlich damit in Ruhe ? Aber es gibt einen, wirklich nur ein einzigen, positiven Aspekt bei der Sache. Da man im Unterricht ein Buch wirklich so auseinander nimmt, bis nichts, aber auch gar nichts mehr, unbearbeitet geblieben ist, kamen wir zu einer Charakterisierung der Titelfigur. Und diese stimmte wirklich, fast wortwörtlich, mit meiner Selbstanalyse überein. Die muß also ganz gut gewesen sein oder auch das war nur Zufall.

Nun wird es aber höchste Zeit, daß wir dieses unangenehme Gebiet verlassen, denn auch ich kann es wirklich nicht hören. Außerdem ist das lange her. Um den nächsten 'Zufall' zu erklären, muß ich weiter ausholen. Ich bin ein Mensch, der sich stark für Politik interessiert, ohne allerdings irgendeiner Partei anzugehören. Da ich das alte Links-Rechts-Schema für überholt halte, werde ich meine politische Einstellung nicht an diesen Kategorien erklären. Das ist auch gar nicht möglich. Vielleicht aber hilft ihnen meine Definition von Demokratie dabei, mich doch in irgendeine Schublade zu packen. Ich habe für mich persönlich noch keine gefunden, was natürlich nicht heißen muß, daß es keine gibt. Also Demokratie ist der Kompromiß zwischen erwünschter Anarchie und dem notwendigen Schutz der Schwachen in der Gesellschaft. Deswegen ist mir die gegenwärtige Politik und insbesondere die etablierten Parteien ein Dorn im Auge. Das Volk braucht mehr Macht. Plebiszitäre Elemente müssen gestärkt und ausgebaut werden. Sie sagen, daß kommt ihnen bekannt vor. Und haben sie recht. Die 'Statt-Partei' hat das zu ihrem Programm gemacht. Nur meine Überlegungen stammen aus dem Jahr 1989, als noch niemand an diese Protestbewegung dachte. Ich hatte mal, nur so zum Spaß, eine Werbung mit entsprechenden Slogans verfaßt. (u.a. Kompetenz statt Ideologie). Mit einiger Überraschung, sehr milde formuliert, laß mich mir ein Flugblatt durch, welches in meinem Briefkasten steckte, und stellte fest, daß bis auf die Tatsache, daß die Verfasser 'gegen ' an Stelle von 'statt' benutzten, derselbe Spruch darauf stand. Zufall??? Außerdem sollte ich noch ergänzen, daß ich noch keinen getroffen habe, der ebenfalls ein solches Flugblatt bekommen hat. Natürlich kann das daran liegen, daß ich die falschen Leute gefragt habe. Aber merkwürdig ist es trotzdem.

Mir ist es übrigens schon häufiger passiert, daß mir jemand meine Ideen geklaut hat. Bereits 1987 habe ich gesagt, daß das Asylrecht geändert werden muß. Allerdings viel weniger radikal, als es dann 93 umgesetzt wurde. Nun kann man mir natürlich vorwerfen, daß man so etwas im Nachhinein immer gut behaupten kann. Deswegen werde ich die lange Liste von geklauten Ideen auch nicht weiter fortsetzen. Sie werden mir entweder glauben oder auch nicht. Beweisen kann ich es nicht.

Beweise im klassischen Sinne werden Sie in diesem gesamten Schriftstück nicht finden. Aber Sie sollten stets dazu bereit sein, einzusehen, daß es zu mindestens so sein könnte. Außerdem bitte ich Sie ihre persönlichen Erfahrungen mit einzubringen. Denken Sie darüber nach, ob es vielleicht bei ihnen Parallelen zu meinen Ausführungen gibt.

Aber nehmen wir nun einmal an, den Zufall gibt es wirklich nicht. Dann gibt's es nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder wir beeinflussen unsere Umwelt durch unser Handeln oder umgekehrt, d.h die Umwelt beeinflußt unser Handeln. Wenn sie sich für die erste Möglichkeit entscheiden, dann verlieren sie damit jede Möglichkeit der Entschuldigung. Nehmen wir einmal an, sie würden zu spät zur Arbeit, zur Schule oder zu irgendeiner Verabredung kommen. Dann könnten sie nicht mehr sagen, ich bin zu spät gekommen, weil... Die einzige Begründung, die dann noch erlaubt wäre, ist, weil ich es so wollte, denn alle Umstände richten sich nach ihnen. Wenn ihnen dieser Nachteil klar ist, und sie ihn akzeptieren, dann dürfen sie sich für Möglichkeit eins entscheiden. Mir persönlich wäre das zu anstrengend, da ich dann immer perfekt sein müßte. Das könnte ich nicht. Die zweite Möglichkeit hat aber auch einen entscheidenden Nachteil. Sie haben keine Kontrolle. Sie sind nicht das aktiv handelnde Wesen, sondern sie sind vollkommen passiv und im Prinzip den Umständen ausgeliefert. Einen freien Willen können sie dann natürlich auch nicht mehr haben. Sie müssen sich entscheiden, ob sie Täter(1) oder Opfer(2) sein wollen.

Wenn sie beides nicht durchhalten wollen oder können, dann gibt es auch noch einen Kompromiß. Sie können innerhalb eines bestimmten Rahmens selbst entscheiden. Das heißt im Klartext, daß ihr freier Willen begrenzt ist. So wie ein Vogel, der im Käfig alles tun kann, was er will. Nur er wird niemals in der Lage sein, seinen Käfig zu verlassen. Wenn sie sich für den Kompromiß entscheiden, dann haben sie den ersten Schritt vollzogen. Denn nur wer seine Lage kennt, kann sie ändern und genau das habe ich vor.

Kapitel 2

Um Mauern einzureißen, muß man zunächst einmal wissen, wo sie genau stehen. Ich muß erst mal meine Grenzen kennen, um sie zu überschreiten. Früher, im Mittelalter, wäre das ganz einfach gewesen. Damals hatte man einen konkreten Punkt. Eine genaue Ortsangabe, wo der Käfig aufhört. Das Ende der Welt. Leider leben wir nicht im Mittelalter und die Erde ist eine Kugel. Kugeln haben die dumme Angewohnheit, keinen Anfang und kein Ende zu besitzen. So einfach wird das Unternehmen, das ich mittlerweile 'Escape' nennen, also leider nicht werden. Irgendwelche physische Grenzen gibt es nicht.

Um Mißverständnis vorzubeugen, muß wahrscheinlich gesagt werden, daß es nicht um rein körperliche Grenzen geht. Mir ist klar, daß ich mich noch so sehr anstrengen kann, fliegen können, werde ich trotzdem nie. Aber darum geht es auch nicht. Es geht viel mehr um die Freiheit. Der Geist soll sich frei entfalten und sich jenseits der normalen Schranken bewegen können. Übrigens ist dieses Bestreben, diese Grenzen zu brechen, so alt, wie Menschheit selbst. Auch Sie versuchen es fast täglich, obwohl sie es nicht so nennen würden. Nehmen wir mal an, sie trinken Alkohol. Wenn sie keinen Alkohol trinken, dann haben Sie andere Dinge, Stoffe, Angewohnheiten, die dasselbe bewirken sollen. Mit dem Alkohol kenne ich mich persönlich recht gut aus, deshalb nehme ich es als Beispiel. Warum trinken sie ihn denn, wenn sie nicht die Schranken brechen wollen ? Sie sagen, um lustig zu werden, um auszuspannen. Mal ganz davon abgesehen, daß diese Aussagen fast immer Selbstbetrug sind, ist selbst der Versuch lustig zu werden, der Drang die Realität anders zu verarbeiten. Nicht mit den normalen Mittel der Logik oder des anerzogenen Wissen, sondern einfach frei wahrnehmen. Aber wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst sind, ist der wahre Grund für Alkoholkonsum, daß sie, um es volkstümlich zu formulieren, besoffen werden wollen. Lustig sein kann man auch ohne Alkohol. Aber man bekommt ohne diesen Stoff, der natürlich, wenn auch eine legale, aber immer noch eine Droge ist, keinen Rausch. Und dieser ist eben der Versuch aus der Realität zu fliehen. Nur, er ist zum Scheitern verurteilt, weil diese Droge keine langfristige bewußtseinsverändernde Wirkung hat. Ich dachte mal, mit harten, und gar nicht mehr so legalen Drogen könnte man eine stärkere Wirkung und damit vielleicht den geistigen Schritt ins Freie tun. Vielleicht kann man das sogar tatsächlich - Aber man kann ihn nicht kontrollieren. Es bringt kein größeres Verständnis von den Vorgängen außerhalb des Käfigs. Außerdem setzt beim Drogenkonsum das Denken aus. Vielleicht bin ich auch einfach zu feige dazu. Ich bin halt so erzogen, daß Drogen schlecht sind und süchtig machen. Zwar weiß ich vom Kopf her, daß eine Droge nicht süchtig macht, sondern ein süchtiger Mensch Drogen nimmt und das nicht jeder der Drogen nimmt, süchtig ist, aber irgendwie stehe ich diesen Dingen kritisch gegenüber. Das mag ein Fehler sein.

Meine Argumente gegen Drogen sind übrigens wieder ein Beweis dafür, daß es keine Objektivität gibt. Obwohl ich es hasse, mich auf das primitive Niveau von Sekten einzulassen, sollte ich doch etwas aus diesem Milieu erwähnen, um klarzumachen, daß dieser Drang nach dem Äußeren auch bei Menschen verbreitet ist, die angeblich ohne Drogen leben. Angefangen bei Baghwan bis hin zur Church of Satan behauptet nämlich viele von diesen Organisationen, daß es nur einen Punkt gibt, an dem man wirklich frei denken kann. Es geht um Sex. Beim Orgasmus soll man angeblich frei sein von jedem Gesetz und jeder Schranke. Selbst wenn das stimmen würde, wäre es mir persönlich zu angestrengt es auf diese Weise zu versuchen, da ich die Schranke auf Dauer überwinden will. Obwohl es sicherlich eine angenehme Methode ist, wenn man nur mal kurz auf der anderen Seite gucken will. Natürlich nur, wenn diese Leute recht hätten, was ich eigentlich nicht glaube.

Da wir Sex and Drugs nun schon behandelt haben, fehlt eigentlich nur noch Rock'n'Roll. Nun es gibt Leute, die behaupten, daß Musik den Geist befreit. Es ist unbestritten, daß Musik das Denken beeinflußt, ohne daß wir das direkt merken. An der physikalischen Tatsache, daß die Frequenzen, die von einem Schlagzeug erzeugt werden, und die, die im Gehirn für bestimmte Funktionen zuständig sind, in etwa gleich sind und das dort Wechselwirkungen zu vermuten sind, kommt man nicht vorbei. Zum Teil werden diese ja auch direkt ausgenutzt. Es wird jawohl keiner bestreiten, daß Rock'n'Roll eine aufputschende Wirkung hat. In einigen Grenzfällen wird der Musik noch viel mehr nachgesagt. Ich möchte mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen, weil ich glaube, daß eine ganz bestimmte Musik nur als Sündenbock mißbraucht wird, um eigene Fehler zu verdrängen. Das hab ich auch schon getan. Trotzdem es ist kein Zufall, daß 'Dance to Trance' ein bekannter Slogan innerhalb einer neuen Subkultur geworden ist. Musik kann sehr stark manipulieren. Und ich glaube, daß wenn sich die Musik so weiter entwickelt wie es sich abzeichnet, d. h. daß der Beat immer stärker betont wird, dann könnte daraus irgendwann eine Gefahr erwachsen. Es kommt nicht von ungefähr, daß die Kids, die erste Technogeneration so aggressiv ist, wie kaum eine Altersklasse vor ihr. Sicher darf man dieses Phänomen nicht monokausal erklären, aber dieser Punkt wird häufig vergessen. Trotzdem ist Musik nicht der Schüssel in die Freiheit, obwohl die Langzeitwirkung wirklich interessant und jederzeit einer Beobachtung würdig wäre. Auch ich benutze Musik, um mein Ziel zu erreichen. Aber nur als Konzentrationshilfe. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin davon überzeugt, daß der Schüssel nach draußen in uns selbst verborgen ist. Wir müssen ihn nur finden...

Kapitel 3

Bei meiner Suche nach dem Schlüssel ging ich von folgender Grundthese aus. Aus der Tatsache, daß mir kein Fall bekannt ist, daß irgend jemand, diesen Schritt in die Freiheit je geschafft hätte, schließe ich, daß es Widerstände auf diesem Weg geben muß. Der Mensch soll offensichtlich sein Gefängnis nicht verlassen. Wer oder was auch immer das will, er oder es muß irgendwelche Mittel einsetzen, um uns Menschen zu manipulieren. Nun habe ich schlaue Bücher gelesen und bin zu tiefst erschrocken. Alle Leute, zum Teil sehr intelligente welche, die sich mit der Frage beschäftigt haben, was man eigentlich so mit Sicherheit wissen kann oder anders ausgedrückt, auf welche Informationsquellen man sich verlassen kann, weil sie mit Sicherheit nicht manipuliert sind, haben sehr erstaunliche Dinge gesagt. Sie werden vermutlich, genauso wie ich vorher, denken, daß das eine ziemlich blöde Fragestellung ist. Ich meine, was ich sehe, sehe ich und ich bin mir auch ziemlich sicher, daß ich das auch tatsächlich sehe. Aber so einfach ist das leider nicht. Wenn man grundsätzlich alles in Zweifel zieht, dann bekommt man große Probleme. Wenn man für alles stichhaltige Beweise haben will, kommt man nicht weiter. Sie können nämlich immer nach dem warum fragen und Beweise verlangen. Nun beweisen sie mal jemanden, daß sie nicht nur glauben einen Baum zu sehen, sondern daß sie ihn tatsächlich sehen. Das wird ihnen nicht gelingen. Deshalb beruht alles, jede Fragestellung, jede Erkenntnis auf einem vorher vorgesetzten Grundkompromiß. Dieser Grundkompromiß ist aber radikal formuliert nicht mehr als eine willkürlich gewählte Grenze, an der man nicht mehr weiter fragen darf. Da wir aber nie wissen, ob der Grundkompromiß der Wahrheit entspricht, oder ob er schlicht falsch ist, wissen wir nichts mit Sicherheit. Nichts, aber auch gar nichts. Und das hat mich erschreckt.

Wenn man nun auf dieser Schiene weiter denken würde, und das habe ich eine Zeit lang getan, dann kommt man ziemlich schnell dazu, zu sagen, daß alles sinnlos ist. Das Mittel, daß ich eigentlich einsetzen wollte, um die Grenze zu sprengen, nämlich die Logik hat ihre Wirkung verloren, weil sie ja auch auf falschen Grundsätzen beruhen könnte. Überhaupt ist jedes Mittel nutzlos geworden, denn selbst wenn ich die Grenzen brechen würde, könnte ich nie sicher sein, daß ich mir das nicht nur einrede. Man könnte sagen, ich war kurz vor der Kapitulation.

Doch dann fiel mir wieder etwas ein. Ich war ja von der These ausgegangen, daß es den Zufall möglicherweise nicht gibt. Vielleicht war es also kein Zufall, daß ich ausgerechnet die Bücher gelesen habe, die ich gelesen habe. Vielleicht lassen diese Bücher nur den Schluß zu, daß alles sinnlos ist. Aber womöglich gibt es viele andere Texte, die etwas anderes sagen. Nur die Umstände haben verhindert, daß ich diese Texte zu Gesicht kriege. Vielleicht habe ich jetzt endlich die Grenzen gefunden. Ich glaube, daß die Umstände so sind, daß wir unseren Käfig nicht verlassen können. Oder das sie dieses zu mindestens sehr schwer machen. Ja, ich wage sogar noch einen weiteren Schritt. Es muß eine höhere Intelligenz geben, die die Umstände genau so anlegt, denn sonst wären sie nur zufällig so, aber das steht im Widerspruch zu meiner Grundthese, daß es den Zufall nicht gibt.

Das Unternehmen 'Escape' wird also vermutlich noch viel schwerer, als ich anfangs gedacht hatte. Denn wenn diese Überlegung stimmt, habe ich einen Gegner mit göttlich Fähigkeiten und ich bezweifele stark, daß ich einen 'Gott' schlagen kann. Ich bin also genauso weit wie vorher, nämlich wieder kurz vor der Kapitulation...

Kapitel 4

Ich hätte wirklich aufgeben, aber dann kam da so ein Gedanke, der zwar ziemlich verrückt ist, aber trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn ich wirklich willenlos wäre, und mein Gegner die Umstände nach belieben verändern könnte, warum bin ich dann erst auf die Idee gekommen, die Grenzen zu brechen ? Ich meine, ein Gott hätte das doch verhindern können, wenn er es wirklich gewollt hätte. Er hätte doch die Umstände schon vorher gegen mich stellen können. Vielleicht kann er doch nicht alles so drehen, wie es ihm paßt. Vielleicht gibt es einen Bereich, in den der Gegner nicht eingreifen kann. Auch wenn diese Argumentation wahrscheinlich nicht mehr als Pfeifen im dunklen Wald ist, so ist sie doch meine einzige Chance. Aber sie ist dünn, verdammt dünn.

Bis jetzt war das Unternehmen nur ein Gebäude aus unbewiesen Theorien und Gedankenakrobatik. Denn selbst wenn die ganze Theorie, die ich mir so recht gebastelt habe, stimmt, bin ich dadurch noch keinen Schritt weiter. Ich muß von der Ebene des Denkens auf die Ebene des Handelns kommen, ansonsten wird sich nichts ändern. Doch ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich keine Ahnung habe wie.

Um ein Haar wäre ich in meiner Ratlosigkeit wieder den Umständen auf den Leim gegangen. Mein Gegner oder der Zufall war nämlich mal wieder gegen mich. Ich glaube, mittlerweile ist der Begriff des Zappings so bekannt, daß ich ihn nicht näher erklären muß. Eines Abends schaltete ich so die Fernsehkanäle durch, in der Hoffnung irgendwo irgendetwas interessantes zu finden. Schon nach kurzer Zeit blieb ich dann bei einem Film hängen, den ich besser nicht geguckt hätte. Es geht um 'Flatliners'. Wer wie ich bis zu diesem Zeitpunkt eine fatale Bildungslücke zu beklagen hat, und diesen Film nicht kennt, muß sich leider mit einer sehr verkürzten Zusammenfassung zufrieden geben. In diesem Film wurde von einigen Medizinstudenten der Versuch unternommen, den Tod mit Hilfe von naturwissenschaftlich Methoden zu untersuchen. Das geschah in dem diese Studenten für kurze Zeit die Grenze des klinischen Todes kontrolliert überschritten. Dabei traten dann später Probleme in Form von Wahnvorstellung auf, aber das ist nicht so wichtig. Ich habe wirklich überlegt, ob ich das nicht mal ausprobieren sollte. Wie gesagt, um ein Haar wäre ich ihnen auf den Leim gegangen. Aber dann kam da wieder dieser Gedanke, daß die Umstände bewußt gegen mich gestellt worden sind. Denn erstens hätte ich ja niemanden gehabt, der mich aus dem Reich der Toten zurück geholt hätte, und zweitens war das eben nur ein Film, und ich kann mir durchaus vorstellen, daß es in der Realität wesentlich mehr Komplikationen gibt, als der Regisseur verarbeitet hat. Damals sah ich das natürlich noch nicht so, und ich glaube eben, das war auch so geplant.

Mir passierte es in der Folgezeit immer häufiger, daß ich das Gefühl hatte, mit Gewalt, mit dem berühmten Wink mit dem Zaunpfahl auf bestimmte Themen gestoßen zu werden. Ich kann das nicht an konkreten Punkten festmachen. Aber wenn ich mich mit einem Thema beschäftigte, dann hatte ich manchmal das Gefühl, viele andere beschäftigen sich auch damit, obwohl ich früher nie Interesse dafür bei ihnen festgestellt hatte. Parallel dazu, strömen immer mehr Informationen auf mich ein, die alle zu bestätigen schienen, daß es keinen Zufall gibt. Vor allem glaubt man gar nicht, wieviele Menschen sich schon vor mir diese Frage gestellt haben. Aber Antworten mit logisch einwandfreien Begründung haben auch sie nicht gefunden. Zum Teil waren die Argumentationen derjenigen, die unbedingt beweisen wollten, daß es so etwas wie absolute Wahrheit, also frei von jeder Manipulation geben muß, sehr abenteuerlich, um nicht zu sagen, sehr fragwürdig konstruiert. Ein Beispiel wird Ihnen klar machen, was ich meine. Ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat und wie der genaue Wortlaut war, aber sinngemäß sagte derjenige, daß man etwas mit Sicherheit wissen muß. Denn jeder, der das Gegenteil behauptet, behauptet, daß es mit Sicherheit nichts absolut Wahres gäbe, womit er seiner eigenen Voraussetzung widersprochen hätte.

Aber ich glaube, ich bin vom Thema abgekommen, denn ich wollte ja eigentlich erzählen, wie ich in die Ebene des Handelns kam. Wie sie sich vermutlich schon denken können, spielt auch dabei der 'Zufall' eine wichtige Rolle.

Da ich bei meiner Suche nach Informationen über die andere Seite oder wenigstens über den Weg dahin viel lesen mußte und das ganze leider in sehr vielen, in unüberschaubar vielen Büchern, drohte ich die Übersicht total zu verlieren. Deshalb entschloß ich mich, ein Tabu zu brechen und mich in die Abhängigkeit zur Technik zu begeben. Wahrscheinlich der größte Fehler überhaupt. Ein Computer sollte mir helfen besser durch zu blicken. Was für ein fataler Irrtum. Erst jetzt verstand ich den alten Spruch, daß Irren menschlich sei, man für totale Verwirrung aber einen Computer benötigen würde. Und genau dieses Chaos trat schon nach relativ kurzer Zeit ein. Doch das war erst der Anfang...

Kapitel 5

Zwar dachte ich immer, daß ich eigentlich mit Technik umgehen könnte, aber ich wurde schnell eines besseren belehrt. Ich behaupte nicht, daß die Anleitung für mein neues Gerät grundsätzlich schlecht war und mit einem Informatikstudium hätte man sie auch bestimmt verstanden, aber irgendwie begriff ich nur Bahnhof. Doch ich war auch fasziniert. Man glaubt gar nicht wieviele Abkürzungen man auf zwei DIN A5 Seiten kriegen kann. Dabei hatte ich den Verkäufer extra noch gefragt, ob man technisches Vorwissen bräuchte, um diesen Dingen anzuschließen. Er meinte, daß man mit einiger Intelligenz und ein bißchen Allgemeinbildung keine Problem haben dürfte. Dem entsprechend niedergeschlagen war ich, als ich nach drei Stunden immer noch so schlau war wie vorher. Das waren einfach viel zu viele Kabel für mich und die sahen alle so gleich aus. Richtig niedergeschlagen war ich dann, als ein Junge aus der Nachbarschaft, höchstens 16 das Balg, mit wenigen Handgriffen meinen Computer innerhalb von ganzen 5 Minuten zum Laufen brachte. Vielleicht bin ich einfach zu alt für diese Dinger.

Als ich dann ziemlich erstaunte fragte, ob das denn schon alles gewesen sei und ob dieser Kasten denn nun laufen würde, schaute mich mein Nachbar mitleidig an. Dann grinste er und meinte, daß das Ding zwar funktionieren würde und auch angehen würde, aber daß das auch so ziemlich das einzige sei, was mein Gerät könnte. Auf meine Gegenfrage hin, was er damit meinte, sagte er, daß ich nur eine minimale Grundausrüstung hätte und im Prinzip meinen Computer nur als sehr teuere Schreibmaschine gebrauchen könnte.

Ich war etwas beleidigt. Denn der eigentliche Grund dafür, daß ich meinen Nachbar um Hilfe bat, war das ich angeben wollte. Immerhin hatte ich 4000 Mark für dieses Ding locker gemacht und dachte weis Gott, was für ein tolles Gerät ich hätte. Ich dachte, mein Nachbar würde aus dem Stauen nicht mehr heraus kommen und dann sowas. Nachdem ich meine Enttäuschung überwunden hatte, fragte ich nach, was mir denn noch fehlen würde, damit ich einen guten Computer hätte. Ich schwöre, so etwas frage ich nie wieder. Da ich ja nun ein gutes Grundgerüst hatte, dachte ich mit ein paar Mark zusätzlich, würde ich das schon hinkriegen. Mein Nachbar fing an zu erzählen und wollte gar nicht wieder aufhören. Selbst wenn ich gewollt hätte, aber es war unmöglich sich soviele technische Fachbegriffe und Abkürzungen zu merken. Zwischendurch fragte er mal, wieviel ich denn ausgeben wollte ? Ich sagte nur, daß ich einen Rechner haben wollte, der heutigem Standard entspricht. Darauf meinte er, daß das nicht billig werden würde. Da ich mit einem 16 Jahre alten Jungen sprach, dachte ich, er wird wohl 100 oder 200 Mark meinen, und entgegnete, daß Geld keine Rolle spielen würde und bat ihn, die Geräte zu besorgen. Wer denkt schon daran, daß ein Mensch ohne jegliches Einkommen in Größenordnung denkt, die fast ein Jahreseinkommen betragen. Ich übertreibe jetzt etwas, aber der Preis für die paar wenigen, unbedingt notwendigen Erweiterungen, überstieg den Kaufpreis des Rechners deutlich. 6000 Mark. Natürlich konnte ich jetzt nicht mehr zurück. Ich hätte mich ja nie wieder auf die Straße begeben können, wenn ich gesagt hätte, daß ich mir das nicht leisten kann. Ich bezahlte also zähneknirschend die Rechnung und beauftragt den Nachbarn auch die restlichen Geräte anzuschließen. Diesmal brauchte sogar er fast zwei Stunden dafür. Ich will mir lieber nicht vorstellen, wie lange ich dazu gebraucht hätte. 10000 Mark, mein Gott, da hätte ich ein Auto für gekriegt und das hätte ich bestimmt besser gebrauchen können. Aber es hilft ja nichts.

In dem nächsten Monat war mein Nachbar Dauergast bei mir. Denn ein Gerät anschließen ist das eine, aber es zu bedienen etwas ganz anderes, und das ist nicht wesentlich einfacher. Im Grunde war es eigentlich so, daß er den Computer benutzte, und ich nur daneben saß und staunte. Zwar hat er immer erklärt, was er jetzt gerade macht. Aber es gibt einen riesen Unterschied zwischen erklärt bekommen und Verstehen. Obwohl sich mein Nachbar wirklich sehr viel Mühe gab, bekam ich nicht den richtigen Draht zu der Materie. Aber ich komme schon wieder zu weit vom Thema ab.

Also ich habe jetzt ein elektronische Gerät, daß ich absolut nicht verstehe. Obwohl ich sagen muß, im Vergleich zu vor einem Monat, habe ich schon richtig viel gelernt. Ich weiß, wann ich welche Knöpfe drücken muß, damit dieses Monster aus Drähten und Chips das tut, was ich will. Ich muß gestehen, daß mein Nachbar mir einen Zettel geschrieben hat, auf dem die einzelnen Schritte aufgeführt waren. Das ist sozusagen Idioten sicher. Warum ich das alles so machen muß, weiß ich nicht, und ich muß auch ganz ehrlich sagen, es ist mir auch vollkommen egal. Doch wenn man Dinge nur benutzt, ohne sie zu verstehen, bekommt man spätestens dann Probleme, wenn das Gerät nicht arbeitet wie normal. Und genau das passierte. Ich schaltete das Gerät ein und es tat sich nichts, aber auch gar nichts. Da ich wie erwähnt momentan finanziell gesehen ziemlich handlungsunfähig bin, scheute ich eine Reparatur. Stattdessen telefonierte ich mit dem Nachbarn. Irgendwie wollte ich zunächst nicht, da ich sowieso befürchtete, vor ihm als kompletter Idiot dazustehen. Aber ich tat es dann doch. Nur, wie sie wahrscheinlich schon vermuten, der Zufall oder mein Gegner waren mal wieder gegen mich. Der Junge von gegenüber war gerade beschäftigt und konnte leider nicht zu mir kommen. Als ich schon gigantische Rechnungen auf mich zukommen sah, da wohl nun kein Weg mehr an einer offiziellen Reparatur vorbei führen würde, fragte er nach den Symptomen. Zunächst verstand ich gar nichts, aber dann wurde mir klar, daß er mit Symptomen die Fehlfunktionen meines Computers meinte. Er sprach von diesem Ding, als wäre es ein Mensch, der eine Krankheit hätte und er 'sein' Doktor wäre. Ich werde nie begreifen, wie man ein bißchen Blech als lebendes Wesen auffassen kann. Aber er konnte es offensichtlich.

Nach kurzer Schilderung der Probleme kam die wirklich ausgezeichnete Diagnose. Nach seinen Angaben sei auf der Rückseite ein Kabel, das natürlich wie alle Kabel eine Abkürzung besitzt, lose. Man müßte 'nur' eine Schraube losmachen, das Kabel hindurch stecken und diese Schraube wieder feste zu ziehen. Und das wußte er alles, ohne daß er meinen Computer aus der Nähe gesehen hat. Ich glaube, der Typ ist wirklich gut auf seinem Gebiet. In maßloser Selbstüberschätzung sagte ich, daß ich das wohl hinkriegen würde. Ich wollte ihm nicht noch mehr den Wecker fallen. Natürlich bot er an mir zu helfen, aber ich lehnte ab. Kurz und gut, es kam wie kommen mußte. Das einzige, was ich erreichte, war, daß die Sicherung beim erneuten Anschalten des Gerätes heraussprang und die nun wohl endgültig nicht mehr zu verhindernde Reparatur noch teuerer würde. Der 'Zufall' wollte es so, daß es zu diesem Zeitpunkt bereits 19 Uhr war und deshalb die Geschäfte einschließlich der Werkstätten geschlossen hatten. Ich mußte also Wohl oder Übel bis zum nächsten Tag warten.

Sie werden sich mit einiger Berechtigung fragen, warum ich Ihnen das erzähle. Nun das ist nicht eindeutig zu beantworten. Aber in dieser Nacht passierten Dinge, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Mein Computer begann nämlich selbst zu handeln. Nicht daß er selbst gedacht hätte, aber er tat Dinge, die ich ihm nicht befohlen hatte. Und das kann ich mir nur mit dem Kurzschluß erklären. Mein Nachbar sagte übrigens später, daß diese Dinge nichts miteinander zu tun haben können. Aber eine andere Erklärung hatte er auch nicht.

Also während ich ruhig und friedlich schlief, begann es zu rattern. Nicht richtig laut, aber dieses Geräusch war extrem widerlich. Man mußte davon einfach aufwachen. Mit einigem Erstaunen stellte ich fest, daß der Drucker meines Computers Überstunden machte. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube bis heute, daß der Computer ausgeschaltet gewesen ist. Unter normalen Umständen hätte ich natürlich gelesen, was da auf so mysteriöse Weise gedruckt worden ist, aber ich war viel zu müde dazu, um neugierig zu sein. Nun ja, so ganz stimmt das nicht. Eigentlich platzte ich vor Neugier. Aber die Ernüchterung kam schon nach dem ersten Blick auf das bearbeitete Papier. Gegen das, was da drauf stand, ist arabisch vollkommen übersichtlich. Es wimmelte nur so von Zahlen und Punkten. Ich konnte noch nicht ahnen, daß dieses Gewirr das wichtiges war, daß ich in meinem ganzen Leben je gesehen habe.

Kapitel 6

Am nächsten Morgen unternahm ich den letzten Versuch, der drohenden finanziellen Katastrophe doch noch zu entgegen. Das gelang mir und das wesentlich einfacher, als ich gedacht hatte. Mein technikbessener Nachbar hatte endlich Zeit. Für ihn war es wirklich eine Kleinigkeit das Gerät wieder in Betrieb zu nehmen. Ich kam mir so blöd vor, als er sagte, daß ich die Sicherung auch wieder anmachen könne und daß dann der Kasten schon angehen würde. So rot konnte mein Kopf gar nicht werden, wie peinlich mir das war.

Als er schon gehen wollte, zeigte ich ihm die Eigenproduktion meines Druckers. Dann geschah etwas völlig unerwartetes. Er drehte sich auf dem Absatz um und warf ein Blick drauf, als wäre im Elvis persönlich erschienen. Weiß wie eine Tapete setzte er sich dann an den Computer. Sechs Stunden lang hämmerte er Zahlen in das Dingen ein. Ohne zu schlafen, ohne zu essen, ohne irgendetwas zu trinken, ohne den Blick vom Monitor zu erheben und manchmal hatte ich Eindruck, ohne zu atmen, arbeitete er. Ab und zu drangen Wörter wie 'Wahnsinn' oder 'nicht zu fassen ' über seine Lippen. Natürlich habe ich ihn gefragt, was er da machen würde. Beim ersten Mal sagte er gar nichts. Beim zweiten Mal sagte er, daß ich das nicht verstehen würde. Und nach dem dritten Mal wußte ich, daß er recht hatte, denn er sagte, was er tat. Er versuche die ASCII-CODES zu modifizieren, um den Assembler in humanoide Sprache zu transponieren. Ich weiß bis heute nicht, was das heißen sollte, aber es klang recht interessant.

Während er das tat, dachte ich nochmal über mein Problem nach und zog eine erste Bilanz. Ich wollte frei werden und was habe ich tatsächlich erreicht ? Die Technik legt mir immer neue Fesseln an. Auf der einen Seite bietet mir die Technik die Möglichkeit viel mehr Informationen zu bekommen. Aber andererseits ist es genau diese Masse, die es unmöglich macht, einen Gedanken wirklich zu ende zu denken. Sich auf ein Gebiet zu konzentrieren und wirklich alles abzuwägen, was für und was gegen ein Argument spricht. Langsam wird mir klar, daß unsere Grenzen ganz einfach darin liegen, uns aus der Flut von Informationen die richtigen heraus zu suchen. Und das einzige, was wir dagegen tun, ist, die Menge ständig zu erhöhen, ständig die Technik zu verbessern, weil wir meinen, dann mehr zu wissen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Man müßte alle Informationen abstellen und erst eine neue zulassen, wenn man die alte vollständig verarbeitet hat. Doch ich befürchte, daß man dann in seinem Leben über eine Information, über ein Thema nicht hinaus käme. Es gibt doch immer wieder neue Aspekte an einer Sache. Eine neue Fragestellung, die beantwortet werden muß. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens darin, ein Thema, nur ein einziges richtig zu verstehen. Vielleicht ist das der Weg aus dem Käfig. Vielleicht ist aber auch alles nur Zufall und der Käfig existiert gar nicht. Oder es ist alles noch anders, wer weiß das schon...

'So ich glaube, ich hab's jetzt.', sagte mein Nachbar mit einem deutlichem Unterton von Stolz in seiner Stimme. Auf die meine Frage hin, ob er nun wisse, was diese merkwürdige Ansammlung von Zahlen zu bedeuten habe, zuckte er nur mit den Achseln. Allerdings nach zwei Minuten, als ich mit meinen Gedanken schon wieder ganz woanders war, fing er an zu erzählen.

' Diese Zahlen sind ein kodierter Text, der mit ziemlicher Sicherheit zufällig in ihren Rechner gelandet ist. Sie können sich das ungefähr so vorstellen, als würden sie angerufen und der Gesprächspartner hat sich nur verwählt. Offensichtlich ist ihm der Fehler nicht aufgefallen und er hat einen ganzen Text gefaxt. Wahrscheinlich ist es eine Botschaft unter Geschäftsleuten, die nicht wollen, daß jeder ihre Briefe versteht. Normalerweise ist es nicht möglich, einen kodierten Text ohne Schüssel zu verstehen. Doch dieser Code war relativ primitiv. Ja, ich würde sogar so weit gehen, daß dieser Code dazu gedacht war, geknackt zu werden. Aus welchem Grund auch immer.

Der Text an sich besteht nur aus wenigen Sätzen. Der Rest sind irgendwelche Abkürzungen und Adressen, die für den Computer wichtig sind. Ich zitiere jetzt einfach mal.

"Wenn ein Kind geboren werden würde, das von Natur aus, rote Kontaktlinsen trägt, würde es besser als jedes andere Lebewesen, Rottöne voneinander unterscheiden können. Aber es wird niemals die Farbe Grün sehen. Wenn ihm jemand seine Linsen abnehmen würde, würde es sterben, da die vielen neuen Farben sein Wissen und sein Gehirn maßlos überfordern würden. Wenn das Kind nun versuchen würde, seine Linsen selbst zu entfernen, würden dann nicht verantwortungsvolle Eltern mit allen Mitteln versuchen, es daran zu hindern ? Mit allen Mittel.
Deine Eltern, Spieler 1."

Na, verstehen Sie das ? '

Ich glaubte, daß ich es verstanden hatte, aber sicher war ich mir nicht. Aber was mich viel mehr beschäftigte als dieser dumme Brief war, daß mein Nachbar so blaß geworden was, als er ihn in Händen hielt. Er weiß mehr, als er mir sagt, viel mehr.

'Ach übrigens. Es ist vielleicht gerade nicht der richtige Moment, aber ich kenne noch zwei Fälle, die auch einen Brief bekommen haben, der nur aus Zahlen bestand. Ich habe in der Zeitung davon gelesen. Das ist irgendwo in den USA passiert. Die sind jetzt beide tot. Aber das ist vermutlich nur ein Zufall. Ich würde mir da keine größeren Sorgen drum machen. Am Anfang war ich halt etwas schockiert. '

Ich verabschiedete ihn noch, bevor ich mich auf mein Sofa setzte und zu denken begann. Was hatte das alles zu bedeuten ?...

Es ist wohl ganz offensichtlich, daß dieser Brief eine Warnung ist. Ich persönliche teile nicht die Ansicht meines Nachbarn, daß dieser Brief nur aus Versehen zu mir gekommen ist. Er ist für mich bestimmt gewesen. Wenn ich ihn richtig deute und wenn meine Theorie stimmt, kann ich ihn gar nicht falsch deuten, dann paßt er genau zu mir. Zunächst sollte ich vielleicht noch erklären, warum ich ihn richtig deuten muß. Wenn alle Umstände von etwas oder jemanden manipuliert werden, dann sind auch alle Assoziationen, die ich mit dem Text verbinde manipuliert. Denn Assoziationen entstehen aus den persönlichen Erfahrungen, die durch die Umstände natürlich gelenkt und geprägt worden sind. Ich denke, daß man mir klar machen will, daß es keinen Sinn macht, die Grenzen zu überschreiten. Wir, wir Menschen, sind von Mutter Natur auf ein bestimmtes Gebiet, wenn sie so wollen, auf unser Gefängnis, eingestellt worden. Außerhalb dieses Bereiches sind wir nicht überlebensfähig. Was hilft es uns denn, alles zu wissen, wenn wir gleichzeitig wissen, daß wir es sowieso nicht verstehen und verarbeiten können. Was hilft es, wenn ich alle Fernsehkanäle der Welt empfangen kann, ohne die entsprechend notwendigen Sprachkenntnisse zu haben. Es ist doch sinnlos, ständig die Menge an Information zu erhöhen, ständig auf der Suche zu sein, alles wissen zu wollen. Wir werden doch nur verwirrt und verunsichert, weil wir erkennen wie ungeheuer kompliziert alles ist. Ich glaube, diesen Schluß sollte ich aus dem Brief ziehen. Aber so leicht lasse ich mich nicht beeinflussen.

Eine Warnung stehen zu bleiben, hat doch nur dann einen Sinn, wenn man in eine Richtung geht, die entweder für einen selbst oder für andere gefährlich ist. Mit anderen Worten ist diese Warnung der Beweis dafür, daß ich recht hatte. Was hätte es für einen Sinn, jemand davor zu warnen, aus einem Gefängnis auszubrechen, wenn er frei wäre. Aus einem Käfig, der nicht existiert, kann man auch nicht fliehen. Folglich wäre ein Fluchtversuch zwar sinnlos, aber keinesfalls gefährlich. Aus diesen ganzen Überlegungen läßt sich also nur ein Schluß ziehen. Ich bin auf dem Weg in die richtige Richtung. Ich habe einen wichtigen Schritt getan. Mein Problem ist nur, daß ich nicht geringste Ahnung habe, welcher Schritt das war. Durch was habe ich die andere Seite veranlaßt, mir einen Brief zu schicken ? Oder war er gar nicht von außen ? Ist das alles nur ein Scherz oder gar Zufall? Ich weiß es nicht und bevor ich das nicht weiß, höre ich nicht auf, nach dem Weg nach drüben zu suchen.

Kapitel 7

Es dauerte nicht einmal 3 Stunden bis mein Nachbar wieder vor der Tür stand. Mit drei dicken Bücher bewaffnet bat er mich darum, meinen Computer benutzen zu dürfen, da ihm eine Erleuchtung gekommen sei. Da ich ahnte, daß diese technischer Natur sei, fragte ich nicht nach und das schien ihn zu kränken. Ich hatte das Gefühl als wartete er regelrecht darauf, mir meine technische Inkompetenz erneut zu demonstrieren. Doch oh Wunder, es war nicht nur verständlich, was er mir dann doch von sich aus erklärte, sondern es war eigentlich so klar, daß ich mich ärgerte, daß ich nicht selbst auf eine solche Idee gekommen bin. Das ganze Schriftstück war ja ein Brief. Und so wie ein normaler Brief einen Absender hat, so hat auch dieser eine bestimmte Nummer, an der man, oder genauer gesagt, mein Nachbar, denn ich könnte das nicht, erkennen kann, woher der Brief stammte. Juristisch gesehen, ist der Brief wie ein Telefongespräch zu werten. Das heißt, daß es nur in sehr geringem Rahmen erlaubt ist, diesen 'Anruf' zurück zu verfolgen. Einen Rahmen, den wir mit ziemlicher Sicherheit verletzen würden. Darauf hat mich mein Nachbar hingewiesen und meinte gleichzeitig, daß er keinen Fall kennen würde, der deswegen angeklagt worden wäre. Auf diese rein hypothetische Gefahr machte er mich aufmerksam, aber die viel reale Gefahr einer vierstelligen Telefonrechnung erwähnte er nicht. Ich war wirklich kurz davor zum militanten Anarchisten zu werden, als mir die Telekom eine Rechnung von, halten sie sich fest, von 6487,54 DM schickte. Dann behaupteten sie nachher auch noch, daß es unmöglich ein Computerfehler sein könnte und stellten mir eine Liste von Telefongesprächen zusammen, die ich angeblich geführt hatte. Ich war wirklich war so sauer, daß ich beinahe das örtliche Postamt in Brand gesteckt hätte. Zum Glück für die Post klärte mich mein Nachbar dann darüber auf, daß das wohl alles seine Richtigkeit habe. Er meinte, daß es bei jedem Gerät sowohl Anschaffungs - und als auch laufende Kosten gäbe. Das wäre gar nichts besonderes. Danach habe ich ihn übrigens nicht mehr an meinen Computer gelassen. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Mein Nachbar hatte irgendwann den Absender herausgefunden. Zu mindestens sein Kürzel, wie das in der Fachsprache heißt. Fragen sie mich ja nicht, was ein Kürzel genau ist. Auf jeden Fall gibt es Bücher, die das Kürzel in einen richtigen Namen übersetzen. Die dicken Dingen, die er mitgebracht hatte, waren dafür geeignet. Er sagte, daß sie so ähnlich wie Telefonbücher funktionieren. - Telefon, da hätte ich doch hellhörig werden müssen. - Nur seien sie nicht alphabetisch geordnet, sondern nach den Kürzel. Doch dieses Kürzel, der Absender meines Briefes, gibt es nicht. Diese Kombination ist überhaupt nicht vorgesehen. #435R*$8 gibt es nicht. Auch keine ähnlichen. Denn alle Kürzel, die an der ersten Stelle ein sogenanntes Doppelkreuz haben, sind 10stellig. Dann kam ein nahezu genialer Einfall von mir. Zum ersten Mal konnte ich zu mindestens so tun, als hätte ich Ahnung. Ich warf ein, daß die beiden fehlenden Stellen womöglich Leerstellen sind. Aber wie ich schon fast vermutete, konnte das natürlich überhaupt nicht sein, und würde jeder Vernunft widersprechen, und es wäre vollkommener Blödsinn. Er hat auch erklärt warum.

Genialität zeichnet sich dadurch aus, komplexe und schwierige Fragestellungen ganz einfach zu beantworten. Deswegen kann man es durchaus genial nennen, daß wir nach gut einer halben Stunde, auf Idee gekommen sind, die Nummer einfach zu wählen und ab zu warten, wer sich meldet. Diesmal war sogar ich, der ich mich ja so gut wie gar nicht für Technik begeistern kann, etwas gespannt, ja ich war sogar fast ein wenig nervös.

(Die gross gedruckten Wörter beschreiben die Kommunikation mit dem Computer )

ENTER CODE :........

Die Ernüchterung. Zu mindestens für mich, denn weder ich noch mein Nachbar kannten diesen Code. Woher auch ?

74653877

Mit Hilfe eines Zufallsgenerator (!?) hat mein Nachbar den Code geknackt. Er sagte, daß ich am besten vergessen würde, denn wenn man uns erwischt, zwischen 10 DM und Lebenslänglich alles drin sei. Ansonsten würde ich nur unnötig nervös. Technisch sei es kein Problem uns aufzuspüren, sobald wir einmal in der Mailbox (??) drin sind. Und das Gemeine daran wäre, daß man den Ernst der Lage erst dann erkennt, wenn die Polizei vor der Tür steht. Ganz gefährlich würde es, wenn wir in sicherheitsrelevante Bereiche unseres oder noch schlimmer, eines anderen Staates geraten wären. Von außen kann man ein System von einem Reisebüro nicht von einem des KGBs unterscheiden. Dann verbesserte er sich, und meinte, daß eventuell auch die Todesstrafe drin sei. Aber ich sollte mir keine Sorgen machen. Und die Tatsache, daß die beiden anderen, die ebenfalls einen solchen Brief gekriegt haben, bei einem Unfall ums Leben kamen, hätte damit bestimmt nichts zu tun.

'Sollen wir rein gehen ? '

Ich werde mich nie daran gewöhnen können, daß er fiktive, nur aus Zahlen bestehende Computerprogramme wie richtig vorhanden Bestände bzw. Personen ansieht. Rein gehen, wir bewegen uns doch überhaupt nicht. Trotzdem sagte ich ja.

Enter.

Ein Menü ( Ein Fachbegriff, der nichts mit Essen zu tun hat ) taucht vor uns auf.

1. Parameter anschauen

2. Parameter ändern (*)

3. Programm Neustart (*)

4. Cheatmodi on/(off)

5. Sound (on)/off

6. Black Screen on/(off)

7. Schwierigkeit : mid-low

8. Help (on)/off

9. Ende

Was auf den ersten Blick wie ein ganz normales Videospiel aussieht, verändert sich auch auf den zweiten Blick nicht. Wenn sie etwas weiter im Schriftstück sind, sollten sie sich die verschiedenen Einstellungsmöglichkeit noch mal anschauen. Das würde sich durchaus lohnen. Wenn sie selbst ein wenig sadistisch veranlagt sind, wird es Sie ungemein freuen, wenn sie an die Möglichkeiten denken.

1
Es erscheinen verdammt viele Zahlen vor unseren Augen. Selbst mein Nachbar wollte sich damit nicht auseinander setzen. Wenn wir daran etwas ändern, könnte das ganze System zusammenbrechen. Dann merken sie mit Sicherheit, daß jemand eingedrungen ist. Das riskieren wir lieber nicht. So seine Begründung.

3
ACCESS DENIED (ONLY EXTERN)
'Da kommen wir also nicht rein. Ich glaube wir sollten aus dem Programm raus. Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.' Mein Nachbar hatte Angst. Da er sich in der Materie besser auskennt als ich, nehme ich an zu recht. Aber ich wollte wissen, von wem das Programm ist und wer mich kontaktiert hatte. 'Laß uns das beim nächsten Besuch machen. Wir müssen hier raus. Je länger wir hier drin sind, desto größer ist Chance aufzufliegen. '

9
Are you SURE ? o es
Y

Sie haben es so gewollt, das Ende ist gestartet. Einen schönen Tag noch.

' Mach den Computer aus, sofort ! ' So aufgeregt hatte ich meinen Nachbarn noch nie gesehen und ich fing an mir Sorgen zu machen. 'Ich glaube, wir haben gerade einen riesen Fehler gemacht. Das war kein normales Spiel, dazu war es zu stark gesichert. Für einen richtigen Geheimdienst hingegen, war es zu primitiv. Ich tippe auf ein Unternehmen, das die Geschäftsinterna schützen will. Nur paßt die Form des Spieles überhaupt nicht dazu. Das heißt, im Grunde ist alles normale unwahrscheinlich. Ich glaube, wir haben gerade eine Legende geknackt und gefunden. Das VRS System. Dazu würden die vielen Parameter passen. Aber wenn wir das wirklich gefunden haben, bekommen wir riesige Schwierigkeiten. So groß, das man sie sich gar nicht vorstellen kann. Ich habe Angst und so schnell fürchte ich mich nicht. '

Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Ich meine, wir sind doch nur in ein Programm hinein gegangen und haben es, ohne etwas zu verändern, wieder verlassen. Was soll daran gefährlich sein ? Andererseits ist mein Nachbar nicht der Typ, der unnötiger Weise Panik verbreitet. Wenn er sagt, es besteht Grund zur Sorge, dann kann man davon ausgehen, daß das auch so ist. Um jeden Irrtum ausschließen, schaute ich ihn mir genau an. Diese Angst war entweder hervorragend gespielt, oder sie war echt. Und tendiere zum letzteren. Er war ständig in Bewegung. Nicht das er durch den Raum laufen würde, aber er war irgendwie unruhig. Seine Hände, seine Finger wechselten ständig die Position. Sein Kopf, sein Gesicht war weiß, richtig weiß. Haben Sie schon mal einen Mann gesehen, der aus einem Delirium erwacht ist und bei dem der Kater einsetzt ? So in etwa sah mein Nachbar aus. Seine Augen waren wie die eines Schwerkranken, der seinen Arzt anblickt und um Hilfe bittet, obwohl er genau weiß, daß der Arzt genauso hilflos ist, wie er selbst. Ja, ich glaube der beste Ausdruck für das, was ich an ihm sah ist Ohnmacht. Und eins kann ich ihnen versichern. Wenn man sich einen so verängstigten Menschen genau ansieht, dann steckt diese Angst sehr schnell an. Obwohl ich überhaupt nicht wußte, worum es ging, und ich auch rational keine Grund zur Angst sah, überfiel mich fast dieselbe Panik wie ihn. Leider hatte ich vor zwei Wochen damit begonnen, mir das Rauchen ab zu gewöhnen. So hatte ich keine Zigaretten im Haus, sonst hätte ich mit Sicherheit meine guten Vorsätze über Bord geschmissen.

' Sie haben keine Ahnung worum es geht, oder ? '

Natürlich hatte ich keine Ahnung. Aber ich glaube, das war ihm auch klar. Die Frage diente nur dem Zweck ein Gespräch zu beginnen. Manchmal ist ein Mensch eben überfordert. Er alleine kann keine Lösung finden. Das ich ihm bei diesem Problem helfen kann, bezweifelte er wahrscheinlich genauso so stark wie ich. Doch das war auch nicht der Punkt. Ich glaube, er wollte, daß ich seine Angst verstehe. Ja, ich meine, er hatte das Bedürfnis sich zu rechtfertigen. Es war ihm wohl peinlich, soviel Gefühl auf einmal zu zeigen. Angst und Schwäche sind zwei Begriffe, die häufig miteinander verwechselt werden und vermutlich glaubte er, ich verwechsele sie auch.

'Nein, aber ich vermute, daß es etwas Ernstes ist.'

Das wichtigste, wenn man mit verängstigten Menschen spricht, ist zunächst mal so zu tun, als ob man sie ernst nehmen würde. Viel verstellen brauchte ich mich dazu nicht.

' Es gibt eine Legende oder sagen wir besser ein Gerücht. Vor ca. 8 Jahren, also als es den kalten Krieg noch gab, soll jemand auf die Idee gekommen sein, einen Simulator zu bauen. Den VRS (Virtual Reality System). Jeden Krieg, außer mit Massenvernichtungswaffen, konnte in diesem Ding nachgestellt werden und zwar so, daß man wirklich mitten drin war. Mit einem Helm, in dem zwei Bildschirme integriert waren und einem Datenhandschuh, der die Bewegungen der Hand in Daten für den Computer umrechnet. Der Haken an der Sache war nur, daß es viel zu teuer war. Die Amerikaner haben das Projekt gestoppt, weil es niemand mehr bezahlen konnte und wollte. Aber das System war natürlich noch da. Es wurde halt nur nicht benutzt und nicht mehr verbessert. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, daß dieses System so konzipiert ist, daß es von dort aus einen Zugang gibt zum externen Hauptrechner gibt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das für ein Rechner sein soll. Aber es gibt auch hier das Gerücht, daß derjenige, der den Hauptrechner bedienen kann, die Welt beherrscht und zum Gott wird. Das sind sicherlich Übertreibungen, aber festzuhalten bleibt, daß jeder, von dem man es weiß, der in den VRS eingestiegen ist, innerhalb eines Jahres starb. '

' Willst du damit sagen, daß wenn wir zufällig die falschen Knöpfe gedrückt hätten, hätten wir die Welt gesprengt. Wir waren kurz vor dem roten Knopf ? '

' Nein. Richtige Atomraketen sind schon etwas besser geschützt. Mit einem gewöhnlichen PC kommen Sie da nicht ran. Und das ist auch ganz gut so. Wir reden hier von der Virtuellen Realität, die du mit einem Knopfdruck zerstörst. '

' Nur weil ein paar Computerbilder gelöscht werden, regst du dich so auf ? '

' Sie werden erleben, daß das, das schlimmste ist, was uns überhaupt passieren kann. '

' Wieso ? Was meinst du damit ? '

' Das darf, kann und will ich ihnen nicht. Aber im Grunde wissen sie es schon. Sie denken nur zu beschränkt. Help war auf on geschaltet und der Zufall wird in fast jeder Computersprache mit dem Randombefehl berechnet. Es sieht nur nach Zufall aus, weil der Algorithmus zu kompliziert ist, um ihn nach zu vollziehen. So, jetzt müßten sie eigentlich Bescheid wissen. '

' Müßte ich das ? '

Er nickte und ging. Vielleicht hatte ich ihn tatsächlich verstanden. Aber wenn meine Interpretation stimmt, dann wäre das die Sensation. Doch auch gleichzeitig ein wirklich berechtigter Grund um Angst zuhaben. Mein Gott, was haben wir nur getan ?

Kapitel 8

Wenn meine These richtig ist, daß es den Zufall nicht gibt, dann ist es logischer Weise auch kein Zufall, daß ausgerechnet dieser Junge mein Nachbar ist. Aus dem gleichem Grund hat er mir nicht nur zufällig vom VRS und den Hintergründen erzählt. Nehmen wir also mal an, irgend jemand will, daß ich diese Informationen bekomme. 'Mein Denken ist beschränkt.', hatte er gesagt. Nun wodurch ? Wie Sie wissen, habe ich mir diese Frage schon ziemlich oft gestellt und was Sie nicht wissen, ich habe auch meinen Nachbarn mit in diese Überlegungen einbezogen. Bis jetzt konnte er mir nur wenig helfen. Aber vielleicht wollte er mir auch gar nicht helfen. Und warum auch immer, dieses VRS hat seine Meinung geändert. Ich glaube, daß er mir folgendes klarmachen wollte.

Wenn man eine Frage nicht beantworten kann, ist es immer hin möglich, daß es gar keine Antwort gibt. Die Frage ist vielleicht falsch oder ungenau. Ich sollte aufhören nach Dingen zu suchen, die nicht manipuliert sind, sondern ich sollte anfangen mich zu fragen, wie man die Dinge denn manipulieren könnte. Welche Möglichkeiten gibt es dazu ?

Es ist bestimmt auch kein Zufall, daß er von Datenbrillen und Datenhandschuhen gesprochen hat. Technisch ist es also möglich, die Sinnesorgane zu täuschen. Wie weiß ich zwar nicht, aber wenn das möglich ist, wer sagt uns dann, daß wir nicht permanent getäuscht werden ? Woher wollen wir wissen, daß wir die Realität wahrnehmen ? Sicher ist, daß wir nicht alles wahrnehmen können. Vielleicht leben wir ständig nur in einer fiktiven Welt, nur in einer virtuellen Realität. Virtuell ist ein sehr ungünstiges Wort, da es vom Mensch gemacht bedeutet, und ich aber eine Welt aus Bildern meine, die uns von der Natur vorgegeben sind. Was wäre, wenn unser Gehirn nichts weiter als ein hochentwickelter Computer wäre, der die Daten des Körpers miteinander kombiniert und so einen perfekten Eindruck von Realität vortäuscht. Diese Hypothese wird man niemals widerlegen oder beweisen können, solange wie es niemanden gelingt, aus einem eventuell bestehenden System von Täuschungen auszubrechen. Aber ich glaube das geht nicht.

Ich muß betonen, glauben tue ich das alles sowieso nicht, aber solange wir das Gegenteil nicht beweisen können, müssen wir zu mindestens davon ausgehen, daß es so sein könnte. Um den Gedanken noch weiter zu spinnen, noch ein paar Überlegungen. Wir gehen noch einen Schritt weiter. Unser Gehirn ist gar kein Computer, sondern nur ein Sender und Empfänger. Das Berechnen geschieht ganz woanders. Dann wären wir nicht mehr als ferngelenkte Roboter. So wenn sie jetzt meinen, daß es jetzt nicht mehr verrückter geht, dann haben sie sich gewaltig geirrt. Sehen wir uns mal den Satz ' Gott lenkt, der Mensch denkt ' oder umgekehrt, ich weiß nicht mehr so genau, mal genau an. Irgend jemand, nämlich laut dem Satz Gott, lenkt uns. Laut meinen Überlegungen könnten wir ferngesteuerte Roboter sein, die von einem Computer gelenkt werden. Rein logisch läßt sich daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß Gott ein Computer ist. Wie hätte wohl ein Mensch, der in der Antike gelebt hat, einen Computer genannt ? Ein Gerät das alles kann, solange es die richtige Software bekommt. Wäre es nicht immer hin möglich, das er es als das Allmächtige bezeichnet hätte ? Immanuel Kant, Philosoph, lebte so, ganz grobe Schätzung, so um 1800. Er sprach in seinen Arbeiten vom Plan der Natur, der alles leitet, aber von Menschen nicht zu erkennen ist. Plan der Natur ? Programm der Natur? Programm eines Computers ? Das liegt doch alles sehr dicht beieinander. Oder nicht ?

Der freie Willen ist so frei wie Vogel im Käfig. Ich hatte schon erwähnt, daß das immer hin möglich ist. Wie wäre es denn mit dem Vergleich : So frei wie ein Spieler, der sich an bestimmte Spielregeln halten muß. Oder so frei wie ein Fußballspieler, der während des Spiels den Platz nicht verlassen darf. Ist das ganze Leben nur ein Spiel und die vom Gehirn oder von wem auch immer vorgetäuschten Bilder unser Spielfeld ? Ist das nicht auch immer hin möglich ?

Wenn man nun auf welche Art auch immer, es schafft, das Programm zu verändern oder im Extremfall sogar zu zerstören, dann beherrscht man doch die Welt, oder nicht ? 'Zugang zum externen Hauptrechner.', so nannte es mein Nachbar. Und wir haben dieses VRS womöglich zerstört. Nun frage ich noch einmal, was haben wir bloß getan ? Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Doch mittlerweile verstehe ich, warum mein Nachbar solche Angst hatte. Sie ist berechtigt. Oh ja, sie ist berechtigt.

Nur am Rande sei erwähnt, daß virtuelle Realität zu einem neuen Modethema geworden zu sein scheint. Man wird in den Medien immer wieder auf die Möglichkeiten dieser speziellen Simulationsform hingewiesen. Selbst das ansonsten nicht sehr Technik begeisterte Magazin, Das Beste '(Deutscher Ableger des Reader Digest) hat in seiner Ausgabe vom Januar 1994 ein ganzes Kapitel diesem Thema gewidmet. Das war dann der Tropfen der Faß zum Überlaufen brachte. So wie früher beim Selbstmord so jetzt bei diesem Thema. Es kommt einem wirklich wie der Wink mit dem Zaunpfahl vor. Das war auch der Grund, daß ich überhaupt über diese doch sehr abenteuerlich Theorie des alles bestimmenden Computer nachgedacht hatte. Die paar Andeutungen meines Nachbarn hätten dazu sicher nicht ausgereicht. ", soweit die Ausführung des Spielers.

Kapitel 9

Zur gleichen Zeit an einer ganzen anderen Stelle :

" 'Es gibt Probleme.', so die kurze, aber weitreichende Information, die als Begründung dafür diente, mich nachts um drei aus dem Bett zu schmeißen. 'Sie müssen sofort kommen ! '. Ich mag meinen Beruf, wirklich, aber diese ständige angeblichen Notfälle, die sich bei näherer Betrachtung nur als Fehlalarme entpuppen, nehmen in der letzten Zeit zu und das nervt mich. Im Grunde ist es so unwahrscheinlich, daß jemand zu einer ernsthaften Bedrohung wird, daß dieser Notdienst eigentlich gar nicht notwendig wäre. Mir ist kein einziger Fall bekannt, wo es zu wirklichen Problemen gekommen wäre, aber was tut man nicht alles fürs Geld.

Aber vielleicht sollte ich erst erklären, was ich überhaupt mache, obwohl eigentlich können sie das sowieso nicht verstehen. Ihre primitive Sprache kann nur Dinge beschreiben, die sie sich auch konkret vorstellen können. Deswegen muß ich einen sehr hinkenden Vergleich bemühen. Vielleicht könnte man mich als Vorsteher einer gigantischen Spielhalle bezeichnen oder auch als Reiseunternehmer. Das kommt auf die Sichtweise an. Bei genauerer Überlegung gefällt mir der zweite Vergleich besser. Also stellen sie sich ein Reisebüro vor. Ich bin dazu da, um sicherzustellen, daß die Urlauber das bekommen, wofür sie bezahlt haben. Im Gegensatz zu normalen Ferien sind diese Reisen in den seltensten Fällen erholsam. Ich habe nie verstanden, warum die Menschen ihr letztes Geld in eine solche Reise investieren. Aber Menschen, die Fallschirmspringen machen, habe ich auch nie verstanden. Vielleicht ist es das Abenteuer, daß sie reizt. Vielleicht auch die Tatsache, daß kein Urlaub wie der nächste ist. Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall würde ich einen solchen Urlaub nicht machen, selbst wenn ich ihn mir leisten könnte.

Diese Reisen sind von vorne bis hinten perfekt durchorganisiert. Nichts, aber auch gar nichts wird dem Zufall überlassen. Es wäre allerdings vollkommen langweilig, wenn die Urlauber das wüßten. Dafür braucht man natürlich eine gewaltige Logistik, viele gute Mitarbeiter und natürlich wahnsinnig viel Technik. Meine Mutter sagte immer, je mehr ein Gerät kann, desto mehr kann daran kaputt gehen. Und unsere Geräte können sehr viel. Doch diese zum Teil sehr kostspieligen Reparaturen sind nicht die Notfälle, für dessen Behebung ich gerufen werde. Dafür haben wir Techniker, die das viel besser können als ich. Nein, meine Probleme haben mit dem unberechenbaren Faktor Mensch zu tun. Es kommt nämlich vor, daß ein Urlauber sich nicht so verhält, wie wir es gerne hätten. Zwar sind wir immer auf ein paar Alternativen vorbereitet, aber alles kann man halt nicht planen.

Dieser Fall, um den es in dieser Nacht ging, liegt allerdings etwas anders. Die Besonderheit und das besonders Reizvolle an diesen Reisen ist nämlich, daß die Urlauber erstens nicht wissen wo es hingeht, und zweitens auch nicht wissen, daß sie von einer perfekten Organisation begleitet werden. Eigentlich wissen sie nicht einmal, daß sie im Urlaub sind. Und hier beginnt der Vergleich zu hinken. Mit ihrem Begriff Urlaub kommen wir hier nicht mehr weiter.

Noch kann ich ihnen nicht erklären, warum sie auch niemals erfahren dürfen, daß sie im Urlaub sind. Es muß alles echt und nicht gestellt wirken. Vielleicht sollte ich es mal mit dem Begriff der Ausbildung probieren. Obwohl der Vergleich stimmt auch nicht. Einen Erstklässler gleich mit Aufgaben von der Universität zu konfrontieren wäre sinnlos und auch gefährlich. Es würde ihm das Selbstvertrauen nehmen, wenn man ihm sagt, daß er erst auf der untersten Stufe ist, und daß das, was er nur mit Mühe schafft, für andere überhaupt kein Problem ist. Unser Urlauber, der zum Problem wurde, hat angefangen sich darüber zu beschweren, daß er immer nur die leichten Aufgaben bekommt. Er will alles wissen und zwar sofort. Das können wir ihm nicht erfüllen und es wäre auch völlig falsch, das zu versuchen. Er wäre völlig überfordert, aber er will nicht hören. Dabei haben wir, was eigentlich gar nicht erlaubt ist, ihm gesagt, daß er damit aufhören soll. Einmischung in die Umstände ja, aber niemals in die Persönlichkeit des Urlaubers. Sie sehen, die Vergleiche sind alle schwach. Es gibt aber einfach nichts, daß unserem Geschäft eins zu eins entspricht.

Wenn es nur der Wunsch des Urlaubers wäre, alles zu wissen, dann könnten wir diesen Wunsch natürlich einfach übergehen. Das machen wir meistens dadurch, daß wir ihn elegant für andere Dinge zu interessieren versuchen. In 90% der Fälle klappt das auch. Doch einige sind so stur, daß sie im Urlaub versuchen, hinter die Kulissen der Organisation zu schauen. Da das erst zwei Leuten gelungen ist, und wir über 1000 Kunden pro Woche haben, ist das eigentlich nur eine theoretische Gefahr. Doch jetzt ist ein dritter dazu gekommen, der angesprochene Notfall.

Unglücklicher Weise hat er auch noch einen Berater mitgebucht. Die Funktion eines Beraters läßt sich mit ihrem Urlaubsbegriff nun überhaupt nicht mehr erklären. Vielleicht Reiseführer, aber das ist sehr schwach. Da wir international arbeiten, heißen diese Berater 'Helper' oder auch ´Guardians´, was Helfer bedeutet. Sich einen Helfer mit zu buchen ist übrigens verdammt teuer und wird selten in Anspruch genommen. Deswegen ist diese Kombination so ungewöhnlich und deswegen kann man diesmal wirklich von einem Notfall sprechen.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder wir zwingen ihn, seinen Urlaub abzubrechen, bevor er alles herausfindet oder wir spielen mit. Ich meine, nach dem Urlaub erfährt er es ja sowieso. Aber wenn wir spielen, dann nach unseren Regeln und die werden ihm gar nicht gefallen. Darauf kann er sich verlassen.

Außerdem hat er selbst schon etwas ausgelöst, daß für ihn eigentlich gar nicht vorgesehen war. Prozedur Armageddon wurde aus dem Urlaub heraus gestartet. Natürlich könnten wir es jederzeit wieder stoppen, aber warum sollten wir ?

Kapitel 10

Der Spieler fährt fort :

" Sie haben es wieder geschafft. Oder besser, beinahe. Sie haben mich schon wieder in eine Sackgasse geführt. Ich bin an einem Punkt, wo ich entweder meine Theorie begraben muß, und zugeben muß, daß es keine höhere Macht gibt oder ich muß selbst die Verantwortung übernehmen. Bei der ersten Möglichkeit wäre ich wieder bei null. Der Käfig existiert dann zu mindestens nicht in der Form des externen Hauptrechners. Die andere Möglichkeit beinhaltet den Zwang zu Selbstvorwürfen. Schuld, sei sie nun real oder nur eingebildet, behindert beim Denken. Ich konnte wirklich eine Zeit lang an nichts anderes mehr denken. Was hatte ich nur getan ?

Doch dann kam die Erleuchtung. Eine Idee, eine Möglichkeit, die viel besser zu meiner Hypothese paßte. Jemand wollte, daß ich in dieses System eindringe und das ich es womöglich zerstöre. Nur wer ? Zum ersten Mal hatte ich einen Haken an meiner wunderschönen Theorie gefunden. Was ist, wenn derjenige, der die Umstände setzt und uns manipuliert, es gar nicht gut mit uns meint ? Was ist wenn derjenige uns direkt in den Abgrund führt? Wenn man sich auf der Welt so umschaut, kann man auf diese Idee kommen. 'Wenn es einen Gott gibt, dann ist er böse.' Irgendwann habe ich diesen Satz mal aufgeschnappt. Unbewußt wahrscheinlich, aber vergessen habe ich ihn dennoch nicht. Auch jetzt kann ich ihn nur wiedergeben. Ich kann nichts damit anfangen. Das ist nur eine Meinung. Aber so unwahrscheinlich klingt das nicht.

Die andere Alternative wäre, daß es gut für mich war, in dieses System einzudringen. Nur warum ? Ich könnte mir nur vorstellen, daß irgend jemand mir eine Bestätigung geben wollte. Mir ein Zeichen geben wollte, daß es den Käfig wirklich gibt. Nur warum hat er dann diese negative Dinge miteingebracht ? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.

Die nächste Alternative, die ich gar nicht mag, die aber durchaus möglich ist: Jemand hat mich einfach nur benutzt, um seine Interessen durchzusetzen. Es ging überhaupt nicht um mich. Ich war nicht mehr als der Idiot, der sein Geld zur Verfügung stellte. Ich hätte den ganzen Schnickschnack an meinem Computer nicht gebraucht. Ich hätte auch niemals den Text decodieren können und ich hätte das nicht einmal gewollt. Von mir aus brauchten wir auch nicht diesen 'Anruf' zurückzuverfolgen. Natürlich war ich auch neugierig, aber von alleine hätte ich doch niemals gewußt, wie das überhaupt geht. Es wird mir langsam klar, daß mein Nachbar das ganze ins Rollen gebracht hat. Er wollte das unbedingt. Er hat mich benutzt und nun will er mir die Schuld in die Schuhe schieben. Aber nicht mit mir. Da mache ich nicht mit. Er soll auch ein schlechtes Gewissen haben. Das hat er verdient.

Manchmal ärgere ich mich selbst, daß ich teilweise so ungerecht bin. Manchmal kann ich mich selbst nicht leiden. Manchmal verzweifele ich an mir selbst. Aber ich konnte es doch nicht ahnen. Manchmal denkt man Dinge und weiß nicht wieso, aber man weiß, daß diese Gedanken böse und falsch sind. Ich hatte kein Recht meinen Nachbarn so zu verdächtigen. Und selbst wenn, zum Ausnutzen gehören immer zwei. Einer der ausnutzt und einer der sich ausnutzen läßt. So, aber ich schätze, daß diese meine persönliche Gefühlslage Sie nicht sonderlich interessiert. Ich sollte mich wieder mehr auf den Kern konzentrieren. Ich fasse mal zusammen, was ich bisher heraus gefunden habe. Da wäre -- nichts. Nichts als Hypothese und abenteuerliche Theorien, die nur funktionieren, falls es den Zufall nicht gibt. Das ist ziemlich wenig. Vielleicht habe ich einfach nur Angst vor dem Zufall. Denn wenn alles Zufall ist, dann bin auch ich nur zufällig. Dann habe ich keine Aufgabe. Dann gäbe es keinen Sinn des Lebens. Dann gäbe es keine höhere Macht. Ich wäre vollkommen orientierungslos und in letzter Konsequenz auch völlig überflüssig, ersetzbar, austauschbar oder eben zufällig. Ich will, daß der Zufall nicht existiert. Das alles muß einen Sinn haben.

Wenn man wütend auf jemanden ist und derjenige ist nicht in der Nähe, dann baut sich eine gefährliche Mischung aus Übertreibung und Fiktion in einem auf, die mit dem tatsächlichem Geschehen in keinem Verhältnis steht. Aus einem unglücklich gewählten Ausdruck wird dann schnell eine Beleidigung. Aus einem unerklärlichem Lächeln deutet man Verachtung. Besonders heftig wird so etwas, wenn noch jemand dabei ist, und kräftig mit über denjenigen herzieht. Dann schaukelt man sich hoch und sagt Dinge, die falsch sind. Aus Verärgerung wird Wut. Wenn dann noch derjenige am nächsten Tag einfach vorbei kommt und so tut als sei gar nichts passiert, dann kann einem schon mal der Kragen platzen. Obwohl es nicht berechtigt ist, ist das doch verständlich. Allerdings war meinem Nachbarn nicht ganz so klar, warum ich ihn angeschrieen habe. Es dauert lange bis ich wütend werde, aber wenn es irgendwann soweit ist, dann möchte ich nicht meiner Nähe sein. Ich kann laut schreien, wenn ich wirklich will und da wollte ich.

Der Typ ist wirklich fast einen Meter rückwärts gegangen. Nicht weil er Angst vor mir gehabt hätte, sondern er war einfach nur vollkommen überrascht. Wahrscheinlich hat er gedacht, daß ich nun endgültig meinen Verstand verloren hätte. Aber wenn hier einer über Nacht verrückt geworden ist, dann ist er das. Davon können sie mal getrost ausgehen. Ich hatte mir größten Vorwürfe gemacht. Die Angst davor etwas unvorstellbar Schreckliches getan zu haben, ließ mich nicht schlafen. Das schlechte Gewissen plagte mich und derjenige, der eigentlich viel mehr Schuld daran trug, tat so, als sei nichts geschehen. Als sei das alles nur böser Traum gewesen. Er weigerte sich sogar daran zu erinnern, daß es VRS überhaupt gibt. Das wären voreilige Schlüsse gewesen. Es gäbe eine Millionen andere Möglichkeiten. Dieses Programm, er spricht nicht einmal von System, könnte alles mögliche gewesen sein. Wahrscheinlich sei nur seine Fantasie mit ihm durchgegangen. Die Euphorie möglicherweise eine Legende gefunden zu haben, hätte ihn die Realität vergessen lassen. Wir hätten so gut wie keine Chance, daß wir ausgerechnet dieses System geknackt haben. Die Wahrscheinlichkeit sei bei Licht gesehen so gering, daß er es als rein theoretische Möglichkeit abtun würde. Am besten wäre es, wenn ich das System wieder vergessen würde. Es täte ihm leid, daß er mir falsche Hoffnungen gemacht habe. Dafür wollte er mich jetzt auch am Wochenende einladen, weil es ihm wirklich sehr unangenehm sei. Er würde sich wirklich sehr viel besser fühlen, wenn er das irgendwie wieder gut machen könnte. Obwohl ich eigentlich nicht die geringste Lust dazu hatte und beharrlich ablehnte, gab ich letztendlich doch nach. Bei Licht betrachtet hatte ich ja auch eine ganze Menge gut zu machen. Zwar weiß er nicht, daß ich ihn zu unrecht verdächtigt habe, mich auszunutzen, aber das macht die Tat an sich ja nicht besser. Wenn ich allerdings gewußt hätte, was er wirklich vor hat, wäre ich mit Sicherheit zu Hause geblieben.

Erstmal war ich überrascht. Leider zum größten Teil negativ, obwohl eigentlich kann man das auch nicht so sagen. Es war nur so ungewohnt. Am nächsten Wochenende holte er mich also ab. Mit dem Auto und er fuhr selbst !? Da der Junge erst 16 ist, war ich etwas verwundert. Meine Frage, ob er einen Führerschein habe, verneinte er entschieden. Da ich nicht als spießig gelten wollte, und das geschieht sehr schnell, wenn man fragt, ob jemanden die Konsequenzen seines Handels klar sind, nahm die ich Antwort einfach hin. Dennoch kann ich nicht leugnen, daß ich ein mulmiges Gefühl hatte, als ich in das Auto stieg. Kurz vor dem Losfahren bot ich ihm dann doch an, daß ich fahre. Die offizielle Begründung war, daß ich sowieso nichts trinken wollte, und er ja dann was trinken könne. In Wirklichkeit war es der reine Selbsterhaltungstrieb. Lieber nüchtern als tot. Aber er sagte, daß er auch so trinken könne. Ich erläuterte nochmal, daß ich mit was Trinken alkoholische Getränke meinte. Aber ihm war das bewußt und er blieb trotzdem bei seiner vorhin getroffenen Aussage. Autofahren und Trinken seien keine Frage von entweder oder, sondern vielmehr von sowohl als auch. Einen Führerschein, den man nicht hat, kann man auch nicht abgenommen bekommen. Da er auch nicht vor hatte in der nächsten Zeit einen zu machen, würden ihn ein paar Jahre Sperre auch nicht weiter stören. Nun meldete ich doch Sicherheitsbedenken an. Daraufhin machte er eine Aussage, die ich nicht widerlegen konnte. Er schlug mich mit meinen eigenen Waffen und das sehr geschickt. Er meinte, daß wenn es keinen Zufall gibt, gibt es auch keinen Unfall, was im eigentlichen Wortsinn ja unglücklicher Zufall bedeutet. Dann wäre alles vorherbestimmt. Wir können tun und lassen was wir wollen, wir werden es sowieso nicht ändern können. Was passieren muß, wird passieren. Warum soll man sich dann an irgendwelche Regeln halten, die nur zur Schikane da sind ? Es gäbe viele Menschen, die könnten nüchtern überhaupt kein Auto fahren. Aber sobald sie drei oder vier Pils getrunken hätten, wären sie gut. Also er sähe nicht ein sich aus vorgeschoben Sicherheitserwägung, den Spaß verderben zu lassen. Und ich meine, wenn die Grundthese stimmt, daß alles von den Umständen vorgeben ist, dann hat er recht damit. Nur so ganz glauben tue ich das nicht. Zuviel Sicherheit kann nicht schaden, zuwenig schon.

Mein Nachbar ließ sich aber nicht abbringen. Mit dem Vorwurf, daß ich inkonsequent wäre, wenn ich jetzt aus Angst aussteigen würde, erwischte er mich an meiner empfindlichsten Stelle. Inkonsequente Menschen kann ich nicht leiden. Obwohl ich sagen muß, daß es manchmal Situationen gibt, in denen Konsequenz verheerende Folgen haben kann. Aber das ist ein anderes und nicht sehr erfreuliches Thema meiner Vergangenheit. Nur soviel sei noch dazu gesagt, daß wenn ich konsequent gewesen wäre, könnten sie dieses Schriftstück nicht lesen, da es niemals entstanden wäre. Wie sie das interpretieren ist ihr Problem. Wenn es sich irgendwie durchhalten läßt, muß man zu seiner Meinung stehen und eben auch, denn das gehört dazu, eventuelle Fehler entweder konsequent korrigieren oder sich ihnen ausliefern. Diese Haltung kann auch böswillig als Sturheit bezeichnet werden. Aber ich finde als stur zu gelten ist besser als die Fahne am Turm zu sein, die sich nach dem Wind richtet. Ich hasse nichts mehr als solche menschlichen Fahnen. Opportunisten kann ich auf Tod nicht ausstehen. Mein Nachbar weiß das und nutzt es geschickt aus.

Wir fuhren in eine Kathedrale des kollektiven Wahnsinns. Ich nenne das ab heute so. Offiziell schimpft sich dieses Gebäude Disko, obwohl dieser Ausdruck mittlerweile wohl auch überholt ist. Menschen, ziemlich viele Menschen, setzen sich mörderischem Krach aus und nennen das 'Spaß haben'. Warum muß Musik so laut sein, daß man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann, geschweige denn das eines anderen ? Um sich diesem Krach unterwerfen zu dürfen, muß man auch noch viel Geld bezahlen. Wenn dafür wenigstens etwas geboten würde. Vielleicht eine Live-Band mit einer Bühnenshow oder so. Aber nein, diese Leute legen einfach nur Cds auf und lassen sie laut abspielen. Wenn die Musik wenigstens gut gewesen wäre, dann könnte ich das noch verstehen. Für mich war das keine Musik, sondern nur ein Klangteppich aus vielen willkürlich hintereinander gesetzten Geräuschen. O.K. meine Eltern haben das von meiner Musik auch gesagt. Und selbst heute gilt meine Musik noch als extrem, was sie eigentlich gar nicht ist. Wahrscheinlich haben sie jetzt den Eindruck, daß ich mit großen Schritten auf die 60 zugehe, und vollkommen intolerant wäre. Aber das ist nicht so. Meinen Nachbarn und mich trennen vom Alter her nur 10 Jahre. Ein Jahrzehnt, nicht mehr. Aber vom Musikgeschmack her sind das Welten. Ganz gewöhnliche Popmusik hab ich noch nie gemocht, auch die aus meiner Zeit nicht. Aber im Vergleich zu heute ist die noch richtig gut gewesen. Lieder, die ich früher gehaßt habe, fallen mir jetzt richtig angenehm auf. Ich habe nie verstanden, warum man melodisch und weich gleichsetzt. Natürlich gibt es auch heute gefühlvolle Musik. Aber erstens wurde die in diesem Konsumtempel nicht gespielt und zweitens ist die heutige sanfte Musik so sanft, daß man einschläft. Ich zu mindestens. Und wenn man sich dann überlegt, wieviel Geld dieser sogenannten Musiker heute verdienen, dann kann einem schon mal schlecht werden. Wenn einer der Vertreter meiner Musik mal soviel Geld in eine Produktion stecken könnte, wie diese Computerfreaks, die ihre Musik im Prinzip auch mit einem Taschenrechner machen könnten, so primitiv ist sie zum Teil, dann wäre er einem Schlag Nummer eins. Es sei denn, daß die Kids schon so anhängig sind von dem Krach, daß sie vernünftige Musik gar nicht erkennen würden.

Schrecklich ich höre mich schon fast an wie meine Oma. 'Früher, ja früher da war alles besser.' Vielleicht werde ich langsam alt und intolerant. Vielleicht sollte ich etwas dagegen tun. Vielleicht sollte ich einfach offener sein. Aber vielleicht will ich es das gar nicht. Was waren das doch noch für gute Zeiten, als man Metallica für die absolut extremste Musik hielt und sich sicher war, härter wird es nicht. Leider ein Trugschluß...

Aber meinem Nachbarn gefiel es wenigstens. Auch ich habe im mich Endeffekt amüsiert. Aber nicht so sehr oder gar nicht über die Musik, sondern über die Menschen. Es macht ungeheueren Spaß, Menschen zu beobachten. Besonders bei weiblichen Wesen. Denn bei all dem schlechten, was man über diese Kathedralen des kollektiven Wahnsinn sagen kann, etwas gutes haben sie doch. So viele hübsche Mädchen auf einem Haufen sieht man nicht täglich. Ich glaube, daß ist auch der Grund dafür, das mein Nachbar hierher gekommen ist. Da in dubito pro reo gilt, nehme ich das an. Das wäre nämlich wesentlich besser zu verstehen.

Obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben habe, so zu tun, als würde es mir uneingeschränkt gefallen in dieser Kathedrale zu sein, ist es meinem Nachbarn aufgefallen, daß ich nur spiele. Er fragte mich, ob wir nicht lieber gehen sollten. Da er ein sehr schönes Mädchen im Arm hielt, daß ich noch nie zuvor gesehen hatte, nahm ich an, daß er sie erst heute Abend kennengelernt hatte. Da ich in seiner Situation sicher nicht nach Hause wollte, sondern höchstwahrscheinlich ganz andere Dinge tun würde oder zu mindestens ausloten würde, in wie weit sie mitspielt, sagte ich nein. Ich meine, er sah richtig glücklich aus. Da kann man doch nicht so egoistisch sein und ihm seinen Spaß verderben. Unter den gegeben Umständen dürfte klar sein, daß ich jetzt nicht einmal mehr eine Nebenrolle spielte. Mein Nachbar hatte wichtigere Dinge zu tun. Wie gesagt, ich nehme ihm das nicht übel. Im Grunde hatte ich von Anfang an mit einer solchen Situation gerechnet. Wenn man es noch nicht erlebt hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie alleine man in einem Raum mit weit über tausend Menschen sein kann. In meinen Augen gibt es kaum etwas schlimmeres als wenn einem dauernd eingeredet wird : 'Du mußt jetzt fröhlich sein.'Der Zwang auf Kommando lustig sein zu müssen, nur weil alle anderen um einen herum angeblich fröhlich sind, ist fast eine Form der Folter (deswegen hasse ich auch Karneval). Vor allem dann, wenn dieser Zwang die ganze Nacht anhält und man sich nicht mal zurückziehen kann. Dauernd dieser Krach, dem man sich nicht entziehen kann. Keine ruhige Minute zu haben. Die ganze Zeit stehen zu müssen, da alle Sitzgelegenheiten von Paaren belegt sind, die bestimmt nicht einfach nur sitzen, und man schon aus Gründen der Höflichkeiten nicht stören will. Überall diese Enge, weil die Kathedrale wie immer auch diesmal randvoll ist. Und dieser technischer Bass, der immer, wenn er ertönt, den Brustkorb zum Beben bringt. Dazu dann immer noch das Gefühl, daß man hier überhaupt nicht sein will. Das man viel lieber zu Hause wäre und sich vernünftige Musik in angemessener Lautstärke anhören würde, wenn man es denn nur könnte. Und gleichzeitig die Gewissheit, daß es noch sehr lange dauern kann, bis sich an der momentanen Situation etwas ändert. Mein Nachbar kam immer mal wieder vorbei und sagte, daß ich nur was sagen müßte, und wir könnten gehen und gleichzeitig sein Blick eindeutig davor warnte, das zu tun, und mir praktisch nichts anderes übrig blieb, als zu sagen, daß wir ruhig noch bißchen bleiben können. Wenn man das alles zusammen nimmt, dann kann man sich in etwa vorstellen, wie gut ich mich amüsiert habe. Ich habe beschlossen kein Anhänger des Kultes vom kollektiven Wahnsinn zu werden. Ich gehe nie wieder in eine solche Kathedrale, daß schwöre ich ihnen.

Gegen halb vier morgens hatte die Qual dann eine Ende. Entgegen meiner anfänglichen Bedenken hatte sich mein Nachbar nicht sinnlos besoffen und war tatsächlich noch in der Lage zu fahren. Auch wenn er das natürlich nicht durfte, denn ohne Führerschein darf man selbst nüchtern nicht fahren. Wahrscheinlich hatte seine Abstinenz damit zu tun, daß er zu mindestens an diesem Abend ein anderes Genußmittel gefunden hatte. Soweit ich weiß gibt es keine gesetzlichen Grenzwerte bezüglich der Dosis, aber den Eurokraten sei dank, wird sich auch das bestimmt bald ändern. Verzeihen sie den Ausrutscher ins politische, aber als überzeugter Anarchist kann ich mir solche Nadelstiche nicht immer verkneifen. Aber wieder zurück zur Sache. Mein Nachbar hatte vermutlich doch etwas ein schlechtes Gewissen, daß es so spät geworden war. Wahrscheinlich verwickelte er mich deshalb in ein Gespräch mit der schönen Fremdem. Ich hatte das Gefühl, als wollte er sich rechtfertigen. Er glaubte wohl mir erklären zu müssen, warum er die Regeln der Höflichkeit vergessen hatte und versuchte deswegen die Fremde möglichst gut darzustellen. So nachdem Motto, daß es jawohl bei der Frau eine vielleicht falsche, aber dennoch eine verständliche Reaktion sei, sich so zu verhalten, wie er sich verhalten hat. Mal ganz davon abgesehen, daß ich mir nicht anmaße Menschen zu beurteilen, oder gar den Geschmack eines anderen Menschen in Bezug auf einen anderen Menschen zu kritisieren. Ich kann doch nicht sagen : 'Bei der ist das in Ordnung, aber bei der.. um Gottes Willen, wie konntest du nur.' Außerdem würde ich, selbst wenn ich sie für absolut widerlich angesehen hätte, das nicht sagen. Aber ich fand sie auch ganz nett. Ich kann nicht leugnen, daß in meinem Kopf immer noch dieses Klischee über Mädchen herumschwirrte, die sich von einem Jungen abschleppen lassen, aber ich war dann angenehm überrascht. Vielleicht dachte ich aber auch deshalb so, weil ich noch nie in so einem Laden drin gewesen war. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, daß sie um einiges mehr getrunken hatte als ich. Mir vergeht immer der Durst, wenn ich drei Mark für ein einfaches Pils zahlen soll. Das kann ich mir schlicht nicht leisten. Aber auf Grund der extremen Umständen, der Folter, die man meiner Meinung nach nüchtern gar nicht durchstehen kann, habe ich doch das eine oder andere Pils getrunken. Sie sicherlich mehr. Dementsprechend viel erzählte sie. Da es zu meiner ganz persönlichen Vorstellung von Moral zählt, nichts von dem, was mir jemand im Suff erzählt hat, weiterzugeben, sage ich auch jetzt nichts zum Inhalt unseres Gesprächs. Aber es soll Leute geben, die nach einer solchen Unterhaltung feuchte Träume haben. Nun strengen sie mal ihre Fantasie an. Vielleicht sollte ich noch ein Detail erwähnen. Nein, nicht aus dem Gespräch, sondern von den Umständen. Ich saß mit ihr auf der Rückbank. Ach, das hatte ich noch nicht gesagt. Mein Nachbar wollte sie mit nach Hause nehmen und da ich keine äußeren Anzeichen eines Kampfes feststellen konnte, nehme ich an, daß sie freiwillig mitgekommen ist. Wir saßen also hinten und da mein Nachbar ja unbedingt fahren wollte, mußte er notgedrungen vorne hinterm Steuer sitzen, wo er den Rückspiegel so einstellte, daß er uns beobachten konnte. Das sollten wir natürlich nicht sehen. Hundertprozentig beweisen kann es auch nicht. Aber ich hätte das an seiner Stelle getan. Festzuhalten bleibt, daß sein Fahrstil mit der Zeit immer aggressiver wurde. Warum weiß ich auch nicht.

Ich weiß, was sie denken. Aber man sollte nicht immer an das offensichtliche glauben, was natürlich nicht heißen muß, daß es grundsätzlich falsch sein muß. Es hat Spaß gemacht -- Äh, ich meine, es hat Spaß gemacht, so zu tun als ob. Sie verstehen. Verführung Minderjähriger ist ein Verbrechen. Da sie alkoholisiert und damit wehrlos war, käme unter Umständen auch noch der Tatbestand der Vergewaltigung ins Spiel. Mal abgesehen von moralischen Bedenken. Ich wäre ja schön blöd, wenn ich ein Geständnis ablegen würde. Selbst wenn ich etwas zu gestehen hätte, würde ich es nicht tun.

So jetzt haben sie ihrer verdorben Fantasie genug freien Lauf gelassen. Es war nichts. Wir haben uns nur unterhalten. Aber über was, sage ich ihnen trotzdem nicht. Nur soviel sei gesagt, es hat meinem Nachbar nicht sehr gefallen. Aber ich komme schon wieder viel zu weit vom Thema ab. Die Quintessenz dieser Autofahrt war nämlich, daß es ihr plötzlich ziemlich schlecht wurde und sie sich im Auto übergab. Übrigens kurz bevor wir zu Hause waren. Da war das Maß endgültig voll. Mein Nachbar schmiß uns beide aus dem Auto raus. Eine Prozedur die mit Beleidigungen und Beschimpfungen einher ging. Seit diesem Tag, und deswegen erwähne ich das ganze überhaupt, hat mein Nachbar kein Wort mehr mit mir gewechselt. Er grüßt mich nicht einmal mehr. Es bleibt noch nachzutragen, daß das Mädchen bei mir übernachtete. Was sollte ich machen ? Sie nach Hause schicken, morgens um vier ? Sie werden einsehen, daß das nicht ging.

Bevor sie nun wieder falsche Schlußfolgerungen ziehen, sag ich lieber gleich, daß sie so fertig war - durch den vielen Alkohol und dessen narkotisierende Wirkung - das sie sofort einschlief. Und nichts, aber auch gar nichts passierte. Wenn sie mal meinen Nachbarn treffen, können sie ihm das ruhig sagen. Er glaubt mir nämlich nicht.

Kapitel 11

Das Leben kann so schön sein, man muß nur die schönen Momente erkennen und was noch wichtiger ist, auch genießen können. Und genau das tue ich gerade. In meinem Zimmer, das Wohn- und Schlafzimmer zu gleich ist, lausche ich sanfter und leiser Musik. Nein, eigentlich läuft sie nur leise im Hintergrund als Untermalung in einer schönen Szene. Ich sitze in meinem Fernsehsessel, der sehr groß ist und im Notfall auch genügend Platz bietet, um darin zu schlafen. Jetzt ist so ein Notfall. Aber als Not würde ich meine Lage nicht bezeichnen. Es ist eine Angewohnheit von mir sentimental zu werden, wenn ich leicht angeheitert bin. Eine positive Melancholie befällt mich, in der ich einfach meine Gedanken schweifen lassen kann. Nicht an Probleme und deren mögliche Lösungen denken muß, sondern einfach nur träumen kann. Die Stille in sich aufnehmen. Kraft aus ihr schöpfen und zufrieden sein, und zwar mit Recht. Das hübsche Mädchen, daß ja leider nicht mehr nach Hause konnte, liegt in meinem Bett, daß ich ihm aus Gründen der Höflichkeit angeboten habe. Ich wußte genau, daß ich sowieso nicht schlafen konnte. Das liegt zum einen daran, daß ich diesen Krach aus der Kathedrale nicht gewöhnt bin und deswegen immer noch ein wenig aufgedreht bin. Vielleicht genoß ich auch deswegen die Stille so. Eine wunderbarer Kontrast, der größer nicht sein könnte. So wie Tag und Nacht. Keine Lasershows und Nebelkanonen, deren Qualm in den Augen brennt, sondern nur ein Straßenlaterne, die durch das Fenster leuchte und das Zimmer ein wenig erhellt.

Der andere Grund ist sicher dieses Mädchen. Sie sieht aber auch verdammt gut aus. Manche Frauen gefallen einem auf den ersten Blick und andere erst von den zweiten. Eine noch andere Gruppe gefällt einem nach jedem Blick immer besser. Diese letzte Gruppe ist recht selten und sehr klein, aber sie gehört ohne Zweifel dazu. Sie fasziniert mich.

Es geht nicht darum, daß es nackt wäre, denn das ist sie nicht, da ich ihr einen alten Schlafanzug von mir gegeben habe. Der paßte ihr zwar überhaupt nicht, aber sie war zu müde, um über modische Details nachzudenken. Es ist auch nicht, daß sie sich in eine provozierende Haltung gebracht hätte. Selbst wenn sie das getan hätte, könnte ich es nicht sehen, da die Bettdecke bis zu ihrem Hals hochgezogen ist. Wahrscheinlich hätte ich es auch gar nicht sehen wollen. Es hätte die Stimmung zerstört. Obwohl es merkwürdig klingen mag, aber gerade diese distanzierte Betrachtung war erotischer oder besser sinnlicher, als die bloße Reduktion auf die Triebe. Im diesem Moment zu mindestens. Es paßte einfach alles zusammen. Eine perfekte Inszenierung, in der jedes kleine Detail stimmte. Sie liegt einfach nur da und schläft. Friedlich und ruhig. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, daß Harmonie das schönste Gefühl überhaupt sei. Ich hatte so etwas selbst noch nie erlebt. Wahrscheinlich lag es auch nur am Alkohol, aber ich schwöre, ich habe nicht einen Moment darüber nachgedacht, wie ihre Figur aussieht, welche Maße sie hat, ob sie.. na ja, Sie kennen diese ganzen Dinge. Das alles war mir wirklich völlig egal. Im Moment interessierten mich keine Formen, sondern ausschließlich Farben. Die Farbe ihrer Augen zum Beispiel. Im Grunde konnte ich diese nicht mehr als nur raten, da es im Zimmer viel zu dunkel war, um Farben klar differenzieren zu können. Aber es waren eigentlich auch nicht die Farben an sich, sondern der Gesamteindruck von ihrem Gesicht. Es bildete eine Einheit. Das paßte alles zusammen und jede noch so kleine Veränderung würde es nur verschlechtern. Es muß genau so sein, wie es jetzt ist. Genau so.

Ich habe mich eine Zeit lang gefragt, was wäre wenn sie sich nicht morgen anziehen würde und sich waschen würde. Wenn sie dann nicht nur im Extremfall mit mir Frühstücken würde, sondern wenn sie einfach hier bliebe. Einfach sämtliche Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten außer Acht lassen, und träumen, wie es wäre. Aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es besser nicht so kommen soll. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum ich so entschieden habe, aber ich glaube, es war richtig. Lieber gar nicht erst anfangen einen Traum zu träumen. Und erst recht nicht versuchen ihn umzusetzen. Diese Lektion mußte ich früher schon mal schmerzvoll lernen. Obwohl das alles lange her ist, bin ich nicht sicher, ob es in extremen Situationen nicht wieder zu extremen Reaktionen kommt. Durch die Hölle der begraben Träume bin schon mal gegangen. Da will ich noch mal hin. Nie wieder.

Dann, nach dem ich diese Entscheidung getroffen hatte, begann ich wieder grundsätzlicher zu denken. Abstrakt, weit weg vom Realem, um bloß nicht über konkrete Schritte nachdenken zu müssen. Wenn man einen schönen Film sieht, muß man dann wirklich darüber nachdenken, wie er technisch umgesetzt wurde, welche Spezialeffekte benutzt worden, wie man getäuscht wurde ? Macht man sich dadurch nicht das ganze Filmerlebnis kaputt ? Sicherlich beruhigt es, wenn man bei einem Horrorfilm weiß, daß das alles nur Fiktion ist und daß es so etwas in Wirklichkeit nicht gibt. Als Kind haben mich meinen Eltern so beruhigt, wenn bei einem Film Angst bekam. Aber ist dann nicht auch der eigentliche Sinn weg ? Wozu ist ein Gruselfilm nütze, wenn man keine Angst bekommt. Oder ein anderes Beispiel. Was bringt es einem, wenn man jeden Trick eines Magiers versteht ? Macht man sich dadurch denn nicht nur die Illusion kaputt, daß es vielleicht doch etwas mit Zauberei zu tun haben könnte. Was spricht dagegen, den schönen Schein einfach zu genießen, ohne sich zu fragen, wodurch er erzeugt wurde ? Wenn es einem gut geht, und das Leben schön zu sein scheint, ist es dann nicht egal, ob es nur ein schönes Spiel ist oder ob es die Wirklichkeit ist ? Oder wenn man das ganze auf diesen mysteriösen, codierten Brief bezieht. Warum soll man sich die Kontaktlinsen heraus nehmen, wenn einem die Farbe Rot gefällt ?

Aus diesen Überlegung ziehe ich, während im Osten langsam die Sonne aufgeht, den ziemlich gewagten Schluß, daß es dem Menschen schlecht gehen muß, damit er sich verbessert. Wenn es ihm gut ginge, bestände kein Grund zur Veränderung, keine Notwendigkeit zur Verbesserung. Ohne Verbesserung würde der Mensch über kurz oder lang von der Evolution ausradiert. Da dieses nicht, oder noch nicht, geschehen ist, ging es dem Menschen immer schlecht genug. Aus der Grundüberzeugung heraus, daß keiner sich freiwillig in eine schlechte Lage bringt, diese aber notwendig ist, muß es eine Macht geben, die den Menschen dazu zwingt. Oder der Mensch ist so dumm, daß er sich immer wieder selbst in Katastrophen hinein steuert. Ich weiß nicht, was wahrscheinlicher ist und ich weiß auch nicht, was mir lieber wäre.

Wenn das zweite der Fall wäre, dann basteln wir seit rund 200 Jahren, seit dem die Aufklärung eingesetzt hat, an unserem Sarg. Der Versuch intelligent zu werden und damit die Möglichkeit zu haben, sämtliche Katastrophen zu verhindern, wäre unser Untergang, wenn wir dieses Ziel erreichen würden. Das Phänomen der Überbevölkerung spricht für diese These. Aber ich habe nicht nur eine leise Hoffnung, daß es nie dazu kommen wird. Wir schaffen es mit unserer sogenannten Intelligenz eher, die Evolution auszutricksen, und uns selbst auszuradieren, bevor sie das schafft. Wenn die Weisheit des Menschen beschränkt wäre, dann ist es keine Frage, ob die Menschheit irgendwann mal aufhört zu existieren, sondern die Frage ist nur wann. Nur wenn es höhere Macht gäbe, gäbe es die schwache Hoffnung, daß diese will, daß es die Menschen gibt. Ein sehr geringe Chance, aber ich glaube, es ist unsere einzige.

Ist es nicht furchtbar, daß ich so gar nicht beim eigentlichen Thema bleiben kann, sondern andauernd abschweife ? Wenn ich nachdenke komme ich wirklich von A nach B und von da aus nach C bis ich irgendwann bei Z bin, und keine Ahnung habe, wie ich elegant nach A zurückkomme. Mich selbst stört das entsetzlich. Aber ich glaube auch das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten kann, egal wie sehr ich mich bemühe.

Gegen 10 wachte mein Gast auf. Ich persönlich behaupte, daß ein Filmriß das beste ist, was Mutter Natur je eingefallen ist. Stellen Sie sich vor, Sie könnte sich an alles erinnern, was Sie im besoffenen Zustand jemals gesagt oder gemacht haben. Wenn ich mal zuviel trinke, dann wird mir diese Gnade des Vergessens relativ oft gewährt. Ihr allerdings zu mindestens in diesem Fall nicht. Und man sah ihr richtig an, wie peinlich ihr das war. Das besonders Gemeine am übermäßigem Alkoholgenuß ist, daß man hinterher nicht mehr so genau trennen kann. Habe ich das gestern wirklich getan, oder habe ich das nur geträumt ? Und man traut sich ja auch nicht zu fragen. Nun weiß ich natürlich nicht, was sie alles geträumt hat, aber wenn man vom dem ausgeht, was sie wirklich getan hat, dann müßte ihr eigentlich nichts peinlich sein. Ich meine, daß man zu viel erzählt das ist solchen Situationen doch normal. Da muß man einfach drüber weg sehen können. Obwohl ich das auch sinngemäß so sagte, hatte sie es ziemlich eilig, mein Haus zu verlassen.

Doch das änderte sich schlagartig. Ohne einen erkennbaren Grund blieb sie mitten in der Haustür stehen. Drehte sich um, und fragte :' Sind Sie der Mann mit dem VRS ? '.

Ich dachte nur, wie gut, daß wir so vorsichtig waren und keiner gemerkt hat, daß wir in das System eingedrungen sind. Wie gut, daß es so unwahrscheinlich ist, daß wir dieses System gefunden haben, daß man es jedem sofort erzählen muß. Wie gut, daß mein Nachbar mich nicht mit den Details belastet hat und nicht gefragt hat, ob er es weiter erzählen soll. Ich hoffe, er hat es noch vielen anderen auch erzählt. Wie wäre es mit einer Anzeige in der Zeitung, damit die Attentäter auch wissen, wen sie umlegen sollen. Man sollte es ihnen auch nicht unnötig schwer machen. So Killer haben es schließlich auch nicht leicht. Doch finde ich echt gut, was mein Nachbar gemacht hat. Die dumme Sau.

' Warum ? '

' Das kann ich ihnen nur sagen, wenn sie es sind. '

Ich mußte plötzlich an einen Film denken, den ich vor langer Zeit mal gesehen hatte. Ich habe keine Ahnung, wie der hieß oder um was es genau ging. Ich weiß nur noch, daß eine Gruppe von Leuten Menschen zum Tode verurteilt hatte. Bevor ihre Killer schießen durften, mußten sie immer nachfragen, ob der Mann vor ihnen, auch der richtige war. Sie fragten vorher grundsätzlich nach dem Namen. Aber ich glaube, meine Fantasie geht wieder mit mir durch.

' Also gut, ich bin es, aber das muß ja nicht jeder wissen. '

' Da haben sie sicherlich recht. Aber ich bin nicht jeder. Ich bin hier um ihnen zu helfen. '

' Wobei ? '

' Ich stehe ihnen bei allem hilfreich zu Seite. Das ist meine Aufgabe. '

Ich weiß zwar nicht, warum sie es als ihre Aufgabe ansieht, mir bei allem zu helfen. Aber wenn ein hübsches Mädchen so etwas sagt, dann sollte man nicht widersprechen. Nun denken Sie mal nach, wie man ein solches Angebot nutzen könnte, denn genau das, tue ich auch.", soweit der Spieler, der momentan wichtigere Dinge zu tun hat, als seine Gedanken nieder zu schreiben.

Kapitel 12

" 'Sagen Sie mal, was ist da eigentlich los bei ihnen ? ' hatte mein Chef mich gefragt, als ihm die Aufsicht von unserem Problemfall erzählt hatte. Ich sagte, daß wir es mit einer ganz seltenen Kombination zu tun hätten, die ungünstiger kaum sein könnte, aber das wir die nötigen Schritte eingeleitet hätten. Das es allerdings ein paar technische Probleme gäbe. So mache ich das immer, wenn mein Chef vor hat, mich zur Schnecke zu machen. Ich packe dann so viele Fachbegriffe in die 'Erklärung' der Probleme, daß er, der nur eine kaufmännische Ausbildung hat nicht mehr mitreden kann. Er fühlt dann immer unheimlich geschmeichelt, wenn ich am Schluß frage, ob er vielleicht eine bessere Idee hätte. Er glaubt wirklich, daß ich diese Frage ernst meine. Diese Frage beantwortet er dann immer damit, daß das schon ganz in Ordnung wäre, was ich machen würde. Ich sollte nur versuchen, daß ganze etwas schneller umzusetzen. Und der Fall ist damit dann erledigt. Ich habe nie verstanden, wie ein solcher Idiot mehr Levels schaffen konnte als ich. Aber nächstes Jahr, da werde ich ihn schlagen und dann bin ich Chef. Es sei denn, dieser Urlauber macht uns noch mehr Probleme. Und momentan sieht es ganz so aus. Der Helper hat ihn kontaktiert. Und diese dumme Prozedur braucht mindestens 345 GPIs oder in einer anderen, für sie vermutlich besser verständlichen Einheit ca. 30 Tage. Sie ist nämlich ziemlich umfangreich und die Berechnungszeiten sind entsprechend. Außerdem ist der Helper auch noch weiblich. Das wird vermutlich zu Einschränkungen im System führen. Wir haben jetzt schon drei Menschen früher aus dem Urlaub geholt, weil wir Platz im Datensektor für die Prozedur brauchten. Wenn das so weiter geht, wird unserer Problemfall bald der einzige Urlauber sein. Konnte er sich denn nicht eine Statistin nehmen ? Nein, er mußte sich ja unbedingt die Beraterin aussuchen. Ich will mir lieber gar nicht erst vorstellen, was passiert, wenn daraus eine dauerhafte Beziehung wird. Das System wird zusammenbrechen, so wie damals. Furchtbar kann ich ihnen sagen, furchtbar war das. Mir muß etwas einfallen und das möglichst schnell. " soweit ein Verzweifelter von der anderen Seite.

Kapitel 13

Der Spieler fährt fort :

" Ich muß sie leider enttäuschen. Aber seien sie versichert, in gewisser Hinsicht war ich auch enttäuscht. Da überlegt man Stunden lang, ob man etwas machen soll oder nicht. Man ist in einem richtigen Gewissenskonflikt. Man quält sich und dann entscheidet man sich irgendwann schweren Herzens. Dann wird durch äußere Umstände diese Entscheidung, die man tief drinnen sowieso schon längst bereut, wieder umgeschmissen. Man ist richtig glücklich, daß ein Fehler keine Konsequenzen hat und dann sagt sie, so war das nicht gemeint. Ist das nicht richtig gemein?

Aber in anderer Hinsicht war das sehr gut so. Wenn ein Gespräch überhaupt jemals ein Ersatz dafür sein kann, wenn sich das überhaupt miteinander vergleichen läßt, dann sind dieses Gespräch und die folgenden, um im Bild zu bleiben, sehr befriedigend gewesen. Sie gab mir die Informationen, die mir noch fehlten. Aber sie sagte es nicht direkt, sondern sie stellte einfach nur die richtigen Fragen. Teilweise kam ich mir vor wie ein Schüler, dessen Lehrer unbedingt will, daß er selbst auf Lösungen kommt. Hilfe ja, vorsagen nein.

Kurz nachdem ich Kaffee gekocht hatte, und ich eigentlich auf eine interessante Diskussion über das Wetter eingestellt war, kam es gleich mit ganzer Härte. Als ich sie zum ersten Mal sah, hatte ich sie noch als schöne Blondine, (sie war nicht blond, aber das paßt besser zum Klischee) abgetan, mit der man eben besten Falls übers Wetter reden konnte. Und dann so was.

' Sag mal, glaubst du eigentlich an den Zufall ? ' Das fragte sie, nicht ich. Zunächst dachte ich noch, daß sollte darauf hinaus laufen, daß sie anfangen würde zu erzählen, daß wir beide für einander bestimmt seien. Karma und so.

' Nein, eigentlich nicht. '

' Eigentlich nicht, oder gar nicht ? '

' Nein, ich glaube eigentlich gar nicht dran. Aber ich kann das nicht beweisen. Ich könnte dir jetzt stundenlang davon erzählen, warum nicht dran glaube, aber das übersteigt... '

' Meine geistigen Fähigkeiten ? '

' Das wollte ich so nicht sagen. Aber siehst du, es steckt ein langer Erkenntnisprozeß dahinter. Der nicht einmal ganz abschlossen ist. '

'Wenn es keinen Zufall gibt, was ist dann das, was ein normaler Mensch Zufall nennt ? '

Sehen Sie, das ist so eine Frage. Im Grunde vollkommen naheliegend, aber dennoch bin ich nie auf die Idee gekommen, mich das zu fragen.

' Ich denke, das wir in einem begrenztem Raum leben, und das man die Zusammenhänge nur von außen erkennen kann. Und weil wir sie nicht erkennen, nennen wir diese Zufall. '

' Wodurch ist der Raum begrenzt ? '

' Den Raum habe ich einfach einen Käfig genannt. Wodurch er konkret begrenzt ist, weiß ich nicht. '

' Hast du denn schon mal drüber nachgedacht ? '

' Einmal ? Bestimmt tausendmal. '

' Warum ? Warum stellt man sich tausendmal dieselbe Frage ? '

' Weil man eine Antwort haben will. '

' Hattest du denn neue Informationen ? '

' Nein. Aber vielleicht habe ich etwas übersehen. '

' Zufällig immer dasselbe ? '

Warum komme ich nicht auf solche Frage ? Wenn es den Zufall nicht gibt, dann kann auch nichts zufällig passieren.

' Du meinst, ich sollte es nicht finden ? '

' Und wie sollte man dich daran hindern ? '

' In dem man die Umstände so setzt, daß ich es nicht finden kann.'

' Warum sollte das jemand tun ? '

' Weil ich... willst du noch Kaffee ? '

' Danke, sehr gerne, aber du weichst aus. '

' Ich weiß es nicht. '

' Glaubst du, daß es einen Sinn des Lebens gibt ? '

' Mußt du morgens um 11, nach einer durchgezechten Nacht, solche Fragen stellen ? Das überfordert mich momentan etwas. '

' Die Fragen sind ganz einfach. Du versuchst sie nur immer deine Antwort zu begründen, das macht es so kompliziert. Sag doch einfach, ja oder nein. '

' Ja, ich glaube daran. '

' Ist Sinn und Aufgabe für dich dasselbe ? '

' Ja, im Grunde schon. Ich glaube, es gibt etwas, das man schaffen muß. '

' Das ist doch eine solide Grundlage. Eine ganz andere Frage. Wenn du den Zufall ausschließt, wie sieht es dann mit anderen Menschen aus ? '

'Ich verstehe die Frage nicht. '

'Ist doch ganz einfach. Entweder sie sind frei denkende Wesen und damit wäre dem Zufall wieder Tür und Tor geöffnet, oder sie sind Umstände, die auch nur gesetzt werden. Daraus ergibt ich zwangsläufig die Folgerung, daß du der einzige Mensch bist, der denken kann. Deine Meinung zu diesem Thema ? '

Ich glaube ich sollte mich demnächst nicht mehr auf meine Menschenkenntnis verlassen. Alleine einen solchen Satz zu formulieren, ohne sich dabei in Widersprüche zu verwickeln verdient schon Hochachtung. Geschweige denn davon, was wäre, wenn sie wirklich versteht, was sie sagt. Und ich glaube, das tut sie. Hübsch und intelligent ist eine seltene Kombination. Eine gute Kombination. Ich bin beeindruckt. Vielleicht sogar.. nein, das wäre ich nicht gut und falsch.

' Ich bin müde. Im Gegensatz zu dir habe ich die Nacht über nicht geschlafen. Tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht in diesen abstrakten Größenordnungen denken. Ich bin fix und fertig. '

' Warum gehst du dann nicht einfach ins Bett ? '

' Muß ich dir das wirklich noch erklären ? '

' Da ich im Hellsehen eine absolute Niete bin, wirst du das tun müssen, wenn ich keine falschen Schlußfolgerungen ziehen soll. '

' Ich bin wirklich müde. Und es gibt wirklich nur eine einzige, nein zwei, Sachen, die ich lieber machen würde, als schlafen zu gehen. Das eine ist in deiner Nähe zu sein und das zweite sag ich nicht. '

Diesen Blick kann man nicht beschreiben. Es war eine Mischung aus gekünstelter Hartherzigkeit, die so übertrieben war, daß man sie sofort durchschaute und einer großen Portion Ratlosigkeit. Ihre Arme verschränkten sich wie auf Befehl vor ihrem Bauch und sie beugte sich vor. Typische Abwehrbewegung und ein Zeichen von Unsicherheit. Rituale, die ich schon zur genüge kenne.

' Schlaf dich erst mal aus ! Ich verspreche dir, daß ich hier bleiben werde. Einverstanden ? '

Ich glaube, das war das Beste, was sie an diesem Vormittag gesagt hatte. Natürlich stimmte ich zu.

Kurz nachdem ich im Bett lag, sagte ich zu mir, daß ich nun wohl vollkommen durchgedreht hatte. Keine Träume träumen !!! Wie oft habe ich mir das im letzten Jahr gesagt. 'Du bist noch nicht wieder der Alte. Diesen Streß stehst du einfach noch nicht durch. Und außerdem, die Chancen sind doch wirklich ziemlich gering. Du mußt deinen Kopf benutzen. Auf der emotionalen Seite bist du viel zu verwundbar. Alte Narben werden aufreißen und sich entzünden.' Sicher das stimmt alles und wahrscheinlich ist es ein Fehler. Nein, das wahrscheinlich kann man streichen. Es ist ein Fehler mit Vollgas auf einen Abgrund zu zurasen. Die Konsequenzen können nur negativ sein. Ich weiß das, aber Logik hat nichts, aber auch gar nichts mit Gefühlen zu tun. 'Versuche nie, Gefühle logisch zu erklären, denn das wäre nur der Versuch sich dagegen zu wehren.' Guter, alter, wahrer Spruch. 'Logik führt nur ins Grab, da aus ihr nichts neues entstehen kann.'Eine weitere Lebensweisheit, die ich mir erarbeitet hatte, bevor das damals passierte. Alles Schwachsinn, denn der Haken an der Sache ist, daß Emotionen mit unter viel schneller ins Grab führen, als man allgemein so glaubt. Trotzdem sieht sie wirklich verdammt gut aus und intelligent ist sie auch noch. Das wird nicht einfach.

Kapitel 14

Da war sie wieder. Die Sackgasse, in die man mich mit aller Gewalt führen will. Langsam beginnen meine Gegner mit Tiefschlägen zu arbeiten. Aber ich werde ihnen nicht Gefallen tun, darauf einzugehen. Die Vergangenheit ist vorbei. Es zählt nur das jetzt und vielleicht noch ein wenig das Morgen. Sie kriegen mich nicht wieder in das schwarze Tal zurück. Wenn die mit fiesen Mitteln arbeiten, dann kann ich das auch. Wozu habe ich denn den Code zum VRS ? Ich werde ihr verdammtes System kaputt machen. Mit mir spielen sie keine Spiele mehr, nie mehr.

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß dieses Mädchen nur, wenn auch ein sehr schöner, aber doch nur ein Knüppel ist, den sie mir vor die Beine geschmissen haben. Als Informationsquelle werde ich sie solange ausquetschen, bis sie alles gesagt hat, und dann kommt mir diese Person nicht mehr ins Haus. Ob alle anderen Menschen nur zu den Umständen zu zählen sind, wollte sie wissen. Und ich sage ja. Die alle sind nur dazu da, um mir im Weg zu stehen. 'Wenn wir das VRS zerstören, zerstören wir womöglich die Welt', hatte mein Nachbar gesagt. Na und, ich freue mich drauf. Gut das sie weg ist. Ich habe sie nie gemocht. Die Welt hat lange genug versucht, mich zu zerstören. Es wird jetzt Zeit, daß der Spieß endlich mal umgedreht wird. Laß diese Marionetten doch alle verbrennen. Mir reicht es jetzt, endgültig. Jetzt sind sie zu weit gegangen. Ab jetzt wird zurück geschossen.

Doch was wäre, wenn sie es tatsächlich ernst meinen würde, wenn sie mir wirklich helfen will. Ich weiß zwar nicht, warum sie so etwas tun sollte, aber es wäre doch möglich. Würden dann nicht die Gegner, falls sie denn existieren, versuchen, uns beide wieder zu trennen. Mißtrauen zwischen Ratgeber und Ratsuchende setzen. Ist das nicht eine Taktik, die auch in anderen Bereichen eingesetzt wird ? Wenn sie schon nicht verhindern konnten, daß sie jetzt hier ist, warum auch immer, dann könnten sie doch nur noch im Nachhinein versuchen, die Informationen als unglaubwürdig darzustellen.

Ich brauche dringend mehr Informationen. Es hat keinen Sinn mehr weiter ins Blaue hinein zu phantasieren. Man kann sich alles mögliche vorstellen und darunter fällt natürlich auch viel Blödsinn. Ohne konkrete Angaben komme ich nicht mehr weiter. Alles kann falsch sein. Ich muß aufhören weiter zu fragen und jetzt einfach das Risiko eingehen, daß die Gegner mich in die Irre führen. Denn in eine falsche Richtung zu laufen ist immer noch besser, als einfach nur im Kreis zu rennen. So wie ich momentan an die Sache ran gehe, kreise ich nur um das Thema herum, ohne jemals die Chance zu haben, auf den Kern zu stoßen.

( Für Insider : Die Maus hat die Mauern gefunden und rennt los)

Sie ist wirklich da geblieben und ich habe beschlossen, das Gespräch fortzusetzen.

' Was weißt Du über das System ? '

' Das darf ich dir nicht sagen. Es tut mir leid. Aber hast du über meine Frage nachgedacht ? '

' Ja, habe ich. Aber ich habe keine Lust auf dieses Spiel. Fragen, Fragen, nichts als Fragen, aber keine Antworten. Warum sagst du mir nicht einfach, was du weißt ? Oder weißt du gar nichts? Warum kannst du nicht direkt sagen, was du zu sagen hast?'

' Du würdest damit nicht klar kommen. Außerdem würde das die Regeln brechen. Wieviel Ahnung hast du von Technik ? '

' Jetzt weichst du aber aus. '

' Warst du schon mal in einer Spielhalle ? '

' Selten, sehr selten, doch was hat das alles mit dem System zu tun?'

' Kannst du mit dem Begriff Cyberspace etwas anfangen ? '

' Eine Welt aus Computerbildern. '

Externer Hauptrechner ? Hatte ich zur Abwechslung mal recht ? Abwarten, einfach abwarten.

' Wie kann man Computerbilder von der Wirklichkeit unterscheiden?'

' Der Computer liefert einfache Bilder. Aber ich habe schon mal darüber nachgedacht, nämlich ob wir nicht vielleicht nur in einer fiktiven Welt leben würden. Ich meine, vielleicht rechnet unser Gehirn nur die Daten aus der Umwelt um, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. '

' Wer hat dir das gesagt ? '

' Mein Nachbar. Unser Chauffeur von gestern. Er hat zwar nur Andeutungen gemacht, aber ich glaube, das meinte er. '

' Das erklärt vieles. Sehr geehrter Vorsitzender, sie Arschloch. Aber Petterson wird richten und dann ist er endlich tot. '

' Meinen Nachbarn ? '

' Nein, vergiß es. Es ist noch zu früh. Viel zu früh. Wo waren wir stehen geblieben ? - Ach ja, der Cyberspace. Das was dein Nachbar dir gesagt hat, stimmt, im Prinzip wenigstens. Aber glaube mir, in Wahrheit ist es viel komplizierter. Aber von da aus kann man aufbauen. Weißt du was ein Hologramm ist ? '

' Ja, diese Lasershow in der Disko, du erinnerst dich ? Da wurden solche Figuren... ich weiß nicht, ob man gemalt dazu sagt. Mein Nachbar sagte, daß man diese Dinger Hologramme nennt. Merkwürdig aber jetzt wo du es erwähnst, ich habe ihn gar nicht danach gefragt. Sonst läßt er mich nämlich mit technischen Fachausdrücken in Ruhe. Er glaubt, und das nicht ganz zu unrecht, das ich technisch nicht so ganz den Durchblick habe. '

' Laß mich raten, dein Nachbar ist auch auf die Idee gekommen ins VRS einzusteigen. '

' Stimmt genau. '

' Wo ist bloß die gute, alte Spielkultur geblieben ? Na egal, dann weißt du es halt. Jetzt verstehe ich auch, warum du unbedingt mehr wissen willst ? Unter normalen Umständen wärst du nie an diese Informationen heran gekommen. Das muß dir klar sein. Du bist der einzige, der das weiß. Und es ist sehr wichtig, daß das auch so bleibt. '

' Wieso ? Wenn alle anderen doch eh nur Marionetten sind, kann es ihnen doch auch sagen. '

' Wenn das alles so einfach wäre, wäre ich nicht hier. Den Ausdruck Marionetten vergißt du besser sofort wieder. Wenn du schon etwas weißt, dann lerne auch gleich die richtigen Bezeichnungen. Das sind Statisten. '

' Damit hast du meine Frage nicht beantwortet. '

' Das System könnte kaputt gehen. Das ist rein hypothetisch, da du der erste bist, der diese Informationen bekommt. '

' Was ist so schlimm daran, wenn ein paar Puppen, oh verzeihe, Statisten nicht mehr existieren ? Die sind doch eh nur zur Schikane da.'

' Was meinst du mit Schikane ? '

' Ja, sie manipulieren mich. Schicken mich immer wieder in Sackgasse und machen das Leben einfach unnötig kompliziert. '

' Du solltest lernen, daß jede Hilfe Manipulation des Schicksals ist. Manipulation ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil, ohne sie könntest du überhaupt nicht leben. Gerade du solltest wissen, wie gefährlich es ist, keinen Sinn zu sehen und keine Orientierung zu haben. Jeder beeinflußt, und deswegen kann man irgendwo auch sagen, jeder schadet, aber man kann es auch positiv formulieren und sagen, jeder hilft, wenn auch unbewußt, da Statisten nicht denken können. '

' Also ich fasse noch mal zusammen. Ich bin der einzig handelnde Mensch. Meine Umwelt ist nur eine Computersimulation. Und die anderen Menschen sind Statisten, die nicht selbst denken können. Sondern sie zählen zu den Umständen, die so kompliziert von einander abhängen, daß wir sie als Zufall definieren.

Das ist eine Menge Stoff auf einmal. Also ich weiß nicht, ob ich da so mitgehen kann. Aber eine Frage noch, wer oder was setzt die Umstände ? '

' Ich darf keine direkten Fragen beantworten. Es tut mir leid. Etwas anderes, glaubst du, daß ich ein denkender Mensch bin ? '

' Dämliche Frage, natürlich. '

' So dumm war die Frage nicht. Statisten können nicht denken. '

' Also bist du kein Statist. '

' Und was folgt rein logisch daraus ? '

' Es gibt verschiedene Arten von Menschen, nicht nur Statisten ?'

' Formuliere das bitte als Aussagesatz und nicht als Frage. '

' Es gibt nicht nur Statisten. '

' Das ist korrekt. Was glaubst du, wieviele Leute du persönlich kennst, gut kennst ? '

' Keine Ahnung. Das kommt auf die Definition von gut an. '

'Nach deiner Auslegung. So eher 10, 100, 1000, noch ein paar Zehnerpotenzen mehr. Was schätzt du ? '

'Ich weiß es nicht. Ich glaube gut kennen, kann man einen Menschen überhaupt nicht, aber wenn man das nicht so eng sieht vielleicht fast tausend, zehntausend, oder sowas.'

' 1024, um genau zu sein. '

' Bis heute oder gerade jetzt im Augenblick. Oder in meinem gesamten Leben und warum ausgerechnet 1024 ?'

' Auf konkrete Fragen kann ich nicht antworten. Ich darf nur kommentieren oder maximal mit ja oder nein antworten, mehr darf ich nicht und will ich auch nicht. '

Das ist Schade. Sehr Schade. Ich hätte soviele Fragen gehabt und mittlerweile glaube ich auch, daß sie nicht nur etwas vortäuscht. Sie weiß wirklich etwas, wenn nicht sogar alles. Die alles entscheidende Frage ist nur, woher ?

' Weißt du nicht mehr weiter ? '

' Das geht mir alles viel zu schnell. Weißt du überhaupt, wie weit reichend die Konsequenzen sind, aus dem was du da sagt. Ich meine, du schmeißt jede mir bekannte Religion über den Haufen. Du sagst, alles ist ganz anders, als ich das von klein auf gelernt habe. Und das soll ich alles einfach so schlucken, ohne die Chance zu bekommen, nachzufragen. Ohne Erklärung oder Begründungen alles für falsch ansehen, was ich bisher wußte. Ist das nicht ein bißchen viel verlangt ? '

' Unter normalen Umständen wärst du nie dahinter gekommen. Und das haben sich die Weißkittel nicht einfach nur als Schikane einfallen lassen. Wenn das ganze für jeden ohne Probleme verständlich wäre, dann könnte es ja auch jeder wissen. Normale Menschen verkraften es nicht, daß ihre Orientierungspunkte auf einmal verschwinden. Du mußt dein Denken komplett umstellen. Wie gesagt, ich weiß, daß das nicht einfach ist. Aber das hast du dir selbst eingebrockt. Du wolltest es so.'

' Kannst du denn nicht wenigstens etwas von dir aus erzählen, ohne das ich es mühsam erfragen muß ? Mir gehen nämlich langsam die Fragen aus. '

' Ich kann höchstens noch mal zusammen fassen. Aber ich weiß nicht, ob das was bringen würde. Denk doch noch mal nach. Fiktiv. Was bezeichnet man denn sonst noch als fiktiv, oder fiktional ? '

' Bücher z.B. '

' Genau, und was macht man mit einem guten Buch ? '

' Lesen ? '

' Nein. Nicht du. Man im Allgemeinen. Um Geld zu kriegen... '

' Verfilmen ? Du meinst, wir leben in einem Film ? '

' Nein, ich meine Spiele. Irgendwann hat sich mal jemand Spielregeln und eine Spielfläche ausgedacht. So, und was könnte das alles nun mit Cyberspace zu tun haben ? Man, das liegt doch wirklich auf der Hand ? '

' Meinst du, wir tragen permanent so eine Datenbrille und so einen Handschuh, ohne daß wir das wissen ? '

' Ich würde sagen, das hat ziemlich lange gedauert. Aber genau das ist es. Im Prinzip wenigstens. Nur du trägst keine Brille im eigentlichen Sinne. Dein ganzer Körper ist im Grunde nichts weiter als ein Raumanzug für den Cyberspace, den du bis jetzt reale Welt genannt hast. '

'Du bist irre. Das ist.... ich weiß auch nicht. Wenn das so wäre, dann müßten es doch auch andere Hinweise darauf geben. Ich meine, in der ganzen Menschheitsgeschichte ist nie einer auf eine solche Idee gekommen. Da es sehr intelligente Leute gegeben hat, glaube ich, daß irgend jemand etwas davon gemerkt hätte. Irgendwem wäre bestimmt etwas aufgefallen. '

' Es gibt unendlich viele Hinweise darauf. Und wenn du nicht mid-low, sondern open-end spielen würdest, hättest du da von selbst drauf kommen müssen. '

' Wie denn, woher denn ? Ich kenne diese Informationen nicht. '

' Wie ? Höhlengleichnis, nie gehört, oder was ? '

' Aber, was hat damit zu tun und überhaupt, das hab ich nur mal so kurz in der Schule behandelt. Das ist Ewigkeiten her. '

' Aber das war bestimmt kein Zufall, denn den gibt's ja bekanntlich nicht. Platon konnte Cyberspace natürlich nicht kennen. Ich habe nicht geringste Ahnung, wann der Mensch gelebt hat. Aber ich schätze kurz vor Christi Geburt. Aber beschreibt eine Höhle, die man nicht verlassen kann, weil man gefesselt ist, den virtuellen Raum nicht sehr gut. Heute würde man zwar weder von Höhle sprechen noch das ganze gefesselt nennen, schon eher verkabelt. Aber du spielst ja nur mid-low, deswegen brauchst und solltest du das nicht sehen. '

' Mid-low. Das hab ich schon mal irgendwo gehört. Nein, ich glaube gelesen. Aber wo ? Das Wort war mir damals schon aufgefallen, weil ich damit so gar nichts anfangen konnte. Mittelniedrig, was soll das bitte schön sein. Klingt irgendwie nach halbleer... doch irgendwie paßte diese Übersetzung nicht. Wo war das denn bloß ?... Das Menü. '

' Welches Menü ? '

' Das VRS, ja ich bin ganz sicher, da stand irgendwo mid-low. '

' Oh mein Gott, das wußte ich nicht. Ihr ward bis zu den Parametern. Weißt du eigentlich, was da alles hätte passieren können ? Ich fasse es nicht. Habt ihr etwa was verstellt ? '

' Nein, wir haben nur mal geguckt und sind dann sofort wieder raus. Mein Nachbar wollte da sofort wieder raus. '

' Mit der End-Funktion wahrscheinlich ? '

' Wie denn sonst ? '

' Ach, das macht doch alles keinen Spaß mehr. Die verdammten Politiker sind doch überall gleich. Es tut mir leid, aber ich muß sagen, ich find das zum Kotzen. Ja, zum Kotzen. Da arbeitet man rund um die Uhr. Kämpft, kämpft und kämpft, um auf ehrliche Weise seine Levelpunkte zu kriegen. Arbeitet sogar als Helper, nur um diese dumme Norm zu erfüllen. Und dann ? Mit dreckigsten Tricks wirst du aus Spiel geworfen. Es ist doch immer das gleiche. Irgendwo findet sich immer einer, der dir in die Fresse tritt, wenn du gerade versuchst wieder aufstehen. Weißt du was ? Wenn alles so läuft, wie dein Nachbar das will, dann sind vier Jahre harter Arbeit weg. Vollkommen sinnlos gewesen. Und ganz nebenbei bemerkt, dann bist du in etwa 30 Tagen tot. Ich hab keinen Bock mehr, weißt du das. Ich will nicht mehr.'

' Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr folgen. Was soll das alles heißen ? '

' Entschuldige, das war nicht für dich bestimmt. Ich hatte vergessen mit wem ich rede. Kommt nicht wieder vor. Vergiß es ! Könntest du nicht ein wenig spazieren gehen oder sonst etwas tun ? Ich brauche Zeit zum Nachdenken. '

' Ja, aber das ist mein Haus. '

' Bitte ! '

' Wie lange ? '

' Eine oder vielleicht zwei Stunden ? '

' Na gut, aber ich will ein paar Antworten haben, wenn ich wieder komme. '

' Mal sehen - Und ganz wichtig, sprich mit niemanden über das, was ich gesagt habe. Vor allem mit deinem Nachbarn nicht. '

' Der redet sowieso nicht mehr mit mir. '

' Wenigstens etwas gutes. '

Ich war froh, daß ich mal wieder raus kam. Frische Luft ist gut fürs Denken. Und bei dem vielen Stoff kann ich wenig Pause gebrauchen.

Kapitel 15

Es war so offensichtlich, so einfach, so logisch. Mein Denken war halt zu beschränkt. Die Idee ist fantastisch. Und es paßt alles zusammen, nur glauben kann es immer noch nicht. Während ich die Straße herunter schlendere, frage ich mich, kann das denn wirklich alles nur vorgetäuscht sein. Der Wind, der mir leicht ins Gesicht bläst und meine Haare durcheinander bringt. Die Geräusche, die die an mir vorbeifahrenden Autos verursachen. Jedes Geräusch nur künstlich ? Das was wir sehen, alles nur Bilder, gemalt von einem Computer ? Jede Perspektive ist nur berechnet ? Aber ich kann es anfassen, ich kann es fühlen. Wenn ich gegen die Laterne da vorne laufen würde, dann würde ich es sogar sehr deutlich spüren. Der Jogger, der gleich an mir vorbeilaufen wird, nur ein Statist ? Eine Filmsequenz, etwas erdachtes, die jetzt nur an mir vorbeiläuft, um mich in welcher Form auch immer zu manipulieren ? Ohne geringstes eigenes Denken zu besitzen ? Nur für mich ? Ich bin der einzig handelnde Mensch ? Nur ich kann denken, alle anderen nicht ? Alles was geschieht, geschieht nur für mich ? Vielleicht bin ich einfach nicht egozentrisch genug, um das wirklich glauben zu können. Doch wo ist der Fehler ? Was stimmt nicht ? Wo ist der Widerspruch ? Ich finde keinen, aber vielleicht will auch gar keinen finden. Dieses Modell löst sehr viele Probleme, gibt Antworten auf Fragen, die wir bisher nicht lösen konnten. Ich fände es gut, wenn es so wäre, aber glauben ? Wirklich davon überzeugt sein ? Ich weiß nicht, ob ich das umsetzen kann. Andererseits, was kann es schaden ? Wenn es nicht stimmt, dann stimmt es halt nicht. Ohne Konsequenzen, halt nur ein Irrtum, so wie es viele im Leben gibt. Ich muß es ja nicht gleich zu meinem Glaubensbekenntnis machen, aber ich glaube, ich werde mich darauf einlassen, solange dabei zu bleiben, bis ich einen Fehler finde. Solange wie das Gegenteil nicht beweisen ist, muß die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß es zu mindestens so sein könnte.

Allerdings gibt es auch noch eine Menge Sachen, die im Unklaren sind. Fragen müssen beantwortet werden. Und von jeder Antwort müssen die Konsequenzen überdacht werden. Es kann nicht so in diesem Tempo weiter gehen. Dieses Thema, diese Theorie ist so grundlegend, daß man sie nicht einfach in einem Nebensatz ansprechen kann, und danach sofort zum nächsten Punkt übergeht. Ich glaube, es läuft alles auf eine entscheidene Frage hinaus. Wenn wir nicht da sind, wo wir glauben zu sein, wo sind wir dann? Wenn es nicht so ist, wie ich es gelernt habe, wie ist es dann? Man kann nicht einfach sagen, alles ist falsch, ohne Alternativen anzubieten. Bevor ich sie traf, habe ich immer nur nein gesagt. Das stimmt nicht und das stimmt nicht. Aber jetzt habe ich eine Möglichkeit zu sagen, so könnte es sein. Eine positive Aussage zu machen. Nicht einfach nur destruktiv, sondern produktiv, kreativ sein. Vielleicht ist das der eigentliche Reiz dieser Theorie. Eine wirkliche Alternative.

Am liebsten würde ich mich drei Wochen in ein dunkles Zimmer einsperren und einfach nur über die Cyberspacetheorie nachdenken. Alle Punkte genau untersuchen. Alle Konsequenzen abklopfen. Wirklich sich auf dieses Thema konzentrieren, aber das wird wohl mal wieder nicht möglich sein. Sie wird mir nicht viel Zeit geben. Es gibt noch viel zu lernen und aus irgendwelchen Gründen, scheint sie es eilig zu haben, mir das beizubringen. Wo bin ich und wer bin ich ? Was bin ich und was ist nur Teil des Raumanzuges des Cyberspace ? Was ist nur eine Maske, was bin ich ? Gibt es mich überhaupt ? Soll ich ihnen was sagen, ich bekomme langsam Angst, ja richtige Angst. Nicht Panik, aber Angst. Es stimmt doch nichts mehr. Nichts, absolut gar nichts. Die Mauern sind weg. Ich sehe jetzt womöglich ein wenig grün und es überfordert mich tatsächlich.

Ein Gefangener, der sein Leben lang in einer Zelle gewesen ist, solange auch vom Ausbruch geträumt hat, hat es endlich geschafft. Der Ausbruch ist möglich, aber er wird gejagt werden. Der ganze Staat, der ihn eingesperrt hat, wird versuchen ihn wieder einzufangen. Und der Ex-Knacki wird Angst haben, so entsetzliche Angst geschnappt zu werden. Da draußen kennt er sich nicht aus. Er wird auffallen. Er wäre so leicht auszumachen. Sein ganzes Leben lang durfte er nicht denken, und da draußen wird er ohne Denken nicht durchkommen. Doch es hat ihm nie jemand beigebracht, niemand. Da draußen ist es schön. Von Bäumen, Sträucher hat er gehört. Freie Menschen mit denen er sprechen könnte. Menschen des anderen Geschlechts, mit denen man noch viel mehr machen könnte. Es wäre so wunderbar anders und frei da draußen. Aber auch die Angst ist da draußen. Die Angst, daß das alles wieder aufhören würde und er zurück müßte, in seinen Käfig. Das alles überlegt er sich. Die Tür ist offen, aber soll er auch wirklich raus gehen. Soll er das wirklich tun ?

Wenn ich das mal wüßte. Wonach entscheidet man, ob man ein Paket aufmacht, wenn einerseits eine Bombe, aber andererseits auch eine Millionen drin sein könnte ? Wonach bitte.

Habe ich denn überhaupt noch eine Wahl ? Ich kann doch längst nicht mehr zurück. Der Zufall, oder wer auch immer, hat mich bis hier her geführt. Sie glauben im Ernst, man läßt mich jetzt einfach wieder umkehren. Ich bin eingedrungen in ein geheimes System, in eine Mafia ähnliche Struktur, die die Umstände setzt. Meinen sie ernsthaft, daß die mich in Ruhe lassen werden ? Mitwisser arbeiten entweder mit oder werden zum Schweigen gebracht. Glauben Sie wirklich, ich habe eine Alternative ? Ich glaube es nicht. Aber ich schwöre, ich wünschte es wäre anders. Oh ja, ich habe mich auf ein Spiel eingelassen, das mich bei weitem überfordert.

Ich bin noch lange einfach ziellos durch die Gegend gerannt. Mein Kopf versuchte die Informationen zu verarbeiten, daß ich vor meinen Augen nur gemalte Bilder sehe. Erst mit diesem Gedanken fällt einem auf, viele verschiedene Farben in einem Blickausschnitt sind. Wieviele Reflexionen, wieviele Schatten. Wie kompliziert eigentlich unsere optische Wahrnehmung ist. Wieviel so ein Hirn umrechnen muß, selbst wenn man diese Theorie nicht bemüht. 1,6 Millionen Farben kann das menschliche Auge unterscheiden. Ich habe schon Schwierigkeiten 100 Farben überhaupt zu benennen. Man stelle sich vor, man müßte das was man gerade mit den Augen sieht, abmalen. Egal was, es muß nur möglichst nah an der Realität sein. Ich stelle mir vor, ich würde den Weg zur Arbeit jeden Morgen fotografieren. Und zwar so, das ich die Bilder so aneinander legen könnte, daß aber auch nicht ein Millimeter fehlt. Ich versuche auszurechnen, wie viele Bilder das wohl wäre, aber ich scheitere. Jetzt bedenken Sie, Sie müßten jedes Foto abmalen, und das so genau wie möglich. Dann haben sie natürlich auch nicht immer denselben Blickwinkel. Sie müßten auf alle möglichen Bewegungen des Kopfes und der Augen vorbereitet sein und dafür müßten sie viel mehr Fotos machen, die sie auch alle möglichst genau abzeichnen müßten. Aber sie gehen nicht nur zur Arbeit. Sie haben andere Verpflichtung, andere Termin. Den Weg dorthin müßten sie genau so bearbeiten wie den Weg zur Arbeit. Und was ist, wenn sie in Urlaub fahren. Noch mehr Bilder, unendlich viele Bilder und alle bis zur Perfektion gebracht, so daß sie den Unterschied zur Realität nicht sehen. Sagen Sie doch mal selbst, wäre es nicht nahezu phantastisch, wenn es irgendeine Intelligenz geschafft hätte, so etwas fertig zu bringen. Soviele Bilder irgendwie zu verarbeiten, und täglich kommen neue dazu. Mehr und immer mehr. Und wir würdigen das nicht einmal, sondern wir tun einfach so, als sei das selbstverständlich. Wenn diese Theorie wirklich stimmt, oder besser falls sie stimmt, dann sind wir Menschen nicht nur gleichgültig, sondern auch so ziemlich das undankbarste was man sich überhaupt vorstellen kann. Doch das stimmt auch wieder nicht ganz, denn falls die Theorie stimmt, bin ich der einzig denkende Mensch und dann bin nur ich undankbar. Ich kann das alles einfach nicht glauben, ich kann es nicht. Ich würde gerne, aber ich kann nicht, noch nicht ?

Mittlerweile sind die zwei Stunden locker vorbei. Ich werde zurückgehen. Vielleicht finde ich ja doch noch einen Fehler.Vielleicht entstehen Widersprüche, wenn das System von Theorien erst mal komplex genug ist. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht... ". Der Spieler geht Heim.

Kapitel 16

Auf der anderen Seite :

" 'Wir hatten eine Anfrage auf totale Aufklärung des Spielers im System eins.' Das war der simple Aussagesatz, der den größten anzunehmenden Unfall in unserem Gewerbe darstellt. Ein Helper, ausgerüstet mit allen nötigen, und wie in diesem Falle, leider auch mit vielen unnötigen Informationen, nutzt seinen Code, um mit uns in Kontakt zu treten. Das passiert etwa alle 10 Jahre einmal. Wenn dieser Helper das tut, und es gibt keinen triftigen Grund dafür, dann kann ihn das seine Lizenz kosten. Der Haken an der Sache ist nur, daß die Wenigstens freiwillig Helper sind, und deswegen gerne ihre Lizenz verlieren würden. Doch solche Leute werden schon im Vorfeld daran gehindert, mit uns in Kontakt zu treten. Der Computer trifft eine grobe Vorauswahl. So ähnlich wie beim Asylrecht, wo offensichtlich unbegründete Anträge sofort zurückgewiesen werden. Solche Anträge kommen hier bei uns häufig vor, nur die wenigstens kommen durch. Eben alle 10 Jahre einer (Ich bitte darauf zu achten, daß dieses prozentuale Verhältnis unberechtigter Anträge nicht auf die Asylbewerber in ihrer Welt zu übertragen sind ) Wenn der Computer einen durchläßt, dann gibt es wichtige Gründe dafür, dann gibt es Ärger.

System eins ist unser Problemfall, von dem ich schon mal berichtet habe. Doch das Problem war gar nicht der Urlauber an sich, sondern Petterson. Petterson ist nicht, wie man jetzt vielleicht denken könnte, ein Mensch, sondern er ist ein Virus. Karl Petterson, nachdem der Virus benannt wurde, ist schon seit hundert Jahren tot, doch sein tödliches Programm lebt weiter. Es ist so konzipiert, daß es die festprogrammierten, sehr beschränkten Charaktereigenschaft der Subcharaktere, eine etwas verbesserte und aufwendigere Version der Statisten, dessen maximale Anzahl 1024 pro Urlaub ist, verändert. Wie das genau funktioniert wissen wir leider auch nicht. Ob das Virus von irgend jemanden aktiviert wird, oder ob es sich selbst einschaltet wissen wir auch nicht, aber es arbeitet in der letzten Zeit wieder häufiger. Es gibt nicht wenige, die vermuten, daß das mit dem Spiel der Meister im nächsten Jahr zusammenhängt. In ihrer Welt würde man dieses Spiel wohl Wahlkampf nennen. Ich werde später, wenn es hier mal wieder etwas ruhiger geworden ist, darauf eingehen. Ich persönlich habe nun grünes Licht gegeben und die Aufklärung darf erfolgen. Ein Urlauber, der mid-low spielt, ist eh nicht intelligent genug, um das zu verstehen. Und selbst wenn, in 29 Tagen ist sein Spiel sowieso vorbei. Es sei denn, dieses blöde System gibt vorher noch seinen Geist auf. Das ist auch gut möglich. Es müßten dringend Reparaturen durchgeführt werden. Immer wieder kommt es zu Tonausfällen und das Bild verschwimmt zwischendurch oder wird unscharf. Ein paar mal mußten sogar die Urlauber zurückkommen, da beides gleichzeitig ausgefallen war. Das tat mir persönlich sehr leid. Immerhin hatten sie sich auf ihren Urlaub gefreut. Und einigen gefiel es sogar, nachdem sie angekommen waren. Doch leider fehlen die Ersatzteile. Ersatzteile ist eigentlich das falsche Wort. Es sind keine Teile, die man anfassen kann, sondern das sind notwendige Verbesserung an unserem System. Die technischen Möglichkeiten stoßen nämlich langsam an ihre Grenzen. Früher war das anders. Die Menschen waren früher nicht so mobil. Sie sahen nicht so viele verschiedene Dinge. Der Tag eines Menschen war früher viel mehr durchgeplant. Deswegen gab es nicht so viele Handlungsalternativen. Es waren einfach viel weniger Daten. Und unsere Systeme sind für diese alten Bedingungen konzipiert worden und sind jetzt schlicht weg überfordert. Natürlich modifizieren wir jeden Tag das System, versuchen es zu verbessern. Doch das Grundübel können wir damit nicht bewältigen. Wir doktern nur an den Symptomen herum. Die Krankheit bekämpfen wir nicht. Man müßte das ganze System ausschaltet, alles auseinander nehmen und nochmal von vorne anfangen. Das Problem ist nur, daß das System schon sehr alt ist. Die Erbauer, die Genies, die es einst entwickelten sind längst tot. Hier bei uns, werden sie übrigens 'die Weißkittel' genannt. Heute weiß keiner mehr so ganz genau, wie das System eigentlich wirklich funktioniert. Irgendwann hat das ganze mal mit einem Taschenrechner angefangen und dann kamen die Weißkittel und entwickelten dieses System. Wenn man dieses jetzt auseinander schrauben würde, besteht die Gefahr, daß es niemand wieder zusammensetzen kann. Und da alle das wissen, müssen wir mit dem Fehler, der irgendwann am Anfang gemacht worden ist und für sich alleine überhaupt kein Problem wäre zu beheben, leben und die Urlauber auch.

Ich vertrete eine Organisation die will, daß man das System trotzdem abschaltet. Da wenn man so weiter machen würde, das vielleicht zu irreparablen Schaden führt, die das System für immer lahmlegen. Ich bin nicht gegen das System selbst, obwohl ich niemals einsteigen würde, aber ich bekomme doch bei meiner Arbeit mit wie es jeden Tag ein bißchen mehr kaputt geht. Wir müssen endlich an die Wurzel des Problems. Auch wenn damit das Risiko verbunden ist, daß es nicht wieder funktionieren wird, müssen wir es auseinander nehmen. Sonst fliegt das Gerät eines Tages in die Luft und wir gehen alle drauf. Ich stehe für diese Forderung und wenn der Computer es so will, dann werde ich das Spiel der Meister gewinnen. Für ein faires Spiel, wählt mich.

Aber ich glaube, ich gerate in den Bereich der Propaganda. Es gibt natürlich auch andere Meinungen. Die einen wollen alles so lassen wie es ist, und ignorieren die Gefahren oder verharmlosen sie.

Die anderen sehen zwar die Gefahren, aber sagen, es geht nun mal nicht anders. Und von der anderen Seite gab es die Bewegung von Petterson. Bei Ihnen würde man von einer terroristischen Vereinigung sprechen, denen jedes Mittel recht war, das System zu zerstören. Im Gegensatz zu ihrer Welt, ist es bei uns nicht üblich, mit Gewalt vorzugehen. Sondern alles wird durch das Spiel entschieden. Nur dieser Petterson hatte eine Möglichkeit gefunden, das Spiel zu manipulieren. Der berühmte Pettersonvirus war programmiert. Damit hat er sie alle geschlagen und hat sogar das Spiel der Meister gewonnen. Der einzige, der jemals mehr als fünfmal in Folge gewonnen hat. Bis der Computer den Trick erkannte und den unfairen Spieler einfach ausschloß. Da aber nirgendwo geschrieben stand, daß das Einsetzen von Viren verboten war, glauben auch heute noch viele, daß diese Entscheidung des Rechners ebenfalls nicht mir fairen Mittel zustande kam. In radikalen Kreisen wurde Petterson zu einer Art Mythos, der Ur-Terrorist wenn Sie so wollen. Obwohl er selbst niemals radikal war, und schon gar nicht das System zerstören wollte. Im Gegenteil, er wollte nur der Chef vom System sein. Er hat übrigens auch nie etwas anderes behauptet. Auf jeden Fall hat der Virus im System überlebt. Und ab und zu aktiviert er sich selbst oder er wird aktiviert, daß wissen wir noch nicht so genau. Und ob es gewisse Übereinstimmungen gibt, vielleicht ähnliche Umstände, zum Zeitpunkt des Anspringens ist auch nicht klar. Wir vermuten aber, daß der Fehler im Inneren (eigentlich ist das gar kein Fehler, sondern dort ist nur unsauber gearbeitet worden, weil 0.0002 % Verlust bei den geringen Datenmengen damals keine Rolle spielten, hat da keiner drauf geachtet. Das machte man damals einfach noch nicht ) und dem Virus ein Zusammenhang besteht. Das ist wieder ein Grund mehr, das System einfach abzuschalten. Erst alle aus dem Urlaub zurückholen und dann einfach nur die Energiezufuhr abschalten. Aber ich glaube, sie können der Diskussion eh nicht folgen, deswegen lohnt sich nicht noch weiter ins Detail zu gehen. Vielleicht später...

Ach so, das hätte ich beinahe vergessen. Die Prozedur Armageddon kann nicht ausgeführt werden. Sie ist schlicht zu groß. Wie sie vielleicht aus ihrem Religionsunterricht in der Schule wissen, ist dieses Programm eigentlich für das Jahr 1000 bestimmt gewesen. Warum es damals nicht genutzt wurde, weiß ich nicht, aber damals wäre noch genügend Platz im Datensektor gewesen. Aber vielleicht war er damals schon sehr gering. Heute ist das vollkommen aussichtslos. Nur die Weißkittel wissen, warum sie das Programm so kompliziert und so groß gemacht haben. Aber jetzt halten sie sich fest. Ich, ein einfacher Spielconditioner, habe es geschafft, es trotzdem ans laufen zu kriegen. Wir lassen es lokal begrenzt ablaufen und logischer Weise nicht gerade da, wo der Urlauber glaubt zu sein. Er erfährt es nur aus den Nachrichten. Das heißt, der Computer muß nur ein paar Filmchen berechnen, und gleichzeitig dafür sorgen, daß der Urlauber nicht den angeblich Ort des Geschehens erreicht. Sagen Sie doch mal selbst, ist das nicht eine tolle Idee. Also ich bin stolz darauf und ich glaube zu recht. 6 Zusatzcredits hat mir das eingebracht. Auf Credits komme ich später noch mal zurück und ich glaube das reicht auch erstmal. Wenn Sie nicht alles verstanden haben sollten, macht das gar nichts. Es war vielleicht doch ein bißchen viel auf einmal... ".

Kapitel 17

Der Spieler fährt fort :

" Eigentlich wollte ich ja jetzt so richtig loslegen. Sie mit Fragen nahezu bombardieren. Ich hatte mir ein ganzes Bündel zurechtgelegt. Diesmal würde sie diese auch beantworten. Ich hatte keine Lust mehr mich länger hinhalten zu lassen. Aber, oh Wunder, ich kam gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen. In diesen insgesamt vier Stunden meiner Abwesenheit muß eine Menge passiert. Jetzt redete sie plötzlich und zwar ohne das ich sie dazu aufgefordert hätte. Als ich gerade den Mund aufmachen wollte, sagte sie nur, daß ich mich hinsetzen müßte. Sonst würde ich vermutlich umkippen. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Vorher, bevor ich ging, lag irgendwie eine Spannung auf ihrem Gesicht. Sie schien irgendwie verkrampft zu sein. Solche Veränderungen fallen einem relativ schnell auf, aber den Zustand als solcher sehr viel langsamer. Erst dadurch, daß diese Spannung nun weg war, und ich merkte, daß da etwas fehlt, daß sich etwas verändert hat, wurde mir der vorherige Zustand überhaupt bewußt. Sie kennen das vermutlich auch. Nehmen wir mal an, Sie sehen jeden Tag einen ganz bestimmten Menschen. Nie ist Ihnen etwas an ihm aufgefallen, bis er eines Tages lächelte. Erst da wußten Sie, daß Sie ihn vorher niemals lächeln gesehen haben. Nur wenn eine Gewohnheit plötzlich nicht mehr so ist wie vorher, merkt man, daß es vorher überhaupt eine Gewohnheit war. Vielleicht versuchen Sie einfach aus Ihrem persönlichen Umfeld Beispiele zu finden. Das muß man erlebt haben, ansonsten ist es nicht vermittelbar. Aber ich bin mir sicher, daß sie so etwas auch schon erlebt haben.

Nun aber wieder zu ihr. Sie wirkte jetzt irgendwie frei. Ausgelassen vielleicht, aber ohne albern zu sein und ohne ständig Witze zu machen. Aber ihre Art war irgendwie... freier, es gibt kein anderes Wort dafür.

' Ich habe nachgedacht. Sie können sich vielleicht vorstellen, daß ich in einem richtigem Gewissenskonflikt gestanden habe. Auf der einen Seite ist es unheimlich wichtig, daß sie die Wahrheit erfahren, weil sie sich nur so schützen können. Auf der anderen Seite ist es verboten, alles zu erzählen. Sie würden überfordert. Nun mußte ich nachdenken, wie es schaffen kann, ihnen alles zu sagen, und zwar so, daß sie es auch verarbeiten können. '

Das war nicht mehr die selbe Person wie das Mädchen, daß ich in der Disko kennengelernt hatte. Das war eine ganz andere Ebene. Ich hatte das Gefühl, als säße ich einem Professor oder so ähnlich gegenüber. Vielleicht ist es schwierig zu verstehen, aber aus diesen wenigen Sätzen wurde Kompetenz deutlich. Sachverstand. Sie weiß wovon sie redet. Ganz genau, und sie weiß vor allem viel mehr als ich. Das wurde sofort klar. Ich brauchte gar nicht zu versuchen mit ihr zu diskutieren. Wie bei einer Vorlesung. Der Professor hält einen Vortrag und fragt zwischendurch mal nach, ob man auch alles verstanden hat. Vorher war da immer das Gefühl, daß ich alles überprüfen müßte, was sie sagt. Alles untersuchen. Vorher hatte ich Zweifel, ob sie überhaupt eine Ahnung von der Tragweite ihrer Aussagen hat. Jetzt weiß ich, daß sie sie vermutlich besser kennt als ich. Ich muß verstehen, nicht kritisieren. Außerdem wurde das ganze sehr sachlich, dadurch das sie mich siezte. Es geht wirklich nur um die Sache und nicht darum, dem anderen etwas vorzumachen. Sie fuhr fort in ihrer 'Vorlesung'.

' Es gibt eigentlich hunderte von Hinweisen auf die Wahrheit. Wie alles wirklich zusammenhängt. Und wenn man weiß, in welche Richtung man die Dinge interpretieren muß, wundert man sich, daß man noch nicht viel früher auf die Idee gekommen ist. Ich hatte schon gesagt, daß die Welt nur eine Computersimulation ist, eine Art hochentwickelter Cyberspace, der nicht nur die Augen und den Tastsinn ein wenig täuscht, sondern wirklich alle Sinne umfaßt. Der Körper ist nur eine durch unendlich viele Kabel mit dem Gehirn verbundene Hülle. Eben so ähnlich wie einen Datenhandschuh. Nur manipuliert der Datenhandschuh ihr Gehirn über den Umweg der Sinne. Dabei manipulieren sie also die Manipulation. Verstanden soweit ? '

' Das hatten wir doch schon geklärt. '

' Ich wollte nur sicher gehen. Als Hinweis dafür hatte ich das Höhlengleichnis von Platon gebracht. Leider weiß ich nicht, in wie weit Sie sich damit beschäftigt haben. Denn das ganze sagt eigentlich noch viel mehr aus. Aber wenn man nicht weiß was, kommt man nicht drauf. Also er spricht davon, daß die Menschen vor ihrer Geburt schon alles wissen und sich im Laufe ihres Leben nur daran erinnern müssen. Es wäre also nicht so, daß der Mensch im Leben etwas dazu lernt. Auf ersten Blick ist das Haarspalterei. Ob man den Prozeß nun lernen oder erinnern nennt, kann einem doch ziemlich egal sein, denn an dem Prozeß ändert das ja nichts. Platon sagt, wenn man die Fesseln abnimmt, wenn man das schafft, kann man die Wahrheit sehen. Und das ist richtig, denn wenn man die Datenbrille abnimmt, sieht man logischer Weise das, was wirklich um einen herum ist. Wie gesagt, wenn man weiß, in welche Richtung die Fragestellung gehen muß, ist das ganz offensichtlich. Außerdem spricht er davon, daß man nur die Schatten an der Wand sehen kann und nicht das, was wirklich ist, solange man die Fesseln trägt. Früher, bevor man richtiges Kino kannte, hat man Schattenspiele mit Figuren gemacht, um sich zu unterhalten. Er meinte Kino oder genauer Cyberspace, was ja im Grunde nur Kino im 3D Format ist, aber er konnte das natürlich nicht richtig ausdrücken, weil er in der falschen Zeit lebte. Aber Sie sollten das nicht verstehen. Auf diese Fragestellung kommt man meistens nur durch Zufall. Den gibt es aber nicht. Fragen soweit? '

' Gibt es noch andere Quellen ?'

' Ziemlich viele, aber das ist meiner Meinung nach die beste. Bevor ich weiter mache, kennen Sie die Theorie der Psychoanalyse in Bezug auf die Persönlichkeit ? '

' Nein. Tut mir leid. '

' Mid-low, ich hatte es befürchtet. Es wird sie überfordern. Ich kann das jetzt auch nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Meine Hoffnung war eigentlich, daß ich das als bekannt voraussetzen kann. Also die ganzen Zusammenhänge krieg ich auch nicht mehr hin. Auf jeden Fall ist die Persönlichkeit von drei Faktoren abhängig. Das Ich, das Über-ich, und das Es. Soweit ich mich erinnere, ist das Ich das, was entscheidet. Das Über-ich gibt die Umstände vor, in denen das Ich sich entscheidet. Und das Es sind die Triebe, die durch die Entscheidung befriedigt werden sollen. So in etwa war das. Viele Menschen neigen dazu nur das Ich zu sehen, und die anderen Teile einfach zu vergessen. Und genau diesen Fehler machen Sie auch ? '

' Ich ? Gerade ich tue das nicht. Ich habe doch von Anfang an gesagt, daß wir in einem Käfig leben. '

' Nicht wir. Es ist ihr Käfig. Der gehört ihnen alleine, aber ich dachte, das hätten wir schon geklärt. '

' Ja, aber das ist so viel auf einmal. Ich brauche eine gewisse Zeit, bis sich das alles setzt. Aber machen Sie ruhig weiter. '

' Ich glaube, über das Ich brauchen wir nicht zu sprechen. Das Es zu erklären, ist ein wenig komplizierter. Sagen wir erst mal, daß das der Grund war, warum sie überhaupt in den Cyberspace eingetreten sind und sich die Brille aufgesetzt haben. Es gibt nämlich durchaus auch die Möglichkeit, die Brille abzusetzen, aber dafür gibt es Regeln, auf die noch nicht eingehen will. Das Über-ich ist relativ einfach zu verstehen. Wenn sie die Welt als Cyberspace verstehen, dann ist es doch fast zwangsläufig zu sagen, daß das ganze Leben nur ein Spiel ist. Oder ein Simulator, wenn ihnen das besser gefällt. Auf jeden Fall müssen ja die Umständen gesetzt werden. Es ist klar, daß ein Flugsimulator sinnlos ist, wenn man die Regeln der Schwerkraft weglassen würde. Es müssen bestimmte Parameter, so der Fachausdruck, gesetzt werden. Diese Parameter sind nicht zu verändern, wenn man einmal im Simulator drin ist. Es wäre auch vollkommener Blödsinn, während eines Landeanflugs plötzlich die Schwerkraft auszuschalten. So etwas geht in der Realität ja auch nicht. Der Sinn des Simulators würde ja völlig untergraben. Nun zu ihrem Problem... '

' Ich habe kein Problem. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich so etwas schon vermutet, aber es klang so... '

'... verrückt, meinen Sie. Nun sie werden damit leben müssen, daß ihnen niemand glaubt, falls sie dies denn als ihre Meinung ansehen und vertreten. Die anderen Menschen sind nur Statisten. Obwohl, es gibt da gewisse Unterschiede, die aber nur gradueller Natur sind. Die Statisten sind die Primitivsten. Aber darauf wollte ich noch gar nicht hinaus. Nun stellen Sie sich einen Flugsimulator vor, in dem man nicht nur die Schwerkraft aus und ein schalten kann, sondern auch verschiedene Flugplätze und Wettersituationen angeben kann. Natürlich bevor man 'fliegt', sonst wäre das ziemlich sinnlos. Im Prinzip funktioniert die Welt, der Cyberspace, genauso so. Es ist halt nur alles ein wenig komplexer und die Alternativen etwas umfangreicher. Aber das Prinzip ist das gleiche. Das Setzen der Parameter bevor man 'fliegt' ist eine Wissenschaft für sich. Hochgradig kompliziert und für Laien auch nicht annähernd verständlich. Es sind etwa tausend Zahlen, genau 1024, die man einstellen kann. Wenn man nur eine Zahl ändert, nur eine, kann etwas völlig anderes dabei rauskommen, als man wollte. '

' Das VRS. '

' Genau. Eine Möglichkeit, die Parameter während des Fluges zu ändern. Es wäre ja zum Beispiel praktisch, wenn man nach einem Flugfehler und kurz vor dem Aufschlag die Schwerkraft ausschalten könnte. Aber erstens weiß kaum einer, welche Parameter man dafür wie ändern müßte und zweitens ist das nicht im Sinne der Erfinder des Simulators. Deshalb hat man dieses System, das VRS, auch sehr gut geschützt.

Nun ist die Grundeinstellung auf die Dauer ziemlich langweilig, weil sie so einfach ist. Die meisten können die schon im Schlaf. Deswegen hat man nachträglich noch verschiedene Schwierigkeitsstufen eingebaut. Der Sinn des VRS war es eigentlich, diese Schwierigkeitsstufen während des Spieles zu ändern, wenn man entweder merkt, daß es zu einfach und damit zu langweilig ist oder man sich überfordert fühlt. An diese Vorstufe des VRS, wo man diese Einstellung vornehmen kann, kommt man leicht ran. Und genau da waren Sie auch. Nein, das ist eigentlich falsch. Die Vorstufe ist das VRS und das andere, wo man die Parameter ändern kann, nennt man den externen Hauptrechner. Aber ich glaube, das wissen sie alles schon. '

' Nicht so genau. Die Zusammenhänge kannte ich nicht. '

' Sie spielen mid-low. Eine leichte Einstellung, ohne besondere Handicaps oder Anforderungen. Diese Einstellung wird deshalb auch als Urlaub bezeichnet. Es gibt insgesamt acht Einstellung, die wie folgt lauten : 'easy, low, mid-low, normal, mid-hard, hard, mean, open-ended '. Als open-ended Spieler hätten sie wie gesagt, selbst auf diese Dinge kommen müssen. Als Urlauber können sie mit der Option Help spielen. Ein Helper, den sie unter normalen Umständen nie zu Gesicht kriegen, zieht hinter den Kulissen die Fäden zu ihren Gunsten. Da diese Umstände alles andere als normal sind, bin ich jetzt hier. Ich bin ihr Helper.'

' Wenn das alles so wäre, warum weiß ich davon dann nichts ? '

' Weil alles gelöscht wird. Ich sagte schon, daß wir nicht die Manipulation manipulieren, sondern direkt ins Gehirn gehen. Memory Killing ist der etwas brutale Fachausdruck dafür. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, damit der Urlauber nicht auf die Idee kommt das VRS bzw. den extremen Hauptrechner zu benutzen. '

' Was ist daran eigentlich so schlimm ? '

' Sie machen mir Spaß. Stellen sie sich vor, sie denken nichts böses, und stellen einfach mal so, die Black Screen Funktion auf on. Und bevor sie überhaupt wissen was sie gemacht haben, sehen sie nichts mehr. Sie können alle Sinne nach belieben ein und aus stellen. '

' Blind per Knopfdruck ? '

' Eine Kleinigkeit. Und sie können auch jeden Statisten umstellen. Sie wären sozusagen ein Gott. Natürlich nur für ihren Käfig, aber immerhin. Bevor sie nun größenwahnsinnig werden, sage ihnen besser, daß der Code längst wieder geändert worden ist. Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen ? '

' Wer setzt diese Umstände normalerweise ? '

' Sie selbst, bevor das Memory Killing einsetzt, das übrigens auch nur solange funktioniert, wie sie im Cyberspace sind. Obwohl so ganz stimmt das auch wieder nicht. Die Umstände setzt der Computer, der Hauptrechner. Wir müssen hier aber unterscheiden zwischen Charaktereigenschaften und Umstände im klassischen Sinne. Ihren Charakter setzen sie selbst zusammen. Eigentlich wollte ich das ganz raushalten, aber ich glaube ich komme um die Credits nicht drumherum. Stellen sie sich vor, sie gehen in einen Supermarkt. Sie haben eine ganz bestimmte Menge Geld. Alles kostet gleich viel. Aber wenn sie das eine kaufen, müssen sie etwas anderes mitkaufen und noch etwas, was sie eigentlich gar nicht wollten, aber natürlich trotzdem bezahlen müssen. Alle Dinge sind irgendwie miteinander kombiniert. Oder jeder Vorteil zieht auf einer anderen Ebene einen Nachteil nach sich. Nur den Vorteil kaufen geht nicht. Wie die einzelnen Dinge genau zusammenhängen, weiß man aber nicht. Sie kaufen also sozusagen die Katze im Sack. Für welchen Sack sie sich entscheiden, ist einem vollkommen freigestellt. Der Fachausdruck ist übrigens Modul. Damit die Sache nicht zu einfach wird, reicht ihr Geld für fünf oder sechs Module. Wenn sie einmal in den Sack hinein geschaut haben, können sie ihn wieder umtauschen. Jederzeit und so oft sie wollen. Und dieses hineinschauen geschieht im Cyberspace. Ist ihnen das zu theoretisch ? Wie gesagt, ich wollte es eigentlich weglassen, aber da sie danach gefragt haben. '

' Sie wollen damit sagen, daß das Ziel des Spiels, des Lebens ist, herauszufinden, welchen Sack man hinterher wieder umtauscht?'

' Und sie spielen wirklich mid-low ? Ich versteh' das nicht. Ich meine, sie könnte doch hart oder sogar mean spielen, wenn sie so schnell begreifen. Sie verkaufen sich wirklich unter Wert. Sie müssen in dem Spiel bestimmte Aufgaben, der Fachbegriff heißt Level, lösen. Der Haken ist, sie wissen nicht welche. Da ein Modul für eine Aufgabe gut für eine andere aber vollkommen ungeeignet sein kann, ist das Spiel so kompliziert. Es gibt nicht die einzig wahre Optimaleinstellung, mit der sie alle Probleme lösen könnten. Und je schwieriger die Aufgaben werden, desto wichtiger ist es, daß das Modul möglichst gut paßt. Bei mid-low kommen sie nahezu mit jeder Kombination durch. Ich übertreibe jetzt etwas, aber es ist schon einfacher. Nun ist es aber nicht vollkommen ihnen überlassen, welchen Level sie spielen. Nach unten gibt es keine Grenze. Aber nach oben. Sie dürfen immer nur eine Schwierigkeitsstufe über die zuletzt gelöste hinaus spielen. Und das eigentliche Ziel ist das open-ended Game zu lösen. Aber das kann einige Jahrtausende in Anspruch nehmen. '

' Soll das heißen, daß es keinen Tod gibt. '

' Doch, nach dem Lösen des open-ended Game. Aber das nun nach jedem Leben der Tod käme ist ziemlich übertrieben. Übrigens, wenn sie open-ended wären, hätten sie auch das selbst herausfinden müssen. Im Hinduismus und Buddhismus ist die Theorie von der Reinkarnation doch durchaus verbreitet. Die stimmt nämlich, im Prinzip wenigstens. Die Kasten sind eigentlich nichts anderes als die Schwierigkeitsstufen. Nur haben diese eben in Wirklichkeit nichts, aber auch gar nichts mit der sozialen Situation der Menschen zu tun. Das Problem mit dem Cyberspace ist nämlich, daß sich diese Idee in keiner Weise machtpolitisch ausnutzen läßt. Im Gegenteil, die Mächtigen sind auch nichts weiter als Statisten. Welche mächtige Institution hätte schon ein Interesse daran, daß das jeder wüßte. Die von der anderer Seite übrigens auch nicht. Wenn man wüßte, daß alles nur von einem selber abhängt, dann bestände immerhin die Gefahr, das man sich nicht mehr manipulieren läßt. Außerdem ist es dann nicht mehr abwegig, daß die andere Seite auch nur ein Cyberspace wäre. Diese Kette kann man unendlich fortführen. Deshalb wird auch auf der anderen Seite kräftig manipuliert. Man versucht nämlich den Urlaubern einzureden, daß das Leben im Cyberspace wahnsinnig toll wäre. Im Prinzip ist es das ja auch, aber die negativen Begleiterscheinung werden bewußt verschwiegen. Man muß nämlich nicht unbedingt spielen. Doch das durfte ich Ihnen eigentlich nicht erzählen. '

' Sie haben mir erzählt, daß sie kein Statist sind. Was sind sie dann ? '

' Genau dasselbe wie sie. Wir sind zwei Vögel in demselben Käfig. Deswegen sagte ich, fünf oder sechs Säcke. Es besteht nämlich auch die Möglichkeit auf einen Sack zu verzichten, und sich statt dessen einen Helper zu engagieren. So etwas macht kaum jemand, aber Sie schon. '

' Und warum machen sie das ? '

' Wissen Sie, ohne Geld kann man im Supermarkt nichts kaufen. Unsere Währung, wenn sie wollen, sind Levelpunkte und Credits. Credits kriegt jeder. Levelpunkte bekommt man, wenn man, wie der Name eigentlich schon sagt, einen Level, eine Aufgabe löst. Nun spiele ich normalerweise mean, und in einer so hohen Stufe kommt man mit der Grundausrüstung, die man sich für die Credits kaufen kann, leider nicht mehr aus. Da man die Levelpunkte nur bei Erfolg bekommt, und ich den aus den geschilderten Gründen nur mit Levelpunkten kriegen kann, bin ich einer schwierigen Lage. Deshalb nimmt man auch die miesesten Jobs an, um irgendwie an Punkte zu kommen. Und Helper ist gut bezahlt. Die Stellung eines Helpers läßt sich in etwa mit der eines Müllmanns im Cyberspace vergleichen. Übrigens haben sie ihre Levelpunkte für dieses Spiel verloren, weil ich ihnen das alles gesagt habe. Oder um es drastischer zu formulieren, sie haben umsonst gelebt. '

' Was soll das heißen, umsonst gelebt ? '

' Ihr Spiel kann nicht mehr gewertet werden. Das wäre unfair gegenüber denjenigen, die ohne dieses Hintergrundwissen antreten müssen. Die haben es nämlich viel schwerer, weil diese in ihrem Leben, von dem sie glauben, daß es ihr einziges ist, alles perfekt machen wollen. Dieser Druck ist Ihnen nun genommen. Da einige Fehler nur auf Grund dieses Druckes entstehen, wäre es unfair, Sie genau so zu bewerten, wie alle anderen. Deshalb spielen Sie sozusagen außer Konkurrenz und ohne die Möglichkeit Levelpunkte zu bekommen. Oder eben umsonst. '

' So, also bis hierhin habe ich ja noch mitgemacht. Aber das geht zu weit. Ich meine, sie erzählen mir eine phantastische Geschichte, die ich vielleicht teilweise sogar noch für glaubwürdig halte, ohne auch nur den geringsten Beweis. Und dann sagen sie mal eben so, im einem kleinem Nebensatz, daß ich völlig umsonst gelebt habe. Sagen sie mal, sind sie eigentlich total irre ? Wer gibt ihnen das Recht über mein Leben zu urteilen? Sie kennen mich überhaupt nicht. Gut, sie haben eine Theorie, eine vielleicht auch interessante Theorie, aber nicht mehr. Das ist nur ihre persönliche Meinung und ich bitte darum, daß sie deutlich trennen zwischen der Hypothese und der Bewertung anderer Menschen. Es gibt nämlich auch die Möglichkeit, daß sie auch nur ein hirnloser Statist sind, der versucht mich in Irre zu führen. Und mittlerweile glaube ich, das diese Möglichkeit zutrifft. Ich meine das nicht persönlich, aber wenn man mir mit zu vielen Informationen auf einmal kommt, habe ich immer das Gefühl, als will man mich überfahren. Das sie von der Quantität her eine gute Quelle sind, weiß ich jetzt, aber ich brauche Zeit um heraus zu finden, wie die Qualität ist. Ich muß das alles erst einmal verarbeiten. Abstand gewinnen und mir das ganze etwas aus der Distanz angucken. Im Moment, daß sage ich ihnen ganz ehrlich, paßt mir das alles zu glatt zueinander. Das ist zu einfach. Vielleicht, daß will ich nicht ausschließen, ist das alles auch so einfach, aber ich bin mir eben noch nicht sicher. Ich möchte sie jetzt bitten, mein Haus zu verlassen. Das Gespräch war hochinteressant, aber ich muß nachdenken, ohne das mich jemand in einer bestimmten Richtung beeinflußt. Und das würden sie tun, wenn sie hierbleiben. Das ist kein Rausschmiß, weil ich sauer wäre oder weil ich sie für verrückt halte. Im Gegenteil, gerade weil es zu mindestens teilweise sehr vernünftig klingt, bin ich der Sache eine distanzierte Kritik schuldig. Ich hoffe sie verstehen das. '

' Verstehen tue ich das durchaus. Es war wohl wirklich ein bißchen viel auf einmal. Aber bedenken sie bitte, das wir nicht viel Zeit haben und das ist auch noch stark untertrieben. '

' Warum, ich denke, ich starte außer Konkurrenz, falls ihre Theorie stimmt ? Warum soll ich mich dann beeilen ? '

' Sie sind momentan schon verwirrt genug. Das packe ich jetzt nicht auch noch mit rein. Sie haben ganz recht. Sie müssen das ganze bis hier hin erstmal verarbeiten. Nehmen sie sich ruhig Zeit dazu. Das ist besser, als wenn sie alles einfach nur schlucken und es im Grunde gar nicht verstanden haben. Das nützt nämlich gar nichts. Falls, und das ist ein Verdacht von mir, sie nur darauf aus sein sollten, so zu tun, als glaubten sie mir nicht. Also so zu tun, als ob sie die Informationen nicht ernst genommen hätten, um am Ende ihre Levelpunkte doch noch zu kriegen, dann muß ich sie leider enttäuschen. Es zählt nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken, oder die Absicht, aber das erkläre ich später noch. Nur wenn sie das vorhaben, dann brauchen wir keine Pause zu machen. '

' Daran hatte ich nicht gedacht. '

' Ich will ihnen das ja auch gar nicht unterstellen. Aber ich mußte das klarstellen. Wie viel Zeit werden sie brauchen ? '

' Das weiß ich doch jetzt noch nicht. Das kann man doch nicht vorhersagen.'

' Sie können mir also nicht sagen, wann ich wieder kommen soll ?'

' Nein, das kann ich nicht. Und fangen sie nicht schon wieder an mich unter Druck zu setzen. Streß hilft dabei nämlich überhaupt nicht. '

' Wie wäre es denn dann, wenn sie das Haus verlassen. Aus rein praktischen Überlegungen heraus, ist das günstiger. Sie kommen einfach wieder, wenn sie soweit sind. So wissen sie immer, wie sie mit mir in Kontakt treten können. '

' Nur unter einer Bedingung. '

' Welche ? '

' Können wir uns nicht endlich wieder duzen ? Das schafft einfach eine bessere Atmosphäre. '

' Der offizielle Teil der Aufklärung muß eigentlich sogar in der dritten Person geführt werden, um eine möglichst große Distanz zu schaffen. Das Sie war schon ein Kompromiß. Aber wenn sie unbedingt wollen. Ihnen, äh dir, kann man ja keine Punkte mehr abziehen. Doch auf eins muß ich doch noch bestehen. Du darfst nichts von dem, was ich dir erzählt habe, weitergeben. Und ganz besonders nicht an deinen Nachbarn. '

Wie Sie aus der Tatsache, daß sie dieses Schriftstück gerade lesen, ersehen, habe ich mich nicht an diese Forderung gehalten. Ansonsten aber ging ich auf den Vorschlag ein und verließ mein Haus. Frische Luft war in der Situation wohl sowieso das Beste und es war auch wirklich praktischer so.

Kapitel 18

Es sind kalt geworden. Empfindlich kalt. Wahrscheinlich will mich irgend jemand dazu drängen, nicht zu lange nachzudenken und möglichst schnell wieder ins Haus zu gehen. Eigentlich kann man die ganzen Überlegungen auch auf eine einzige Frage reduzieren, aber ob das die Verarbeitung wesentlich verkürzen wird, wage ich zu bezweifeln. Denn diese Schlüsselfrage zu beantworten, bedeutet fast den Stein der Weisen zu finden. Also mal angenommen, die ganze Theorie stimmt, was habe ich dann davon ? Was bringt es mir, das ich weiß, wie es nach dem Tod ist, solange ich lebe ? Das alles mag ja stimmen, oder auch nicht, doch kann mir das denn nicht völlig egal sein ? Es ist doch nun wirklich kein Vorteil, wenn man weiß, daß man wirklich völlig umsonst gelebt hat. Wo ist der praktische Nutzen dieser Theorie ?

Wie gesagt, ich bezweifele, daß ich eine Antwort auf die Frage finden werde. Eben so gut könnte man nach dem Sinn oder Unsinn von Religion oder überhaupt allen Erklärung fragen, die man nicht unmittelbar überprüfen kann. Es gibt einen Gott, ja und ? Folgen daraus irgendwelche Konsequenzen für mich. Bevor ich den nächsten Gedankengang anschließe, sollte ich dieses Beispiel verlassen. Es ist sicherlich jedem selbst überlassen, ob er an etwas glauben will oder nicht ( Natürlich nicht, falls die Theorie stimmen sollte, aber im allgemeinen schon ). Ich sehe jedoch keine Notwendigkeit an etwas zu glauben, daß keine praktischen Konsequenzen hat. Wenn sie mir gesagt hätte, wie ich den Cyberspace verlassen kann, dann hätte ich etwas praktisches gehabt. Etwas, das man unmittelbar überprüfen kann. Das hätte mich weiter gebracht, auf den Weg heraus aus dem Käfig, von dem ich mittlerweile überzeugt bin, das ihn tatsächlich gibt.

Obwohl, wenn ich mal ganz ehrlich sein soll, dann hat das ganze schon etwas gebracht. Ob das allerdings ein Nutzen und damit etwas positives ist, weiß ich noch nicht. Aber ich kann nicht leugnen, daß sich langsam aber sicher mein Denken umstellt. Wie sagte sie noch, 'der Druck ist ihnen genommen ' und das stimmt. Irgendwie kann man das Leben lockerer angehen. Man braucht sich nicht mehr über die vielen kleinen Fehler aufzuregen, die man so im Leben begeht. Beim nächsten Mal mache ich es eben anders. Außerdem verändert sich die Sichtweise. Man sieht anders. Da man, wenn man der Theorie glaubt, weiß, daß jede Kleinigkeit eventuell wichtig sein könnte, guckt man genauer hin. Man achtet mehr auf die 'Zufälle', die einen in eine bestimmte Richtung führen sollen. Oder um es ganz abstrakt zu formulieren, man weiß, daß das Leben doch einen Sinn hat. Das beruhigt.

Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal in die Kneipe und trink mir ein Pils. Eine schöne Zigarette dazu rauchen (denn wenn eh alles vorher bestimmt ist, kann man auch nicht mit Tricks sich das Rauchen abgewöhnen, dem Lungenkrebs nicht entkommen. Warum sich dann den Spaß verderben lassen, wie mein Nachbar das so schon ausdrückt ). Vielleicht finde ich sogar jemanden, oder besser zwei, die mit mir Skat spielen. Sie mögen das jetzt für einen Stilbruch halten, aber das ist es nicht. Ich muß raus aus diesem abstrakten Denken. Es überfordert mich einfach auf die Dauer über hoch geistige Fragestellungen, wie dem Sinn des Lebens nachzudenken. Ich habe keine Lust in geistigen Höhen zu fliegen, die sowieso kein Mensch nachvollziehen kann. Vielleicht spiele ich deswegen auch nur mid-low. Auf Dauer hab ich einfach keine Lust mich anzustrengen. Ich will jetzt abschalten. Nur noch darüber nachdenken, ob ich den nächsten Stich mitnehmen sollte oder lieber nicht. Mein Welt ist nicht dieses Gequatsche ohne Bezug zu jeder Realität. Die Welt, in die jetzt gerne wieder zurück möchte, kennt als größtes Problem nur die steigenden Bierpreise. Mit normalen Leuten reden, mit Menschen, die einfach in ihrer Realität leben. Sie so hinnehmen, wie sie sich nun einmal darstellt, und in dieser versuchen zurecht zu kommen. Ich will zurück in meine Kneipe.

Ein weiterer Grund für meinen kleinen Abstecher ist einer, den ich mir nicht leicht eingestehen kann. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich mich überwunden habe diesen Gedanken zu zulassen. Diese Frau ist mir einfach in allen Bereichen überlegen. Sie weiß mehr als ich. Nun wenn ihre Theorie stimmt, ist das zwangsläufig so. Aber sie ist auch intelligenter als ich. Das mag vielleicht auch nur so wirken, weil sie mehr weiß als ich, aber ihre Erklärungen klingen so logisch, so einwandfrei. Und sie sieht zusätzlich noch verdammt gut aus. Ich weiß nicht, ob sie das verstehen, aber das hemmt irgendwo. Vielleicht geistert in meinem Kopf, ganz weit hinten und bestimmt nicht bewußt, doch noch der Gedanke umher, sie näher kennenzulernen. Ich meine das gar nicht nur auf die sexuelle Ebene beschränkt, sondern ich meine wirklich kennenlernen. Vielleicht sogar eine Beziehung aufzubauen. Vom Kopf her ist das abgehakt. Aber wer weiß, ob da nicht doch einige Hormone wirken, die den Verstand außer Kraft setzen, wenn sie verstehen was ich meine. Und eben aus diesen Gründen traue ich mich vielleicht nicht immer richtig contra zu geben. Man weiß ja nie, ob sie sachliche Auseinandersetzungen von persönlichen Angriffen trennen kann. Ich nehme das an, aber man kann sich nie sicher sein. Ich meine, es besteht immerhin die Möglichkeit, daß das mich irgendwie hemmt. Verstehen sie, mir fehlt einfach die letzte Konsequenz. Mit ihr möchte ich eben viel lieber darüber sprechen, ob sie vielleicht mit mir essen geht, als das ich mit ihr darüber streiten möchte, ob ich nun noch Chancen auf ein paar Levelpunkte habe oder nicht. Um ganz ehrlich zu sein, ist mir das nämlich egal. Wenn diese Theorie stimmt, dann ist das Leben doch ein Spiel oder Urlaub, wie sie gesagt hat. Einen Urlaub sollte man doch möglichst genießen. Wer denkt schon im Urlaub über die Probleme des Alltags nach, also über das, was nach dem Urlaub kommt. Also ich nicht. Im Urlaub will ich abschalten und es mir gut gehen lassen. Und wie anders könnte man ein Dinner zu zweit, bei Kerzenlicht und einer Flasche Champagner nennen. Mir fällt kein besseres Wort als genießen ein. Wenn man dazu noch bedenkt, daß eh alles umsonst ist, und ich daran auch nichts mehr ändern kann. Ja, bitte, was spricht dann bitte noch dagegen, ein bißchen Spaß zu haben ?

Wahrscheinlich sie, weil sie nicht mitmachen wird. Aber wie heißt es doch so schön, Versuch macht klug. Ich ziehe diese Diskussion noch durch. Lasse sie alles erzählen was sie will, und danach, versuche ich sie an meiner Philosophie des Leben teilhaben zu lassen. Und ich hoffe, das klappt. Vielleicht ist dieser externe Hauptrechner auch endlich mal auf Glück für mich programmiert. Das könnte nach den Pleiten der letzten Zeit nicht schaden...

Kapitel 19

Es tut richtig gut, mal wieder unter Leuten zu sein, die man kennt. In der letzten Zeit hatte ich kaum die Gelegenheit hierher zu kommen. Ich war jetzt bestimmt drei bis vier Wochen nicht mehr hier. Aber ich glaube, man könnte auch mehrere Jahre nicht mehr hierher kommen, und es würde trotzdem alles noch so sein, wie vorher. Hier tut sich einfach nichts. Der Flipper, den der Wirt mal gewonnen hatte, das muß jetzt so etwa 8 Jahre her sein, ist immer noch kaputt. Der Billardtisch an dem ich meine Jugend verbracht habe, hat auch noch dieses großes Loch im grünen Tuch. Genau unterhalb des linken oberen Loches. Die Banden sind krumm und schief, was meine Gegner früher immer zur Weißglut brachte, weil sie damit nicht umgehen konnten. Das war sozusagen ein Heimvorteil der besonderen Art. Gestrichen und geputzt wurde der Laden zuletzt zur Einweihung, 1957. Aber was soll's. Auch wenn man erst die Spinnweben vom Stuhl abmachen muß, bevor man sich setzt. Die Gläser sind sauber, das Bier ist billig und kalt. Und alleine darauf kommt es jawohl in einer Kneipe an.

Normale Menschen verirren sich so schnell nicht in dieses Lokal. Es ist ein kleiner, aber homogener Kundenkreis, dessen Mitglieder sich alle untereinander kennen. Nun könnte man auf die Idee kommen, daß dieses Lokal die letzte Absteige ist, wo sich die Außenseiter der Gesellschaft gegenseitig die Taschen vollheulen. Aber nicht bei Bruno. Bruno ist der Wirt und ich kenne ihn schon, solange wie ich denken kann. Bei Bruno trifft sich die Elite der Straße. So haben wir uns früher genannt. Warum wir damals auf einen so dämlichen Namen gekommen sind, weiß ich auch nicht mehr. Nun ja, wir waren alle so 14 oder 15. Und bei Bruno haben wir unseren ersten Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Jedes Wochenende und manchmal sogar nach der Schule gingen wir in unsere Kneipe. Das war nämlich die einzige, in der wir ohne Paßkontrolle Bier und Schnaps bekamen. Aber wie das nun mal so ist. Irgendwann hört diese schöne Zeit auf. Hauptsächlich waren die Frauen daran schuld, wenn man überhaupt so sagen kann. Dennoch hat sich in all den Jahren eine Tradition erhalten. Wer Probleme hat, geht nicht zum Pfarrer oder zum Psychologen, der geht zu Bruno. Und ab und zu, besonders dann wenn irgend jemand mal wieder Beziehungsprobleme hat, dann trifft man sich hier. Aber der Zufall war mal wieder gegen mich. Außer mir, war nur noch Bruno da. Von meinen alten Freunden war nichts zu sehen. Nun begann das, was ich an dieser Kneipe so liebe. Absolut bedeutungsloser Smalltalk. Vielleicht ist das der grundlegendste Unterschied zwischen Männer und Frauen. Während Frauen bei solchen Gelegenheiten über irgendwelche Königshäuser sprechen, reden Männer über Fußball, oder wenn es ganz kompliziert wird über Politik.

' Na, Bruno, wie läuft's ? '

' Das siehst du doch. Es kommt einfach keiner mehr. Und bei dir so ? '

' Wie immer. '

' Das klingt nicht besonders gut. Dabei hört man so, daß es dir eigentlich recht gut gehen müßte. '

' Wer hat das gesagt ? '

' Nun es gibt einige Leute, die meinen halt, das du einen guten Grund hast, um glücklich zu sein. '

' Und was soll das bitte für ein Grund sein ? '

' Man hat dich in sehr angenehmer Begleitung gesehen. '

Ach ja, das hatte ich vergessen. Oder über Frauen.

' Sag mal, hört dieser Klatsch eigentlich niemals auf. Du weißt doch ganz genau, daß ich nie wieder damit anfangen will. Außerdem ist sie zu jung für mich. '

' Je mehr du dich dagegen wehrst, desto mehr wirst du hinein gezogen. Mal ganz nebenbei erwähnt, ist sie übrigens nicht jünger als du. '

' Woher willst du das wissen ? '

' Nun ja, sie war auch zu jung mich, aber... '

' Bruno !? '

' War nur ein Scherz. Nein, dein lieber Nachbar hat das erzählt. Und vieles andere auch noch. Gestern oder war es vorgestern, war er hier, und hat sich die Kehle zu gesoffen. Das dumme Arschloch hat mir das ganze Klo vollgekotzt. '

' Bruno ! '

' Ist doch wahr. Aber lassen wir das. Nun sag schon, wer ist sie ? Wie ist sie, du weißt schon. '

' Das geht dich gar nichts an. '

' Sie war die ganze Nacht bei dir, und es nichts passiert ? '

' Nein. '

' Du läßt nach. Aber ihren Namen wirst du mir doch wohl sagen können?'

' Na klar, ihren Namen. - Äh...'

Ihren Namen ? Wie heißt sie eigentlich ? Gute Frage, sehr gute Frage.

' Sag bloß, den weißt du auch nicht ? '

' Um ganz ehrlich zu sein. Nein. '

' Aber ihr habt schon miteinander geredet ? '

Oh, ja, das haben wir. Und wie.

' Ja, aber über nichts konkretes. Nur so ein bißchen Blabla.'

' Gespräche mit dir waren schon mal informativer. '

' Wenn ich dir jetzt sage, daß wir über Credits und Levelpunkte diskutiert haben, hilft dir das dann weiter ? '

' Flippern ? '

' Häh ? Was hat Flippern mit Credits zu tun ? '

' Nehmen wir an, du wirfst ein Fünfmarkstück ein. Dann hast du sechs Spiele, die du nicht einzeln bezahlen mußt. Also 6 Credits. Bringen die euch auf der Uni denn gar nichts bei ? '

' Das wußte ich nicht. Man bezahlt also sozusagen mit den Credits ? '

' So kann man das nicht sagen. Das ist wie beim Pokern, in richtig gepflegter Umgebung. Mit diesen Chips, in die du dein schönes Geld eintauschen mußt. Also ich persönlich finde das ja völligen Blödsinn. Ich will das Geld vor mir auf einem Haufen liegen sehen. Das macht das ganze irgendwie spannender. Deswegen mag ich auch diese Kästen nicht, die mir dieser Vertreter immer aufschwatzen will. '

' Aber man kann doch sein Geld in diese Credits eintauschen. Die sind also sozusagen eine andere Währung. '

' Weiß nicht, kann sein. Warum interessierst du dich plötzlich für Flipper ? Hat deine neue Freundin etwas damit zu tun ? '

' Sie ist nicht meine Freundin ', leider, ' aber im Prinzip schon. '

' Wußte ich es doch. Es gibt nur einen Grund dafür, daß ein Mann plötzlich seine Gewohnheiten ändert. Er will einer Frau imponieren. Na, bist du etwa verliebt ? '

' Laß mich in Ruhe. Ich sage nein, und damit ist Schluß, klar?'

' Ist ja gut. War ja nur eine Frage. Sag mal, hast du heute schon Nachrichten gehört ? '

' Nein, wieso, gibt's was wichtiges ? '

' Du weißt doch, daß dein Nachbar so einen Preis gewonnen hat. '

' Wußte ich nicht. '

' Dann weißt du auch nicht, was für einen ? '

' Nein ! '

' Stell' dir vor, er durfte nach Sydney fliegen. Er wohnt da bei irgend so einem Star. Den Namen hab ich leider vergessen. '

Gut das er weg ist. 'Schön für ihn. Nur warum erzählst du mir das ? '

' Du hast wirklich keine Nachrichten gehört, oder ? '

' Nein, das sagte ich bereits. '

' Na, da brennt doch zur Zeit alles ab. Er hatte so auf diesen Trip gefreut. Und jetzt hat er es endlich geschafft, und da brennt die ganze Nachbarschaft ab. Ist das nicht gemein ? '

Ausgleichende Gerechtigkeit, würde ich eher sagen. Wenn diese Theorie stimmt, ist er Schuld, daß ich umsonst lebe. Das ist mehr als fair. ' Ja, das ist wirklich ungerecht. '

' Das Schicksal kann man schon ziemlich hart sein. Erst nimmt man ihm seine Freundin ab und dann noch sowas. Der Typ hat das Glück wirklich nicht auf seiner Seite. Es gibt aber auch manchmal unglückliche Zufälle. Und er hatte sich noch so gefreut. Er hatte zwar ein wenig Angst vorm fliegen, aber damit konnte doch nun wirklich keiner rechnen. '

' Ja, ja.' - Halt, nein. Unglückliche Zufälle. Moment, da stimmt was nicht. Gerechtigkeit so prompt und ohne Anklage.

' Ist irgendwas was ? '

' Einen Preis, sagtest du. Wo er hat den denn gewonnen ? '

' Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, es war irgendetwas ausländisches. '

Oder außerirdisches. Außerhalb des Cyberspace nämlich. Mit allen Mitteln daran hindern. Mit allen Mitteln stand in diesem mysteriösem Brief. Ich glaube, da kommt ein riesen Problem auf mich zu.

' Bruno, ich muß gehen. '

' So schnell. Bleib doch noch ein bißchen. Ich werde auch kein Wort mehr von deiner Freundin sagen. '

' Sie ist nicht... ach vergiß es. Darum geht es nicht. Ich muß nach Hause und zwar schnell. Ciao Bruno. '

' Ciao, und paß auf das Nudelholz auf ! '

' Sehr witzig... '

Jetzt muß reinen Wein auf den Tisch. Die Wahrheit. Wenn das alles wirklich so ist, wie ich vermute, dann muß ich etwas dagegen tun. Und sie weiß, was ich tun könnte. Und wehe, sie sagt es mir nicht... ". Der Spieler geht wieder Heim und glaubt immer noch, durch die Fragestellung beeinflussen zu können, welche Informationen er bekommt.

Kapitel 20

Auf der anderen Seite zur gleichen Zeit :

" Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier für ein Chaos ausgebrochen ist. Meine geniale Idee, die Prozedur Armageddon nur lokal begrenzt ablaufen zu lassen, war gar nicht so gut. Sehr oft ist mir in den vergangenen Stunden der Verdacht gekommen, daß die Prozedur gar nicht zum Ausführen programmiert war. Denn seitdem sie im Rechner arbeitet, gerät hier alles außer Kontrolle. Das System ist zwar, wie ich schon gesagt habe, auch früher schon abgestürzt. Doch jetzt übersteigen die Reparaturzeiten die Betriebszeiten.

Es kam zu einer Krisensitzung des Komitees. So eine Art Parlament. In diesem Komitee sind aber keine demokratisch gewählten Volksvertreter, sondern es sind diejenigen, die in einem open-ended Game die meisten Level geschafft haben. Also eher eine Art Ältestenrat. Überhaupt wird bei uns jede hierarchische Stufe durch die Anzahl der Level in der höchsten gespielten Schwierigkeitsstufe zugewiesen. Abitur oder solche Dinge, gibt es bei uns nicht. Man geht einfach davon aus, das jemand der es bis zum 'mean' Level gebracht hat, eine gewisse Intelligenz besitzt. Das dieses System, was auf den ersten Blick recht fair aussieht, gar nicht fair ist, sieht man, wenn man bedenkt, das man für ein Spiel bezahlen muß. Und das ist wirklich nicht billig.

Auf jeden Fall hat das Komitee beschlossen, das System eins als Experiment mit der Prozedur weiter laufen zu lassen. Wenn man mit dem Platz für die Daten nicht mehr auskommen würde, müßte man andere Systeme abschalten. Ich habe Bedenken angemeldet. Eigentlich bin ich nicht Mitglied im Komitee, aber da System eins/74 in meinem Zuständigkeitsbereich liegt, durfte ich anwesend sein. Die Bedenken bezogen sich darauf, daß die Daten so umfangreich seien, daß man womöglich alle anderen Systeme abschalten müßte. Da dieses die Einnahmen aus dem Cyberspacegeschäft auf null bringen würde, hatte ich eigentlich damit gerechnet, daß diese hohen Herren bzw. Damen diesen Antrag sofort wieder zurückziehen würden. Aber sie taten es nicht. Die Prozedur sei wichtiger als kurzfristige wirtschaftliche Einbußen. Also ich mache diesen Job wirklich schon ziemlich lange, aber das diesen Leuten irgendetwas wichtiger ist, als die Credits, habe ich noch nie erlebt.

Nun es kam, wie ich es vorausgesagt hatte. Wir haben momentan noch drei Systeme am laufen. Keiner von uns kann sich erklären, warum dieses Prozedur so groß ist. Was kann nur soviele Daten beanspruchen ? Aber wir alle haben den Verdacht, daß die Leute des Komitees genau wissen, was hier geschieht. Dazu paßt auch, daß die Gelder für die Erforschung des Pettersonvirus von heute auf morgen verzehnfacht wurden. Und das natürlich bei Einnahmen die jetzt im Prinzip gleich null sind. Diese Leute sind eigentlich nicht dafür bekannt, großzügig mit ihrem Geld umzugehen. Das hat alles nichts mehr damit zu tun, daß irgendein Urlauber ein Zugang zum VRS gefunden hat und dadurch diese Prozedur auslöste. Sie brechen normalerweise hunderte von Reisen ab. Tag für Tag. Und die Strafe für dieses unerlaubte Eindringen ist nun mal der Abbruch. Da steckt mehr dahinter. Nur leider wissen wir noch nicht was. Und die da oben in ihrem Glaskäfig mit den ganzen Monitoren werden es uns nicht sagen. Vielleicht noch etwas, was diese Situation besonders macht. Normalerweise gönnen sich die Leute im Komitee nicht einmal gegenseitig ein Haar in der Suppe. Aber diesmal sind sie sich alle einig. Es gibt keine Intrigen. Und das ist mehr als nur ein Zeichen dafür, daß es wirklich ernste Probleme sind, die da auf uns zukommen.

Noch etwas mach mich nachdenklich. Es ist von oben angeordnet worden nicht die Sparversion der Prozedur zu verwenden, sondern das Original. Dieses Riesenprogramm, das die Speicherkapazität bei weitem übersteigt. Wir mußten alle still gelegten Systeme untereinander vernetzen, um irgendwie genügend Platz zu schaffen. Das muß früher oder später einfach zu Kurzschlüssen führen. Aber sie wollen nicht hören. Es war ihnen völlig egal, daß alle Urlauber, die zwangsweise zurückgeholt worden sind, Regressansprüche gelten machen können. Nur der Problemfall und sein Helper müßten auf jeden Fall im System bleiben. Und an dem Automaten dürfe nichts, aber auch gar nichts eingeschränkt werden. Eigentlich sollten die beiden nicht merken, daß bei uns einiges schief läuft. Da ich sowieso schon die Erlaubnis zur Aufklärung des Urlaubers gegeben habe, übrigens ohne Rückendeckung von oben, halte ich es aber für besser, sie umfassend zu informieren. Nicht über das, was die Prozedur betrifft, aber über die allgemeinen Spielregeln. Und ich meine, das geht am besten direkt. Auf diese Weise können wir uns viele Berechnungen sparen und verhindern gleichzeitig noch Mißverständnisse. Denn in diesem besonderen Fall, ist es zur Abwechslung mal erwünscht, ja notwendig, daß der Urlauber die Wahrheit kennt. Er muß dieses Hintergrundwissen mit in seine Überlegungen einbeziehen und danach seine Entscheidungen treffen. Ein mid-low Spieler wird unsere Hilfe brauchen, und ich finde, die hat er sich auch verdient. Er hat sich wirklich Mühe gegeben allein hinter das Geheimnis zukommen. Und wenn nicht dieser Petterson verseuchte Subcharakter dazwischen gekommen wäre, hätte er seinen Level gelöst. Da Petterson nicht von ihm verschuldet ist, finde ich, sind wir ihm das schuldig.

Nur, ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn mein Chef das rauskriegt. Trotzdem muß ich das jetzt durchziehen. Wenn die Kontaktadresse noch steht, dann ist das Risiko eh minimal. Und diesmal werde ich keinen Absender hinterlassen. Das ist nämlich eigentlich der Hauptgrund für mein schlechtes Gewissen. Wenn ich nicht so blöd gewesen wäre, hätte der Urlauber nie an diesen Code kommen können. Im Grunde habe ich das ganze verursacht. Nur das, darf mein Chef erst recht nicht wissen." Ein schuldbewußter Spieleconditioner trifft eine mutige Entscheidung.

Kapitel 21

Der Spieler fährt fort :

" Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Ich brauchte nicht einmal eine Frage zu stellen. Oder wenigstens vorher nicht. Sie war nämlich gar nicht mehr da. Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel. Wenn irgendwo handgeschriebene Zettel liegen, bin ich vorsichtig. Sehr vorsichtig. Zu oft habe ich mir damals selbst ausgemalt, wie es wäre, wenn die anderen einen handgeschriebenen Brief von mir lesen würden. Das mag sich etwas nach Paranoia anhören. Aber wenn ein Brief länger als, sagen wir mal, eine halbe DIN A4 ist, dann ist er meistens emotionaler Natur. Solchen Briefen gehe ich lieber aus dem Weg. Dabei hatte ich gerade angefangen, mich mit dem Gedanken anzufreunden, daß sie womöglich länger bleibt. Ich habe wirklich eine geschlagene halbe Stunde einfach nur vor dem Brief gestanden. So weit weg, daß ich die Schrift nicht mehr lesen konnte. Unter normalen Umständen hätte ich mich wahrscheinlich schneller entschlossen, den Brief zu lesen. Aber in den letzten 2 Tagen ist soviel passiert. Soviel grundlegendes. Alles ist anders und nichts, was vorher galt, gilt jetzt auch noch. Eigentlich hätte ich ihr so etwas nicht zugetraut. Aber hätte ich ihr eine Diskussion wie die heute morgen zugetraut ? Doch wohl eher nicht. Meine Menschenkenntnis ist auch eins von diesem Dingen, was nicht mehr richtig funktioniert.

Aber eigentlich haben sie recht, es klingt nicht nur nach Paranoia, das ist Verfolgungswahn in Reinkultur. Das wurde mir auch nach einer halben Stunde klar. Doch so bestimmte einzelne kleine Dinge sind bei mir so stark besetzt mit Erlebnissen aus jener dunklen Zeit, daß diese Assoziationen jegliches vernünftige Denken ausschließen. Vielleicht hätte ich mich damals doch in eine Therapie begeben sollen. Nun ja, die Chance ist vertan. Und im großen und ganzen bin ich ja auch o.k., aber ich habe mir wirklich überlegt, was ich machen würde, wenn da diese grausame Standardsatz stehen würde. 'Wenn du diese Zeilen liest... '. Ich glaube sie wissen, wie es weiter geht. Doch zum Glück kam es ganz anders und damit hoffe ich, daß ich meine Vorgeschichte endlich hier raus halten kann. Das ist vorbei.

Nun aber zu dem tatsächlichen Inhaltes des Briefes. Der lautete nämlich wie folgt :

' Sehr geehrter Urlauber,

das Komitee hat beschlossen sie direkt zu informieren, da ein Helper nur beschränkt Auskunft geben darf. Auf Grund einiger technischer Schwierigkeiten können wir uns keine weiteren Verzögerungen leisten, die mit der umständlichen Informationsmethode der Helper verbunden sind. Falls sie dieser Text überfordern sollte, bitte ich sie gezielte Nachfrage an den Helper zu stellen. Ebenfalls bitten wir zu entschuldigen, daß wir eventuell auch Dinge erklären, die sie schon wissen.

Die Informationen lauten wie folgt :

Vergessen Sie alles, was sie bisher gehört haben. Alles. Alles in Bezug auf Leben, Tod, Liebe, Menschen, Schicksal. Es gibt kein Glück oder Pech. Es gibt keine Gerechtigkeit, keine Moral. Vergessen Sie die Ethik, die Psychologie und die Logik. Fangen Sie wieder bei null an !

Das Leben ist nur ein Spiel. Ein komplexes, wenn man es gerade spielt, schwer zu durchschauendes Spiel, aber nur eben nur ein Spiel. Da ich annehme, daß sie gerade leben, haben sie sich entschieden, es zu spielen. Es ist schön, daß sie die Herausforderung annehmen. Aber sie sollten sich im Klaren darüber sein, daß es kein Zurück mehr gibt. Wenn sie einmal drin sind, kommen sie erst wieder raus, wenn ihre Aufgabe gelöst ist. Sie können sich eine Kugel in den Schädel jagen oder ähnliche Dinge tun. Aber sterben werden sie erst, wenn ihre Aufgaben erledigt sind. Es gibt Hinweise, was ihre Aufgaben sind. Wenn sie ein guter Spieler sind, wird es ihnen gelingen, diese Zeichen zu erkennen. Wir hier, nennen diese Aufgaben 'die Level '.

Da die Sprache nur Dinge beschreiben kann, die man sich auch vorstellen kann, ist es nicht möglich, zu erklären, wie es tatsächlich hier aussieht. Deshalb muß ich einen ziemlich stark hinkenden Vergleich bemühen. In ihrer Welt gibt es sogenannte Spielhallen. Daß diese im Volksmund auch häufig 'Spielhöllen' genannt werden, ist mehr als bloßer Zufall. Ach, das hatte ich noch nicht gesagt, 'Vergessen sie auch den Zufall ! ', den gibt es auch nicht. In diesen Spielhallen gibt es verschiedene Automaten, an denen man spielen kann, aber natürlich nicht muß. Es sei denn, man ist spielsüchtig, aber daß ist eher die Ausnahme. Den meisten reicht ein Spiel. Bei manchen Spielen geht es darum bestimmte Aufgaben zu lösen. Meistens ist es so, daß man erst bestimmte Fähigkeiten oder Zustände erwerben muß, oder mit einer ganz bestimmten Person sprechen muß, um an einer anderen Stelle diese Gegenstände bzw. Informationen einsetzen zu können. Nun da beginnt der Vergleich schon zu hinken. Im Leben kann man nicht alles machen, nur weil es vielleicht irgendwann mal gebrauchen kann. Man muß auswählen. Wir nennen das 'selektieren '.

Beim Selektieren kann es dann zu Kombinationen kommen, die einfach nicht zusammen passen. Ein einfaches, deshalb vielleicht ein etwas krasses Beispiel. Ein Mann hätte die Fähigkeit ein toller Vater zu sein. Doch was hilft ihm das, wenn er impotent oder schwul ist. Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zusammen. Und dabei es gibt noch einen Faktor. Die Zeit. Etwas, daß so wie es sich vorstellen auch nicht existiert. Die Zeit ist vielmehr eine Ortsangabe in der vierten Dimension. Sie markiert den Entwicklungsstand der Menschen um sie herum und hilft bei der Einordnung in historische Zusammenhänge, die es eigentlich auch nicht gibt. Die Zeit ist mit das entscheidenste Kriterium beim Selektieren. Ein Beispiel. Was hilft es jemanden, daß er bzw. sie ein begnadetes Computergenie ist, wenn er bzw. sie Mitte des 18. Jahrhunderts lebt. Er kann seine Fähigkeiten nicht nutzen und das sind verschenkte 'Credits'.

Credits kann man sich vorstellen wie ein Konto. Bevor man in das Spiel einsteigt, kann man sich das Konto zusammenstellen. Die Ausgangsmenge ist übrigens immer gleich. Es kommt drauf an, daß man die Credits möglichst effektiv einsetzt. Jemand der klug, schön, nett, reich und auch noch gesund ist, und das sein ganzes Leben, das ganze Spiel lang, werden Sie nicht finden. Es kommt auf die Gewichtung an. Die Auswahl vor dem Spiel ist nicht mehr zu verändern (Es sei denn mit unzulässigen, fiesen und gemeinen Tricks ). Wie gesagt, die Summe aller guten und schlechten Eigenschaften ergeben immer null. Deshalb sollten sie nicht soviel nörgeln, sondern sich klar machen, daß sie es so gewollt haben. Leider gibt es keine Optimaleinstellung, die man nach ein paar Fehlversuchen schon irgendwie rauskriegt, sondern jede, ich betone, jede Einstellung hat Vor- und natürlich auch Nachteile. Sonst wäre das Spiel ja auch ziemlich langweilig.

Nun mögen Sie vielleicht einwenden, daß es doch diese schönen und reichen Menschen gibt. Leuten, denen es immer gut geht. Oder eben Menschen aus dem anderem Extrembereich. Das ist aber nicht so. Das sind nämlich nur sogenannte 'Statisten '. Wenn sie mal genau überlegen, wird ihnen schnell klar, daß sie keinen dieser Superreichen persönlich kennen. Leute, die sie näher kennen, haben alle Stärken und Schwächen. Diese sind auch keine Statisten, sondern sogenannte 'Subcharaktere'. Im Grunde ist der einzige Unterschied der, daß die Subcharaktere etwas aufwendiger gestaltet sind. Übrigens ist die Anzahl dieser Subcharaktere auf maximal. 1024 begrenzt. Allerdings wird an einer Verbesserung gearbeitet. Jetzt aber können sie es manchmal merken. Manche Menschen in ihrer Umgebung entsprechen anderen Menschen, die sie vielleicht jetzt nur flüchtig kennen, die aber später mal wichtig werden könnten. Ähnliches Aussehen, ähnliche Arten sich zu Bewegung, zu Sprechen, oder allgemeiner sich zu verhalten. Denken sie einmal darüber nach, und sie werden merken, wieviele von diesen Ähnlichkeiten sie schon unbewußt wahrgenommen haben, ohne sich weiter darum zu kümmern.

Die Statisten sind z.B. Idole. Leute, die einen beeinflussen, ohne das man je persönlichen Kontakt zu denen hatte. Aber es gibt auch abschreckende Statisten. Der Penner auf der Straße z.B., der nur dazu da ist, sie zu motivieren, weil sie nicht werden wollen wie er. Statisten sollte man grundsätzlich wahrnehmen und über sie nachdenken. Das kann mitunter sehr hilfreich sein. Aber sie sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, daß nur extreme Personen Statisten sind. Die Zahl der Statisten ist nahezu unbegrenzt. Rein theoretisch wäre bei einer Zahl 2 hoch 96 Schluß. Da diese Zahl selbst meinen Taschenrechner überfordert, bin ich mir ziemlich sicher, daß sie nicht merken würden, wenn sich innerhalb dieser Zahl mal ein Statist wiederholt.

Nun aber wieder zurück zu den Grundlagen. Sie sind der einzig handelnde Mensch. Alle anderen um sie herum, reagieren nur auf sie, meistens indirekt, oder sie versuchen sie in eine bestimmte Richtung zu führen. Das Gemeine an der Sache ist, das einige Richtungen in die Sackgasse führen. Auch hier müssen sie wieder selektieren.

Zum Thema Moral oder Ethik kann man eigentlich nur sagen, daß sie keine verbindlichen Regeln sind. Natürlich ist es so, daß derjenige, der den Ellbogen als sein wichtigstes Körperteil ansieht, nicht besonders beliebt sein wird. Das kann unter Umständen sehr kontraproduktiv sein, muß es aber nicht. Auch hier muß man von Fall zu Fall unterscheiden und Prioritäten setzen. Irgendwelche göttliche Strafen oder Fegefeuer gibt es nicht. Es gibt Strafen, die an meisten genutzte ist die Disqualifikation.

Alles um sie herum, ist nur Kulisse oder besser ein Spielfeld. Ich weiß nicht, in welcher Haltung sie sich gerade befinden, aber nehmen wir mal an, sie sitzen. Dann spüren sie an bestimmten Körperstellen Druck oder Widerstand. Und daraus schließen sie eben, daß sie sitzen. Aber es könnte Millionen anderer Gründe geben, warum gerade diese Körperstelle mit Druck versehen werden. Ich mache ihnen dieses Denken nicht zum Vorwurf, denn sie sollen ja so denken. Die Augen liefern Bilder, die diese, ihre Interpretation der Situation unterstützen. Aber wie leicht die Augen getäuscht werden können, wissen sie spätestens nach einem Kinobesuch. In Filmen wird unser Auge regelmäßig getäuscht. Ja, selbst wenn sie nur den Fernseher anmachen, und glauben ein einheitliches Bild zu sehen, sind sie schon getäuscht worden. Im Grunde wissen das auch alle, aber es wird kontinuierlich verdrängt, weil wir auf unsere Augen angewiesen sind. 80%, so ungefähr wenigstens, unserer Wahrnehmung ist optisch. Ohne unsere Augen wären wir nicht nur blind, sondern auch hilflos. Nun stellen sie sich aber mal vor, vor ihren Augen würde ein Film ablaufen. Jedes Bild wäre künstlich und entspräche gar nicht der Realität. Sie sagen, das gibt's nicht. Selbst in ihrer Welt gibt es klägliche Ansätze dazu, so etwas herzustellen. Virtuelle Realität als Schlagwort. Technisch zwar auf sehr niedrigen Niveau und noch nicht annähert realitätsnah, aber doch vom Ansatz her vergleichbar. Alle anderen Sinnesorgane lassen sich genauso täuschen. Für die Ohren reicht ein Walkman im Preis von DM 40. Geschmack und Geruch übersteigen noch eure technische Möglichkeiten, aber auch das ist im Grunde kein Problem. Alle Sinne lassen sich täuschen. Sie laufen und leben in einer rein fiktiven Welt, die sie sich ausgesucht haben. Also auch daran sind sie selbst Schuld. (Dies ist eine sehr grob vereinfachte Darstellung. Nicht ihre Sinne werden getäuscht, sondern ihre Sinne täuschen sie. Aber das kapieren sie eh nicht )

Nun fragen Sie sich sicher, warum ich ihnen das alles schreibe. Im Grunde bringt ihnen dieses Wissen nur Nachteile. Sie sind für alles selbst verantwortlich. Es gibt keine Sündenböcke mehr. Sie können nun nicht mehr sagen, daß sie einfach nur Pech gehabt haben, daß der Zufall einfach gegen sie war. Jeder ist seines Glückes Schmied. Soweit die Theorie, doch leider ist dem nicht so. Es war sicherlich so geplant. Chancengleichheit für alle. Jeder fängt mit demselben Level an. Aber dann kam ein ziemlich verrückter Mensch und hat das System geknackt und das aus dem Spiel selbst heraus. Sie glauben gar nicht, wieviele Knüppel wir ihm zwischen die Beine geschmissen haben (und auch noch weiter schmeißen werden, wenn es zu keine Kooperation kommt ). Wir waren sogar kurz davor, ihn zu disqualifizieren. Doch das durften wir nicht. Von außen einzugreifen, würde gegen die Regeln verstoßen. (Aber Regeln kann man ändern )

Du weißt von wem die Rede ist, nicht wahr, Spieler eins ?

Wenn du noch einmal versuchst ins VRS-System einzusteigen, dann ziehen wir dich aus dem Verkehr ! Das ist unsere letzte Warnung. In Sydney war erst der erste Reiter...'

Was soll man nun von so einem Schriftstück halten ? Entweder es ist das, was ich denke, nämlich eine Zusammenfassung von alle dem, was ich ohnehin schon weiß. Eine Übersicht aus der man leichter lernen kann. Oder es ist wirklich von der anderen Seite. Ein paar Formulierungen lassen darauf schließen. Es werden teilweise Dinge gestreift, die neu für mich sind. 'Gezielte Nachfragen an den Helper ' soll ich stellen. Nur wie soll ich das bitte machen, wenn sie nicht da ist ? Der Brief, wenn man diese Zettel denn zu nennen will, ist ja eigentlich recht verständlich gewesen. Vielleicht wollen die auf anderen Seite wirklich, daß ich alles weiß. Ich glaube, ich sollte das jetzt einfach mal annehmen. Es nützt nichts, wenn man allem und jedem mißtraut. Außerdem stimmt der Brief ja in großen Teilen mit dem überein, was sie gesagt hat. Allerdings auch wieder nicht so gut, daß man auf die Idee kommen könnte, daß sie ihn geschrieben hat. Die Richtung der Erklärungen, die von ihr und die aus dem Brief, sind nahezu entgegengesetzt, aber kommen trotzdem zum selben Ziel. Ich meine, daß erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß das Ergebnis stimmt.

Nur selbst wenn ich dem ganzen Glauben schenke, was habe ich davon ? Diese Frage hatten wir schon mal. Aber jetzt kommt ein neuer Gesichtspunkt hinzu. Dieser Brief ist ganz eindeutig eine Warnung. Aber vor was bitte ? 'Der erste Reiter', was soll das bitte heißen ?

Kapitel 22

Als sie nach zwei Stunden immer noch wieder aufgetaucht ist, habe ich mich damit abgefunden, daß sie nicht mehr zurück kommen wird. Und wenn ich recht habe, dann ist sie nicht einfach nur gegangen. Vielleicht ist sie einfach überflüssig geworden, weil ich nun direkt informiert worden bin. Sie hat ihre Aufgabe sozusagen erfüllt. Und wie hieß das nochmal in diesem Brief. 'Sterben werden sie erst, wenn ihre Aufgabe erledigt ist.' Nun weiß ich nicht ob das stimmt. Aber wenn das stimmt, dann besteht die Gefahr, das man diesen Satz umdrehen kann. Das man die hinreichende und notwendige Bedingung vertauschen kann. Wissen sie was das heißen würde ? Dann wäre sie tot. Tot !!!

Nun könnte ich natürlich einfach sagen, die Theorie ist völliger Schwachsinn. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit, daß ihr Verschwinden ihrem Tod entspräche, sehr viel geringer, um nicht zu sagen, fast gar nicht vorhanden. Das wäre natürlich wesentlich angenehmer. Aber auf Grund meiner natürlichen Sturheit und der schon mal geschilderten Ablehnung gegenüber Opportunismus bleibe ich trotzdem bei der Theorie des externen Hauptrechners. Es ist nicht richtig, wenn man eine Idee nur dann gut findet, wenn sie einem Vorteile bringt.

Um die Spannung nicht zu groß werden zu lassen, muß ich sagen, daß sie nur nach Hause gefahren war, um Bescheid zu sagen, wo sie in der nächsten Zeit zu erreichen sei. Nach weiteren drei Stunden kam sie fröhlich zurück. Aber bis es so weit war, hatte ich mir die größten Sorgen gemacht. Da zum Teil sehr verrückte, um nicht so sagen, paranoide Ängste die Sorgen bestimmten, erzähle ich nicht im einzelnen, was sich in meinem Kopf abspielte. Das ist, wenn die Fakten dagegen setzt, nämlich ziemlich peinlich. Nur es bleibt festzuhalten, daß ich rund 5 Stunden alleine war.

In dieser Zeit habe ich nicht nur über Schwachsinn nachgedacht. Obwohl es für einen Außenstehenden so klingen mag. Wenn man jemanden, der nichts von der Materie versteht, sagt, man suche eine Verbindung zwischen Cyberspace, Reiter, Sydney, einem Komitee und Feuer, dann kann schon mal zu hören kriegen, daß man nicht mehr so ganz alle Tassen im Schrank hätte. Und ich muß sagen, obwohl ich wirklich lange versucht habe, eine Verbindung zwischen all diesen Dingen zu sehen, konnte ich sie nicht finden. Aber trotzdem bin ich weiter gekommen. Denn ich weiß jetzt, was Cyberspace mit Sydney und was Reiter mit Feuer zu tun hat.

O.K. also der Reihe nach. In Sydney lebt ein Forscher namens Falker. Dieser Mensch ist so etwas wie Einstein auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Was künstliche Intelligenz mit Cyberspace zu tun hat, weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall heißt das Institut, an dem arbeitet, 'Virtual Reality Research Centre Sydney '. Wie ich weiter von Bruno erfahren habe, ist das der angesprochene Star, den mein Nachbar besuchen wollte. (Da ich ziemlich mit den Nerven fertig war, da ich ja dachte, daß der schönste Helper, den ich kenne tot sei, bin ich zu Bruno gegangen und habe ein paar Bierchen getrunken. ) Ich finde das immerhin eine interessante Konstellation von Umständen, um nicht von Zufall zu reden.

Die zweite Verbindung zu entdecken, hat etwas länger gedauert. Heute ist ein Montag, das ist wichtig, weil dann gestern Sonntag war. Der Tag, der einzige Tag, an dem im Fernsehen wenigstens teilweise vernünftige Musik läuft. Die Rede ist Headbangers Ball auf MTV. Da die Musiker in dieser Show immer etwas härter sind, und auch dem entsprechend härtere Videos produzieren, läuft diese Sendung zu meinem Bedauern sehr spät. Doch da Gott gnädig ist, hat er den Menschen die Fähigkeit gegeben, einen Videorecorder zu erfinden. Und manchen Menschen sogar die Fähigkeit ihn zu bedienen. An manchen Tagen gehöre ich zu den auserwählten. So am gestrigen Sonntag. Und da ich ja alleine war, also niemanden mehr mit meiner Musik vergraulen konnte, drehte ich den Fernseher bis zum Anschlag auf und legte das Band ein.

Aus jugendschutzrechtlichen Gründen muß klar davor gewarnt werden, daß Ihr falls Ihr noch keine 18 seit, dieses nachmacht, sonst passiert euch nämlich das gleiche wie mir. Die Boxen im Fernseher sind nämlich nicht so stabil, wie die an einer Stereoanlage und sind deswegen durchgeknallt. Sie sind zwar nicht ganz kaputt, aber doch empfindlich gestört. Doch das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Eins der wenigen, daß ich noch hören konnte, war 'Four Horsemen' von Metallica. Nun ist es nicht so, daß ich dieses Lied da zum ersten mal gehört hätte, aber erst jetzt dachte ich ausgiebig über den Text nach. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich bekam keinen Sinn zusammen. Doch dieses Lied war der Anlaß dafür, daß ich meine relativ umfangreiche Plattensammlung, hauptsächlich Musik aus demselben Genre, durchsuchte nach vielleicht etwas ergiebigeren Texten zu diesem Thema. Ich gebe zu, daß das eine ziemlich ungewöhnliche Methode ist, um an Informationen zu kommen. Aber es hat funktioniert.

Die vier Reiter sind Teil einer biblischen Prophezeiung vom Untergang der Welt. Die Apokalypse. Davon haben sie mit Sicherheit auch schon gehört. Mir ist übrigens aufgefallen, daß es eine Menge Leute gibt, die von dieser Idee nahezu besessen sind. Vielleicht erinnern sie sich noch, an diese merkwürdige Sekte in Waco, Texas (USA). Die waren sogar so davon überzeugt, daß sie sich deswegen umgebracht haben. Die Logik hinter dieser Aktion habe ich bis heute nicht verstanden. Sich umbringen, damit man nicht beim Weltuntergang sterben muß, ist nicht unbedingt als genialer Einfall zu bezeichnen. Auf jeden Fall scheinen sich immer schon Leute dafür interessiert zu haben.

Diese vier Reiter stehen für den Beginn des Untergangs. Was das konkret zu bedeuten hat, ist nicht ganz sicher. Die Gelehrten streiten heftig darum. Eine Interpretation ist, daß jeder dieser Reiter für eins, der vier antiken Elemente steht, die zu einem bestimmten Zeitpunkt außer Kontrolle geraten. Da Feuer eins dieser vier Elemente ist und es in Sydney gebrannt hat, ist es immer hin möglich, daß der Schreiber des Briefes, auf diese Apokalypse hinweisen wollte. Diese wird übrigens auch als der Endkampf zwischen gut und böse bezeichnet. Der Fachbegriff dafür ist Armageddon. Also wenn dem so ist, dann steht fest, daß der Schreiber des Briefes wohl kein knallharter Realist ist. Und das ist sehr freundlich formuliert.

Wenn mir nun noch jemand erklären könnte, wie ein Wahnsinniger an die ganzen anderen Informationen gekommen ist, dann wäre ich glücklich. Für mich steht fest, daß dieser Brief nicht von der anderen Seite gekommen sein kann. Eine höhere Intelligent würde sich ja wohl kaum ausgerechnet auf unsere Bibel beziehen. Es sei denn, der christliche Glauben stimmt. Dann wäre aber der Rest des Briefes unlogisch. Da ist ein Widerspruch, den ich nicht unter einen Hut kriege. Denn wenn der Brief aus dieser Welt kommt, wer hat ihn dann geschrieben ? Eigentlich kommt nur einer bzw. eine in Frage, nämlich mein angeblicher Helper. Nur es muß ihr doch klar gewesen sein, daß sie sich durch diesen Zusatz nur unglaubwürdig macht. Außerdem woher sollte sie wissen, daß ich weiß, daß es in Sydney gebrannt hat. Woher soll das überhaupt jemand wissen ? Der einzige, der das wissen kann ist - Bruno ? Nein, daß glaub ich nicht. Er kann nicht so einen Text verfassen und außerdem weiß er wiederum nicht, was mein Helper gesagt hat. Es gibt eigentlich nur eine Schlußfolgerung daraus. Irgendwas oder irgendwer beobachtet mich. Nur warum ?

Das ganze ergebe nur dann einen Sinn, wenn die Theorie stimmt und die Wesen außerhalb des Käfigs fleißig damit beschäftigt sind, meine Punkte zu zählen. Das wiederum ergebe nur dann einen Sinn, wenn ich auch Levelpunkte kriegen kann, was ja laut dem Helper eben nicht mehr geht. Ich schließe daraus, daß der Helper entweder nicht alles weiß oder mich belogen hat oder die ganze Theorie an diesem Punkt zum ersten mal anfängt, in sich unlogisch zu werden. Damit könnte man sie begraben.

Da ich noch ein wenig an dieser Theorie festhalten will und ich nicht glauben kann und will, daß sie mich belogen hat, bleibt nur die Schlußfolgerung, daß sie nicht alles weiß. Und gerade das macht sie, so finde ich zu mindestens, sympathisch. Leute, die alles wissen sind mir unheimlich. Das war schon früher in der Schule so. Zu sogenannten Überfliegern hatte ich immer ein gespanntes Verhältnis. Ich bitte das nicht bloß mit Neid abzutun. Es war etwas anderes. Vielleicht Faszination, die ich mir nicht eingestehen wollte, da es meinen Lebensgrundsätzen widersprochen hätte. Aber das ist lange her. Nun muß ich herausfinden, wo die Grenzen ihres Wissen liegen. Mit den richtigen Fragen werde ich das schon herausfinden. " Der Spieler hält weiterhin an seinem Aberglauben fest, selbst entscheiden zu können, was er erfährt und was nicht.

Kapitel 23

" Haben sie schon mal im Fernsehen gesehen, was sich in einer Bodenstation abspielt, wenn ein Raketenstart geglückt ist ? So in etwa war die Stimmung bei uns, als Sydney in Flammen stand. Nun ja, es waren nur die Vororte, aber trotzdem, es war der Beweis, daß die alte Prozedur doch noch funktioniert. Das mag für sie etwas zynisch klingen, aber sie vergessen dabei, daß es sich nur um eine Computersimulation handelt. Es sterben dabei keine Lebewesen, sondern es werden nur ein paar Filmsequenzen gelöscht. Ich persönlich hatte die Ehre, das Gelingen des Unternehmens unserem Komitee zu melden. Doch anstatt mit Lob überschüttet zu werden, wurde ich mit Vorwürfen übergossen. Was ich mir wohl dabei gedacht hätte, ausgerechnet in Sydney zu starten ? Überall hätte ich beginnen können, nur nicht da. Aber auf eine Erklärung wartete ich vergebens. Dabei konnte ich überhaupt nichts dafür. Der Computer hat das Ziel ausgewählt. Das sagte ich den hohen Herren und Damen auch so. Daraufhin sprach eine heftige Diskussion aus. Sie sprachen Naboja. Dies ist eine Sprache, die nur ganz wenige Leute sprechen und als eine Art Amtssprache in den obersten Gremien benutzt wird. So ähnlich wie bei ihnen Latein. Diese Sprache soll ein Außenstehender nicht verstehen. Nach gut zwei Minuten entschuldigten sie sich dann bei mir und sagten, daß wir mit nächsten Schritt noch ein wenig warten sollten. Ich entgegnete, daß dieses unmöglich sei, da diese Prozedur leider nicht mehr zu stoppen sei. Dann brach eine hektische Diskussion aus, die ich genauso wenig verstand, wie die erste. Als Ergebnis daraus folgte das, was ich ohnehin schon getan hatte. Der Urlauber müsse in vollem Umfang unterrichtet werden. An der Mimik einiger Mitglieder des Komitees war abzulesen, daß das nicht die Meinung aller war. Weil das so war, sagte ich lieber nicht, daß ich das schon von selbst eingeleitet hatte. Diese Leute mögen es gar nicht, wenn irgendetwas ohne ihre Zustimmung geschieht. Und vermutlich auch dann nicht, wenn es eigentlich in ihrem Interesse liegt.

Während ich in dem Glaskäfig mit dem Komitee meine wertvolle Zeit vergeudete, war der Computer zum nächsten Schlag bereit. Diesmal in Kalifornien... "

Kapitel 24

Der Spieler fährt fort :

" Es gibt Tage, da tut man Dinge, die man eigentlich nie wieder tun wollte. Es ist ihnen vielleicht schon aufgefallen, daß man mich als religiös unabhängig oder wie man das früher genannt hätte, als Heide bezeichnen könnte. Das wäre für mich keine Beleidigung, sondern schon eher ein Lob. Ich bin nämlich stolz darauf, daß ich nicht alles glaube, was man mir erzählt. Besonders allergisch reagiere ich darauf, wenn man mich in eine bestimmte Richtung manipulieren will. Eine Begründung, daß etwas gut ist, weil es gut ist, ist keine Begründung für mich. Aber so wird viel häufiger argumentiert, als das ein normaler Mensch merkt. Das gilt besonders für religiöse Dinge. Egal welche theologische These man anzweifelt. Wenn man fragt, warum das denn so richtig sei, bekommt man zu hören, weil das so in der Bibel steht. Wenn man dann noch so dreist ist und nachfragt, was das denn bitte mit der Frage zu hätte, wird einem gesagt, daß die Bibel Gottes Wort sei und Gott nicht lügt. Deswegen sei alles in der Bibel richtig. Es stimmt also, weil es stimmt. Das war mir irgendwann zu wenig als Begründung. Deswegen, nicht nur deswegen, aber eben auch deswegen habe ich mich schon vor längerer Zeit vom christlichen Glauben als Dogma verabschiedet. Das ist nur eine Möglichkeit der Erklärungen von vielen. Und wie ich finde, nicht die beste. Aber das sollte sicher jeder für sich selbst entscheiden. Da ich mich aber nun einmal so entschieden hatte, stand ich nun vor einem Problem. Ein anderer Mensch hätte, wenn er etwas über die Apokalypse wissen wollte, einfach in der Bibel, sozusagen direkt von der Quelle, genommen und es nachgelesen. Doch in meinem Haushalt gibt es keine Bibel. Mir war das eigentlich nie bewußt worden. Aber irgendwie kam ich mir, als ich das merkte, doch etwas kulturlos vor. Ich meine, man muß ja nun nicht glauben, was da drin steht, aber man sollte doch zu mindestens eine grobe Vorstellung haben, was da drin steht. Das gehört eigentlich doch zur Allgemeinbildung. Doch auf diesem Gebiet hatte ich eine riesen Lücke. Es hätte mich wirklich interessiert, wie der genaue Wortlaut denn nun im Original war. Doch ich konnte mich nicht dazu überwinden, für ein solches Buch Geld auszugeben. Da hätte sich mein Gewissen umgedreht. Seit dem berühmten Buch des Salman Rushdie ist ja allgemein bekannt, was einem alles passieren kann, wenn man einfach über Religionen herzieht. Deswegen will ich meine Gründe für die religionsfeindliche Haltung nicht ausführen. Fanatiker gibt es auch bei den Christen genügend. (für Insider : So falsch lag Harry K. nicht ). Da ich also kein Original besaß, mußte ich mich mit Interpretation, meistens in filmischer Form herumschlagen. Der Haken ist nur, das sich die Regisseure dieser Welt nicht einig sind. Bei allen Untergangsfilmen, zu mindestens, die die ich gesehen habe, spielen sieben oder sechs Zeichen eine Rolle. Nur welche das in welcher Reihenfolge sind, darüber herrscht allgemeine Verwirrung. Zwar spielen sie bei allen Naturkatastrophen eine Rolle, aber das ist auch schon die einzige Übereinstimmung. Nein, es gibt noch eine weitere. Nachdem alles vorbei ist, sollen die Guten, wer auch sonst, überleben. Nur wer die Guten sind, weiß auch wieder keiner. Dieses Vakuum wird häufig von Sekten ausnutzt. Diese behaupten, daß sie die einzigen Guten seien. Da das aber jede Sekte von sich behauptet, ist man dadurch auch nicht schlauer.

Sie werden sich sicher fragen, was mein Helper tut. Nun sie ist damit beschäftigt, den Brief zu lesen. Obwohl ich glaube, daß sie ihn mittlerweile schon zum 15. Mal liest, macht sie keine Anstalten damit aufhören, und wird ihn vermutlich noch 15 Mal lesen, wenn nicht öfter. Während sie das tat, beobachtete ich sie. Sie gehört wirklich zu dieser sehr selten Gruppe von weiblichen Wesen. Warum müssen die Umstände immer alles so kompliziert machen ? Hätte ich sie denn nicht vor einem Jahr treffen können ? Was hätte unter normalen Umständen nicht alles schönes passieren können ? Aber wenn das Pferd eine Katze wäre, könnten wir die Bäume hoch reiten. Es ist aber nun mal nicht so. Und das ist schade, sehr schade.

Als sie dann endlich war, daß muß etwa drei Stunden später gewesen sein, begann wieder eins von diesen hoch anstrengenden Gesprächen. Sie fing, wie könnte es auch anders sein, mit einer Frage an.

' Und das hast wirklich alles verstanden ? '

' Na ja, fast alles. Im Grunde steht doch nichts neues drin. Eigentlich dachte ich sogar, der Brief wäre von dir. '

' Hast du denn wenigstens verstanden, was sie dir mit diesem Brief sagen wollen ? '

' Sie wollen mich warnen, nochmal ins VRS einzusteigen. '

' Das sicher auch. Da der Code aber längst geändert ist, hat sich diese Warnung erledigt. Nein, die Kernaussage ist eine ganz andere. '

' Und welche bitte ? '

' Schade, ich dachte, das hättest du so gewußt. Du weißt doch, daß ich dir das nicht sagen kann. Du mußt von selbst drauf kommen.'

' Der Brief ist also tatsächlich von der anderen Seite ? '

' Hattest du Zweifel daran ? '

' Um ganz ehrlich zu sein, ja. Dieser letzte Satz hat mich verunsichert. Ich meine, sie beziehen sich auf die Bibel. Warum sollte das eine höhere Macht tun ? '

' Also höhere Macht vergißt du am besten wieder. Im Prinzip sind das Menschen, wie du und ich. Und der Glaube vom Untergang ist nun wirklich keine christliche Erfindung. Im Gegenteil, die Christen haben ihn immer geleugnet, obwohl es in der Bibel steht. Das alles dürfe man nicht wörtlich nehmen. Das sei alles nur im übertragenen Sinne gemeint usw. Nein, die Christen haben nicht das Urheberrecht. '

' Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, daß dieser Blödsinn mit den vier Reitern tatsächlich stimmt. '

'Das hatte ich befürchtet. Es hat keinen Sinn weitere Erklärungen zu geben, wenn du mir nicht glaubst. '

' Ich glaube dir ja. Aber das klingt so... so unwahrscheinlich.'

' Du glaubst mir nicht. '

' Doch, das tue ich. '

' Dann beweise es. '

' Und wie soll ich das machen ? '

' Du kannst erst sterben, wenn du deine Aufgabe erledigt hast. '

' Ja, und ? '

' Nehmen also mal an, daß das mit der Apokalypse stimmt. Dann ist der letzte Satz doch so eine Art Aufforderung, etwas dagegen zu tun. '

' Wenn du das sagst. Und was folgt daraus ? '

' Aufforderung ! Das ist doch ganz offensichtlich. '

' Eine neue Aufgabe ? '

' Genau. Ich hatte dir gesagt, daß du umsonst gelebt hast, weil du keine Chance mehr auf Levelpunkte hast. Ich weiß zwar nicht wieso, aber irgend jemand hat wohl Mitleid mit dir. Durch die neue Aufgabe hast du wieder Chancen auf Punkte. Glaubst du mir so weit ? '

' Ist immer hin eine Möglichkeit. '

' So, jetzt noch einmal. Du kannst erst sterben, wenn du deine Aufgabe erledigt hast. Glaubst du mir das auch ? '

' Ja, ich glaube dir. '

' Siehst du, und genau das glaub ich dir nicht. Aber wenn du mir glaubst, dann kannst du das beweisen. '

' Aber ich weiß immer noch nicht wie. '

' Doch das sage ich dir jetzt. Du bist doch davon überzeugt, daß es keinen Zufall gibt. '

' Das ist korrekt. '

' Nun, wie lassen sich Zufall und Sterben miteinander kombinieren?'

' Du meinst doch nicht etwa ? Das ist ein Scherz. '

' Sprich es aus ! "

' Russisches Roulett. '

' Genau. Ich habe mir, während du sinnlos durch die Gegend gelaufen bist, eine Waffe besorgt. Da es den Zufall nicht gibt, ist das Ergebnis vorgegeben. Und da deine neue Aufgabe noch nicht gelöst hast, ist auch klar, in welche Richtung. Also, wovor hast du bitte Angst ? '

' Bist du dir sicher, daß deine Auslegung der Fakten richtig ist?'

' Also glaubst du mir nun, oder nicht ? '

' Ich glaube dir, aber gleich soweit ? '

' Du bist inkonsequent. '

Da ist es wieder, mein altes Problem. Warum kann ich nicht einfach ein schleimiger Opportunist sein, dem es völlig egal ist, ob er sein Gewissen verrät ? Warum muß ich bloß so stur sein ? Und warum bin ich auch stolz darauf ? Es gibt Situationen, da kann Konsequenz verheerende Folgen haben.

' Andere Frage, hast du einen Stadtplan von Los Angeles ?'

' Das tut mir jetzt wahnsinnig leid. Aber ausgerechnet heute habe ich ihn verliehen. Sonst immer. Jahrelang lag er hier und ausgerechnet jetzt... Sag mal spinnst du, ich bin noch nie in L.A. gewesen. '

' Es hätte ja sein können. Also ich muß jetzt gehen und mir einen Stadtplan besorgen. Das wird etwa eine, höchstens zwei Stunden dauern. Wenn ich wiederkomme, hast du dich entschieden, ob du ein Weichling bist, oder nicht. Wenn du dich falsch entscheidest, hast du mich zum letzten Mal gesehen. Also denk nach ! Nimmst du das Angebot an ? '

' Muß der Beweis denn unbedingt sein ? '

Sie antwortete nicht. Aber wenn Blicke töten könnte, hätte ich nicht mehr zu überlegen brauchen. Sie ging und lies mich alleine mit meinem Problem.

Kapitel 25

' Wenn du dich falsch entscheidest, hast du mich zum letzen Mal gesehen.' Ganz toller Satz. Wenn ich nur wüßte, wie er gemeint war. Schließlich ist es möglich, daß das was sie sagt stimmt. Aber wenn die Kugel meinen Schädel auseinander reißt, kann ich sie auch nicht mehr sehen. Also, falls dieser Satz eine Hilfestellung bei der Entscheidung sein sollte, dann ist er sehr unglücklich gewählt. Vor einer Woche hätte ich es gemacht. Denn da vertraute ich noch blind auf meine Menschenkenntnis. Aber jetzt ? Ich habe mich so oft in ihr getäuscht. Allerdings immer in negativer Richtung. Ich habe immer mit Fallen gerechnet, wo gar keine waren. Nur ist das jetzt auch wieder so ?

Zu viel Sicherheit kann nicht schaden, zu wenig schon. Doch in diesem Fall stimmt das nicht so ganz. Zu viel schadet in diesem Fall auch. Vielleicht sollte ich sagen, daß die Tatsche, daß ich sie mag, meine Entscheidung nicht beeinflußt hat. Es ging nur um mein Gewissen. Ich weiß nämlich nicht, ob ich jemals wieder in den Spiegel schauen kann, wenn ich jetzt kneife. Lippenbekenntnisse kann jeder abgeben. Die Guten stellen sich erst heraus, wenn man bereit ist, für seine Bezeugung etwas zu riskieren. Aber gleich alles ?

Angst und Schwäche sind zwei Begriffe, die oft miteinander verwechselt werden. Nur was unterscheidet beide denn ? Angst hat jeder, aber schwach ist nur der, der vor der Angst kapituliert. Das ist auch wieder ein dieser Weisheit, die mich schon mal an der Rand des Abgrund geführt haben. Im Grunde ist das jetzt dieselbe Situation wie damals. Wenn auch mit ganz anderen Vorzeichen. Wissen sie, was das eigentlich Gemeine an der Situation ist ? Ich habe diese Entscheidung schon mal getroffen. Das war nun wirklich nicht einfach. Dann wurde diese Entscheidung durch einen 'Zufall' für ungültig erklärt. Hinterher war und bin ich immer noch verdammt froh darüber. Und nun soll ich die Entscheidung nochmal treffen, obwohl ich eingesehen habe, daß sie falsch war. Es ist verdammt schwer sich durchzuringen, zweimal den gleichen Fehler zu begehen.

Auf der anderen Seite könnte nicht die Tatsache, daß es damals nicht geklappt hat, der Beweis sein, daß sie recht hat. Ich hätte wirklich eine Therapie machen sollen. Immer deutlicher wird mir bewußt, daß ich das alles nur verdrängt, aber noch lange nicht verarbeitet habe. Warum greifen mich meine Gegner immer wieder an meinem verwundbarsten Punkt an ? Was ist, wenn derjenige, der die Umstände setzt es gar nicht gut mit uns meint? Vielleicht machen sie es extra so schwer. Vielleicht soll man immer den schwersten Weg gehen. Und wer das nicht freiwillig tut, der wird eben dazu gezwungen. Wenn das denn so wäre, hätte es dann überhaupt einen Sinn, jetzt nicht konsequent zu sein ?

Soll ich ihnen was sagen, ich weiß warum ich wieder vor dieser Frage stehe. Ich habe mich damals falsch entschieden. Da ich nun eine neue Aufgabe habe, die man sicher auch als neue Chance verstehen kann, habe ich jetzt die Chancen mich richtig zu entscheiden. Als Begründung dafür, daß ich es nicht tue, reicht das sicher aus. Dagegen kann niemand etwas sagen. Die Argumentation ist in sich logisch und nachvollziehbar. Aber im Grunde ist es nicht mehr als ein Alibi, weil ich zu feige bin, die Konsequenzen zu tragen. Ich weiß das auch ganz genau. Es tut mir leid, ich bin kein Held.

Während ich meinen Gewissenskonflikt austrug, bzw. ihn eben nicht austrug, sondern ihn mal wieder nur verschoben habe, lief im Hintergrund der Fernseher. Das alleine wäre es sicher nicht wert erwähnt zu werden. Aber es passierte etwas, daß meine ganzen Überlegungen mit einen Mal über den Haufen schmiss. Langsam frage ich mich ernsthaft, warum ich überhaupt noch über Entscheidungen nachdenke. Egal wie ich mich entscheide, die Umstände bestimmen sowieso. Wenn man sich richtig entscheidet, merkt man das nicht. Richtig im Sinne desjenigen, der die Umstände setzt. Das muß nicht gleichzeitig einen Vorteil für einen selbst bedeuten. Aber wenn man eine falsche Entscheidung trifft, wird sie wieder rückgängig gemacht. Man könnte sicher darüber nachdenken, was das für den freien Willen bedeutet, ob es den dann überhaupt gibt. Aber darauf will ich im Moment nicht hinaus.

Also im Fernsehen liefen Nachrichten. Das ist sicher auch nicht so entscheidend. Doch sie berichteten, daß es ein Erdbeben gegeben hat. 6.5 auf der Richter-Scala. Also so ein ganz schön kräftiges. Nun ja, Erdbeben passieren fast täglich. Aber dieses fand in L.A. stand. Nun müssen sie wissen, um die Tragweite dieser Nachricht zu verstehen, daß Erdbeben eins dieser Naturkatastrophen ist, die angeblich das Ende der Welt ankündigen. Die Erde, der zweite Reiter, gerät außer Kontrolle. Nun ja ich weiß immer noch nicht, ob das stimmt. Aber es ist doch merkwürdig, daß mein Helper ausgerechnet einen Stadtplan von L.A. haben wollte. Außerdem stand in dem Brief, das man grundsätzlich die Statisten, und was ist ein Nachrichtensprecher schon anderes, beachten sollte.

Ich nahm also die Pistole, die vor mir auf dem Tisch lag und steckte drei Patronen hinein. Die Chancen zu überleben waren also 50 zu 50. Doch dann überlegte ich mir, daß wenn es keinen Zufall gibt, es auch egal sein müßte, wie die Chancen verteilt sind. Daraufhin entfernte ich zwei Patronen wieder. Damit hatte ich immer hin auch dann eine realistische Chance zu überleben, falls ich mich geirrt haben sollte. Auch wieder ein Akt meiner Inkonsequenz. So 100% überzeugt war trotz allem nicht. Denn es stand ja auch im Brief, das einige Statisten einen in eine Sackgasse führen. Und eine Kugel im Kopf ist so ziemlich die aussichtsloseste Sackgasse, die ich mir vorstellen kann.

Vor der endgültigen Entscheidung darf man einen Fehler nicht machen. Zu lange zu zögern. Sich vor einer Entscheidung zu drücken ist schon schlimm genug, aber sich vor den Konsequenzen einer getroffen Entscheidung zu drücken, ist feige. Also ich hielt die Waffe an meinen Kopf und drückte ab. Peng...

Kapitel 26

Wenn Sie nun wirklich einen Moment daran gezweifelt haben, daß ich noch lebe, dann sind sie blöder als ich dachte. Wie ich das ganze denn aufschreiben sollen, in der Vergangenheitsform, wenn ich mich mit der Kugel ins Jenseits gebracht hätte. Nur das sie eigentlich hätten wissen müssen, wie es ausgeht, ändert nichts daran, daß ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte. Sie glauben gar nicht, wie lange eine Zehntel Sekunde sein kann.

Ein Problem habe ich aber in dem Streß vergessen. Sie war ja gar nicht da. Das heißt, daß es immerhin möglich ist, daß ich das ganze in einer halben Stunde nochmal machen muß. Und da habe ich nicht die geringste Lust zu. Leider weiß ich nicht, ob es die Theorie nun stimmt, oder ob es doch nur 'Zufall' war. Da ich den Zufall als Erklärung eigentlich ablehne, glaube ich momentan, daß die Theorie stimmt. Mittlerweile ärgere ich mich, daß ich nicht alle drei Patronen drin gelassen habe. Wenn ich dann auch überlebt hätte, kann man eigentlich davon ausgehen gehen, daß die Theorie stimmt. Aber so, bin ich im Grunde genauso schlau wie vorher.

Als sie dann wieder kam, hatte ich zunächst mal ein mulmiges Gefühl im Magen. Was wird sie sagen ? Gibt sie mir noch eine Gnadenfrist ? Wird sie mir glauben, wenn ich sage, daß ich es schon getan habe, als sie nicht da war. Ich würde mir an ihrer Stelle nicht glauben. Denn ich hatte nämlich auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, ihr das einfach zu sagen und es tatsächlich nicht zu tun. Aber das wäre wohl kein guter Stil gewesen. Außerdem hätte ich dann in die Situation kommen können, daß sie sagt, daß ich es dann ja auch ruhig nochmal tun könnte. Ich bräuchte ja nun keine Angst mehr zu haben. Dann hätte ich mich innerhalb weniger Sekunden entscheiden müssen. Genau das ist aber wohl meine größte Schwäche. Ich brauche ziemlich lange, bis mich entscheide. Eine solch wichtige Entscheidung unter Streß zu treffen, wäre mit Sicherheit in schlechteste aller Alternativen.

' Nun hast du dich entschieden ? '

' Ja, es ist mir zwar nicht leicht gefallen, aber ich habe mich entschieden. '

' Und glaubst du mir jetzt ? '

' Ja, das tue ich. '

Sie muß ja nicht alles wissen.

' Mit allen Konsequenzen ? '

' Ja, ich bin bereit die Konsequenzen zu tragen. '

' Gut, dann können wir ja jetzt weiter machen. '

' Wie, willst du denn gar nicht, daß ich dir das beweise ? '

' Nein. Da du damit rechnen mußtest, daß ich das verlange, bist du auch bereit dazu. Wir haben keine Zeit für Spielchen. Das reicht. '

Ich kann nun nicht gerade behaupten, daß mich das stören würde. Nur vielleicht hatte ich darauf gesetzt, daß sie mich zu einer Entscheidung unter Umständen drängt, die eindeutig sind. Aber darauf bestehen wollte ich dann auch nicht. So wichtig ist das nun auch wieder nicht.

' Und was machen wir nun statt der Spielchen ? '

' Du hast doch eine neue Aufgabe, die du lösen mußt. Also lösen wir sie. '

' Das Ende aufhalten ? '

' Ja, genau. '

' Das ist bestimmt nicht ganz einfach. '

' Um ganz ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung wie das gehen soll. Es sei denn... '

' Es sei denn, was ? '

' Die Pettersontheorie stimmt und wir erleben den Wechsel ins nächste Glied. '

' Ach so... Was soll das bitte bedeuten ? '

' Das ist vermutlich zu kompliziert für dich. Sag mal, interessiert sich dein Nachbar für Technik ? '

' Das kann man sagen. '

' Und ist er gut ? '

' Ich würde es teilweise genial nennen. '

' Das hatte ich befürchtet. Könntest du dich dazu überwinden, ihn rüber zu holen ? '

' Er ist leider nicht da. Er ist in Urlaub gefahren. '

Und wie leid mir das tut.

' Und du weißt nicht wohin ? '

' Doch. Ganz weit weg. Auf die andere Seite der Erde. Nach Sydney. '

' Worauf warten wir dann noch ? Auf nach Sydney. '

' Ich kann dir genau sagen, worauf wir warten. Auf einen Lottogewinn nämlich. Hast du überhaupt eine Vorstellung was so ein Flug kostet ? Und ganz nebenbei erwähnt, ich will nicht nach Sydney. '

' Was du willst hat vielleicht früher mal jemanden interessiert. Aber die Zeiten sind endgültig vorbei. Wir haben hier Probleme, die du dir nicht einmal annähernd vorstellen kannst, geschweige denn etwas zu ihrer Lösung beitragen. '

' Was willst du machen, mich kidnappen ? Dann mußt du aber auch den Flug bezahlen. '

' Erstens fliegen wir überhaupt nicht und zweitens solltest du endlich anfangen konstruktiv mitzudenken. '

' Moment wir fliegen gar nicht. Willst du schwimmen ? '

' Und hast es immer noch verstanden, oder ? '

' Nein. Irgendwie müssen wir uns doch dahin bewegen. '

' Eben nicht. Das ist ja der Trick. Wenn wir nicht nach Sydney kommen, dann kommt Sydney eben hierhin. '

' Hast du irgendwelchen Alkohol zu dir genommen ? '

' Die Welt ist eine Computersimulation, richtig ? '

' Kann ja sein, aber was hat das mit dem Transportproblem zu tun?'

' Daß es kein Transportproblem gibt. Wir tauschen einfach nur die Bilder aus. Jetzt ist deine simulierte Umgebung hier. Was spricht dagegen, daß wir das einfach ändern ? '

' Und wie willst du das bitte machen ? '

' In dem wir das Setting anwählen und verstellen. '

' Sagtest du nicht, der Code zum VRS sei geändert worden ? '

' Das stimmt auch. Nur ich habe nie behauptet, daß ich den neuen Code nicht kennen würde. '

' Aber sie haben doch ausdrücklich davor gewarnt, nochmal ins VRS einzusteigen. '

' Wenn dir eine schlimmere Strafe als die Apokalypse einfällt, dann sag sie mir bitte. Ich persönlich meine, daß es nicht mehr schlimmer kommen kann. '

' Es geht immer schlimmer. '

' Das Leben ist nur Spiel und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Du solltest endlich bereit sein etwas zu riskieren. Also sollen wir das Setting ändern ? '

' O.K. '

' Du weißt nicht wo genau sich dein Nachbar aufhält ? '

' Virtual Reality Research Centre Sydney, bei Dr Falker. Ist das präzise genug ? '

' Die Längen- und Breitenabgaben weißt du vielleicht auch noch ? '

' Nein. '

' Ich glaube langsam, du freust dich überhaupt nicht. Weißt du, daß du der erste Urlauber bist, dessen Setting im Urlaub verändert wird. '

' Willst du damit sagen, es hat noch niemand vorher so etwas gemacht ? '

' So weit ich weiß, nein. '

' Und woher willst du dann bitte wissen, ob das klappt ? '

' Wenn man immer alles vorher wüßte, dann wäre es doch langweilig.'

' Ich ziehe meine Einwilligung zurück. Ich habe keine Lust Versuchskaninchen zu sein. '

' Du hast Angst. '

' Nein, ich glaube dir nur nicht. Du hast selbst gesagt, daß das Einstellen der Parameter eine Wissenschaft für sich ist. Ich glaube schlicht weg nicht, daß du das kannst. Außerdem glaube ich nicht einmal, daß das überhaupt funktioniert. '

' Du willst nicht, daß es klappt. '

' Doch schon, aber das klingt so.. so einfach. Ich glaube, da sind viel mehr Fallen. Viel mehr Haken, die wir einfach übersehen. '

' Blödsinn, du klammerst dich nur an dein altes Denken. Der Raum ist konstant und die Zeit linear. Das ist so, weil es so ist. Oder kannst du mir eine andere Begründung anbieten ? '

' Du meinst, das ist nicht so ? '

' Wenn du den Brief richtig gelesen hättest, dann wüßtest du das schon. Zeit ist nur eine Ortsangabe in der vierten Dimension. '

' Obwohl ich keine Ahnung von Physik habe, bin ich mir ziemlich sicher, daß es nur 3 Dimensionen gibt. '

' Das sollst auch denken. Das System ist nur fähig, drei Dimensionen darzustellen. Du kannst dich nur in drei Dimensionen bewegen. Warum solltest du dann die Information bekommen, daß es noch viel mehr Dimensionen gibt ? Es sind doch eh nur Konstanten für dich. Was hätte es jemanden im Mittelalter gebracht, wenn er gewußt hätte, daß die Erdanziehungskraft 9,8 ist. Für ihn war sie konstant, da er die Erde eh nicht verlassen konnte. Du kommst aus deiner Zeit nicht heraus. Sie ist konstant oder eben linear, aber eben nur für dich. '

' Das mag ja so sein. Aber der Raum ist nun mal konstant. Der besteht nämlich nur aus drei Dimensionen. '

' Ich wollte jetzt eigentlich nicht in eine wissenschaftliche Diskussion einsteigen. Aber selbst dir müßte doch einleuchten, daß wenn ich den Bezugspunkt ändere, sich auch die Einheiten der Dimensionen verändern. '

' Ich glaube dir nicht, und damit Schluß. Wenn es anders ist, dann beweise es mir und gehe ins VRS. Wenn es nicht stimmt, laß es sein. '

'Siehst du, war doch gar nicht so schwer. Jetzt hast du mir befohlen ins VRS einzusteigen. Das heißt, du trägst die Verantwortung. '

' Du spielst nicht gerade fair. '

' Da die Zeiten härter werden, werden die Tricks mieser. Das war schon immer so. Ich muß dich noch darauf hinweisen, daß du eventuell ins Koma fallen könntest. Das ist aber rein theoretisch.'

' Wie theoretisch sind die Chancen ? '

' Was meinst du damit ? '

' Das weißt du ganz genau. Ich will Prozentzahlen. '

' Das kann man nicht so genau sagen. '

' Dann ungefähr. '

' Nun ja, also ganz grob geschätzt, und ich übertreibe jetzt wirklich. Also wirklich ganz extrem hochgerechnet würde ich sagen, wie gesagt, das ist nicht wissenschaftlich belegt, also so ungefähr... 50 : 50 ? '

' WAS !?! '

' Ich weiß, das klingt jetzt so, als sei das ganze unheimlich gefährlich. Aber du mußt sehen, daß du sozusagen der Erste bist, und es deswegen keine Statistik gibt. Wissenschaftlich ist nichts belegt. '

' Heißt das, es könnte noch schlechter ausfallen ? '

' Um ganz ehrlich zu sein. Ich habe keine Ahnung. Man weiß es nicht. Der eine verträgt es, der andere nicht. '

' Und woher weiß man, zu welcher Gruppe man gehört ? '

' Das weiß auch keiner... Aber da kommt mir eine Idee. Hattest du schon mal eine Datenbrille auf ? '

' Ja einmal, warum ? '

' Nun, wenn du das vertragen hast, stehen die Chancen besser, daß dich auch der Trip nach Sydney nicht umhaut. '

' Sehr gut, ich hatte drei Wochen Kopfschmerzen danach. Warum fliegst du eigentlich nicht alleine ? '

' Das geht nicht. Du mußt dir das so vorstellen, als würden wir die Erde drehen. Wir schweben aber darauf und drehen uns nicht mit. Also entweder alle oder gar keiner. '

' Und was ist mit den anderen Menschen. '

' Die machen kurzfristig Urlaub auf der anderen Seite der Erde.' 'Die drehen sich also auch nicht mit ? '

' Ja, genau. So ist es gedacht. '

' Bist du dir im klaren darüber, daß zwei Drittel der Erdoberfläche aus Wasser bestehen ? '

' Ja, und ? '

' Die Menschen werden alle ertrinken. '

' Ja, aber du vergißt schon wieder, daß das keine Menschen, sondern nur Statisten sind. '

' Dann muß ich doch einen Einwand machen, der sogar dir einleuchten muß, wenn du schon auf moralische Bedenken nicht eingehst. Auf diese Art und Weise wirst du meinen Nachbarn nie finden. Denn wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist mein Nachbarn, wenn wir in Sydney ankommen, gerade wieder hier.'

' Da ist was dran. '

' Ich habe auch eine Alternative. Die hat zwar nichts mit anderen Dimensionen zu tun, ist aber trotzdem sehr effektiv. '

' Und was wäre das bitte ? '

' Das gute, alte Telefon. Schon mal davon gehört ? '

' Das war zu einfach. '

' Gibt es einen grundlegenden, theoretischen Einwand gegen diese Methode ? Haben die Götter des Cyberspace irgendetwas dagegen ? '

' Du brauchst gar nicht so ironisch zu werden, nur weil du einmal mal eine Idee hattest. Gut, dann laß es uns probieren. '

Wir begannen zu telefonieren... ", soweit der Spieler, der immer noch keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht.

Kapitel 27

Auf der anderen Seite :

" So ich habe jetzt zur Abwechslung mal etwas Zeit. Die letzte Zeit ist ja doch recht hektisch gewesen. Wissen sie, was das eigentlich gute an einem Computer ist ? Wenn man ihm einmal klar gemacht hat, was er tun soll, dann arbeitet er selbstständig. Ich gebe zu, ihm das klar zu machen, ist häufig mit sehr vielen Problemen verbunden. Besonders dann, wenn es sich um ein sehr umfangreiches Programm wie Armageddon handelt, aber nun läuft es und wir brauchen eigentlich nicht mehr zu tun, als zu zuschauen. Ich hatte ihnen versprochen, daß ich nochmal auf das Spiel der Meister eingehen wollte. Dazu muß ich aber sehr weit ausholen, und es wird wohl möglicherweise etwas komplizierter. Also wenn sie sich gerade denken, daß sie nur noch eben dieses Kapitel lesen wollen, um dann schlafen zu gehen, dann schlafen sie besser jetzt schon.

Es war einmal eine Gruppe von jungen, dynamischen Wissenschaftler, die sich zum Ziel gesetzt hatten, ein System zu bauen, daß völlig unabhängig von äußeren Einflüssen funktioniert. Sie wollten sich ihre eigene Welt erschaffen. Diese Gruppe hatte 17 Mitglieder. 8 Frauen und 9 Männer. Da diese Leute ihr ganzes Leben nur im Labor verbrachten und niemals nach draußen kamen, bildeten sich Paare innerhalb dieser Gruppe. Da man das begehrt, was man täglich sieht (c Schweigen der Lämmer), entstanden ernsthafte Beziehungen daraus, aus denen sich Nachwuchs entwickelte. Allerdings ging einer von den 17 leer aus. Ein gewisser Petterson. Der Sage nach soll sich dieser Petterson an einem weiblichen Nachwuchs vergangen haben, da in der Elterngeneration ja schon alle weiblichen Wesen vergeben waren. Daraufhin wurde er, als das ganze aufflog, aus der Gemeinschaft
ausgeschlossen. Nur der Haken an dieser Entscheidung war, daß Petterson der intelligentes der Gruppe war. Denn während die anderen verständlicher Weise für Nachwuchs sorgten, oder wenigstens dafür übten, arbeitete Petterson.

Er war es schließlich, der den Durchbruch schaffte, und eine Welt erschuf, in die er nach belieben einsteigen konnte. In dieser Welt hatte er sich den Traum nach einer perfekten Frau erfüllt. Diese war zwar nicht real, aber immerhin besser als ein Videofilm, wenn sie verstehen, was ich meine. Mit der Zeit wurde dieses System immer besser. Immer realer, bis man irgendwann den Unterschied zur Realität nicht mehr feststellen konnte. Doch kurz vor der Perfektion, wurde er wie erwähnt, aus dem Labor entfernt.

Der Rest der Wissenschaftler hatte aber leider keine Ahnung, wie Petterson so weit gekommen war. Sie verstanden sein System nicht. Als sie das merkten, baten sie ihn zurückzukommen. Aber er weigerte sich. Alles Geld der Welt haben sie ihm angeboten, aber lehnte ab. Doch dann heckten die Wissenschaftler einen gemeinen Plan aus, um Petterson rein zulegen. Sie boten ihm eine Nacht mit einem der weiblichen Mitglieder der Gruppe an. Da konnte und vermutlich wollte er nicht mehr ablehnen. Es ist nicht überliefert, ob es zu einem sexuellen Akt kam, aber auf jeden Fall erklärte Petterson sein System.

Nachdem er das getan hatte, schmissen sie ihn wieder aus der Gemeinschaft, weil sie sagten, daß sie mit einem Kinderschänder nichts zu tun haben wollten. Da war Petterson ziemlich sauer und schwor Rache. Die anderen bekamen hinterher den ganzen Ruhm, nur Petterson ging leer aus. Das machte ihn noch wütender. Und er beschloß einen Virus, ein kleines Programm zu konstruieren, daß das System zerstören würde. Er schaffte es tatsächlich dieses Programm ins System einschleusen. Nur starten konnte er es damals noch nicht. Aber es blieb im System.

Mittlerweile wurde das System auch für den normalen Bürger zugänglich und es entwickelte sich ein richtiger Kult daraus. Für viele spielte sich das Leben nur noch im System ab. Das System drang in alle Lebensbereiche vor. Alles wurde davon beeinflußt und zum Schluß geleitet. Allerdings auch umgekehrt. Auch das System wurde immer verbessert, bis es schließlich alle Lebensbereiche erfaßte.

Heute sind wir soweit, daß alles nur noch in oder um das Spiel geschieht. Kriege sind zum Beispiel überflüssig geworden. Die besten Spieler eines Landes gehen stattdessen in das System und spielen um die einzelnen Länder. Jeder muß das Ergebnis akzeptieren. So gibt es keine Schlachten mehr. Die Soldaten gibt es nicht mehr, oder nur noch als Simulation im Computer. Die man beliebig durch die Gegend schicken kann, ohne das ein Mensch dabei getötet würde.

Und gewählt wird eben auch nicht mehr. Da aus der Demoskopie genau bekannt ist, wie ein Volk auf Reden und Wahlkampf reagiert, wird das Volk einfach simuliert. Der Computer registriert die Aktionen des Politikers und berechnet daraufhin die Reaktion des potenziellen Wahlvolkes. Und dieses Spiel nennt man eben das Spiel der Meister. Je größer der Einsatz ist, sprich je wichtiger das Amt ist, um das es geht, desto differenzierter und komplexer sind die Reaktionen des simulierten Wahlvolkes. Wenn es um das höchste Amt geht, nämlich um den Vorsitz im Komitee, dann wird die Wahl im open-ended Modus gespielt. Wer die meisten Punkte holt, hat gewonnen. Durch diese Methode ist es ausgeschlossen, daß Demagogen eine Chance haben ins Komitee einzuziehen.

Das Verfahren des Umrechnens wird übrigens ständig verändert. Diese Veränderung wird aus den Daten der Urlauber und anderer Benutzer des System ermittelt. Indem man ständig nachschaut, ob sich ein Urlauber unter bestimmten, gesetzten Umständen so oder so verhält. Im Laufe der Zeit verändert sich das nämlich. Man könnte einen Urlauber also auch, wenn man böswillig ist, ein Versuchskaninchen der Verhaltensforschung nennen. Aber die meisten stellen sich freiwillig zur Verfügung. Außerdem ist es ja auch zu ihrem besten, wenn die Simulation des Volkes möglichst nah an der Realität ist. So können die Wünsche des Volkes besser eingebracht werden.

Irgendwann war es Petterson gelungen, den Virus zu aktivieren oder dieser hat sich von selbst aktiviert, daß ist immer noch nicht raus. Dieser Virus veränderte die Berechnung der Simulation so, daß sie genau auf die Wahlkampfstrategie von Petterson paßte. Wie das genau funktionierte, wissen wir heute noch nicht. Doch wie bereits einmal erwähnt, ist das irgendwann aufgefallen, genau nach fünf Jahren. Petterson war nämlich dazu übergangen, seine Strategie an andere Interessierte zu verraten, gegen entsprechende Bezahlung natürlich. Mit einem Kunden ist er sich über den Preis nicht einig geworden und dieser hat geplaudert. Daraufhin wurde Petterson gezwungen, den Virus zu löschen. Aber bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, daß er ihn nur deaktiviert hat und der Virus immer noch im System ist. So wird heute alles was schief läuft dem Virus nachgesagt. Viele Dingen haben und hatten allerdings ganz andere Ursachen, aber das nehmen bis heute nicht alle zur Kenntnis. Und das ist auch so beabsichtigt. Die Leute im Komitee wollen nämlich unter allen Umständen verhindern, daß jemand das System abschaltet, um die wahren Ursachen zu beheben. Denn dann müßten sie sich mit lebenden Wählern herumschlagen, die eventuell nicht wie vorausberechnet reagieren. Es gibt nämlich auch noch ein anderes Gerücht. Das stammt aber garantiert nicht vom Komitee. Die Simulation soll schon längst nichts mehr mit realem Verhalten zu tun haben. Einige Veränderungen im Verhalten sollen nämlich vom Computer nicht registriert worden sein und zwar auf Grund einiger Veränderungen im Aufbau des System, die es angeblich effektiver und besser machen sollten. Diese fehlenden Berechnung sollen sich aber nicht zum Nachteil des Komitees auswirken. Allzu laut darf man das aber nicht sagen. Sonst kann es einem schon mal passieren, daß einem sämtliche Levelpunkte gestrichen werden. Seit neuestem ist das nämlich möglich.

Die Konzentration des Staates auf das Spiel hat dazu geführt, daß sich niemand mehr um den Rest des Landes gekümmert hat. Warum auch ? Es kann ja keiner mehr wählen. Den Menschen kann man nun mit geschickter Propaganda noch einreden, daß sie im Spiel ja mitbestimmen, und das wir im Prinzip immer noch eine Demokratie haben. Aber der Natur nicht. Wenn man sich nicht um die Natur kümmert, geht die kaputt. Besonders dann, wenn man soviel Energie für das System braucht. Dieses Spiel, unsere Gesellschaft sind unbedingt umweltfreundlich. Aber auch das ist im Prinzip gewollt. Denn wenn die Natur nur noch aus toten Bäumen und verseuchten Flüssen besteht, dann kann man sich darin auch nicht mehr erholen. Eine ganz logische Konsequenz daraus ist die Konzentration der Menschen auf das Spiel. Wenn man einen Waldspaziergang machen will, ist das überhaupt kein Problem. Man setzt sich die Brille auf und mit dem richtigen Programm geht man halt im Wald spazieren. Richtige Wälder kennen die Menschen gar nicht mehr. Ich muß gestehen, ich auch nicht. Wofür braucht das Original, wenn man eine gute Kopie hat, die die Nachteile des Originals nicht hat ? Im System kann man sich das Wetter einstellen, die Temperatur, die Begleitung usw.

Irgendwann kam dann das Komitee auf die Idee, das komplette Leben als Simulation zu konstruieren. Von der Geburt bis zum Tod. Natürlich im Zeitraffer, sonst hätte man nicht viel davon. Heute kann man als Ritter im Mittelalter leben. Morgen als Astronaut, übermorgen als.., ich weiß nicht was. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Zeit und Raum ist nahezu frei wählbar. Am Anfang scheiterte das an der begrenzten Kapazität der Rechner. Doch dieses Problem hat man mit Hilfe der sogenannten Datenkompression gelöst. Es wurde erst um auf die Hälfte zusammengedrückt, dann auf ein Viertel. Mittlerweile sind bei einem Faktor von 2 hoch 96.

Es dauerte gar nicht lange, da wollten die Menschen diese extreme Simulationen nicht mehr. Die Nachfrage richtete sich nach einer Simulation des normalen Alltags. Die technische Realisation sind die Systeme der 74ziger Reihe. Und eins/74 ist das erste System dieses Typs und unserer Problemfall. Nur leider ist es nicht möglich ein sinnloses Leben zu simulieren. Jede Prozedur braucht ein Ziel. Sozusagen eine Abbruchbedingung, denn sonst würde man in eine endliche Schleife geraten. Deswegen ist das 74ziger System in Aufgaben einteilt. Wenn die alle erfüllt sind, kommt man wieder raus. Da man ein Spiel nur dann spielt, wenn man dabei auch gewinnen kann, und am besten sein Ergebnis auch noch mit dem anderer Spieler vergleichen kann, haben wir die Levelpunkte einführt.

Nach einigen Jahren haben diese Punkte alle Normen und Einheiten abgelöst. Sie werden sogar als Währung benutzt. Da man sich ja eh nur noch in den Spielhallen aufhalten kann, da die Natur draußen mittlerweile so geschädigt ist, daß es lebensgefährlich wäre nach draußen zu gehen, entstanden regelrechte Städte um die Spielhallen herum. Alles unter einem Dach, in dem ein kompliziertes System von Belüftungsanlagen dafür sorgt, daß man darin leben kann.

Nun stehen wir aber wie gesagt vor dem Problem, daß das System anfängt kaputt zu gehen. Ohne das wir es abschalten, können wir es nicht reparieren. Hier würde ein richtiger Bürgerkrieg losbrechen, wenn man den Leuten ihren einzigen Lebenssinn wegnimmt, nämlich das System. Und davor haben die da oben in ihrem Glaskäfig wahnsinnige Angst.

Diese dämlich Prozedur Armageddon trägt nun nicht unbedingt dazu bei, daß das System länger halten würde. Sie ist viel zu groß. Außerdem arbeitet sie unglaublich umständlich, da sie sehr alt und nicht zu komprimieren ist. Sie ist, um ein Fachwort zu gebrauchen, nicht kompatibel zu unseren modernen Verarbeitungsprogrammen. Das könnte, und ich persönlich bin ziemlich überzeugt davon, daß es so kommt, zum Absturz des gesamten System führen.

Wenn ich das nächste mal etwas erzähle, dann über den Virus an sich. Es gibt da nämlich eine Theorie. Die Pettersontheorie, denn dieser Mensch war nicht nur Forscher, sondern auch Philosoph, aber kein besonders guter. Leider muß ich gestehen, daß ich die Theorie auch nicht auswendig kann. Deswegen muß ich erst noch mal meinen Computer um Rat fragen.

Ach so, beinahe hätte ich vergessen zu sagen, daß das der Computer unter allen Umständen verhindern wird, daß der Urlauber an die Stellen der Katastrophen kommt. Er soll auch schon mal ein Flugzeug abstürzen lassen, um dieses zu erreichen. "

Kapitel 28

Der Spieler fährt fort :

" Es gibt Tage, an denen überschlagen sich förmlich die Ereignisse. Aber dieser war keiner davon. Obwohl wir beide alles mögliche versuchten, die Dinge in Gang zu kriegen, geschah nichts. Die erste Pleite war das Telefongespräch. Statt Dr. Falker oder gar unseren Nachbarn an die Strippe zu kriegen, hatten wir das Vergnügen mit einem Anrufbeanworter, dessen Band uns freundlich mitteilte, daß alle Telefonverbindung zum Research Centre unterbrochen seien. Außerdem sei das Gebäude nicht mehr besetzt, da es bei dem Feuer teilweise zerstört worden sei. Die Reparaturarbeit könnten sich über mehrere Wochen hinziehen. Wir sollten unsere Anschrift hinterlassen und sie würden diese weiterreichen.

Sie können sich vielleicht vorstellen, daß es nun nahezu unmöglich war, sie davon abzuhalten, das VRS doch zu benutzen. Offen konnte ich natürlich auch nichts dagegen sagen. Ich wollte nicht schon wieder als feige gelten. Denn im Grunde hat sie ja recht. Man muß auch bereit sein, etwas für seine Überzeugungen zu riskieren. Nur ich war eben nicht so ganz überzeugt. Vom Kopf her vielleicht, aber im Magen regte sich immer noch Widerstand gegen diese Theorie. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, der einzig denkende Mensch zu sein. Aber wenn das nicht stimmt, bricht die ganze Theorie zusammen. Vielleicht ändert sich das auch noch. Vielleicht spielt irgendwann auch mein Herz mit. Das wird dann der Fall sein, wenn ich erkannt habe, daß diese Ablehnung wirklich nur damit zusammenhängt, daß ich mich nicht vom alten Denken lösen kann. Das ist im Prinzip nichts anderes als Rauchen. Vom Kopf her, weiß man, daß es schädlich ist, sowohl für die Gesundheit als auch für den Geldbeutel, aber der Magen, oder in diesem Fall wohl besser die Lunge, kann von ihren Gewohnheiten einfach nicht lassen. Die Tatsache, daß ich wieder angefangen habe zu rauchen, ermutigt mich nicht gerade dazu, zu glauben, daß sich der Widerstand in meinem Magen schnell legen wird. Vielleicht muß ich mich einfach nur zwingen, offen für neue Ideen und Theorien zu sein. Doch ein besonders offener Mensch war ich noch nie.

Da ich schon von der erster Pleite gesprochen habe und das nur Sinn macht, wenn es auch eine zweite Pleite gab, können sie sich vorstellen, daß der Einstieg ins VRS auch wieder nicht funktionierte. Zwar kannte sie den Code. Sie wußte auch genau, welche Parameter man wie verändern mußte, um den Bezugspunkt zu verändern. Und aus ihrem Erklärungen konnte ich immerhin soviel entnehmen, daß dieses nicht unkompliziert ist. Aber sie war sich ihrer Sache sicher. Alle Risiken waren ihr bekannt und sie wußte auch, wie man diese möglichst klein hält. Was man alles bedenken muß usw. Nur eins wußte sie nicht. Das Kürzel. Man hatte nämlich nicht nur den Code verändert, sondern eben auch dieses Kürzel.

Mir kam dann zwar noch die Idee, daß ich wieder einen Kurzschluß verursachen könnte. Wenn alles von den Umständen abhängt, dann müßte doch eigentlich bei gleichen Umständen, dieselbe Wirkung eintreten. Vielleicht wäre mein Drucker dann wieder aktiv geworden. Sie bestätigte, daß das im Prinzip so sei, aber gleichzeitig verwarf sie meinen Plan, in dem sie es als unmöglich bezeichnete, exakt die gleichen Umständen nochmals zu erzeugen. Ihre Begründung war, es sei möglich, daß wir nicht alle wesentlichen Faktoren kennen würden und deshalb nicht alle wieder wirken lassen könnten. Wahrscheinlich würden wir einige entscheidene Umstände nicht berücksichtigen. Aber selbst wenn wir dies hinkriegen würden, bestände noch das Problem, daß der Zeitpunkt eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Da wir die Zeit nicht zurückdrehen könnten, zu mindestens nicht ohne ins VRS einzusteigen, sei es unmöglich, den Drucker auf diese Weise zur Eigenproduktion zu bewegen.

Als die zweite Pleite nun auch klar abzusehen war, stellte ich die alles entscheide Frage :

' So, und was wir machen jetzt ? '

' Weiß ich auch nicht. '

' Ich aber. Ich werde jetzt ins Bett und schlafen. Ich bin nämlich seit 18 Stunden unterbrochen auf den Beinen. Und ich sage dir, daß waren die anstrengensten Stunden meines Lebens. '

' Eigentlich haben wir für Pausen keine Zeit. '

' Aber ? '

' Wieso aber ? '

' Es klang so, als wolltest du noch was sagen. '

' Vielleicht können wir die Zeit nutzen um... um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. '

' Ich vertraue dir auch schon. Und würde dir viel mehr vertrauen, wenn ich ausgeschlafen wäre. '

' Wir müssen unsere Beziehung auf eine andere, vertrautere Basis stellen. Es geht nicht, daß jeder den anderen immer verdächtig, ihn reinlegen zu wollen. Das bringt zuviele Reibungsverluste, die wir uns nicht leisten können. '

' Seit wann haben wir bitte eine Beziehung ? Das ist mir vollkommen neu. '

' Ich habe beschlossen, daß wir nun eine haben. '

' Ach so, und meine Meinung interessiert wohl überhaupt nicht. '

' Nein, tut sie nicht. Außerdem solltest du aufhören Spielchen zu spielen. Du hast damit angefangen. '

' Warum behaupten immer alle, daß ich an allem Schuld bin ? '

' Vielleicht weil es so ist. Du hast doch gesagt, das du nichts lieber tun würdest, als mit mir zusammen zu sein. '

' Das ist lange her. '

' Ziemlich genau 24 Stunden. Willst du mir jetzt sagen, was das Zweite ist ? '

' Nein. Die Situation ist jetzt eine vollkommen andere. Vergiß am besten, daß ich das überhaupt je erwähnt habe. '

Sie können sich nicht vorstellen, wieviel Überwindung mich dieser Satz gekostet hat. Aber da ist wieder das Problem, daß ich einmal eine Entscheidung getroffen habe, und diesmal werden sie die Umstände nicht wieder umschmeißen. Ein emotionale Bedingung kann ich mir leisten.

' Wovor hast du Angst ? '

' Ich bin einfach müde. Laß uns das morgen in Ruhe ausdiskutieren! Aber bitte laß mich endlich schlafen. '

' Das glaub ich dir nicht. Da steckt mehr dahinter. '

' Du hast Recht, aber das geht dich nichts an, aber auch gar nichts.'

' Hast du irgendetwas gegen mich ? Bisher hatte ich eigentlich das Gefühl, daß eher das Gegenteil der Fall ist. '

' Nimm das nicht persönlich ! Das würde ich niemanden erzählen. '

' Geheimnisse ? '

' Wenn du das so nennen willst. Ich würde es eher privat nennen. Du willst du sicher auch nicht, daß man alles von dir weiß. '

' Man weiß es aber. Du vergißt immer wieder, daß du nur in einem Cyberspace lebst. Du spielst, um Levelpunkte zu kriegen. Doch wie soll man die bitte vergeben, wenn man dich nicht beurteilen und um das zu können, natürlich auch beobachten darf ? '

' Soll das heißen, sie wissen alles ? '

' Du lebst wie in einem Glashaus. Meinst du im Ernst, ich weiß nicht, daß du einen Selbstmordversuch hinter dir hast ? Glaubst du wirklich, daß ich deine Probleme nicht kenne ? Es wäre halt nur schön gewesen, wenn du es mir gesagt hättest. Ein Basis des Vertrauen schaffen. Das meinte ich damit. Schade, aber scheinst nicht kooperieren zu wollen. '

' Du weißt auch alles von mir ? '

' Um dir optimal helfen zu können, muß dich ja zunächst mal genau kennen. Nur wenn ich deine Schwächen kennen, kann ich mich daran orientieren, und dir helfen, sie zu bekämpfen. '

' Alles ? '

' Ist das ein Problem für dich ? '

' Wenn du alles von mir weißt, warum kannst du mich dann nicht verstehen ? Kannst du dir überhaupt nicht vorstellen, daß mir einige Sachen an mir nicht gefallen und das ich will nicht, daß jeder das weiß. '

' Also zunächst mal bin ich nicht jeder. Die Statisten wissen das natürlich nicht. Sie können ja nicht einmal denken. Und zweitens ist alles das, was du gemacht hast auf die Umstände zurückzuführen. Natürlich ist es gefährlich, wenn jemand davon erfahren würde, der die Umstände nicht kennt. Aber ich weiß doch, warum du dich so entschieden hast. Und in einigen Fällen konntest du dich gar nicht anders entscheiden. Auf Grund der Module und der Umstände hattest du überhaupt keine Chance etwas anders zu machen. Es muß dir also nur dann etwas peinlich sein, wenn du wirklich einen vermeidbaren Fehler begangen hast. Solche hast du, wie jeder, natürlich auch gemacht. Aber keine gravierenden. '

' Ich muß das erstmal verdauen - alles, ich kann es nicht fassen. Nicht begreifen. '

' Der Mensch im System ist so angelegt, daß er nach Perfektion strebt. Eben nach den maximalen Levelpunkten. Aber jeder weiß im Grunde, daß er bzw. sie nicht perfekt ist. Das führt zu einem permanenten schlechtem Gewissen. Eins der Handicaps, die in der easy Stufe wegfallen, aber in mid-low schon vorhanden sind. Du bist eben auch nicht mehr im einfachsten Level. '

' Alles, auch die intimen Dinge ? '

' Aus dem Sexualverhalten lassen sich am besten Rückschlüsse auf die seelischen Probleme schließen. Das ist einer der wichtigsten Punkte der Beobachtung. Nein, der wichtigste. '

' Das glaub ich nicht. '

' Du wirst es spätestens nach deinem Tod sehen. Weißt du, die Erinnerungen daran, sind fast so gut, wie live. '

' Was willst damit sagen ? '

' Ja, es ist wirklich unheimlich aufregend. Wenn man so sieht, mit wem man alles und so. Und vor allen Dingen auch die Fortschritte mit den Jahren zu sehen, wenn die einzelnen Stationen so vergleicht. '

' Wird das alles etwa aufgezeichnet ? '

' Ja meinst du so eine Auswertung funktioniert in Realtime. Die dauert wesentlich länger als... na ja, du weißt schon. '

' Und viele Menschen werten das so aus ? '

' Das weiß ich nicht. Das wechselt auch von Fall zu Fall. Schließlich ist ja auch nicht immer im selben Abschnitt. Auch wenn das nur begrenzt vergleichbar ist, kann man sagen, daß man für eine 24 Stunden Beobachtung mehrere Schichten braucht. Dem entsprechend auch mehrere Schichten, die auswerten. So als Faustformel sag man, daß auf einen Urlauber etwa 100 Leute kommen, die sich mit ihm beschäftigen. '

' Du meinst, daß ich ständig ein Publikum von 100 Menschen habe. Immer, 24 Stunden am Tag. '

' Nein. Zuschauen kann jeder. Aber für eine Auswertung brauchst du natürlich eine spezielle Ausbildung. '

' Von Datenschutz haben die auf der anderen Seite wohl noch nie was gehört ? '

' So ein Blödsinn, Datenschutz. Es erlebt doch jeder im Grunde dasselbe. Das bist doch nicht du, sondern nur deine Rolle im System. Wie ein Schauspieler im Film. Du hast einen festen Charakter vorgegeben und mußt innerhalb einer grob vorgegebenen Handlung improvisieren. Das hat doch nichts mit dir persönlich zu tun. Das ist ein Spiel. Theater, sonst nichts. Und das, was die auf anderen Seite machen, ist nicht Verletzung des Datenschutzes, sondern im Prinzip Theaterkritik. Aber sagtest du nicht, das du müde wärest ? '

' Meinst du, ich kann auch noch schlafen, wo ich weiß, das ich ständig von hunderten von Augen beobachtet werde ? '

' Warum nicht ? Die Augen waren vorher doch auch da. '

' Das ist aber nicht dasselbe. Weißt du, wie ich mit vorkomme ? Wie eine Laborratte. '

' Du hast es verstanden. Im Grunde bist du nur eine Laborratte. Aber du bist es freiwillig. Außerdem haßt du selbst gesagt, daß das Leben auch sehr schön sein kann. '

' Das habe ich nie gesagt. '

' Aber gedacht. '

' Kannst du Gedanken lesen ? '

' Ich nicht, aber es gibt Leute, die das können. Und diese Leute kenne ich recht gut und die erzählen mir, was sie wissen.'

' Ich dachte immer, die Gedanken sind frei. '

' So frei wie im einem Käfig. So wahr doch deine Formulierung, wenn ich mich richtig erinnere. '

' Deshalb der Brief. Ihr wußtet, daß ich mit meinen Überlegung auf dem Weg in die richtige Richtung war. Und ich Idiot habe mich dauernd gefragt, was ich bloß getan hatte, um euch zu veranlassen, mir einen solchen Brief zu schicken. Dabei war es gar keine Handlung. Nur das Denken hat schon gereicht. '

' Ja genau. Unter den gegebenen Umständen hat es wohl wenig Sinn dich zu fragen, ob du wirklich alleine schlafen willst ? '

' Du hast es verstanden. '

' Das ist eigentlich recht schade. Weißt du, es ist durchaus möglich, daß das System durch diese Untergangsprozedur kaputt geht. '

' Was hat das damit zu tun ? '

' Weißt du, deine Aufgabe ist doch, das Ende aufzuhalten. Ich weiß zwar nicht, ob das klappt, aber normalerweise hat Sex auch im System Priorität. Und wenn keine Kapazität mehr vorhanden ist, kann der Rechner die Prozedur nicht ausführen. '

' Das verstehe ich nicht so ganz. '

' Nun wenn du dir überlegst, das alles berechnet werden muß. Jedes Bild, jedes Geräusch, eben alles was angeblich deine Sinne wahrnehmen, dann kannst du dir doch vorstellen, daß es etwas aufwendiger ist, Sex zu simulieren, als einen Spaziergang, oder etwa nicht ? '

' Das mag ja so sein. Aber warum ausgerechnet mit dir ? Und warum ausgerechnet jetzt und hier ? '

' Hast du was gegen mich ? '

' Nein, im Gegenteil. Das Problem besteht darin, Eros und Amor zu trennen, wenn du verstehen kannst. '

' Warum willst du das trennen ? '

' Ich weiß es nicht. Aber ich glaube einfach, daß es falsch wäre.'

' Gut, also warum ausgerechnet ich. Du hast schon mal festgestellt, daß ich kein Statist bin. Ich bin im Grunde dasselbe wie du. Daraus folgt, daß man nicht nur deine Wahrnehmung, sondern auch meine Wahrnehmung berechnen muß. Das sind sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Außerdem muß jeder Schauspieler irgendwann mal eine Liebesszene spielen. Job ist Job.'

' Du bist auch ein Urlauber ? '

' Nein. Ich bin nicht zum Spaß hier... Vielleicht Reiseführer, wenn du im Bild bleiben willst. '

' Aber du trägst auch eine Datenbrille ? '

' Du trägst auch keine. Aber ich weiß schon, was du meinst. Und die Antwort ist ja. Unsere Systeme sind miteinander vernetzt. Deswegen ja auch zwei Berechnung. Einmal aus deinem und einmal aus meinem Blickwinkel. '

' Und meinst also, daß wenn ich nicht umsonst gelebt haben will, muß ich die Aufgabe lösen. Und ich könnte die Aufgabe lösen, in dem ich mit dir schlafe. Ist das so richtig ? '

' Ist zwar nicht ganz sicher, aber ich weiß keine bessere Lösung. Du vielleicht ? '

' Ich bin nur ein armer Urlauber, der mid-low spielt. Woher soll ich das bitte wissen. Nein, ich habe auch keine. '

Um ganz ehrlich zu sein, ich habe auch nicht sonderlich lange darüber nachgedacht. Normalerweise geht das bei mir ja nicht so schnell. Aber wenn sie mir so gute Gründe liefert, dann geht es halt nicht anders. Obwohl es eigentlich meinen Grundsätzen widerspricht. Aber ich hatte mir ja sowieso vorgenommen, offener zu werden. Und ich glaube, jetzt fange ich damit an. Regeln sind dazu da, daß man sie bricht... '

Kapitel 29

' Um gleich einem Klischee zuvor zukommen. Ich habe nachher nicht, ich betone, nicht geraucht. Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn man im Bett raucht. Erstens ist die Brandgefahr viel zu groß und zweitens... hatte ich keine Zigaretten mehr. Aber einen Schmacht, das glauben Sie nicht. Das kann man echt keinem erzählen. Normalerweise halte ich mich ja ziemlich bedeckt, was die Schilderungen aus diesem sehr privaten Bereich betrifft. Aber da uns jawohl sowieso mindestens hundert Leute zugeschaut haben, kann ich einiges sagen.

So jetzt sollten Sie nicht auf den Gedanken kommen, daß ich auf Gefühle, Empfindung, Praktiken oder sonstige Einzelheit auf die Personen bezogen erzähle, sondern es geht nur um die Umstände. Vielleicht sollte ich noch sagen, daß es bis zum äußersten sowieso nicht gekommen ist. Bevor sie nun denken, daß ich oder sie wohl möglich Probleme mit der Kontrolle über den Körper haben, muß ich sagen, daß es nur an äußeren Umständen lag.

Sie müssen sich vorstellen. Zimmer, solide, geschmackvolle Einrichtung. Laterne direkt vorm Fenster, so das Beleuchtung im Raum nicht notwendig war. Also ein leichtes Dämmerlicht. Sie liegt auf der Couch, auf der sie in der vorigen Nacht schon geschlafen hatte. Oben ohne, aber leider war das Licht so schlecht, daß man das mit den Augen nicht wahrnehmen konnte. Es versteht sich glaube ich von selbst, daß ich diese Informationslücke mit Hilfe des Tastsinns ausglich. Doch darauf wollte ich nicht hinaus. Im Hintergrund läuft leise Musik. Radio, weil ihr meine Platten nun absolut nicht gefielen. Vielleicht sind sie auch etwas unpassend für eine solche Gelegenheit. Das Radio kratzte, weil der Sender nicht ganz klar eingestellt war. Aber gerade das, machte es irgendwie romantisch. Mit ein bißchen Phantasie, ja vielleicht, brauchte man eigentlich sehr viel Phantasie dazu, konnte man sich das als Rauschen des Kamins vorstellen. Na ja, ein bißchen an den Haaren herbeigezogen, gebe ich zu. Aber der gesamte Eindruck war doch recht gemütlich, um nicht so zu sagen, angenehm aufregend.

Mit der Zeit, und das lag sicherlich hauptsächlich daran, daß ich nicht mehr so darauf geachtet habe, da ich mich um sie kümmerte, gefiel sogar mir die Musik, obwohl ich mich eigentlich überhaupt nicht für Klassik begeistern kann. Manchmal, wenn die Geige solo spielte, fiel sogar einem abgehärteten Metaller wie mir ein leichter Schauer über den Rücken. Doch, diese alten Meister bringen richtig Atmosphäre rüber. Und zwar nicht, wie in der Musik, die ich ansonsten bevorzuge, eher negativer bis depressive, und auch nicht wie diesen Kathedralen des kollektiven Wahnsinns aggressiv, penetrant fröhliche, sondern eine gesunde positive Mischung aus beiden. Da diese Musik eigentlich nur beiläufig im Hintergrund lief, kam nur die Stimmung rüber. Nicht wer das spielte oder von wem das war, und schon gar nicht, ob es qualitativ gut oder schlecht war. Aber es paßte besser als jede andere Musik zu dieser speziellen Umgebung.

Die Atmosphäre war aufgeladen. Ja, man konnte quasi die Funken fliegen sehen. Es war toll. Bis auf einmal :

' Guten Abend, es ist 0.00, wir senden Nachrichten. ' aus dem Radio dröhnte. Es war so, als hätte man sich verkabelt und langsam den Strom gesteigert. Und auf einmal, zieht irgend jemand den Stecker raus. Von einer Sekunde auf die andere, war alles vorbei. Die ganze, behutsam aufgebaute Stimmung, mit einem Satz vernichtet.

' Chicago : Die jüngste Kältewelle in den USA hat in dieser Nacht ihr 14. Todesopfer gefordert... '

Wahnsinnig interessant. In den USA ist jemand erfroren. Stellen sie sich vor, wenn ich das niemals erfahren hätte. Ich hätte ja völlig umsonst gelebt. Ach was sage ich, ich nie wieder Levelpunkte machen dürfen. Diese Nachricht war so unglaublich wichtig. so aufregend, so dramatisch. Ja fast eine Revolution, daß ich mich sofort umdrehte und nun endgültig versuchte einzuschlafen. Die Stimmung war eh verdorben. Bis wir die wieder einigermaßen hingekriegt hätten, wäre wahrscheinlich eine weitere Stunde ins Land gegangen. Um dann ebenso abrupt mit den Ein Uhr Nachrichten zu enden. Zumal nach den anderen Nachrichten, die genauso spektakulär weitergingen, noch die unvermeidlichen Verkehrshinweise folgten. Eigentlich eine Frechheit, daß in dieser Situation so anzukündigen. Aus diesen konnten wir entnehmen, daß es zur Zeit keine Verkehrsbehinderung gibt. Außerdem wünschte uns eine freundliche weibliche Stimme noch eine gute Fahrt.

Toll was, ganz toller Abend. Es gibt eben Tage, da überstürzen sich die Ereignisse, aber dieser war einfach nur eine riesige Pleite. Aber es bleibt die Hoffnung auf den nächsten. Diese Nacht, war die erste seit langem, nach der ich wirklich am nächsten Tag aufwachen wollte. Nach so langer Zeit freute ich mich endlich mal auf den nächsten Morgen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das bedeutet...

Wissen Sie, es besteht ein riesen Unterschied zwischen nicht sterben wollen und leben wollen. Ich lebte bis zu dieser Nacht nur immer einen Tag. Jetzt und gerade in diesem Augenblick. Nicht morgen, nicht nächste Woche, nicht nächstes Jahr zählte, sondern nur das heute. Abends im Bett überlegte ich mir immer nur, was der morgige Tag für Probleme bringen würde. Was nun morgen wieder auf mich zukommen würde. Damit sie mich nicht falsch verstehen. Es geht nicht darum, daß ich nicht wieder aufwachen wollte, um vor den Sorgen zu fliehen. Ich war jeden Tag aufs neue bereit in diesen Kampf des Alltags zu ziehen. Aber es war eben ein Kampf. Eine Aufgabe, etwas das halt getan werden muß, weil es keine Alternative gibt. Weil die einzige Alternative, die es dazu gegeben hätte, der Tod gewesen wäre, und der ist noch schlechter, als jeder neue Tag. Ich wollte mich durchbeißen und es schaffen. Aber es das ist eben etwas ganz anderes, als wenn man sagt, man lebt gerne. Ich erfüllte nur meine Pflicht, aber niemand kann mich dazu zwingen, daß ich das gerne tue. Mittlerweile weiß ich auch, daß dieses Denken nur Nachteile bringt, aber ich bin nun mal so, wie ich bin. Womöglich hängt das auch mit den Modulen und den Umständen zusammen. Ich kann einfach nicht anders.

Doch ab heute ist das anders. Ich weiß auch nicht genau wieso. Vielleicht weil ich mich zum ersten Mal seit langem nicht nur für mich da bin. Vielleicht weil ich auf etwas wirklich neues freuen kann. Es ist halt einfach viel spannender geworden, seitdem sie hier ist. Sie weiß so viel. Oder wenigstens hat sie interessante Vorstellungen. Ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt, daß die Theorie stimmt. Aber ich glaube, ich muß erst noch mehr wissen, um mir ein endgültiges Urteil bilden zu können. In sich ist das ganze bisher logisch und nach außen verursacht es keine Widersprüche. Man kann eine Menge damit erklären. Den Brief zum Beispiel. Selbst wenn das ganze nicht stimmt, dann ist es doch erstaunlich, wieviel man mit einer einzigen falschen Theorie falsch deuten kann. Ich finde die Vorstellung, daß das Leben nur ein Spiel ist, sehr gut. Man kann dann viel lockerer an die Sache ran gehen. Sie fasziniert mich. Nicht nur, weil sie gut aussieht und weil sie glaubt viel zu wissen, sondern es ist ihre überzeugte Haltung. Sie steht dazu. Mag da kommen, was da will. Sie hat auf alles eine plausible Antwort. Und wonach soll man eine Theorie beurteilen ? Da eine Theorie immer über die Fakten hinaus geht, und versucht Zusammenhänge zu konstruieren, ist doch der einzige Indikator für die Güte der Theorie ihre Anwendbarkeit auf die Realität. Wie paßt sie zu allem anderen, das man weiß ? Gibt sie Antworten, die man vorher nicht kannte ? Liefert sie Erklärung für die ungelösten Fragen ?

Wie sie merken, konnte ich doch nicht einschlafen, obwohl ich sehr müde war. Es ist so viel passiert. Soviele neue Ideen, sovieles das ich noch wissen will. Die von der anderen Seite haben das erreicht, was sie erreichen konnten. Sie haben es geschafft, mich für eine Möglichkeit zu interessieren. Es könnte tatsächlich so sein. Und ich bin normalerweise sehr vorsichtig bis mich so einer Aussage hinreißen lassen. Aber ich glaube ich sollte jetzt wirklich schlafen...

Kapitel 30

Was gibt es schöneres als Morgens aufzuwachen und den Geruch von frischem Kaffee zu riechen, bevor man überhaupt aufgestanden ist. Sie stand vor mir auf. Wie sich im Laufe des Gesprächs am Frühstückstisch herausstellte, hat sie wohl noch weniger geschlafen als ich. Kurz nachdem ich eingeschlafen war, ist sie aufgestanden und hat meine Wohnung auf den Kopf gestellt. Alles war durcheinander und vollkommen ungewohnt. Sie hatte aufgeräumt. Sie sagt, sie macht das öfters, wenn ihr langweilig ist. Außerdem hatte sie eben Kaffee gekocht und Brötchen gekauft.

Nachdem ich die Morgentoilette und die Nahrungsaufnahme beendet hatte, bot sie mir eine Zigarette an.

' Du rauchst ? '

' Nein, aber heute ist das was anderes. Heute ist der Tag der Entscheidung. '

' Welcher Entscheidung ? '

' Deiner Entscheidung, und ich hoffe du entscheidest dich richtig.'

' Was muß ich denn entscheiden ? '

' Das erfährst du noch früh genug. So, also ich habe meine Ausführung abgeschlossen. Du weiß jetzt, wie es funktioniert. Haßt du jetzt von dir aus noch irgendwelche Fragen ? '

' Du meinst, ich soll dich einfach irgendetwas über das System fragen, und du wirst mir antworten ? '

' So ist es geplant. '

' Darauf war ich gar nicht vorbereitet. '

' Laß dir ruhig Zeit. Weißt du, es ist schwierig etwas zu erklären. Besonders wenn man selbst alles versteht, denn dann kann man nur sehr schwer vorhersagen, wo der andere Probleme haben wird. Deswegen ist es wohl besser, wenn du einfach fragst. Normalerweise sollst du zwar alles selber herausfinden. Aber da die anderen dich eh schon direkt informiert haben, und du deswegen sowieso für diese Erkenntnis keine Punkte bekommst, ist es wohl so besser. Und nebenbei wohl auch effektiver. '

' Nun ja, es gibt schon einige Dinge, die noch wissen will. Aber ich weiß nicht, ob ich noch mehr Informationen verarbeiten kann. Weißt du, es war ziemlich viel neues in der letzten Zeit. Vielleicht sollte ich mich erst mal darauf beschränken, alles das wirklich zu verstehen, was du bisher gesagt hast. '

' Es wäre schon klüger, wenn du fragen würdest. Du kannst dir offensichtlich immer noch nicht vorstellen, was das für ein gewaltiges Privileg ist. Du bist der einzige Urlauber, der einzige, der das bisher erfahren hat. Und du wirst es vermutlich auch bleiben. Das ist eine riesen Ehre. Man vertraut dir. Obwohl du nur mid-low spielst, traut man dir zu, dies alles zu verarbeiten. Macht dich das denn nicht auch ein wenig stolz ? '

' Ihr überschätzt mich. Das ist alles. '

' Du unterschätzt dich, das ist alles. Du hast ja keine Ahnung, was für eine unheimliche Leistung das war, auf diese Idee zu kommen. Die Theorie mit dem Käfig kann nicht jeder entwickeln. '

' Ihr habt mich doch mit Gewalt auf diese Theorie gebracht. '

' Das System hat Hinweise gegeben, aber diese zu erkennen, ist die eigentliche Leistung. '

' Das wird mir zu peinlich. Also gut, wenn du unbedingt willst, komme ich mit den drei Standardfragen, die normalerweise keiner beantworten kann. Einmal, wie hat es anfangen ? '

' Meinst du das System, oder dein Leben ? '

' Im Grunde beides. Aber bleiben wir erst mal beim Leben. Wenn das ganze Leben, die ganze Welt nur eine Simulation ist, wie kann dann neues Leben in der Simulation entstehen. '

' Sind deine biologischen Kenntnisse so miserabel ? '

' Das meine ich nicht. Ich verstehe nicht, daß wenn ich der einzige lebenden Mensch bin, wie ich mich dann vermehren kann. '

' Wer hat bitte behauptet, daß du das überhaupt kannst ? '

' Nun hör mal aber mal auf. Ich meine, wie kann ich Kinder zeugen, wenn es keinen weiblichen Partner gibt ? Wie kann eine Filmsequenz ein Kind kriegen ? '

' Das sind zwei Fragen. Du kannst alles um dich herum anfassen und du denkst, es wäre real. Das die Partnerin nicht real ist, ändert doch nichts, solange du das nicht weißt. Im Prinzip, zeugst nicht du, sondern der Computer entscheidet, ob nun ein Kind geboren werden soll oder nicht. Dann läuft eben die entsprechende Filmsequenz einer Schwangerschaft ab. Das ist alles. '

' Bei weiblichen Urlaubern ist das aber ziemlich schwer einfach nur zu simulieren. '

' Das ist allerdings wahr. Da wir aber direkt im Gehirn manipulieren, so schwer nun auch wieder nicht. Aber es stimmt schon, daß es um einiges aufwendiger als bei Männern ist. Deswegen werden Kinder ja auch nicht am Fließband geboren. Ich würde sagen, eins oder zwei pro Urlaub. Diese Zahl sinkt übrigens, da im Datensektor immer weniger Platz ist, und diese Prozedur doch relativ aufwendig ist. '

' Es wird also im System kein neues Leben erzeugt ? '

' Das ist richtig. Allerhöchsten ein neuer Statist, wenn alles glatt läuft. '

' Und wie bin ich dann bitte auf die Welt gekommen ? '

' Ich dachte, das hätten wir schon geklärt. In dem du dich ins Cyberspace begeben hast. '

' Als Säugling ? '

' Blödsinn, ich müßte jetzt in deiner Akte nachschauen, aber ich tippe du bist etwa 25. '

' Falsch ich bin 20. '

' Nein, nicht hier in der Rolle, sondern außerhalb des Cyberspace. '

' Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. '

' Das ist auch nicht ganz so einfach. Ich bin nämlich nicht sicher, ob ich dir das sagen darf. Jetzt geht es nämlich wirklich an die Grundlagen. '

' Erst machst du mich neugierig, und dann ziehst du dich wieder zurück. Das ist nicht fair. '

' Hattest du schon mal einen Filmriß ? '

' Das weißt du doch. '

' Du kennst also das Phänomen, daß es Situation gibt, in denen man nicht mehr genau unterscheiden kann, was real war und was man nur geträumt hat. '

' Ja, aber was hat das bitte mit der Frage zu tun ? '

' Hast du dich schon mal gefragt, ob man das überhaupt jemals weiß ?'

' Im allgemeinen kann man das doch trennen. '

' Nein, das kann man nicht. Wenn dir nur lange genug jemand einredet, daß das, was du glaubst, das du gestern gemacht hast, gar nicht geschehen ist, dann fängst du an zu zweifeln. Wenn dann noch von unterschiedlichen Seiten die Information kommt, daß du etwas ganz anderes gemacht hast, dann glaubst du das irgendwann. Es sei denn, es widerspricht zu deinem Ehrenkodex, daß du glaubst, die anderen belügen dich. Aber wenn es durchaus so gewesen könnte, dann wirst du ihnen glauben. '

' Nur was hat das mit der Frage zu tun ? '

' Darauf komme ich noch. Deine Erinnerungen sind also manipulierbar. Nun könnte man sich doch vorstellen, das alle deine Erinnerung manipuliert sind. Zu jeder Handlung, zu jedem Film gibt es einen Vorspann, eine Vorgeschichte, die passiert ist, bevor der Schauspieler auftritt. Natürlich muß ein Schauspieler diese kennen, um die Rolle möglichst gut zu spielen.'

' Die Verbindung zu meiner Frage sehe ich immer noch nicht. '

' Wenn du nun zu einem Zeitpunkt X in die Handlung einsteigst, und von da aus spielst. Dann mußt du doch wissen, was bis dahin alles passiert ist. Irgendwann bist du dann so in der Geschichte drin, daß du nicht mehr weißt, was du nun alles selbst gespielst hast und was Vorgeschichte ist. '

' Hör auf über Filme zu reden, und komm endlich zum Punkt. '

' Mein Gott, ist das denn so schwer. Wenn du sagen wir mal mit 7 Jahren ins Spiel einsteigst, dann weißt du doch mit 13 nicht mehr, ab wann wirklich etwas passiert ist, und von wo ab, die Vorgeschichte beginnt. Zu mal dann, wenn man will, daß du das vergißt. '

' Da willst mir jetzt nicht einreden, daß ich gar nicht geboren worden bin ? '

' Natürlich bist du irgendwann geboren worden. '

' Ich wollte auch sagen... '

' Aber natürlich nicht mit Kabel am Kopf. Nicht im Cyberspace. Dieses Programm war eigentlich für etwas nützliches gedacht. Man wollte Kindern ohne Eltern die Chance geben, im Cyberspace eine glückliche Kindheit nachzuleben. Das war mal eine Therapie. Aber du siehst ja, was daraus geworden ist. Ein Spiel, nicht mehr. Ist das damit nun geklärt ? '

' Klar ist momentan noch gar nichts. Das muß sich alles erst mal setzen. Aber ich habe noch mehr Fragen. Die zweite Standardfrage ist, was passiert nach dem Tod. '

' Du lebst weiter, wie vor dem Einstieg ins Cyberspace. Der Rechner wird ausgeschaltet und die Kabel werden abgenommen. Du blickst noch einmal zurück auf deinen Raumanzug, ein letzter Blick. Dann steigst du aus und gehst zum Ausgang. Danach trinkst du dir vermutlich ein kaltes Pils, weil so ein Leben recht angestrengt ist. Dann ruhst du dich ein wenig aus. Kurz nachdem dem Leben, sagen die meisten, nie wieder. Doch spätestens am nächsten Morgen, willst du wieder in den Cyberspace zurück. Das wie eine Droge. '

' Halt nicht so schnell. Ich habe mich mal sehr für den Tod interessiert. Ich habe viele Berichte von sogenannten Nahtoderlebnissen gelesen. Was ist das für ein Tunnel und was für ein wunderschönes, helles weißes Licht ? Und was sind Nahtoderlebnisse überhaupt ? '

' Also, diese Erlebnisse sind leichte Fehler im System. Der Computer denkt nämlich manchmal, daß die Aufgabe entweder erledigt ist, oder nicht mehr zu schaffen ist. Das erste ist sehr selten der Fall, aber das zweite kommt immer mal wieder vor. Wenn die Techniker das früh genug merken, darfst du, wenn du dann noch willst, wieder zurück in den Cyberspace. Das ist nur möglich, wenn das Memory Killing noch angeschlossen ist. Der Tunnel ist das, was wirklich um dich herum ist. Das ist nämlich nicht einfach ein Raum. Da ja zum Beispiel auch Gravitation simuliert werden muß. Und das geht rein technisch am besten in einer Röhre, die sich bewegt. Das Licht ist schlicht der Ausgang. Eine Flügeltür, hinter der die Techniker sitzen. Das helle Licht ist nichts weiter, als ein paar Neonröhren, die den Arbeitsraum erhellen. Da sich die Augen aber erst wieder umgewöhnen müssen. Sie wurden ja im Cyberspace nicht gebraucht, erscheint dieses Licht etwas gedämpft. Das ist auch schon alles.'

' Man sagt, daß Leute, die dieses Licht gesehen haben, mehr wissen als andere Menschen. '

' Mal davon abgesehen, daß sie ohnehin die einzigen sind, die überhaupt etwas wissen, da die anderen ja nur Statisten sind, ist das wirklich so. Das Memory Killing schaltet sich nicht ruckartig ab. Wenn es bis zu 95% noch intakt ist, dann erlaubt der Computer den Wiedereintritt ins Cyberspace. Sonst noch Fragen?'

' Zunächst mal die dritte metaphysische Standardfrage. Was ist Geschichte ? '

' Da muß man unterscheiden. Das ist so ziemlich das komplizierteste, was du überhaupt fragen konntest... Zunächst mal zu der Geschichte, die aus Fakten besteht. Zum Beispiel, daß der erste Weltkrieg von 1914 bis 18 war. Darauf bezogen, müßtest du dir die Antwort eigentlich schon selbst geben können.'

' Müßte ich ? '

' Ja, das ist im Prinzip nichts anderes als die Vorgeschichte. '

' Du meinst, daß ist alles frei erfunden. Eine Filmhandlung ? '

' Obwohl das so ist, darfst daraus nicht den Schluß ziehen, daß du sie deswegen nicht so beachten brauchst. Du mußt die Vorgeschichte kennen, und dich dementsprechend verhalten. Ich mache jetzt bewußt ein ganz krasses Beispiel, damit die du Tragweite verstehst. Eigentlich ist es schon falsch, dir das überhaupt zu sagen. Aber ich mache es trotzdem. Das Dritte Reich ist ein geschichtliches Faktum, und dem entsprechend, wenn man die Theorie konsequent anwendet, frei erfunden. Aber, und das ist ein ganz stark betontes aber, es wäre so ziemlich das letzte, wenn du deshalb auf Idee kommst, die Schuld zu leugnen. Das wäre, da du dich in Bezug auf die Vergangenheit verhalten mußt, eine, um es freundlich zu formulieren, eine Beleidigung aller Opfer und dessen Nachfahren. Die gab zwar auch nicht, aber da du das nicht weißt, mußt du dich so verhalten, als wäre es passiert. Hast du das verstanden?'

' Nein. Wieso soll ich mich für etwas entschuldigen, wenn es gar nicht passiert ist ? '

' Vor dieser Frage hatte ich Angst. Das ist typisch menschliches Denken im Cyberspace. Ich bin nicht schuld, da habe ich nichts mit zu tun, das geht mich nichts an. Es geht aber nicht darum was war, sondern nur darum wie du dich verhalten würdest, wenn es so gewesen wäre. Die Laborratte soll unter bestimmten Bedingungen leben. Diese sind zu akzeptieren. Das sind Definitionen der Umgebung. Wenn du andere Definitionen benutzt, als der Rest, wirst du nicht klar kommen. Und selbst dann nicht, wenn deine Definition hundert mal besser ist. Du mußt es einfach als Fakt hinnehmen und fertig. Es verlangt ja nun keiner von dir, das du dein ganzes Leben mit gesenktem Kopf durch die Gegend läufst. Aber versuche nicht die Fakten zu verändern, auch wenn sie wohl möglich falsch sind. Das bringt nichts, höchstens schadet es deinem Ansehen. '

' Ich muß das ja nicht alles verstehen, oder ? '

' Nein. Es war auch ein schlechtes Beispiel. Aber wenn man konsequent ist, muß man auch das mit einbeziehen. Nun aber zu einem der beiden anderen Teile der Geschichte. Das kollektive Wissen im System. In der Geschichte werden Erfindungen gemacht. Neue Dinge sind im entstehen. Du mußt dir das in etwa wie ein Puzzle vorstellen. Jeder Urlauber tut irgendetwas. Ist irgendwie kreativ. Schafft Dinge oder Wissen. Und alle die Dinge, die der Urlauber im System herausfindet, stehen einem späteren Urlauber, der ebenfalls in dieses System einsteigt, zur Verfügung. So entwickelt sich das System immer weiter. '

' Also ist im System der Raum konstant und die Zeit linear. So wie ich es immer schon gelernt habe. '

' Ja, solange du das System nicht verläßt. Es zwingt dich ja keiner, wieder genau in dieses System einzusteigen. Vielleicht möchtest du aber beim nächsten Mal in ein System das 500 Jahre zurück oder voraus ist. Das ist vollkommen dir überlassen. '

' Wieviele Systeme gibt es ? '

' Das weiß ich nicht. Ziemliche viele auf jeden Fall. Aber diese lineare Entwicklung hat einen entscheiden Haken. Irgendwann ist Schluß. Das System ist dann soweit entwickelt, daß der Rechner nicht ausreichend Platz zum Rechnen hat. Das ist bisher aber nur graue Theorie, da dieses System hier, das am weitesten entwickelte ist und dieses noch nicht zusammengebrochen ist. '

' Und diese Reiter sind das Zeichen, daß das bald zur Praxis wird?'

' Das könnte sein. Wie gesagt, das ist eine Premiere. Das weiß man nicht so genau. '

' Durch die End-Funktion ist dieser Prozeß in Gang gesetzt worden?'

' Ich weiß es nicht. '

' Aber es kann doch kein Zufall sein, daß ich ins VRS einsteige und das daraufhin, das System anfängt zusammen zu brechen. '

' Ich weiß nicht einmal, ob das System kaputt geht. Aber wenn du meine persönliche Meinung hören willst, ich glaube nicht einmal, daß es Zufall war, das ausgerechnet du ins VRS eingestiegen bist. Auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was sie damit bezwecken. '

' Du erwähntest einen Mann, der vielleicht recht haben könnte. '

' Petterson ? '

' Ja, ich glaube, so hieß er. '

' Ich glaube, wir machen erstmal eine Pause bis du das alles verstanden und verarbeitest hast. '

' Du weißt, daß das ein paar Jahre dauern könnte. '

' Glaubst du mir denn inzwischen, daß die Theorie stimmt ? '

' Das mit dem Gedankenlesen nehme ich dir nicht ab. Aber der Rest klingt einigermaßen vernünftig. Doch bevor ich nicht richtig darüber nachgedacht habe, sage ich nichts verbindliches. '

' O.K., das klingt fair. '

' Entschuldige, aber muß jetzt erst mal nach draußen. Frische Luft hilft beim Denken. '

' Soll ich mitkommen ? '

' Wenn du einfach nur schweigend neben mir herlaufen könntest, dann wäre das großartig. Aber wenn du das nicht kannst, bleib bitte hier. Ich muß nachdenken. '

' Ich werde mir Mühe geben. Ich will schließlich auch ein bißchen von der Simulation sehen. Wer weiß, wann ich mal wieder in dieses System einsteige. '

' O.K., dann laß uns gehen. '

Wir gingen. Ich kann nicht leugnen, daß ich ein wenig Kopfschmerzen habe. Das war verdammt viel auf einmal. Aber ich war ja selbst Schuld. Ich wollte ja unbedingt alles sofort wissen. " Der Spieler geht mit seinem Helper spazieren. Und er ist auf dem richtigen Weg, denn Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Aber der Weg ist noch lang...

Kapitel 31

Auf der anderen Seite :

" Da hatte man sich gerade darauf eingestellt, daß es ein wenig ruhiger werden würde, da beginnt der Streß erst richtig. Es passieren Fehler, die eigentlich unnötig wären. Ich versteh das gar nicht. Wie kann man nur vergessen, bei einem Urlauber das Memory Killing einzuschalten ? Ich kann das nicht begreifen.

Ein Helper darf alles sagen, was er weiß, wenn er die Berechtigung zur Aufklärung der Hauptperson erhalten hat. Aber wer rechnet denn schon damit, daß der Helper alles weiß. Normalerweise wird durch Memory Killing ein Teil gelöscht. Die wesentlichen Teile. Aber mein Assistent hatte es ja nicht nötig, daß Programm nochmal zu checken. Warum auch ?

Im System kann man nichts mehr machen. Nachträgliches Memory Killing könnte zu Schäden im Gehirn des Urlaubers führen. Und zwar nicht nur im Cyberspace, sondern auch hier. Das ist gegen die Regeln. Der schon erwähnte Assistent behauptet, daß das System nicht auf seine Befehle reagiert habe. Da so etwas noch nie vorgekommen sei, dachte er, der Computer hätte es ausgeführt und die Anzeige wäre nur kaputt. Sicher das hätte ich auch gedacht. Aber gerade in einer solchen Situation, muß man doch besonders aufpassen, daß der Urlauber nicht zu viel erfährt. Notfalls hätte man ihn eben zurückholen müssen.

Wir hatten das wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen. Doch diese verdammten Ignoranten in ihrem Glaskäfig, sagten dieser Urlauber müßte im System bleiben und die Auswirkung der Prozedur Armageddon auf ihn, müßte getestet werden. Das hätte Priorität. Eine Begründung gaben sie mir auch diesmal nicht. Es wird wirklich Zeit, daß das Spiel der Meister beginnt, damit sich hier einiges ändert.

Dieses ist aber bei weitem nicht das größte Problem. In unserer Abteilung ist mittlerweile nur noch dieses eine System angeschaltet. Alle anderen mußten kurzfristig ausgeschaltet werden, und starten deshalb wieder bei null. Die Prozedur ist nicht nur verdammt groß, sondern sie ist auch noch fehlerhaft und produziert Kurzschlüsse in den anderen Systemen. Da hier alle Systeme irgendwie miteinander vernetzt sind, mußten wir sie aus Sicherheitsgründen abschalten. Leider weiß heute keiner mehr, wie die einzelnen Systeme genau zusammenhängen. Deshalb ist es durchaus möglich, daß das Problemsystem noch irgendwelche Schäden davon trägt. Aber sie wollen ja nicht hören. Ich habe von Anfang an gesagt, wir hätten die Prozedur nicht starten lassen sollen. Warum beschäftigen sie eigentlich einen Spieleconditioner, wenn er sowieso nichts entscheiden darf ? Diese Leute haben keinen blassen Schimmer von Technik, aber sie wollen alles selbst entscheiden. Und das gegen den erklärten Rat aller Experten.

Hier bei uns macht sich langsam aber sicher Untergangsstimmung breit. Noch nie sind Systeme ausgeschaltet worden. Noch nie. Es ging immer weiter. Die Systeme wurden immer besser. Es war immer Fortschritt da. Und nun zum ersten Mal ein Rückschritt. Die Leute verstehen nicht, wieso. Daraus ergibt eine diffuse Angst, die sehr leicht in Aggression gegen die vermeintlich Schuldigen umschlagen könnte. Nämlich gegen uns. Dabei können meine Kollegen und ich doch auch nichts dafür, daß die da oben so stur sind. Früher bekam man Anerkennung und Lob, wenn man sagte, man sei Spieleconditioner. Und jetzt ist daraus fast ein Schimpfwort geworden. Man hält uns für dumm und faul, weil wir unsere Aufgaben nicht erledigen würden. Unsere Aufgabe für einen reibungslosen Spielbetrieb zu sorgen. Ich habe keine Lust die Prügel einzustecken, die eigentlich die da oben im Glaskäfig treffen sollte. Aber das darf man ja nicht sagen. Das Komitee ist Fehlerlos. Die können gar nichts falsch machen. Die Leute glauben das immer noch. Also müssen wir es ja sein. Der Job macht echt keinen Spaß mehr.

Aber ich bin ihnen noch die Erklärung der Pettersontheorie schuldig. Also diese Theorie ist auch als Jahresringtheorie bekannt. Sie ist so eine Art Religion bei uns. Früher gab es hunderte von Religionen, doch dann kam das Komitee und die Kontrolle aller Information durch dasselbe, und die Religion wurde geächtet. Das paßt eben nicht zum absoluten Vertrauen in die Technik. Nur das System sollte übermenschliche Fähigkeiten haben. Nur das System sollte bestimmen. Das ist auch weitgehend so.

Um diese Theorie richtig verstehen zu können, muß man wohl erst erklären, was für uns der Tod ist. Bei uns lebt jeder nur für das Spiel. Der nächste Level ist das einzige, was zählt. Immer höher, immer mehr Punkte, immer mehr wissen und dadurch immer mehr Macht. Es heißt, wer den schwierigsten Level ganz schafft hat, tritt ins Paradies ein. Und irgendwie stimmt das auch.

Sie müssen wissen, daß die medizinische Versorgung bei uns mittlerweile so gut ist, daß es kaum noch natürliche Tode gibt. Fast alle die sterben, tun das freiwillig. Das ist auch ganz logisch. Denn wenn man den höchsten Level geschafft hat, hat man nichts mehr zu tun. Nichts, daß einen noch irgendwie reizen würde. Nichts, worauf man sich noch freuen könnte. Alles, wo von man sein Leben lang geträumt hat, erfüllt sich in dem Augenblick, wo man das open-ended Spiel gewinnt. Die Menschen hier haben keinen anderen Lebensinhalt als das Spiel. Wenn das sinnlos geworden ist, weil man nicht mehr weiter kommt, bringen sich viele um. Um nicht zu sagen, fast alle. Hier gibt es nichts anderes als das Spiel.

Nun gibt es natürlich immer Leute, die grundsätzlich gegen den Mainstream schwimmen. Leute wie mich, die nicht auf das Spiel fixiert sind. Ich spiele schon mean, und ich lasse mir Zeit, bis ich weiter steige. Ich will mein Leben noch ein bißchen genießen. Denn auch ich habe Angst vor dem Loch nach dem Spiel.

Nun sind die ältesten hier so knapp über 15 TGL (Thousand Games Length) alt. Das kann man in ihre Zeitrechnung nicht übersetzen. Also ich hatte schon mal gesagt, daß das Spiel im Zeitraffer abläuft. Vielleicht kennen sie das vom träumen. Ein Traum dauert max. eine halbe Stunde. Aber es kommt einem wesentlich länger vor. Dasselbe Prinzip wird auch im System angewandt. Das genau zu erklären, ist nicht möglich, da es viel zu kompliziert wäre. Aber merken sie sich einfach, daß ein Leben nicht ein ganzes Leben dauert. Für ein GPI benötigt der Computer etwa 5 Sekunden,um es zu berechnen. Im System entspricht ein GPI ziemlich genau 2,71, oder noch genauer der Zahl e in Tagen. Bitte erwarten sie nicht, daß ich ihnen den Faktor ausrechne, aber der ist ganz beachtlich. Als Faustformel sagt man, daß ein Jahr im Urlaub, real für uns etwa 12 Minuten dauert. Das heißt, daß ein Leben von 80 Jahren etwa 16 Stunden dauert, und gut an einem Tag durchzuspielen ist. Aber normalerweise ist es ja kürzer.

Die Pettersontheorie läßt sich nun grob in drei Theorien einteilen. In die Jahresringtheorie, die Unendlichkeits- oder Kettentheorie und schließlich die Endlichkeits- oder Gliedtheorie. Im Prinzip hängen die aber alle zusammen. Bevor ich ihnen den Inhalt erklären kann, müssen sie wissen, daß es strafbar ist, diese Gedanken zu verbreiten. Das fällt unter den Paragraph der Volksverhetzung. Man könnte es auch Inquisition nennen, was diese Leute im Komitee aushecken. Jeder der nicht schwimmt, wird ertränkt. Zweifel an der Technik oder gar am Spiel ist ein schwereres Verbrechen als fünffacher Mord. Für Mord, auch im Wiederholungsfall, droht eine Sperre für das Spiel, der Zweifel bringt einem die Streichung aller Levelpunkte und man ist mit einem Schlag auf easy zurückgestuft. Das bedeutet, alle Spiele sind völlig umsonst gewesen. Mir droht also eine ganze Menge, wenn die da oben herauskriegen, daß ich etwas gesagt habe. Aber soll ich ihnen was sagen. Wenn alle schweigen wird sich nie etwas ändern. Im Cyberspace sollen immer alle kritisch sein. Nur ihrem Gewissen verantwortlich sein. Wir loben die Reformer der Vergangenheit, die so mutig waren, sich über Repression und den herrschenden Normen hinweg zu setzen. Wir rümpfen die Nase über die, die der Gewalt nicht getrotzt hatten, weil sie Angst hatten. Aber ihre Angst war berechtigt. Und was tun wir heute. Alles schlucken, anpassen, nur um ein Spiel spielen zu dürfen. Was früher richtig war, soll nun auf einmal falsch sein. Protest, Widerstand loben wir, aber wir bekämpfen ihn gleichzeitig. Das ist nicht nur Doppelmoral, das ist schizophren. Vielleicht wird man so, wenn man jeden Tag ein anderer ist. Wenn man jeden Tag ein neues Leben lebt. Vielleicht bin ich anders, weil ich das nicht tue. Ich weiß es nicht, aber es wäre möglich.

Also nun zur Sache. Wer Petterson war, habe ich ja schon erklärt. Nachdem man ihn damals endgültig aus dem Labor geschmissen hatte, hat er sich ganz zurückgezogen. Er lebte ganz alleine und dachte über sich und die Welt nach. In den Schulbücher steht, daß er dabei verrückt geworden sei. Ich glaube vielmehr, ihm ist dabei eine Erleuchtung gekommen. Er beschreibt die Welt als einen Baum. Genauer als einen Querschnitt eines Baumstammes. Ein Gebilde mit konzentrischen Kreisen. Ein Baum lebt und dabei wächst er nicht nur in die Höhe, sondern auch in der Breite. Wieviel kann man an den Jahresringen erkennen. Um dieses Wachstum geht es. In der Natur funktioniert das ja in etwa so, daß das Wachsen nur an der äußeren Schicht geschieht. Die vorletzte Schicht sorgt dafür, daß die äußerste Schicht irgendwann eine nächste Schicht bilden kann. Und dann verschiebt sich das ganze nach außen. Solange wie dies möglich ist, lebt der Baum, auch wenn die inneren Schichten mit der Zeit verholzen. Er hatte wie ich keine Ahnung von Biologie, und ich glaube, es funktioniert in Wirklichkeit ganz anders. Aber es geht nur um die Vorstellung, nur um das Modell, nicht ob das Beispiel mit dem Baum stimmt. Dieses Modell ist die Jahresringtheorie.

Die Kettentheorie sagt nun, daß dieses Wachstum in die Breite unendlich ist. Es geht immer weiter. Es sei denn, der Baum stirbt, daß heißt die äußerte Schicht wird beschädigt. Und zwar so stark, daß sie keine neue Schicht mehr bilden kann. Aber gleichzeitig ist jede Schicht nur für eine bestimmte Zeit aktiv. Das ist die dritte Theorie. Jede Schicht wird verholzen und damit aufhören zu leben, wenn ihre Aufgabe erledigt ist, eine neue, fortplanzungsfähige Schicht zu bilden.

Da diese Theorien sehr allgemein und bildhaft sind, kann man alles mögliche hinein interpretieren. Der einzige Satz der Arbeit von Petterson, der konkret ist, heißt : Wir sind die vorletzte Schicht. Es gibt die wildesten Vermutung, was er eigentlich damit sagen wollte. Er selbst hat sein System nie erklärt. Er kam nicht mehr dazu, weil er nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Noch heute hält sich das Gerücht, daß er ermordet wurde. Aber offiziell wird von Selbstmord gesprochen, der gleichzeitig noch dazu dient, seinen angeblich verwirrten Geisteszustand zu beschreiben.

Ach so, eins habe ich noch vergessen. Petterson hat dazu aufgerufen, die äußerste Schicht zu zerstören, um den Baum endlich zum Stoppen zu bringen. Nur so hätte die vorletzte Schicht eine Chance nicht zu Holz zu werden. Nun, es gibt Leute, die diese Theorie studieren. Gab es, denn mittlerweile ist es ja sogar verboten, diese Theorie überhaupt zu kennen. Ich bin leider kein Experte auf diesem Gebiet. Aber es ist doch interessant, daß die da oben eine solche Angst vor der Verbreitung dieser Theorie haben. Sie muß etwas bedeuten. Sie muß gefährlich für sie sein. Ich habe keine Ahnung warum, aber ich werde es herausfinden. Und dieser verdammte Virus hat irgendetwas damit zu tun, davon bin ich überzeugt.

Nun denken Sie vielleicht, daß ich ja einfach einen Experten fragen könnte. Aber die gibt es nicht. Die Professoren sind gestorben. Sie haben es nämlich erstaunlich schnell geschafft, daß open-ended Spiel zu schaffen. Normale Menschen brauchen dazu, 10 TGL, aber sie brauchten nur 0,04 TGL, und das ist Rekord und niemals wieder von einem Menschen erreicht worden. Merkwürdig nicht ?

Die Studenten wurden zum größten Teil degradiert. Auf den easy-Level zurückgestuft und waren dadurch bedeutungslos. Es sei denn, sie hätten sich dazu verpflichtet, ihr Wissen für sich zu behalten. Aber wie gesagt, taten das nur sehr wenige. Einige, die das taten, sind nun im Komitee. Sie sitzen da oben in ihrem Glaskäfig und entscheiden nur Blödsinn. Aber da sie sich per Dekret für unfehlbar erklärt haben, kann man daran nichts ändern. Und die Menschen sind so blöd, und glauben ihnen.

Gelegentlich soll bei den unerwünschten Studenten, die auch nach der Zurückstufung ihre Theorie noch verbreiteten, das Memory Killing nicht richtig funktioniert haben. Sicher so etwas kommt immer wieder vor. Aber damals trat es gehäuft auf. Durch diese Fehlfunktion wurde auch der Teil des Gehirn gelöscht, den der Urlauber für seine Zeit nach dem Urlaub braucht. Mit einem Tag wurden diese Leute auf den Entwicklungsstand eines Säuglings zurückgestuft. Ein technischer Defekt. Höhere Gewalt. Was will man machen ?

Ein ehemaliger Assistent von mir hat mal offen gesagt, was eh alle dachten. Da es mit der Wahrscheinlichkeit nicht zu erklären war, daß es ausgerechnet immer diese Leute traf, sagte er, daß da jemand dran gedreht haben muß. Er sagte nicht einmal wer. Aber das reichte schon, um ihn auf easy zurückzustufen. Dabei war er im hard Level, also nur einen unter mir. Das sind in etwa 20 TGL, die er umsonst gelebt hat. Ein halbes Leben. Nachher waren alle übrigens plötzlich der Ansicht, daß das wohl doch nur Zufall war. Es wird wirklich Zeit, daß das Spiel der Meister beginnt, denn hier muß sich verdammt viel ändern... " Ein mutiger Spieleconditioner zeigt Zivilcourage. Bravo...

Kapitel 32

Der Spieler fährt fort :

" Diese Theorie des externen Hauptrechners wird mir allmählich unheimlich. Wenn ich nun ein leichtgläubiger Mensch wäre, dann würde ich das noch verstehen, daß alles zu stimmen scheint. Aber ich bin doch wirklich kritisch an die Sache rangegangen. Ich wollte mir nicht die Fakten so drehen, daß sie in die Theorie passen, sondern schon eher das Gegenteil. Ich wollte Fehler finden, und dennoch habe ich keine gefunden. Was muß noch alles geschehen, bevor man einer Theorie Glauben schenken darf. Mehr als zu versuchen sie zu widerlegen, kann man doch nicht tun.

Diese Theorie schmeißt alles um, was ich bisher für richtig angesehen habe. Aber wir können das Alte nicht beweisen, warum sollte dann die Tatsache, daß die neue Theorie den alten unbewiesen Annahmen widerspricht, gegen die neue Theorie sprechen. Ebenso gut könnte man sagen, daß die Gravitationskraft nichts mit der Rotation der Erde zu tun haben kann, weil die Erde sich nicht dreht. Das geht nicht.

Nun laufe ich hier durch die Straßen meiner Siedlung. An meiner linken Hand ein hübsches Mädchen und in der rechten eine Zigarette. Die Sonne scheint. Die ersten Vögel fangen an zu zwitschern, da es langsam Frühling wird. Zum ersten Mal seit Tagen ist der Himmel mal wieder blau. Die Wärme sollte einen eigentlich aufleben lassen. Eine leichte Brise weht mir ins Gesicht. Und was mache ich, ich denke darüber nach, ob ich nun geboren worden bin oder nicht. Sagen Sie doch mal ganz ehrlich, ich bin doch nicht ganz dicht ? Das Leben genießen wollte ich, und was tue ich. Denken, nichts anders als nur Denken. Sie hat mir angeboten mit ihr zu schlafen. Und ich habe nur über die Konsequenzen nachgedacht. Gut ein paar unglückliche Umstände kamen auch noch dazu. Aber wer hätte mich daran gehindert, wenn ich das Radio ausgeschaltet hätte, und es trotzdem getan hätte. Sie wohl nicht, und sonst war keiner da. Ich war mal wieder unehrlich zu mir selbst. Es war nur das Radio, sonst nichts. Aber das stimmt nicht. Ich war es ganz alleine, der nicht wollte. Angst vor dem schwarzen Tal. Nur denken, nichts tun. Bloß nicht konkret werden. Nichts verbindliches machen. Alles in Zweifel ziehen, um sich nicht festlegen zu müssen. Das zieht sich doch wie ein roter Faden durch mein Leben. Nur nicht verantwortlich sein. Die anderen, die Umständen oder gar der Zufall, bloß nicht ich sind schuld.

Nur ein einziges Mal habe ich etwas riskiert. Bei diesem Spielchen, wie sie es nannte. Und selbst dabei habe ich noch gemogelt. Aber es war schon ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch ohne den Druck, ohne sie, hätte ich auch das damals nicht getan. Vielleicht brauche ich einfach jemand, der mich unter Druck setzt. Der mich zwingt, nicht ein deutlich vielleicht, sondern ja oder nein zu sagen. Entweder oder und nicht sowohl als auch. Wenn man sich auf diese Theorie einläßt, gibt es keine Kompromisse. Man kann nicht sagen, diese stimmt, aber alles andere auch. Man kann nicht sagen, ich glaube nicht, daß ich der einzig denkende Mensch bin, aber der Rest könnte stimmen. Diese Theorie gibt es nur im Ganzen. Man kann sich nicht nur die Teile raussuchen, die einem gefallen. Entweder man ist dafür und nimmt die Nachteile mit in Kauf oder man bleibt beim alten Denken.

Ich brauche sie. Denn ohne sie werde ich mein Leben lang nur zu Kompromissen fähig sein. Zaudern und zögern paßt aber nicht gut zu meinem eigentlichen Ziel, stets konsequent zu sein. Obwohl es natürlich ein Widerspruch in sich ist, wenn man sagt, daß man bisher immer inkonsequent war, jetzt aber endlich konsequent sein wollte. Damit würde man ja seine Gewohnheiten ändern, und das ist inkonsequent. Aber an dieser Haarspalterei merken Sie, daß ich schon wieder versuche mich vor der eigentlichen Entscheidung zu drücken. Mit formalen Dingen argumentiert man erst dann, wenn man keine inhaltlichen Argumente mehr hat. Das läßt sich vor allen Dingen in der Politik wunderschön beobachten.

Aber ich weiche vom Thema ab. Als wir so eine halbe Stunde ziellos durch die Gegend gelaufen sind, hatte ich eine Idee. Ich nehme sie mit zu Bruno. Wenn sie wirklich beschlossen hat, daß wir jetzt eine Beziehung haben, ein Beschluß übrigens, der mich nicht sonderlich stört, dann wird sie jawohl länger hier bleiben. Früher oder später wird Bruno sie ja sowieso sehen. Deswegen lieber früher, dann habe ich es hinter mir. Merkwürdigerweise hatte sie nichts dagegen einzuwenden, ja sie war sogar ein wenig begeistert. Und das hielt sich auch noch, als sie den Laden gesehen hat. Normale Menschen flüchten dann.

Als wir das 'Lokal' betraten, stand Bruno hinter der Theke. Besser gesagt er kniete und versuchte die Zapfanlage in Betrieb zu nehmen. Außer ihm war mal wieder keiner da. Wenn man danach geht, wie er sich bewegt, könnte man auf die Idee kommen, daß der Wechsel des Bierfasses darauf zurückzuführen ist, daß er gerade das alte geleert hat. Er schien mir nicht nur leicht angeheitert zu sein. Aber bei Bruno kann so etwas sehr täuschen. Er bewegt sich eigentlich immer so, als sei er besoffen. Das ist halt so seine Art. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß es soviel Alkohol in seiner Kneipe gibt, um Bruno wirklich abzufüllen. Man muß nämlich wissen, daß der Typ etwas über zwei Meter ist und bestimmt genauso breit. Ich kann mich noch daran erinnern, daß früher einmal ein Mann gekommen ist, der hier sonst nicht verkehrte. Er wollte mit Bruno um die Wette trinken. Nach einem Kasten haben sie aufgehört. Eigentlich wollte Bruno seinen Herausforderer danach noch nach Hause fahren, aber wir haben ihn dann doch davon überzeugt, daß er möglicherweise mehr als 0.8 Promille hat. Das war gar nicht so einfach.

Vielleicht ist es auf den erhöhten Alkoholspiegel zurückzuführen, daß er auf einmal wie vom Kaninchen gebissen aufsprang und auf uns ausraste.

' Man was freue ich mich dich zu sehen. '

Das sah man und wie. Ein Koloß von mindestens 100 kg kam auf uns zugestürzt. Ich entgegnete in einer fast panischen Reaktion, daß ich mich auch freuen würde.

' Wer redet denn mit dir ? Tatjana, schön dich wieder zu sehen. Sag mal, wie lange ist das jetzt her ? Ein oder, nee ein Jahr glaub ich, oder ? Ist ja auch egal. Sag mal, was machst du hier. Komm setzt dich erst mal ? Willst du ein Bier ? Ich habe frisches vom Lager geholt...`

' Ihr scheint euch zu kennen. '

' Du hättest mir ruhig sagen können, daß die schöne Begleitung Tatjana ist. '

Das hätte ich garantiert getan, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte. Wenn ich ein normales Gespräch mit ihr geführt hätte, in dessen Verlauf ich sie sicher nach ihrem Namen gefragt hätte. Aber so ? Wenn man direkt mit einem Menschen spricht, braucht seinen Namen nicht zu kennen. Nur wenn man über ihn spricht. Ihr schien es übrigens gar nicht zu passen, daß Bruno sie so überschwenglich begrüßte. Auch wenn sie etwas ganz anderes sagte. Aber ich glaube, ich kenne sie mittlerweile gut genug um sagen zu können, daß das nicht so gemeint war. Wie vermessen nach zwei Tagen.

' Darf ich fragen, woher ihr euch kennt. '

' Na klar, ich habe Tatjana damals... '

Sein Satz brach ab. Da ist er wieder. Dieser Blick von ihr. Wie als ich fragte, ob das Spielchen denn unbedingt sein müßte. Bevor wir diese Kneipe betraten, hätte ich meine Hand für sie ins Feuer gelegt. Jetzt glaube ich, das könnte ein Fehler sein. Warum kann ich auch noch nicht erklären.

' Wir kennen uns von früher. '

Sehr präzise. Das sie sich nicht aus der Zukunft kennen, war mir schon klar. Sie schien zu merken, daß mir ihre Aussage zu ungenau war. Deshalb ergänzte sie :

' Bruno und ich hatten mal einen gemeinsamen Bekannten. Deinen Nachbarn. '

Das hatte ich schon länger vermutet. Mein Nachbar und Tatjana, wenn ich den Namen richtig verstanden habe, haben sich nicht erst in dieser Kathedrale kennengelernt. Ich konnte mir sowieso nicht vorstellen, daß sie bei dem Erstbesten mitging.

' Bruno, hast du nochmal was von meinem Nachbarn gehört ? '

' Das letzte, was ich weiß, habe ich dir schon gesagt. Er hat diesen Preis gewonnen und ist nach L.A. geflogen. '

' Du sagtest Sydney. '

' Nein, L.A., da bin ich mir ganz sicher. Ich hab dir doch noch von dem Erdbeben erzählt. '

Tatjana nickte zufrieden. Damals wußte ich noch nicht, warum. Das sie es überhaupt getan hat, ist mir auch erst nachher richtig ins Bewußtsein gekommen.

' Nein, du sagtest Sydney und du hast von Feuer gesprochen. '

' Du mußt du irgendetwas verwechseln. Er ist ins Silicon Valley in die Nähe von L.A. gefahren. '

' Das erklärt, warum wir ihn in Australien nicht erreicht haben.'

' Wieso, habt ihr da angerufen ? Hast du zuviel Geld ? '

' Ich mußte ihn nur dringend erreichen. '

' Warum denn ? '

Warum eigentlich. Ich weiß es nicht mehr. Keine Ahnung. Sie wollte ihn erreichen.

' Frag Tatjana ! '

' Also, warum bitte ? '

' Die Älteste ist Bazillenträger. Wir sind Borkenkäfer und sein Nachbar Vorbereiter des Übergangs. '

' Bist du dir sicher ? '

' Zu 98%. Aber das muß er ja nicht wissen. '

' Warum nicht ? Schaden kann es nicht mehr. '

' Hutna est ople kern. '

' Ich kann kein Naboja. '

' Das ist schlecht. Es ist zu früh. '

Was geht hier bitte ab ? Was ist mit Bruno los ? Und ich wehre mich entschieden dagegen als Borkenkäfer bezeichnet zu werden.

' Hallo, wenn ich mal kurz unterbrechen dürfte. Gehe ich recht in der Annahme, daß Bruno mehr über die Theorie weiß als ich ?'

' Tatjana, wir müssen es ihm sagen. '

' Bruno und ich haben zusammen studiert. '

' Bruno ist also kein Statist. Oder meinst du studiert im Cyberspace oder was, oder wie oder so ? '

' Du darfst so etwas nie wieder fragen. Stell dir mal vor, Bruno wüßte nicht Bescheid. Du darfst doch keinem Statisten sagen, daß er ein Statist ist. '

' Warum nicht ? '

' Das würde mich auch interessieren. Warum nicht, Tatjana ? '

Bruno lächelte, während er das sagte. Ich habe Bruno in meinem ganzen Leben noch nie lächeln sehen. Und ich kenne ihn schon verdammt lange.

' Ich sehe keinen Sinn darin, daß Gespräch fortzusetzen. Laß uns gehen ! '

' Das ist zu einfach. '

' Bruno !? '

' Aber du erklärst es ihm, wenn er soweit ist. '

' Ja, aber nicht alles auf einmal. '

' Gut, sehen wir uns heute Abend ? '

' Um acht bei Gordon ? '

' Ist mir recht. Vielleicht können wir dann schon unseren Sieg feiern. '

' Wenn der Borkenkäfer gut frißt, lassen wir die Sektkorken knallen. '

Wir gingen, und ich war vollkommen verwirrt. Aber das sollte in Zukunft zum Dauerzustand werden.

Während wir auf dem Nachhauseweg waren, blieb sie plötzlich stehen, drehte sich um, schaute Richtung Brunos Kneipe und schrie : ' Du gottverdammtes Arschloch ! ' Dann ging sie weiter, ohne etwas zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt war mir nur klar, daß sie damit nicht mich meinte, sondern Bruno. Oder wenigstens hoffte ich das.

' Du heißt also Tatjana. '

' Es tut mir leid. Das war alles ganz anders geplant. Ich wollte dich langsam in die richtige Richtung führen, aber das geht jetzt wohl nicht mehr. Ich schätze, du willst wissen, was Bruno gemeint hat und was das alles zu bedeuten hat. '

' Das ist richtig. '

' Siehst du, und genau das wollte ich eigentlich verhindern. Eigentlich wollte ich das alles gar nicht sagen. '

'Aber du tust es trotzdem ? '

' Ich muß. Das ist ja der Ärger. Als Helper muß ich meinem Urlauber helfen. Ob ich das nun will oder nicht. Aber ich weiß nicht wie. Ich weiß nicht, wie ich dir das begreiflich machen kann. '

' Versuch es doch einfach. '

' Ich glaube, es ist am besten, wenn ich zunächst mal mit der grundlegenden Theorie anfangen. Du warst schon von selbst darauf gekommen, das ein System irgendwann zusammenbrechen kann, weil es zu kompliziert wird. Erinnerst du dich ? '

' So lange ist das nun auch nicht her. '

' Ja, das stimmt. Nein, ich mache das anders. Dein Nachbar interessiert sich für Technik. Weißt du für was genau ? '

' Nein. Aber ich meine immer noch, daß Bruno gesagt hat, daß er nach Sydney gefahren ist. Und zwar ins Virtual Reality Research Centre. Also nehme ich an, er interessiert sich für dieses Gebiet.'

' Für Cyberspace also. '

' Ich glaube schon. '

' Nun nehmen wir mal an, die Theorie stimmt. Und weiter nehmen wir an, die Wissenschaftler in der sogenannten realen Welt schaffen es, ein Cyberspace aufzubauen. Dann wäre dieses Cyberspace doch ein Cyberspace im virtuellen Raum. '

' Wenn man konsequent ist, müßte man das wohl so sagen. '

' Nun könnte man sich doch vorstellen, daß die Wissenschaftler es ebenfalls irgendwann schaffen, daß man sich im Virtuellen Raum eine Datenbrille aufsetzt. Also das die Figur, die du mit deinem Joystick steuerst, sich innerhalb des Programms eine Brille aufsetzt. '

' Ich glaube nicht, daß das technisch möglich ist. '

' Aber man könnte es sich doch vorstellen. '

' Sicher, warum nicht ? '

' Dann hattest sozusagen das Cyberspace im Cyberspace im Virtuellen Raum. Oder um zu verkürzen. Drei hintereinandergeschaltete Virtuelle Räume. '

' Wenn du das sagst. '

' Das nannte man in der Fachsprache eine Kette von künstlichen Räumen. Bisher, das heißt, bevor du die Theorie kanntest, dachtest du, du wärst am Anfang der Kette, richtig ? '

' Ja, aber worauf willst du hinaus. '

' Nun weißt du, daß du im zweiten Glied stehst. Auch richtig ? '

' Ja, aber sag mir endlich, was das soll. '

' Du weißt das von jemanden, der ebenfalls glaubt, im ersten Glied der Kette zu sein. '

' Ja, aber.. '

' Woher weißt du, daß er sich nicht genauso irrt, wie du vorher?'

' Du meinst, derjenige ist nicht im ersten Glied. '

' Der Mann nachdem du gefragt hast, Petterson, hat genau das gesagt. '

' Und was hat das mit dem zu tun, was du vorhin zu Bruno gesagt hast ? '

' Langsam. Ist dir überhaupt klar, was die Pettersontheorie bedeutet. '

' Im Grunde nichts neues. Irgendwo muß ja der Anfang sein. Und das die Welt um mich herum nicht real ist, weiß ich ja schon. Ob es nun dazwischen noch irgendwelche Glieder einer Kette gibt, ist mir ziemlich egal. '

' Die Theorie geht noch weiter. '

' Ist der Rest genauso interessant ? '

' Für mich schon. Nun hatte ich schon erwähnt, daß sich das System immer weiter verbessert. Nun wäre es doch denkbar, daß die berechneten Statisten irgendwann fähig sind, selbst zu denken. '

' Künstliche Intelligenz ? '

' Wie kommst du da jetzt so schnell drauf ? '

' Dieses Centre in Sydney, der Dr. Falker beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz. Und er soll sehr gut sein. '

' Dein Nachbar ist besser, aber dazu komme ich später noch. Viel später. Also wenn die Statisten 'denken' lernen. Oder besser die Subcharaktere, das ist exakter, dann kann man doch irgendwann die Statisten nicht mehr von realen Menschen unterscheiden. '

' Ich glaube, so perfekt kann man keinen Roboter programmieren. '

' Nicht Roboter, sondern Hologramme. Projektion von gescannten Bildern. '

' Häh ? '

' Nun, wenn ein Statist denken könnte. Nur angenommen. Weiß er dann, daß er ein Statist ist. '

' Ich bin nie Statist gewesen. '

' Ich versuche dir gerade klarzumachen, daß du das überhaupt nicht wissen kannst. In dem Glied davor bist du ein Mensch, wie alle anderen auch. Aber das denken hier auch alle Menschen von sich, und sie sind dennoch nur Statisten. '

' Ich denke, Statisten können nicht denken. '

' Noch nicht. Oder in diesem Glied der Kette noch nicht. Aber vielleicht in dem davor. Das muß ja früher entstanden sein. Und vielleicht hat sich das System weiter entwickelt. '

' Ich will nicht mit dir streiten. Also, was bringt es, wenn die Statisten nicht wissen, das sie Statisten sind. '

' Dann wäre es möglich, daß ein Statist etwas kreatives tut. '

' Diesen Schluß verstehe ich zwar nicht ganz. Aber nehmen an, es wäre so. Meinst du mit etwas kreativen tun, einen neuen Cyberspace entwickeln. '

' Bingo. Und was folgt daraus ? '

' Das aus einem Cyberspace ein paar Millionen neue entstehen können. Also nicht Kette, sondern Schneeballprinzip. '

' Theoretisch schon, aber das wäre nicht mehr zu kontrollieren. Aber die Statisten eines Systems könnten sich zusammen tun, und ein neues entwerfen. Was folgt daraus dann für das Glied davor.'

' Sie werden arbeitslos, weil die Statisten das System kontrollieren, wenn sie denken könnten. Oder wenigstens teilweise. '

' Auch richtig. Petterson beschreibt das als Querschnitt eines Baumstammes, in dem die inneren Jahresringe dafür gesorgt haben, das der Baum nach außen wächst. '

' Aber das innere eines Baum ist Holz. Totes Material. '

' Arbeitslose werden nicht gebraucht. Und die Welt ist leider kein Sozialstaat. Arbeitslose verhungern oder wie Petterson sagt, verholzen. '

' Das meinst du mit Wechsel ins nächste Glied. '

' Ja, hast du das soweit alles verstanden ? '

' Es ist ein wenig kompliziert. Aber mit der Zeit mit den entsprechenden Nachfragen, werde ich das schon begreifen. Aber, nur damit ich weiß, daß ich wenigstens das richtig verstanden habe, daß was du Bruno gesagt hast, hast du noch nicht erklärt?'

' Nicht direkt. Aber ich mache das auch noch ausführlich. So und jetzt schlage ich vor, daß wir zum nächsten Supermarkt gehen und uns einen Kasten Bier holen und uns so richtig den Kopf zuknallen. Ist das eine gute Idee ? '

' Die beste seit langem. '

' Gut, dann laß uns gehen. '

Wieder ein Weg den wir gingen. Und wieder jede Menge Verwirrung. aber ich glaube auch ein wenig Klarheit. Aber ich bin mir noch unsicher. " Der Spieler weiß mehr als sein Conditioner, und das ist Premiere...

Kapitel 33

Auf der anderen Seite :

" Wissen sie was der riesen Vorteil eines Conditioners gegenüber seinem Urlauber ist ? Er weiß alles, was der Urlauber weiß, aber umgekehrt ist das leider nicht so. Diese Verhaltensforscher haben 24 Stunden am Tag ihre Beobachtungsinstrumente auf die Urlauber gerichtet. Die Laborratte, wie mein Urlauber sagte, muß kontrolliert werden. Wie im Tierversuch werden die Bedingungen verändert, und man guckt, wie das Tier darauf reagiert. Noch sind die Wissenschaftler hier nicht soweit gegangen, zu testen, ab wann ein Urlauber stirbt. Bisher geht es nur soziologische Untersuchung. Aber in Forschungsabteilung sollen schon Programme laufen, die toxikologische Untersuchen ermöglichen sollen. Oder Menschen unter Einwirkung von Radioaktivität testen. Den Urlauber geschieht ja im Prinzip nichts. Es ist ja alles nur Fiktion. Körperliche Schäden sind nicht zu befürchten. Aber psychische, doch ich bin mir sicher, daß denen da oben das ziemlich egal ist. Und wissen Sie was das gemeinste daran ist?. Die Urlauber wissen nicht, daß sie nur Laborratten sind. Ich meine, solange es wirklich nur Beobachtung von Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen geht, ist das OK. Aber wenn es so weit geht, daß ein Urlauber zum Beispiel nach Tschernobyl geschickt wird, um die Auswirkungen der Umwelt auf ihn zu testen, dann ist das nicht mehr OK. Und das geschieht natürlich mit Hilfe des Zufalls, der berechnet wird. Also der Urlauber hat unter normalen Umständen keine Chance etwas dagegen zu tun. Sicher für eine solche medizinische, nützliche Mission, wie das offiziell heißt, bekommt man sehr viele Credits und Levelpunkte, aber keiner, ich betone, keiner weiß, welche Folgen Bestrahlung im Cyberspace für den Menschen bedeutet. Welche Folgen auf ihn zukommen, wenn er aus dem Urlaub zurück ist.

Wenn die Urlauber wenigstens vor Antritt der Reise wüßten, daß sie dafür eingesetzt würden, aber es wird ihnen nicht gesagt. Nach dem Urlaub wundern sie sich nur, warum soviele Punkte für ein einziges Spiel bekommen haben. Um es aber ganz klar zu sagen, die 74ziger Systeme sind für solche gemeine Versuche nicht geeignet. Damit habe ich nichts zu tun. Bei so etwas würde ich auch nicht mitmachen.

Das habe ich dem netten Mitglied des Komitees auch so gesagt, als er mir einen solchen Posten anbot. Es ist durchaus möglich, daß ich dabei die Formen der Höflichkeit nicht eingehalten habe. Denn ich war zu tiefst empört darüber, das so etwas überhaupt gemacht wird. Aber das ist doch noch lange kein Grund mir die Teilnahme am Spiel der Meister zu verweigern. Sie sagten, daß Leute die nicht am Fortschritt des System interessiert sind, es auch nicht zu führen brauchen. Nein, genau das sagten sie eben nicht. Aber genau das meinten sie. Aber anstatt wenigstens ehrlich ihre Meinung zu sagen, flüchteten sie sich in scheinheilige Begründungen. Mein Teilnahme am Spiel würde den Interessen der Gesellschaft widersprechen. Ich hätte momentan genug damit zu tun, meine Systeme zu kontrollieren. Ich sollte meine Kraft darauf konzentrieren, damit würde ich der Gesellschaft am besten dienen. Die Prozedur Armageddon hätte Priorität. Wenn ich es allerdings schaffen würde, diese zu kontrollieren und alles zur Zufriedenheit des Komitees läuft, dann dürfte ich selbstverständlich am Spiel der Meister teilnehmen. Aber im momentan hätten meine persönlichen, durchaus verständlichen Interessen hinter denen des Gemeinwohls zurückzustehen. Natürlich hätte die Ablehnung des Angebotes nichts, aber auch gar nichts damit zu tun. Ich sei aber nun mal der qualifizierteste Spieleconditioner, und man bräuchte meine Hilfe halt auf diesem Gebiet. Es täte ihnen sehr leid, aber das sei der einzige Weg.

Manchmal, an Tagen wie heute, das sage ich ganz ehrlich, da kann ich diese Pettersonanhänger verstehen. An Tagen wie heute könnte ich mir auch durchaus vorstellen, das System zu zerstören zu wollen. Sie wollten doch unbedingt diese Prozedur starten. Da kann ich doch nun wirklich nichts zu. Wissen sie, als ich meine Ablehnung dem Komitee mitteilte, habe ich gleichzeitig noch einen Bericht abgegeben. Ich erklärte, daß die Prozedur relativ gut arbeite und der zweite Reiter in L.A. in Form eines Erdbeben zugeschlagen hat. Das sie nicht mit faulen Eiern nach mir geworfen haben, war alles. Ob ich denn mein System überhaupt nicht kontrollieren könnte. Wer mich denn wohl ausgebildet habe. Ich sei der unfähigste Conditioner, der jemals im System gearbeitet habe. Ob ich nicht doch lieber in den Easy-Level zurück wollte, das würde meinen Fähigkeiten eher entsprechen. Außerdem sprachen sie den Verdacht aus, daß ich wollte, daß das System abstürzt. Und dann, eine Stunde später, erreichte mich eben dieser Brief, den ich vorhin erwähnte. 'Der qualifizierteste Spieleconditioner '. Doch an manchen Tagen kann ich diese Radikalen verstehen.

Ich habe beschlossen, nicht länger ein Rädchen in ihrem System zu sein. Ich will mir nicht mehr von Bürokraten vorschreiben lassen, was ich tun und zu lassen habe. Und vor allen Dingen will nicht die Prügel einstecken, die das Komitee treffen sollte. Ich habe keine Lust dauernd meinen Kopf hinzuhalten. Ich will meinen Freunden nicht mehr erklären, daß sie ein wenig Geduld haben müssen, weil es nur kurzfristige Probleme sind, die dazu geführt haben, daß die Systeme ausgeschaltet werden mußten. Ich habe das sowieso nicht gerne getan, ich lüge nicht gerne, aber ich empfand als meine Pflicht loyal zu meinem Arbeitgeber, dem Komitee, zu stehen. Aber wenn die mir jetzt aus Dankbarkeit dafür die Teilnahme am Spiel verweigern, dann fühle ich mich daran nicht mehr gebunden. Sie werden schon sehen, daß das ein Fehler war. Der Schuß wird nach hinten losgehen, das verspreche ich ihnen.

Eins wissen die oben nämlich ganz genau. Ohne mich, wird das 74ziger System nicht funktionieren. Ich bin der einzige, der weiß, wie man es bedient. Ich vermute, daß sie mir deshalb nur damit gedroht haben, mich auf easy zurückzustufen, es aber nicht getan haben. Eine direkte Auseinandersetzung mit mir können sie sich nicht leisten. Schon gar nicht so knapp vor dem Spiel. Zwar weiß ich nicht, wie der Virus funktioniert, aber das wiederum wissen die im ihrem Glaskäfig nicht.

Und ich habe noch einen Trumpf im Ärmel, von dem die da oben nichts wissen. Der Helper im System eins ist ein Student der Pettersontheorie. Es ist gar nicht so selten, daß diese Studenten als Helper arbeiten. Erstens müssen sie, da sie auf easy zurückgestuft wurde, fast alles machen, um irgendwie an Geld zu kommen. Helper ist so ziemlich der mieseste Job, den man sich überhaupt vorstellen kann. Und zweitens können sie unter Umständen die Theorie in den Bereich des kollektiven Wissen innerhalb des Cyberspaces bringen. Es wird schon lange vermutet, daß diese Radikalen das Cyberspace zum Kommunizieren benutzen. Dort werden sie nur von den Forschern beobachtet, die im allgemeinen nicht über das nötige Wissen verfügen, um aus den sehr wagen Formulierungen der Helper irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Hier, außerhalb des 74ziger Systems sind sie ständig der Beobachtung durch die Sicherheitsorgane ausgesetzt und die verstehen worum es geht, weil sie wissen, worauf sie achten müssen.

Das erklärt auch, warum das Memory Killing nicht funktioniert hat. Diese Studenten sind die einzigen, die den Virus wirklich verstehen und ihn da einsetzen können, wo sie ihn brauchen. Eben zum Beispiel um die Ausführung des Memory Killings zu verhindern.

Durch das Betrachten der Bänder, die aus der Beobachtung des Systems stammen, weiß ich, daß der Helper Tatjana heißt, aber das ist momentan auch alles. Die Erklärung der Theorie, die der Urlauber möglicherweise verstanden haben mag, ist mir nicht ganz einleuchtend. Aber ich habe ebenfalls beschlossen mich weiterzubilden und werde versuchen etwas über diese Theorie und vor allen deren Bedeutung zu erfahren. Ich bin mal gespannt, was passiert, wenn das Komitee das rauskriegt. Die einzige Möglichkeit, das Kollektive Wissen eines Systems zu löschen, ist es abzuschalten. Ich bin wirklich neugierig, wieviel ihnen die Prozedur bedeutet. Ob sie für deren Ausführung auch die mögliche Verbreitung der Theorie inkauf nehmen. Ich möchte das nicht entscheiden, aber da ich nicht am Spiel teilnehmen darf, muß ich das ja auch nicht. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. " Aus dem Spielconditioner wird langsam ein Revoluzzer. Die Dinge nehmen ihren lang vorherbestimmten Lauf.

Kapitel 34

Der Spieler fährt fort :

" Es ist so simpel, wenn man einmal verstanden hat, worum es geht. Eigentlich ist das gar nichts Neues, sondern nur die konsequente Anwendung der Theorie. Wenn wir nicht sicher sein können, daß wir in einer realen Welt leben, und laut der Theorie, können wir ja genau das nicht, dann kann sich auch jede andere wie auch immer geartete Welt sich nicht sicher sein. In primitiven Kulturen gibt es den Glauben vom zyklischen Ablauf der Geschichte. Die Natur bricht irgendwann in einer Katastrophe zusammen, um sich nachher wieder zu erneuern. Und im Prinzip ist diese Pettersontheorie genau dasselbe. Nur geht er halt davon aus, daß sich die Welt nicht erneuert, sondern eine neue Welt erschaffen wird. Die alte wird dann überflüssig. So habe ich wenigstens die Theorie verstanden. Und Tatjana hatte keine großen Einwände gegen meine Ausführung gehabt. Wir beide diskutierten bis spät in die Nacht darüber ob es Beweise für diese Theorie gibt. Oder wenn es schon keine Beweise geben sollte, ob es etwas gibt, was dieser Theorie widerspricht.

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nicht die geringste Ahnung habe, was wir genau gesagt haben. Der Alkohol und das Problem mit dem Trennen von Traum und Realität machen das unmöglich. Allerdings weiß ich ziemlich genau, daß wir nicht nur über die Theorie gesprochen, sondern auch über unsere sogenannte Beziehung. Es hat mich zwar erschreckt, aber ich habe schon vor längerer Zeit herausgefunden, daß der Mensch im Grunde nur ein Tier ist. Denn genauso wie animalische Lebensformen ist auch die humanoide dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen. Und mein großes Problem ist, daß es langsam, aber scheinbar unaufhaltsam Frühling wird. Das bekannte Problem der sogenannten Frühlingsgefühle. Für normale Menschen ein Grund fröhlich zu sein. Für mich seit dem letzten Jahr ein berechtigter Grund zur Sorge. Wenn man gerade den Karneval erfolgreich überstanden hat, ohne sich in emotionalen Bedingung zu begeben, kommen der Angriff der Hormone auf die Logik und den Verstand. Und ausgerechnet in der Zeit der beginnenden Offensive muß mir Tatjana über den Weg laufen. Sagen Sie doch mal ehrlich, daß ist doch nicht mehr fair.

Ich dachte eigentlich meine Lektion aus der Vergangenheit sei gewesen nie die Kontrolle abzugeben. Aber das ist wohl falsch gewesen. Oder die Umstände wollen mich auf eine besonders harte Probe stellen. Doch ich muß ihnen ganz ehrlich sagen, diesmal beißen sie damit auf Granit. Ich denke überhaupt nicht daran mich zu wehren. Nein, ich sehe es nicht mehr ein, vernünftig zu sein. Selbst wenn das schwarze Tal folgen sollte. Erstens kann ich mich gar nicht umbringen, bevor meine Aufgabe erledigt ist. Und zweitens kann ich nicht dauernd weglaufen. Ich will jetzt konsequent sein. Zu dem stehen was ich denke. Das Leben genießen. Ich habe nichts mehr zu verlieren, aber bei dem Sport kann ich ganze Menge gewinnen. Und ganz nebenbei bemerkt, spielt man ein Spiel nicht immer nur, um es zu gewinnen. Sondern auch um Spaß am Spiel zu haben.

So in etwa habe ich meine Position klar gemacht. Und ob Sie es glauben oder nicht, sie hatte nicht mal etwas dagegen. Nun ja, vielleicht habe ich das alles auch nur geträumt. Nach einem Delirium kann man das nicht mehr so genau sagen. Aber sicher ist, daß sie mich beim Wachwerden geküßt hat. Mir reichte das als Beweis. Gleichzeitig war das aber wieder der Beweis dafür, daß ich am Abend zuvor mal wieder eine Chance nicht genutzt hatte. Denn es ist meine Überzeugung, daß man noch so besoffen sei kann, aber das was ich meine, hätte man gemerkt und nicht vergessen. Aber damit war ich mal wieder inkonsequent. Und das ärgert mich.

Als nächstes folgte das dritte Frühstück mit ihr. Und wie aus meiner Erfahrung sagen kann, gibt es nichts anstrengenderes als mit ihr Kaffee zu trinken. Es ging dann auch wieder mit einer dieser Fragen los, für die ein normaler Mensch ein ganzes Leben braucht, um sie zu beantworten.

' Glaubst du an eine Moral ? '

Wissen sie, es ist nicht die Frage alleine, die es anstrengend macht. Sie sagt in einem Satz, daß sie gerne noch ein wenig Kaffee hätte. Dann spricht sie übers Wetter und dann ohne irgendeinen ersichtlichen Grund kommt eine solche Frage. Ich habe manchmal das Gefühl, als würde sie überhaupt nicht schlafen, und sich die ganze Nacht nur über solche Fragen Gedanken machen. So als wäre an jedem Morgen eine neue Frage dran, die sie klären wollte. Moral, Ethik, so etwas kann man studieren. Alleine über diese Frage gibt hunderte Bücher. Tausende Antworten, die im Grunde alle nur sagen, daß es die Autoren auch nicht wissen. Und sie stellt diese Frage so zwischen Brötchen und Kaffee, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Und ich mit meinem Kater, wo ich sowieso kaum zum Denken fähig war, soll diese auch noch beantworten.

' Nein. In dem Brief stand, es gibt keine Moral. Ich soll sie vergessen. Also vergesse ich sie. '

' Es kommt nicht darauf an, was in dem Brief steht, sondern was du denkst. Denn es ist durchaus möglich, daß es Leute gibt, die Moral nicht wollen. Und es auch möglich, daß genau diese Leute dir diesen Brief geschickt haben. '

' Weißt du, ich bewundere dich, daß du um diese Uhrzeit schon so engagiert diskutieren kannst. Im Moment ist mir so ziemlich alles egal. Ich will nur meinen Kaffee trinken und nachher Alka-Selzer in mich hinein kippen. '

' O.K. Ich versuche es anders. Was würdest du sagen, wenn ich eine Terroristin wäre ? '

Die kommt auf Ideen.

' Kommt darauf an für oder gegen wen.'

' Wenn es für eine gute Sache wäre, dann hättest du nichts dagegen?'

Da hab ich wieder was gesagt. Grundsätzlich behaupten alle Terroristen, daß sie für eine gute Sache kämpfen. Objektiv ist das selten der Fall. Nur wer soll bitte entscheiden, was eine gute Sache ist. Das ist ein Problem. Aber auf der anderen Seite kann man auch nicht generell nein sagen. Attentate auf unser aller ehemaligen Führer werden jawohl heute allgemein begrüßt. Damals jedoch eher selten. Waren die nun zulässig oder nicht ?

Soll ich ihnen was sagen, es ist mir egal. Durch Terrorismus hat sich noch nie was geändert. Die IRA hat nichts erreicht. Nordirland und Irland sind immer noch getrennt. Die RAF nicht, denn die BRD gibt es immer noch und sie ist sogar größer geworden und die PKK schon gar nicht, denn Kurdistan gibt es auch noch nicht. Und die PLO als reine Terrororganisation wohl auch nicht, denn mit Terroristen hätten die Israelis nicht verhandelt. Terrorismus ist also sinnlos. Und über sinnlose Sachen denke ich nur ungern nach. Solange wie sie mich nicht in die Luft sprengen, da ist dann auch bei mir die Toleranzgrenze überschritten, laß sie machen, was sie wollen. Auf mich hören sie doch sowieso nicht.

' Im Grunde habe ich nichts dagegen. Obwohl ich Terrorismus als sinnlos ansehe. '

' Es kommt immer auf die Form an. Bombenlegen ist sicher nicht besonders effektiv und kostet zuviele Opfer unter den Zivilisten. '

' Aber ist das denn nicht das Ziel von Terroristen. Möglichst viele Opfer und damit viel Schrecken. Außerdem habe ich Kopfschmerzen. '

' Ja, das stimmt schon. Aber Widerstandskämpfer nennt sich heute jeder. Um irgendwie Aufsehen zu erregen, muß man schon ein wenig übertreiben. '

' Wogegen kämpfst du denn ? - Nein, erkläre es mir lieber nicht. '

' Wenn du nicht willst, dann nicht. Ich wollte dir nur erklären, daß die Borkenkäfer eine terroristische Vereinigung sind. '

' Bruno, ein Terrorist ? Das glaubst du doch selbst nicht. Ich kann mir das bei dir ja schon kaum vorstellen, aber Bruno ? Vergiß es. '

' Wir sind nicht diese fiktive Terroristen, die mit Maschinengewehr und Panzerfaust durch irgendwelche Urwälder rennen. Wir sind eine militante Oppositionspartei. '

' Radikale Sozialdemokraten, oder wie ? '

' Nein. Es war zu früh, OK.. Es war zu früh. Vergiß es wieder! Hast du mittlerweile die Pettersontheorie verstanden ? '

' Ja, ich glaube. Nur das mit dem Übergang ist mir noch nicht so ganz klar. Wann passiert was, wie und warum ? '

' Um das herauszufinden, habe ich sieben Jahre lang studiert. '

' Wie alt bist du eigentlich ? '

' Hier 20, und außerhalb des Cyberspaces 26, wieso ? '

' Es interessierte mich halt. Dein Studium scheint nicht sehr erfolgreich gewesen zu sein. '

' Doch, aber ich glaube, das du die Einzelheiten eh nicht begreifst. '

' Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mir jede Kompetenz abspricht, ohne mir eine Chance zu geben, daß Gegenteil zu beweisen. Mein Nachbar hat das auch gemacht. Und den kann ich nicht leiden. '

' Hatte er denn unrecht ? '

' Nein, aber darum geht es nicht. Ich will selbst entscheiden, ob ich etwas verstehe oder nicht. '

' Gut, wie du willst. Hier bei euch geht man allgemein davon aus, daß auf der anderen Seite das Paradies wartet. Das ist schlicht falsch. Drüben leben genauso Menschen wie hier. Nur sind sie euch im Entwicklungsstand etwa 200 Jahre voraus. '

' Ich bin aber doch der einzige Mensch hier. '

' Du hast das mit den Statisten noch nicht verstanden, oder ? '

' Doch, deswegen bin ich ja der einzige, der denken kann. '

' Es sei denn, es gäbe künstliche Intelligenz. Und die Statisten könnten denken. '

' Die gibt es aber nicht. Und außerdem ist ein denkender Statist noch lange kein Mensch. '

' Noch nicht. Aber sie sind verdammt dicht dran. Und wenn sie es geschafft haben, beginnt die innere Welt zu verholzen. '

' Wer ist sie ? '

' Die Wissenschaftler jenseits des Käfigs. '

' Das heißt, wenn diese Leute aufhören würden zu forschen, würde das nicht passieren. '

' Ja, im Prinzip schon. Aber man kann die Entwicklung nicht aufhalten. Auch wenn es viele Leute gibt, die das vorhaben.. Aber das würde jetzt wirklich zu weit führen. '

' Also wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, dann basteln die Wissenschaftler an ihrem eigenen Sarg. '

' Das ist sehr krass formuliert, aber es trifft den Kern. Nur sie wissen das nicht. Und die Leute, die ihnen es sagen könnten, tun es nicht. '

' Warum nicht ? '

' Das kann ich dir noch nicht erklären. Du mußt dafür erst die Entscheidung treffen. '

' Welche denn ? Du hast da gestern schon mal von gesprochen. '

' Langsam, das erfährst du noch früh genug. Also, um es nochmal zusammenzufassen. Du hast keine prinzipiellen Einwände gegen Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. '

' Das würde ich jetzt so nicht sagen. Im Prinzip bin ich schon dagegen. Nur vielleicht gibt es Ausnahmen. Du bist du wirklich eine Terroristin ? '

' Das ist schwer zu sagen. Das kommt auf die Definition an. Laut den Definitionen auf der anderen Seite, ja. Nun ist es sehr schwer diese Festlegung des Begriffes auf diese Seite zu übertragen. Aber ich glaube im Grunde ja, obwohl ich keinen Bürgerkrieg führen und auch keine Politiker erschießen will.'

' Ein braver Terrorist, sozusagen. Sympathisant, oder so etwas in der Richtung ? Womöglich Autonomer. '

' Nein. Das kann man so nicht sagen. Stell dir einfach mal vor, es gäbe eine Möglichkeit, diese Prozedur aufzuhalten. Das Ende zu stoppen. Dürfte man dafür dann Gewalt einsetzen oder nicht ? '

' Hattest du nicht gerade gesagt, daß man das nicht kann ? '

' Rein hypothetisch, würdest du dann Gewalt akzeptieren ? '

' Solange ich nicht der Leidtragende bin. '

' Würdest du auch Gewalt ausüben ? Rein hypothetisch natürlich. '

' Wenn darauf hinaus willst, daß ich diesen Borkenkäfern, war doch richtig der Name, oder ? '

' Ja. '

' Beitrete, dann kann ich das erst sagen, wenn ich weiß, worum es bei dieser Organisation überhaupt geht. Aber ich bin sehr skeptisch, daß ich beitreten werde. '

' Und wenn ich dich darum bitten würde ? '

' Ich bin kein radikaler Mensch. Ich eigne mich nicht für sowas.'

' Mir liegt wirklich viel daran, weil ich gerne länger bleiben würde. Aber wenn du nicht dazu gehörst, habe ich Angst irgendwann was falsches zu sagen. Verstehst du, ich brauche eine gewisse Sicherheit. '

' Traust du mir zu, daß ich dich anzeige ? '

' Nein, das meine ich nicht. Aber du könntest zu jemanden anderes etwas sagen, ohne daß du es beabsichtigst, was mich in große Schwierigkeiten bringen könnte. '

' Alle anderen Menschen sind doch nur Statisten. Was kann es schaden, wenn ich etwas zu ihnen sage ? '

' Erstens, reagieren sie auf dich, und deshalb mußt du dir immer genau überlegen, was du sagst und zweitens hast du die hundert Augen vergessen, die uns ständig beobachten. '

' Dann wissen die doch sowieso Bescheid. '

' Nein, eben nicht. Gespräche zwischen Helper und Urlauber dürfen nicht abgehört werden. Juristisch ist das ungefähr das gleiche wie ein Gespräch zwischen Rechtsanwalt und Mandaten. Außerdem st die eigene Wohnung sowieso besonders geschützt.'

' Ihr habt den großen Lauschangriff also auch noch nicht verwirklicht. '

' Den was ? '

' Du interessiert dich wohl nicht für Politik im Cyberspace ? '

' Das ist doch eh nur Theater. '

' Endlich mal jemand der selben Meinung ist wie ich. Also hier sind wir geschützt. '

' Nur die Forscher haben Zugriff. Aber strafrechtlich darf das gesammelte Material nicht genutzt werden. Was sie allerdings nicht davon abhält, trotzdem zu beobachten und aufzuzeichnen. Aber machst du nun mit, oder nicht ? '

' Ich weiß nicht... Ich glaub nicht. Aber wir können uns doch darauf einigen, daß ich nichts davon weiter sage. '

' Das reicht nicht. Schade, dabei habe ich gerade angefangen dich zu mögen. Und seit gestern Abend dachte ich eigentlich, daß du das auch so siehst. '

Sie mag mich. Aber ich als Terrorist. Da könnte sie genauso gut versuchen Gandhi anzuwerben. Doch der hatte immerhin noch eine Überzeugung, ich nicht. Politik ist es nicht wert, um sich darüber aufzuregen. Früher war ich mal anders. Heute bin ich sozusagen politikverdrossen, um dieses Modewort zu gebrauchen. Ich kann ihnen auch ganz genau sagen warum. Im Grunde läuft die Politik doch immer so ab, und das gilt besonders im Wahlkampf, daß die Regierung der Opposition sagt, sie sei nicht regierungsfähig und die Opposition sagt das von der Regierung umgekehrt auch. Daraus läßt sich nur der Schluß ziehen, daß weder die Regierung noch die Opposition den Problemen gewachsen ist. Oder eine der beiden Seiten lügt. Und unfähige Leute zu wählen, wäre doch nicht gerade sehr schlau. Nun gab es, und gibt es immer noch, diese Protestparteien. Diese werden nun von der Opposition und der Regierung schlecht gemacht. Wenn man ihnen auch diesmal wieder glaubt, dann bleibt einem nichts anderes übrig als nicht zu wählen. Ich war sowieso schon immer der Ansicht, daß die Anarchie die einzige Form des Zusammenlebens ist, die auf Dauer funktioniert, weil jeder tun und lassen kann, was er will. Und deswegen sollen die Terroristen auch machen, was sie wollen. Nur eben nicht mit mir.

Aber auf der anderen Seite ist das nicht auch nur eine Form der Inkonsequenz ? Ist 'mir egal' nicht ein Zeichen davon, daß man sich nicht entscheiden kann oder will ? Was ist mir wichtiger, eine Moral von der ich einmal genau weiß, ob es sie gibt, oder das sie hier bleibt ?

Wenn es jetzt Winter wäre, so um die 20 °C minus und der Himmel verhangen wäre, dann hätte ich vielleicht noch eine Chance gehabt, die Moral zu wählen. Aber jetzt, bei dem schönen Wetter, bei einer so schönen Frau, habe ich keine Alternative. Und ich muß ganz ehrlich sagen, so wie ich diesen Gewissenskonflikt dargestellt habe, daß ich mich nun wer weiß wie lange geweigert hätte und, daß ich dann nur im letzter Konsequenz eingebrochen bin, so war es nicht. Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, sie einfach so gehen zu lassen. Ich war emotional viel zu stark involviert, als das ich rationalen Argumenten hätte folgen können. Ja, ich bin wieder auf den Weg ins schwarze Tal. Aber diesmal komme ich durch.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht sagen, daß ich nicht nur von Tatjana in dieses Tal gezogen werde. Sondern auch von den Umständen. Denn es hat sich alles verändert. Nichts gilt mehr. Die Welt ist nur fiktiv. Ich bin der einzige Mensch. Meine Mitmenschen sind gar keine Menschen. Die Geschichte existiert nicht. Die Religionen sind falsch. Und was ich persönlich am schlimmsten finde, meine Erinnerung sind nicht echt. Oder wenigstens nicht alle. Ich kann nicht mehr sicher sein, daß ich das woran ich mich erinnere auch wirklich getan habe. Sie ist das einzig, was real zu sein scheint. Bei ihr scheinen die alten Gesetze noch zu stimmen. Die Gefühle sind noch nicht gefälscht, oder ich weiß es zu mindestens noch nicht. Das einzige, worauf ich mich verlassen kann, bin ich. Aber nur solange, wie ich mich nicht von der Umwelt beeinflussen lasse. Und die Umwelt, das logische Denken, was von außen beeinflußt wird, sagt ganz klar, laß die Finger von ihr. Ich sage, mein Herz sagt das Gegenteil. Und nur darauf kann ich mich verlassen. Ich weiß nicht, ob es ein Fehler ist, aber ich werde mich auf ihr Spiel einlassen. Wenn sie unbedingt will, dann bin ich eben jetzt Terrorist.

' O.K. ich trete dem Verein bei. '

' Hast du dir das auch genau überlegt ? '

' Ja, ich mache es. '

' Das ist gut, sehr gut. Ich schlage vor, daß wir noch mal zu Bruno gehen.

'Sag mal, war das bloße Rhetorik, das du mich magst, oder meinst du das ehrlich ? '

' Hast du schon mal einen ehrlichen Terroristen getroffen ? '

' Ich habe überhaupt noch keinen getroffen.'

' Dann ist jetzt eine Premiere. Laß uns gehen ! '

Sie lächelte als wir gingen. " Der Spieler hat seine Entscheidung getroffen, aber das ist noch lange nicht seine letzte.

Kapitel 35

Auf der anderen Seite :

" Im Moment fühle mich ungefähr so, wie die Deutschen sich gefühlt haben müssen nach dem zweiten Weltkrieg, als sie von Ausschwitz erfuhren. Obwohl die Dimensionen sicher nicht ganz passen. Aber ich hätte es nie für möglich gehalten, was für eine Drecksbande das Komitee ist. Zu was die so alles fähig sind. Nun das sie keine überzeugten Demokraten waren, ist mir auch schon aufgefallen, aber daß es eine Bande von faschistoiden Gangstern ist, daß war mir neu. Ich hatte schon gesagt, daß ich mich informieren wollte. Und wie Sie merken, habe ich das getan. Man kann es sich wirklich kaum vorstellen, was hier passiert ist. Und ich schwöre, ich wußte wirklich nichts davon. Diese Verbrecher haben einfach das Spiel der Meister, die Prozedur zur Umrechnung, abgeschaltet. Und das nicht erst seit gestern. Sondern das ist schon immer so. Die Spiele, die nach und nach mehr von diesen Verbrechern ins Komitee brachten, waren getürkt.

Der Pettersonvirus hat gar nicht dieses Spiel manipuliert, sondern er hat es wieder aktiviert. Petterson war der einzige, der jemals regelgerecht Vorsitzender des Komitees war. Und diese Studenten wollten nicht etwa das System zerstören, sondern sie hatten im System die Manipulation entdeckt und wollten sie entfernen. Dafür hat man sie so hart bestraft. Außerdem waren es nicht, wie ich immer dachte, 15 Studenten, von denen 33 % bei Unfällen starben, die mit Memory Killing zusammenhingen, also 5, sondern es waren 50 Studenten und die Prozentzahl stimmte.

Die Forschungsabteilung ist nicht dazu da, den Virus zu verstehen, sondern dazu, ihn zu vernichten. Die Verhaltensforscher erforschen nur die Reaktion der Urlauber auf bestimmte Signale. Optimierung der Gehirnwäsche hat Ashley das genannt. Ashley ist mein ehemaliger Assistent, der damals zuviel von seiner Meinung bekannt gab. Ich erwähnte den Fall. Wir sind immer noch gut befreundet. Zumal ich mich damals dafür eingesetzt habe, ihn nicht zu entlassen. Es ist durchaus möglich, daß ich deswegen beim letzten mal nicht genug Punkte im Spiel erreichte, um ins Komitee zu kommen. Ashley sagte weiter, daß es nur eins gibt, was das Komitee wirklich fürchtet. Nämlich wenn das Volk irgendwann keine Lust mehr zum Spielen hat. Denn ohne das Spiel hätten sie keine Macht mehr. Deswegen werden alle psychologischen Register gezogen, um die Menschen spielsüchtig zu kriegen. Und die Forschung dient dazu, diese Methoden immer besser zu machen.

Früher hätte man Werbung gemacht, so Ashley, und im Prinzip sei die Gehirnwäsche nur die Weiterentwicklung. Eine wichtige Rolle dabei würde die Musik spielen. Früher wäre diese Art von Musik dafür eingesetzt worden, Freude zu verbreiten. Die Musik sollte am Gehirn vorbei wirken. Nur damals war die einzigen Botschaften eben 'sei fröhlich' oder 'laß dich gehen ' gewesen, die auf diese Weise direkt ins Unterbewußtsein eingedrungen sind. Irgendwann haben dann die Werbestrategen diese Methode für sich entdeckt und von da aus war es nicht mehr weit zu politischen Botschaften. So sei damals das Komitee entstanden. Dieses wiederum hat diese Technik perfektioniert und den Erfolg sieht man daran, daß die Menschen nur noch eins wollen. Spielen, spielen und noch mehr spielen.

Diese Musik hat noch einen gefährlichen Nebeneffekt. Je öfter man sie hört, desto besser prägt sie sich ein. Desto besser gefällt sie einem auch. Da diese Musik im Grunde immer gleich ist, und sich in kleinen melodischen Stücken unterscheidet, prägen diese kleinen Teile sich besonders gut ein. Man wird sie so schnell nicht wieder los. Und diese Musik läuft überall. Man kann sich nicht davor verstecken. Die Machthaber hatten schnell erkannt, daß es nichts bringt, Dinge zu verbieten. Es gab immer auch andere Musik. Aber sie hatte, da sie entweder zu radikal oder zu anspruchsvoll für die Masse war, keine Chance mehr. Sie haben einen freien Wettbewerb vorgetäuscht, der nie einer war. Zumal sich die Musikindustrie auch noch einig war, weil man mit dieser Musik mit geringen Aufwand eine Menge Geld verdienen konnte. So waren alle zufrieden. Die Industrie verdiente ihr Geld. Die Machthaber wurden gewählt und das Volk hatte die Musik, die es wollte. Eine prima Sache.

Als dann das Spiel zum ersten Mal in Betrieb ging, witterten alle das große Geschäft. Nur das Komitee wußte, daß es hinterher alleine kassieren würde, denn die Industrie kann noch so viel verdienen, mächtiger als das Komitee konnten sie nicht werden. Ein Satz vom Vorsitzenden hätte genügt, um sämtliches Privateigentum einfach zu verbieten. Und so kam es dann ja auch. Die Währung wurde ganz einfach abgeschafft und die Credits wurden eingeführt. Ja, und wie es weiterging wissen sie ja mittlerweile.

Soviel zu unserer Geschichte. Nun aber wieder zur Gegenwart. Die Prozedur arbeitet wirklich reibungsloser als gedacht. Der dritte Reiter ist losgezogen und hat zur allgemeinen Überraschung erneut in L.A. zugeschlagen. Diesmal in Form eine gigantischen Schlammlawine. Der dritte Reiter steht für das Wasser, welches den Berghang zum rutschen brachte und das Tal unter dem Schlamm begrub.

Als das bekannt wurde, brach im Komitee so eine Art Panik aus. Die gesamten zuständigen Techniker wurde als unfähig entlassen. Und ich habe durch die große Gnade des Vorsitzenden trotz meiner Unfähigkeit und kriminellen, gesellschaftsfeindlichen Haltung meinen Levelrang behandelten. So haben sie das natürlich nicht gesagt. Sie waren schon etwas höflicher. Ich sei als Spieleconditioner in der Öffentlichkeit nicht mehr haltbar, weil das Volk meint, es wäre mein Fehler gewesen. Sie wüßten natürlich, daß das nicht so ist. Es wäre natürlich nicht persönlich, aber da man in einer Demokratie lebe, müsse der Wille des Volkes mehr Gewicht haben als persönliche Zuneigung. Ende des Zitats.

Vor einer Woche hätte dieses wohl meinen Tod bedeutet. Weil alles an das ich geglaubt hatte, alles wofür ich gelebt hatte, meine Arbeit, wäre mir genommen worden. Und vor allen Dingen hätte ich damals noch geglaubt, daß das meine Schuld gewesen wäre. Aber nachdem Ashley mir das alles erzählt hat, spielte ich sowieso mit dem Gedanken zu kündigen. Ich kann einfach nicht so weiter, als wäre nichts geschehen. Das kann ich einfach nicht. Also ist mir das Komitee nur zuvor gekommen.

Da ich nun mehr Zeit hatte, und mir diesen Streß nicht mehr antun mußte, konnte ich mit alten Kollegen sprechen. Kollegen wie Ashley eben. Diese Leute habe ich zuerst für völlig verrückt gehalten, aber mittlerweile glaube ich, sie könnten recht haben. Sie glauben alle an diese Jahresringtheorie. Daß jedes System, jede Welt, nur dazu da ist, um eine neue Welt zu erschaffen, in der dann nach Möglichkeit die alten Fehler nicht wiederholt werden sollten. Das würde irgendwann zu einer perfekten Welt führen, es sei denn, es wäre nicht möglich die Fehler zu finden.

Nun nehmen sie an, das die Leute im Komitee ebenfalls davon überzeugt sind, daß das so ist. Nur haben die kein Interesse daran, daß es in einer neuen Welt anders laufen würde, als jetzt. Weiter nehmen diese Leute an, daß diese neue Welt das Cyberspace ist, und daß das Komitee dabei ist, seine Vorstellungen bereits ins neue System zu etablieren. Sich sozusagen auf den Übergang vorzubereiten. Das würde auch klappen, wenn sie nur wüßten, wann es endlich soweit ist. Noch weiß kaum jemand von dieser Theorie und solange wie das keiner weiß, regt sich keiner darüber auf, daß das Komitee alles leitet, was mit dem Cyberspace zu tun hat. Wem das nicht paßt, der braucht ja nicht zu spielen. Es zwingt ihn ja niemand. So ist die Meinung von vielen. Aber wenn sie wüßten, daß das Komitee an der neuen Welt baut. Oder anders gesagt, wenn sie wüßten, daß das Komitee ihnen die Chance auf einen Neuanfang verbaut, dann wären sie sicherlich nicht mehr so friedlich. Deshalb haben die da oben im Glaskäfig so eine Angst vor dieser Theorie.

Petterson hatte das alles schon damals vorausgesehen und diesen Virus konstruiert. Er sollte verhindern, daß man die Parameter für immer festsetzen kann. Daß das Komitee alles schon im voraus zu ihren Gunsten beeinflußt. Wie das technisch genau funktioniert, weiß ich nicht. Aber die da oben auch nicht. Und wenn man nicht weiß, wie eine Krankheit verläuft, welche Bakterien wirken, kann man sie auch nicht effektiv bekämpfen.

Eigentlich hatten sie schon vor zehn Jahren gedacht, den Virus ausgerottet zu haben. Aber das war ein Trugschluß. Er ist wieder da, und keiner weiß wieso. Offiziell gab es ihn immer, weil man ihn gut als Sündenbock mißbrauchen konnte, wenn etwas nicht klappt. Das alles erklärte mir Ashley. Und dann sagte er noch, daß ich mich womöglich bald entscheiden müsse, ob ich zu Guten oder zu den Bösen gehören wollte. Warum sagte er nicht..." Der Conditioner ist arbeitslos, aber sein Leben dennoch einen Sinn.

Kapitel 36

Der Spieler fährt fort :

" Man kann ohne Zweifel sagen, daß der Besuch in Brunos Kneipe, mein Leben entscheidend beeinflußt hat. Ja, ich würde sogar sagen, daß dieser Tag der wichtigste meines Lebens war.

Bisher dachte ich immer, daß Terroristen entweder Kommunisten oder Araber sind, und nun war ich selbst einer. Nun ja, kein richtiger, aber ich gehörte irgendwie dazu. Dieses Gefühl nun zu wissen, oder eine Aussicht zu haben bald zu wissen, wofür man kämpft. Wofür das alles. Einen klaren Gegner zu haben. Einen Gegner, der einen irgendwie ernst nimmt. Man ist halt einfach wichtig. Dieses Gefühl von Macht, ja ich glaube es ist Macht, gibt einem Kraft und macht Spaß. Man muß sich vorstellen, ich wurde dazu ausgesucht das Ende der Welt aufzuhalten. Oder ich darf wenigstens mithelfen. Die wohl wichtigste Aufgabe und eine die sich lohnt. Es ist halt einfach schön, wenn man weiß, daß man auf der richtigen Seite steht. Und seit dem Besuch weiß ich das eben.

Doch jedes positive Gefühl wird von negativen begleitet, oder gar erst ermöglicht. Das erste negative war das Gefühl von total durchnässten Klamotten, denn es hatte angefangen wie aus Kübeln zu schütten, als wir gerade aus dem Haus waren. So etwas ist mir in der letzten Zeit öfters passiert. Das Wetter scheint irgendetwas gegen mich zu haben. Als Mitglied in einer terroristischen Vereinigung sollte ich vielleicht mal den Vorschlag machen, den Kerl zu erschießen, der den Regen ins Cyberspace einprogrammiert hat. Doch Tatjana war dagegen, weil sie Regen mag. Er hätte so einen ganz besonderen Geruch. So etwas frisches. Als ich ihr dann erklärte, daß diese frische Luft durch geringe Dosen von Ozon so riecht, was bei Gewitter nun mal entsteht, und das dieses Zeug ziemlich giftig ist, meinte sie doch glatt, daß ich unromantisch sei. Sie fände es schön nach einem kräftigen Regenguß spazieren zu gehen. Die Luft sei dann sauber und man könne richtig tief durchatmen. Das mag ja sein, aber während eines solchen Naturereignisse nach draußen zu gehen, ist nicht unbedingt meine Traumvorstellung von Romantik.

Aber irgendwann, schneller als gewöhnlich, weil auch sie sich beeilte, so gut gefiel ihr der Regen wohl doch nicht, kamen wir bei Bruno an. Ich haute, wie es so meine Art ist, mir voller Wucht die Klinke runter, und kriegte unheimlich einen gefegt. Die Klinke war aus Eisen und ich hatte meine alten Kampfstiefel angezogen. Wetterfest, wasserdicht, warm gefüttert, knöchelhoch damit man nicht umknickt, aber unglücklicher Weise auch mit einer Gummisohle. Das Phänomen, das meine Hand etwa einen Meter in einer Zeit die weltrekordverdächtig war, von der Klinke abstandnehmen ließ, heißt elektrostatische Aufladung oder in diesem Fall eben Entladung. Das zuckt durch jeden Knochen und Muskel. Widerlich kann ich ihnen sagen, widerlich.

Beim zweiten, diesmal viel vorsichtigeren Versuch, ging die Tür auf. Wir gingen rein und stellten zunächst einmal fest, daß Bruno wohl doch nicht so trinkfest ist, wie ich immer dachte. Er saß an einem relativ sauberen Tisch. Den Kopf aufs linke Ohr gelegt und das wiederum auf die linke Hand, deren Ellbogen auf dem Tisch stand. Und er schlief so friedlich. Es war richtig niedlich diesen riesen Typ so wehrlos zu sehen. Ein richtiges Riesenbaby. Sein Fläschchen hatte es übrigens auch in der Hand. Durch die ungünstige Trinkhaltung tropfte das Bier daraus, allerdings nur auf den Boden. Da ich annahm, daß Bruno nichts dagegen gehabt hätte, nahm ich mir auf eigene Faust eine Flasche aus den Kühlschrank, der schon seit langem nur noch Dekoration ist. Kühlen tut er nicht mehr. Aber da es auch keine Heizung in dem Laden gibt, ist das Bier trotzdem, zu mindestens im Winter, gut temperiert. Der Kühlschrank ist übrigens ziemlich gefährlich, da daraus Kühlmittel entweicht. Das heißt mittlerweile müßte sich eigentlich alles verflüchtigt haben. Aber damals hatte er richtigen Ärger mit dem Gesundheitsamt, als einer seiner Kunden vor der Theke zusammenbrach, obwohl er nur eine Cola getrunken hatte. Die Flasche, aus der die koffeinhaltige Limonade stammte, stand nämlich direkt auf dem Kühlschrank an der Wand und war zudem noch offen. Merkwürdigerweise ist der Gast nie wieder gekommen. Dabei hatte Bruno ihm noch eine Beleidskarte ins Krankenhaus geschickt. Dieser Gast hat sich nicht einmal dafür bedankt.

Obwohl Bruno nie staubgewischt hat, hat er es doch geschafft, daß es nie Ratten oder Mäuse in seiner Kneipe gab. Denn mit Essensresten war er immer vorsichtig und hat sie ordnungsgemäß entsorgt. Das ist wohl auch der einzige Grund, daß der Laden noch nicht dicht gemacht worden ist. Und er hatte es trotz seiner Nachlässigkeit nicht gewagt, veraltetes Bier anzubieten. Seine Waren sind immer frisch gewesen. Niemals hätte er ein Bier mit überschrittenen Haltbarkeitsdatum angeboten. Da war er sehr genau.

Zum ersten Mal kam mir der Verdacht, daß etwas nicht stimmte, als ich den Kühlschrank öffnete. Er war leer. Nun denken Sie vielleicht, daß das doch eigentlich normal ist, wenn man bedenkt, das Bruno völlig besoffen ist. Aber sie kennen Bruno nicht. Obwohl es jeder Wahrscheinlichkeit widerspricht, glaubt Bruno immer, daß jeden Moment der Bus mit den hundert Gästen kommt. Und auf diesen Moment war er stets vorbereitet. Das ging sogar soweit, daß er immer, wenn er eine Flasche aus dem Kühlschrank nahm, sofort eine neue wieder hineinstellte. Damit er ja das Maximum an kühlen Bier anbieten konnte. Und nun war der Schrank leer. Das war schon sehr merkwürdig.

Dann begann Tatjana plötzlich wie am Spieß zu schreien. Sie war am Tisch bei Bruno geblieben und versuchte ihn zu wecken, während ich hinter der Theke auf dem Boden kniete und verzweifelt nach Bier suchte.

' Was ist los ? '

Aber sie antwortete nicht und schaute mich nur mit großen Augen an. So große Augen habe ich meinem ganzen Leben noch nie gesehen.

Dann zog sie einen Zettel unter seinem Ellbogen hervor. Daraufhin krachte Brunos Kopf mit einem Wahnsinnsknall auf den Tisch. Während ich noch überlegte, ob er als Antwort darauf ihr mit der rechten oder linken Hand eine Ohrfeige geben würde. So etwas macht Bruno ohne mit der Wimper zu zucken. Quasi als Reflex, da kann er gar nichts zu. Bemerkte ich, daß er überhaupt nicht reagierte. Und vor allen Dingen bewegte sich sein Kopf nicht wieder nach oben. Und so wie er jetzt lag, drückte er sich mit Hilfe der Tischkante die Luftröhre zu. Das ist nicht gerade gut fürs atmen. Ich weiß nicht, ob man so besoffen sein kann, daß sogar der Selbsterhaltungstrieb nicht mehr funktioniert, aber was ich weiß ist, daß ich ihn wieder aufgerichtet hätte. Den Kopf nach hinten drücken, um möglichst viel Luft in seinen Hals zu kriegen. Aber sie stand einfach nur da, und hielt diesen Zettel in der Hand. Und starrte nur in meine Richtung. Etwa 10 Sekunden später begann sie ihren Blicken zu folgen, und ging auf mich zu. Während Bruno immer noch nicht atmen konnte.

' Warum tust du nichts, er stirbt ? '

' Zu spät, er ist schon tot. Ließ das !! '

Wer immer auch diesen Zettel finden wird (das ist typisch Bruno, außer uns kommt eh keiner, aber er hat bis zum Schluß wohl auf seine hundert Gäste gewartet ), weiß, daß ich nicht mehr lebe. Obwohl es, wenn man einen Abschiedsbrief schreibt, nach Selbstmord aussieht, so war dies doch keiner. Sie haben es getan. Diese verdammten Schweine haben das Memory Killing wieder eingeschaltet. Mitten im Spiel. Das ist verboten, weil es Kopfschmerzen und Schäden im Gehirn verursacht. Oh ja, diese gräßlichen Kopfschmerzen. So als würden sie brennende Nadeln mitten in dein Gehirn stechen. Und raus und rein, und wieder von vorne. Immer fester, immer tiefer, an immer die genau die selbe Stelle. Und es wäre jeden Tag schlimmer geworden. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Und gleichzeitig fängst du an alles zu vergessen. Du weißt nicht mehr, wer du bist. Wo du her kommst. Wie du heißt. Alle Zusammenhänge brechen auseinander. Und du weißt, es wird jeden Tag weniger. Jede Stunde vergißt du etwas, und es wird mehr zurück kommen. Nie mehr. Bis du irgendwann nur noch hier und jetzt lebst. Du hast keine Vergangenheit mehr, keine Zukunft, weil du dir nichts mehr merken kannst. Nur jetzt, und jetzt, und jetzt. Nicht morgen, nicht gestern. Nicht vor einer Minute, sondern nur jetzt. Ich habe es schon zu oft von außen gesehen. Damals als die ganzen 'Unfälle' passiert. Ich will nicht so enden wie all die anderen. Wenn man keine Erfahrungen mehr aufnehmen kann, braucht man sie auch gar nicht erst zu machen... Diese scheiß Kopfschmerzen.. oh Gott, hört doch endlich auf. Bitte, ich kann nicht mehr... Ich will nicht mehr, und werde auch nicht mehr. Ich muß hier raus. Vielleicht kann ich dann die Reste des Gehirns, die Teile die ich draußen brauche, noch ein wenig retten.

Seid vorsichtig, ihr werdet kontrolliert. Ashley sagt, die Forscher spielen mit Kreuz Dame. Aber der Conditioner womöglich nicht. Auf jeden Fall buttert er nicht mehr die Re-Seite. Es tut mir leid, aber sie haben momentan die besseren Karten. Um Acht bei Gordon, Tatjana.

Falls jemand anderes diesen Brief findet, sollte er wenn möglich diesen an Tatjana weiterreichen oder verbrennen.

Nachdem ich den Brief laut vorgelesen hatte, mußte ich mich erst mal setzen. Es sollte ziemlich lange dauern bis ich wieder aufstehen konnte. Bruno ist tot. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht. Die Hintergründe verstand ich auch nicht, aber die Tatsache alleine ist jawohl auch mehr zu schlimm genug.

Es wundert mich heute noch, daß ich nicht in völlige Panik ausgebrochen bin. Ich saß einfach nur da und tat nichts. So absolut nichts. Vor mir lag der Zettel. Und ich starrte nur auf diese Zeilen. Nichts, absolute Leere im Kopf. Keine Trauer über den Verlust eines guten Freundes. Keine Wut auf die anderen, die ihm das angetan haben. Keine Angst, daß sie das dasselbe auch mit mir machen. Nichts. Völlige Unfähigkeit die Situation zu verarbeiten, zu verstehen. Es war wie ein Traum. Ich dachte jeden Moment, ich wache auf und gehe erneut in die Kneipe, und dort wird Bruno sitzen. So wie immer. Das konnte alles nicht real sein. Das konnte nur Einbildung sein. Und dann dieser Zettel. Der Beweis, daß es nicht nur Fiktion war. Vielleicht schaute ich ihn deswegen solange an. Vielleicht suchte ich nach etwas, was ihn als bloße Einbildung entlarvt hätte. Zu diesem Zeitpunkt hätte man mich wegtragen können. Ich hätte es nicht einmal gemerkt. Zum ersten Mal hatte ich wirklich den Eindruck, als könnte ich den Cyberspace sehen. Ich fühlte, daß ich in diesem Augenblick nur eine Datenbrille trug. Verstehen sie, es war wie Film, wie Kulisse um mich herum. Und ich gehörte da nicht hin. Ich bin ich und die Welt um mich herum hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun. Es fehlte einfach jede Bedingung. Eben wie im Kino. Da flimmert eine brutale, eine grausame Szene über die Leinwand. Und man hält sich die Hände vors Gesicht, nimmt die Knie hoch und drückt sich immer weiter in den Sessel. Immer wieder sagt man sich, daß ist nur ein Film, nur ein Film, so etwas gibt es nicht wirklich. Nur ein Film, nicht mehr. Je brutaler der Film wird, desto mehr zieht man sich in sich zurück. Die Angst umschließt einen und unterbricht jede Kommunikation nach außen. Die Händen krallen sich in den Lehnen fest und man möchte am liebsten gar nicht mehr hinschauen, tut es aber trotzdem. Weil man tief drinnen weiß, daß es eben nur Fiktion ist.

Dann kommt die berühmte Hand von hinten auf die Schulter. Und für einen Moment der Reflex, der Gedanke, daß der Film doch real ist. Im Kino läßt sich diese Situation sehr schnell auflösen, in dem man sich einfach umdreht. Aber hier ist überall Leinwand. Man entkommt der Szene nicht. Ist es nun real oder nicht ? Man kann es nicht lösen, aber man hofft so, daß es nur ein Film ist. Das ist alles nur ein böser Traum. Nur Fiktion, keine reale Gefahr. Man glaubt eben plötzlich an diese Theorie. Nur Computerbilder nichts weiter. Das ist alles nur Spiel, nicht mehr. Das ist so, weil es so sein sollte, weil man sich wünscht, daß es so ist. Sobald ich die Brille abnehme, wird Bruno nehmen mir stehen und herzhaft lachen. Es war nur ein böser Scherz, nicht mehr.

Und nach etwa zehn Minuten hatte ich auch einen Beweis gefunden, daß das alles nur ein Scherz sein konnte. 'Um acht bei Gordon ', stand in dem Brief. Wer spricht schon in seinem Abschiedsbrief eine Einladung aus ? Nicht das sie mich falsch verstehen. Bruno war tot. Das meine nicht mit Scherz, sondern die Endgültigkeit ist durch diesen Satz aufgehoben. Bruno und Tatjana wissen mit Sicherheit mehr über das Leben nach dem Tod als ich. Und womöglich können sie genau sagen, wann sie sich wo im Jenseits treffen. Verstehen sie, es war nicht wie Tod, sondern wie eine kurze Unterbrechung. 'Ich gehe jetzt, man sieht sich '. So in etwa klang dieser Brief. Durch diesen Brief hat der Tod seinen Schrecken verloren. Und heute glaube ich, das war auch der tiefere Sinn dieses Zettels.

Je länger die Phase des Schweigens dauerte, desto mehr begaben sich meine Gedanken wieder auf eine abstraktere Ebene. Weit weg von eigentlichen Geschehen, um sachlich über die Tat nachdenken zu können. Ich wollte die Emotionen zu mindest im Moment ganz draußen lassen. Wenn ich anfange emotional zu denken, und das ausgerechnet über den Tod, dann muß das in einer Katastrophe enden. Ich fragte mich, wie er nur so etwas tun konnte. Sie werden sagen, daß sich das jeder in einer solchen Situation fragt, aber bei mir ist das etwas anderes. Es geht mir nicht darum herauszufinden, was ihn dazu veranlaßt haben mag. Außerdem hat er das ja auch groß und breit in seinem Brief geschrieben. Es geht auch nicht darum, sich zu fragen, worum er keinen anderen Ausweg gesehen hat oder wie er überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen konnte. Das weiß ich alles aus meiner eigenen Erfahrung besser als mir lieb ist. Nein, es geht darum, warum konnte er das tun ? Warum hat es funktioniert ? Denn eigentlich kann man sich nicht umbringen, solange die Aufgaben nicht gelöst sind. Die Umstände lassen das nicht zu. Also wie konnte er das tun ?

' Was machen wir jetzt ? '

Diese Frage, ausgesprochen von Tatjana, brachte mit mich aller Brutalität wieder zurück in das grausame Geschehen. Sie machte die Probleme konkret. Hier und jetzt muß gehandelt werden. Da an dem Tisch, wo ich mittlerweile auch sitze, sitzt ein Toter. Der ist real, da führt keine Theorie dran vorbei.

' Was haben wir denn für Alternativen ? '

' Ist doch klar, entweder wir rufen die Polizei oder wir lassen es sein. '

Sie müssen wissen, daß ich nichts so sehr hasse wie Bürokraten und Formulare. Wenn man einmal damit anfängt sich mit Bürokraten oder Ärzten, für die gilt das gleiche, einzulassen, dann kommt man da so schnell nicht wieder von los. Auf einen Antrage folgt eine Nachfrage, auf diese dann eine neue, bis zu dem Punkt, da sie einem sagen, man müsse erst noch einen neuen Antrag stellen. Von da aus, geht das Spielchen dann von vorne los. Diesen Teufelskreis überwindet man entweder mit Geld, wenn man an einen korrupten Beamten gerät, was nicht immer ein Nachteil sein muß, aber leider sehr selten der Fall ist, oder mit viel Geduld und Beharrlichkeit. Da ich weder Geld noch Geduld habe, fang damit besser gar nicht erst an. Und Polizisten sind nun mal Beamte.

Andererseits ist das hier wohl ein etwas schwerwiegenderer Vorfall als falsch parken. Vielleicht ist es jetzt unsere Pflicht etwas zu sagen, und vielleicht beeilen sich die Bürokraten sogar etwas, weil die Tragweite des Geschehens ja größer ist. Aber ich glaube, das darf man getrost bezweifeln. Obwohl man natürlich auch die Polizei etwas in Schutz nehmen muß. Sie sind wirklich unterbezahlt und unterbesetzt. Viele behaupten auch unterbelichtet, aber das ist wohl nur ein Vorurteil. Auf jeden Fall kann man hier wohl nicht die normalen Maßstäbe ansetzen. Ich glaube, wir sollten anrufen.

' Wir rufen an ! '

' Meinst du wirklich, daß das eine gute Idee ist ? '

' Was spricht dagegen ? '

' Nun, erstens dürfen sie auf keinen Fall diesen Zettel lesen. '

' Das müssen sie ja auch nicht. '

' Und zweitens ist es besser, wenn wir es für uns behalten. '

' Und warum bitte ? '

' Das kann ich dir noch nicht erklären. '

' Das zieht nicht. Weißt du, daß wir uns strafbar machen, wenn wir nicht anrufen ? Gut, das mag alleine kein zwingender Grund sein, aber grundlos sich strafbar zu machen, ist sinnlos und dumm. '

' Es ist nicht sinnlos. '

' Ich rufe jetzt an. Ich weiß nicht, wie gut du Bruno gekannt hast. Aber ich habe ihn gemocht. Deshalb hat er es nicht verdient in seiner Kneipe vor sich hin zu schimmeln. Hab ich mich klar genug ausdrückt ? '

' Bitte, es ist dein Spiel. '

' Genau. Auch wenn ihr darüber nicht viel von Moral haltet. Es gibt Dinge, da lasse ich nicht mehr mit mir reden. Und Tod gehört ganz sicher dazu. '

' Egal was daraus folgt ? '

' Nein, natürlich nicht. Aber wenn du mir nicht sagst, was daraus folgt, kann ich das auch nicht als Argument gelten lassen. Natürlich gibt es Situationen in denen man über alles nachdenken muß. Aber diese ist sicher keine davon. '

' O.K. wenn du dich dann besser fühlst. Ruf doch an. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. '

' Werde ich nicht. '

Ich ging zum Telefon und benutzte es. Ich frag mich heute noch, warum. " Der Spieler beginnt wieder selbst zu entscheiden. Ob das ein Vorteil ist ?

Kapitel 37

Auf der anderen Seite :

" Haben Sie sich mal als Mensch zweiter Klasse gefühlt ?

Ich bis vor kurzem auch noch nicht. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, daß es ein Nachteil sein könnte, nicht mehr Spieleconditioner zu sein. Dieser Job bringt nichts als Streß und Ärger. Besonders in der letzten Zeit. Es ist nicht die Tatsache, daß ich nun Langeweile hätte, die habe ich bei weitem nicht. An manchen Tagen frage ich mich sogar, warum ich früher überhaupt Zeit zum arbeiten hatte. Ich habe soviel zu tun. Nein, das Problem ist ein ganz anderes. Ich habe nicht nur meinen Job verloren, sondern auch das Vertrauen meiner Chefs, des Komitees. Als kritisch zu gelten, ist nicht besonders förderlich bei der Selbstverwirklichung. Ich wollte einmal in meinem Leben in Urlaub fahren. Nur ein Mal. Immer hab ich auf der anderen Seite gestanden. Mein ganzes Leben habe ich für die Urlauber gearbeitet. Nun sollten meine Nachfolger endlich mal was für mich tun. Es scheiterte nicht einmal am Geld. Ich habe soviele Sonderschichten gemacht, daß ich locker die nächsten 50 TGL ohne neues Geld zu bekommen, anständig leben könnte. Aber das Komitee hat einfach nein gesagt. Ich sei ein Sicherheitsrisiko, weil ich alle Tricks kennen würde. Sie werden sagen, daß das unlogisch ist und genau das habe ich auch gesagt, mit dem Erfolg, daß man mir das Geld verweigerte, was ich für diese Einheit noch zu kriegen hatte. Dabei haben sie dann übrigens gleich auf eine Begründung verzichtet.

Nun muß ich dazu sagen, daß ich nicht so wahnsinnig versessen darauf war, in Urlaub zu fahren. Aber es wäre trotzdem schön gewesen. Eigentlich schade, daß ich nicht darf. Erst dadurch, daß ich es nicht darf, will ich es eigentlich überhaupt. Es ärgert mich, weil es so unberechtigt, so ungerecht ist. Aber ich bin kein Mensch, der einfach vor den Tatsachen kapituliert. Ich versuche sie zu ändern.

Der Borkenkäfer ist, wie schon der Name verrät, ein Insekt. Ein Insekt, das auf Bäumen lebt, und seine Eier unter der Rinde des Baumes ablegt. Wenn diese Eier sich irgendwann öffnen, kommen viele kleine Borkenkäfer daraus, die sogenannten Larven. Diese Dingen haben einen großen Appetit und fressen sich durch die Rinde nach außen. Dadurch geht die Rinde natürlich kaputt und logischer Weise dann irgendwann auch der Baum. Eine Larve reicht dazu aber sicher nicht. Doch ein paar Millionen schon. Und diese Käfer haben immer sehr großen Nachwuchs. Wenn sich nun vorstellt, daß mehrere Käfer einen Baum befallen, dann sieht man, daß diese Käfer im Grunde nichts weiter als Schädlinge sind. Trotzdem gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich die Borkenkäfer nennen. Und ich bin ernsthaft am überlegen, ob ich nicht auch einer werden soll.

Die Wahl des Namens ist ganz einfach auf die Jahresringtheorie zurückzuführen. Sie sind halt einfach nur im Bild geblieben. Sie wollen die vorletzte Schicht, also laut der Pettersontheorie uns, daran hindern, die äußere Schicht dazu zu bringen, eine weitere Schicht zu bilden. Ein wenig kompliziert, aber so ist es halt. Wie ein Borkenkäfer legen sie deshalb Larven unterhalb der äußeren Schicht ab. Genauer in die Verbindung zwischen uns und der äußeren Schicht. Diese Larven haben auch einen konkreten Namen. Der Pettersonvirus, der aus welchem Grund auch immer, wieder aktiv ist. Dieser Virus besteht nämlich aus vielen kleinen Programmen, einem ganzen Komplex von verschiedenen Krankheiten. Welche das im einzelnen sind, ist noch nicht ganz klar. Eins scheint jedoch sicher, daß wenn alle zusammen wirken, der Patient, der Baum stirbt. Und genau das wollen die Borkenkäfer. Sie glauben, daß nur der Tod des Baumes die vorletzte Schicht davor schützt zu verholzen. Spätestens hier versagt dann das biologische Modell.

Diese Borkenkäfer gehen weiter davon aus, daß wir nicht mehr lange, die vorletzte Schicht sein werden, da es in der bis jetzt äußersten Schicht schon Ansätze für die Bildung einer neuen Schicht gibt. Das heißt mit anderen Worten, die Zeit drängt.

Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, daß das Komitee dabei ist, die abgeschalteten Systeme zu vernetzen. Das heißt, daß nicht mehr für jedes System ein anderes Cyberspace aufgebaut wird, sondern für alle das gleiche. Es sind dann halt nur verschiedene Blickwinkel. Ansätze dazu gab es schon immer. Zum Beispiel war es möglich Gruppenreisen zu machen. Man hatte dann zwei Terminals, wie wir das nennen, für ein System. Das ist meiner Meinung nach auch viel reizvoller als alleine zu fahren. Die Helper arbeiten übrigens nach dem selben Prinzip. Nur wenn man alle Systeme miteinander vernetzt, immerhin 512, dann kann man wirklich fast von einer Ersatzrealität sprechen. Die anderen Menschen im Cyberspace wären dann nicht mehr Statisten, sondern eben handelnde Wesen. Natürlich wird es auch weiterhin Statisten geben. Es ist schlicht unmöglich, 5 Milliarden Terminals zu konstruieren. Und wenn man die 512 geschickt auf den Cyberspace verteilt, wird man wohl kaum einen Unterschied zu heute feststellen. Aber sie müssen sich mal vorstellen, was das für das kollektive Wissen dieses Systems bedeuten würden. Das System könnte sich 512 mal schneller entwickeln. Wenn man sich dann vor Augen hält, daß die Borkenkäfer ebenfalls davon ausgehen, daß wir auch so entstanden sind, dann kann einem schon mal unheimlich werden. Das ist möglich. Früher habe ich diese Theorie, sagen wir es freundlich, für unwahrscheinlich gehalten. Es besteht doch immer noch ein gewaltiger Unterschied zwischen Cyberspace und Realität. Man merkt doch relativ schnell, daß man der einzige ist, der handelt. Zu mindestens stelle ich mir das so vor. Ich darf ja nicht ins System und vorher hatte ich keine Zeit für einen Urlaub. Aber durch diese Vernetzung.... ich weiß nicht, aber ich glaube, es ist möglich, daß sie recht haben.

Wenn man das jetzt einfach mal an nimmt, dann kann ich verstehen, daß Leute, die das wissen, sauer sind, daß das Komitee alles übernommen hat, was mit der Entwicklung des neuen Systems zu tun hat. Die da oben wollen ihr verdammtes, verbrecherisches System mit in die neue Schicht nehmen. Sie wollen die Verholzung überleben. Ich glaube, ich kann nachvollziehen, daß man mit solchem Wissen zum Terrorist wird. Und ich glaube, ich werde auch einer... "

Der Spieleconditioner hat seine Seite gewählt. Aber ist er nun ein Guter ?

Kapitel 38

Der Spieler fährt fort :

" Auch wenn man es kaum glaubt, aber die Polizei hat sich wirklich beeilt. Es dauerte nicht einmal eine halbe Stunde bis eine ganze Armee von Uniformierten einrückte. Doch glauben sie ja nicht, die hätten auch nur ein Wort mit uns gesprochen. Ich bastelte in meinem Kopf schon die ganze Zeit an einer Formulierung, warum wir denn hierher gekommen waren. Man kann ja schlecht sagen, ich wollte einer terroristischen Vereinigung beitreten, und wir wollten die letzten Einzelheiten besprechen. Das wäre wohl nicht ganz so gut gewesen. Tatjana und ich haben uns dann auf das naheliegendste geeignet. Wir wollten ein Bier trinken. Was auch sonst in einer Kneipe. Aber das schien überhaupt keinen zu interessieren. Daraus den Schluß abzuleiten, daß wir gehen konnte, wäre falsch. 'Kollege kommt gleich.' Der typische Beamtenspruch. Er fiel auch hier, wenn auch nicht ganz Wort wörtlich.

Eine geschlagene Stunde später kam Kollege dann endlich. Kommissar Kosnik. Diesen Typen muß man einfach erlebt haben. Die Hektik in Person. Ich glaube, sein Blut muß zu einem hohen Anteil aus Koffein bestanden haben. Aufgeregt und dauernd in Bewegung. Aber, und das ist leider ist nicht selbstverständlich, höflich und verständnisvoll.

' Ich bin Kommissar Kosnik, haben sie ihre Personalien schon abgegeben ? '

Er sprach mit mir, weil Tatjana versuchte den Zettel verschwinden zu lassen. Aber das machte sie ziemlich ungeschickt.

' Nein, noch nicht. '

' Na, macht nichts, haben sie irgendetwas besonderes gesehen.'

' Einen Toten, reicht das ? '

' Sehr komisch. Ich habe keine Zeit für Späße. Wenn sie mir jetzt erzählen würden, was sie gesehen haben. Außerdem sagen sie der jungen Dame, daß ich Abschiedsbriefe grundsätzlich nicht lese. Das macht einen immer so traurig. '

' Ja, also wir sind hier rein gekommen und wollten ein Bier trinken. Und da haben wir ihn gesehen. '

' Sind sie so arm, oder warum gehen sie in eine solche Bruchbude?'

' Wir kannten den Wirt. '

' Wer nichts wird, wird Wirt und wer als Wirt nichts wird, wird gar nichts. Ein Glückspilz war ihr Freund ja nicht gerade.

' Der Laden lief in der letzten Zeit nicht mehr so gut. '

' Seit dem Tag als seine Putzfrau starb ? '

' Sie dürfen sich nicht vom äußeren täuschen lassen. Das Bier war gut. '

' Glauben sie, daß es Selbstmord war ? '

' Davon gehe ich aus. Ich meine, wer hätte ihn denn... nein, es war Selbstmord. '

' Was halten sie denn von einem natürlichen Tod ? '

' So plötzlich ? '

' Das geht oft schneller als man denkt. War er denn irgendwie depressiv ? Ich meine, er muß doch finanzielle Problem gehabt haben, so wie der Laden aussieht. '

' Er war zufrieden. '

' Du bist ein Glückspilz, wenn du mit einem Pils glücklich bist. So ungefähr. '

' Ja. Also was man so von außen sehen kann, glaube ich, daß stimmt. So war er. '

' Bei einem Selbstmord hätte es ja auch sicher einen Abschiedsbrief gegeben. Nicht wahr junge Dame ? '

' Gib ihm den Brief, Tatjana. '

' Tatjana, russisch wenn ich nicht irre. Schöner Name, aber doch recht ungewöhnlich. '

Sie guckte zwar etwas gequält, aber sie gab den Zettel dann doch an den Polizisten weiter. Und der begann zu lesen, obwohl er so etwas ja eigentlich nie tut.

' Nun ja, für die Einweisung in die Psychiatrie ist es jetzt jawohl ein bißchen zu spät. Hatte er noch Angehörige ? '

' So weit ich weiß nein. '

' Schade. Diesmal wäre ich persönlich hingegangen. Dieser Mensch wäre vermutlich noch am leben, wenn er ärztlich Unterstützung gehabt hätte. So etwas liebe ich. Auf einen Seite über den Verlust heulen, aber andererseits den Lebenden sich selbst überlassen und ihm bloß nicht helfen. Da hätte ich richtig Dampf ablassen können. Hatte er wirklich keine Verwandte ? '

' Nein. Ich kenne zu mindestens keine. '

' Schade, wirklich schade... Na ja, der Fall scheint damit ja geklärt zu sein. Schönen Tag noch, Sie können jetzt gehen. '

Das wurde ja auch Zeit. Wir gingen und kamen nie mehr zurück in diese Kneipe, die früher mein zweites Zuhause. Ein wichtiges Stück Vergangenheit ist nun endgültig tot. Schade, wirklich schade...

Auf dem Nachhauseweg bat ich Tatjana, daß sie schon mal vor gehen sollte, denn ich wollte, ich mußte jetzt erst mal in Ruhe nachdenken. Und entgegnen meinen Befürchtungen fing sie keine lange Diskussion an, sondern sie tat einfach das, was ich sagte.

Bruno ist tot. Damit ist auch die letzte Verbindung zu der Zeit bevor ich das schwarze Tal erstmals betrat abgebrochen. Es gibt niemanden mehr, der mich als ganz normalen Menschen kennt. Als ein Mensch, der wenigstens ab und zu mal gelacht hat. Ich bin ich, und die Welt hat nichts damit zu tun. Doch wer bin ich ? Bin der Mensch vor dem ganzen, der Mensch in seiner schwärzesten Phase, bin ich der Denker und Zauderer, oder bin ich gar der Terrorist. Diese Menschen haben nichts gemeinsam. Ihre Charaktere, ihr Denken ist fast gegensätzlich. Also wer bin ich? Bin ich der, für den mich die anderen halten ? Bin ich der, für den ich mich halte und für wen halte ich mich überhaupt ? Kann man das überhaupt jemals beantworten ?

Innerhalb des letzten Jahres habe ich gelernt mich zu wehren. Ich habe gelernt, daß man sich der Herausforderung des Lebens stellen muß. Ich bin gereift, erwachsen geworden. Diese ganzen Begriffe passen mir nicht. Sie werten, sie drücken aus, das diese Veränderung positiv war. Doch da bin ich mir nicht so sicher. Mir fällt dazu immer dieses Beispiel mit dem Künstler ein. Dieser war in seiner Jugend ein gefeiertes Genie. Die Kritiken überschlugen sich förmlich. Doch dann begann er Kunst zu studieren. Er lernte, wie man ein Bild aufbauen muß. Er lernte die Regeln der Komposition. Seit dem er das weiß, produziert er nur noch Mist, weil das, was ihn auszeichnete war, daß er alle Regeln brach. Nur hat er das nie gewußt. Er wollte mit mehr Wissen, bessere, perfektere Bilder malen. Heraus kam nur noch Durchschnitt. Ich kenne nun die Regeln, die Theorie. Doch hilft mir das irgendwie weiter ? Macht mich das besser ?

Ich weiß, das ich nichts weiß (Sokrates), aber macht mich das schlauer ? Kann ich dadurch irgendetwas besser als vor ? Der Druck ist weg. Ich bin freier. Aber wo nichts ist, kann sich auch nichts reiben. Keine Reibungsverluste, keine Wärme mehr. Alleine im Vakuum, nur durch einen Computer am Leben gehalten. Ich bin nicht nur einzige denkende Mensch, sondern ich bin auch alleine in dieser Simulation. Würde es Ihnen Spaß machen alleine in Urlaub zu fahren ? Also mir nicht. Schon gar nicht hier hin. Karibik oder Australien, das wäre ja mal was, aber hier hin, ins kalte verregnete Deutschland. Wenn man sich dann noch überlegt, wieviele Credits man dafür ausgeben hat. Und das jede weitere Tag wohl noch mehr Credits kosten wird. Dann fragt sich doch, ob man nicht ein wenig über Tisch gezogen worden ist. Ich habe große Lust mich beim Reiseveranstalter zu beschweren, und Wertminderung zu geltend zu machen. Ihr habt mich betrogen, daß Leben ist nicht toll. Der Urlaub ist keine Erholung. Es macht keinen Spaß. Ich will hier raus und vor allen Dingen will ich mein Geld zurück haben. Habt ihr das gehört, ihr dummen Augen ?

Wissen Sie was an dem ganzen am meisten wundert ? Ich bin so ruhig. So gelassen, ja fast gleichgültig. Bruno ist tot. Zwar freue ich mich nicht darüber, aber das ich nun richtig traurig wäre. Das kann auch nicht sagen. Das mag damit zusammen hängen, daß dieser Mann, der in der Kneipe gestorben ist, ein Borkenkäfer war. Das war nicht Bruno. Das war fast ein Fremder.

Diesen Zettel, diesen Abschiedsbrief hat niemals mein alter Freund Bruno geschrieben. Das war weder seine Sprache noch sein Stil. Bruno hätte überhaupt nichts gesagt oder geschrieben. Er hätte keine Rechtfertigung abgegeben. Er hätte es einfach getan.

Aber auch wenn dieser Mann nicht Bruno war, dann finde es trotzdem nicht richtig, das man ihn getötet hat. Denn ganz langsam wächst das Gefühl in mir, daß dieser Tod so eine Art ultimative Warnung war. Ein Zufall, der daraus resultiert, daß Tatjana und ich zu mindestens mit dem Gedanken gespielt haben ins VRS einzusteigen. Damals bei dem ersten, kodierten Brief war auch nur der Gedanke schon ausreichend, daß es eventuell etwas außerhalb unseres Käfigs gibt. Das alleine hat gereicht, um mir diese Warnung zu schicken. Und jetzt haben wir trotz Ermahnung wieder den Schritt getan. Auch wenn er nicht geklappt hat, da das Kürzel geändert worden ist. Die Absicht zählt. Vielleicht folgt auf stärkeren Widerstand höherer Druck. Brunos Tod als Warnung, die aussagen will, daß bei einem neuen Versuch ins VRS einzusteigen, wir dran sind. Wäre das nicht eine plausible Erklärung ?

Ist es furchtbar, wie weit diese Theorie schon mein Denken verändert hat ? Da ist ein Mensch gestorben. Und das einzige, was ich dazu frage ist, was man mir damit sagen will. Ist das nicht der reine Egoismus ? Ohne es zu merken, ganz langsam, beginne ich den Gedanken in mich aufzunehmen, daß ich der einzige, denkende Mensch bin. Der Rest sind Filmsequenzen. Und Bruno ist halt eine, die gelöscht wurde, um damit beim Zuschauer, bei mir, eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Wenn das so weiter geht, dann kann ich irgendwann überhaupt nicht mehr auf andere Menschen eingehen, Mitleid empfinden oder so was. Das ist das Problem mit einem Horrorfilm, das ich schon mal erwähnt habe. Wenn man weiß, genau weiß, wie der Film gemacht worden ist, dann erschreckt man sich nicht mehr. Die Spannung ist raus und der Film wird langweilig. Man macht sich den ganzen Spaß kaputt. Die Leute von außerhalb werden sich schon was dabei gedacht haben, daß ein Urlauber nicht hinter die Kulissen schauen kann. Ich glaube, ich hätte das nicht machen sollen. Langsam beginne ich zu verstehen, was Tatjana meinte, als sie sagte, daß man die Definitionen einfach so hinnehmen muß, auch wenn man weiß, daß sie falsch sind. Es schadet nur meinem Ansehen, wenn ich es nicht tun würde. Obwohl ich weiß, oder wenigstens zu wissen glaube, was Brunos Tod wirklich zu sagen hat, so würde mich doch jeder Mensch, der diese Definition, diese Theorie nicht kennt, für kalt und gefühllos halten. Und das schadet dem Ansehen. Doch leider bin nicht der Typ, der aus Rücksicht auf seinen Ruf die Wahrheit verschweigt und seine Meinung immer den Normen anpaßt. So kann und will ich nicht sein. Aber das wird Probleme bringen. Große Probleme, da bin ich sicher...

Kapitel 39

Etwa drei Stunden später bin dann endlich nach Hause gegangen. Und wie es er der Zufall wollte, klingelte gerade als ich die Wohnungstür öffnete das Telefon. Es war mein Nachbar. Er teilte mir mit, daß er gehört hätte, was mit Bruno geschehen sei und es täte ihm wahnsinnig leid. Dann fragte er nach dem Termin für die Beerdigung und er würde auf jeden Fall kommen.

' Die Leiche muß erst in die Gerichtsmedizin. Das kann noch etwas dauern. '

' Wieso ich dachte die Todesursache wäre klar ? '

' Nun ja, gesagt hat das ja auch keiner, aber ich nehme es an. Die Bürokraten wollen doch immer jeden Zweifel ausräumen. '

' Also ich hab gehört, daß die Beerdigung am nächsten Dienstag ist. '

' Morgen ? '

' Ja, soweit ich weiß. '

' Warum so früh ? '

' Ich weiß es auch nicht. Aber man hat mir versichert, daß das Morgen stattfinden wird. '

' Na, ist ja auch egal. Sag mal, wo bist du jetzt eigentlich ? In Sydney oder in L.A. ? '

' Weder noch. Ich bin in Cambridge, England. '

' Und was tust du da ? '

' Mich informieren. '

' Über was ? '

' Das würdest du sowieso nicht verstehen. '

Ich hasse es. Ich hasse es wirklich. Warum darf ich nicht selbst entscheiden, ob ich etwas verstehe oder nicht ?

' Hat es zufällig was mit Cyberspace zu tun ? '

' Nein. Eigentlich nicht. Aber seit wann interessiert du dich für Technik ? '

' Seit dem du den externen Hauptrechner erwähnst hast. Ich habe nämlich nachgedacht. Hat es wirklich gar nichts mit Technik zu tun ? '

' Das hab ich nie behauptet. Aber da mit KI und Neuronalen Netzen sowieso nichts anfangen kannst, dachte ich, ich erwähne es erst gar nicht. '

' Dann erkläre es doch einfach. '

' Ich habe nur noch 20 Mark auf meiner Telefonkarte. Das reicht nicht. '

' Aber du wolltest doch ursprünglich nach Sydney ? '

' Da war ich auch. Und in L.A. auch. Aber irgendwie scheint die Natur etwas gegen mich zu haben. '

' Wieso ? '

' Wieso ? Ich bin in Sydney um ein Haar verbrannt. In L.A. bebte die Erde und danach kam dieser verfluchte Schlamm. Ausgerechnet dann, wenn ich da bin. Deshalb habe ich es vorgezogen, aus L.A. zu verschwinden. Das CYC-Projekt ist zwar nicht genau das, was ich gesucht habe, aber besser als einer Naturkatastrophe zum Opfer zu fallen. '

' Bist du schon mal auf die Idee gekommen, daß das möglicherweise keine Zufälle waren ? '

' Hast du eine bessere Erklärung ? '

Die hab ich schon. Aber wenn ich ihm die erkläre, läßt er mich sofort einweisen.

' Nein, hab ich nicht. '

' Eben, ich auch nicht. '

' Was ist das CYC-Projekt ? '

' Die letzte Hoffnung in Bezug auf künstliche Intelligenz. Vielleicht die einzige Chance für das Gelingen der Taylor-Probe.'

' Was ist bitte die Taylor-Probe ? '

' O.K. wenn du unbedingt willst. Taylor war ein Pionier auf dem Gebiet der Computer. Er hat prognogtizierte, daß er einmal einen Computer bauen wird, den man nicht mehr von einem Menschen unterscheiden kann. Das ganze soll so funktionieren, daß ein Mensch in einen Raum mit einem Bildschirm und einer Tastatur sitzt. In einem anderen Raum sitzt entweder ein Mensch oder ein Computer, und der Mensch soll nicht mehr in der Lage sein, an der Hand der Kommunikation zu erkennen, ob er es mit einem Computer zu tun hat oder nicht. Nun Taylor hat es nicht geschafft. Diese Probe ist übrigens in den 40ziger Jahren entwickelt worden. '

' Was ist daran denn so schwierig ? Und wieso letzte Chance ? '

' Das wird jetzt wirklich zu kompliziert. Verkürzt könnte man sagen, daß der Menschen leider nicht rein logisch denkt bzw. spricht. Was anderes kann der Computer aber nicht. Er braucht für alles Regeln. Wenn das und das gilt, kommt das dabei raus.'

' Und was ist nun die letzte Chance ? '

' Ganz einfach. Es gab drei Ansätze. Einmal die klassische KI. Die scheiterte daran, daß die Computer zwar lernten, aber keiner konnte vorhersagen was. Der zweite sind die Neuronalen Netze, die so wie das Gehirn funktionieren. Nur ist unser Gehirn so groß und so komplex und auch noch nicht vollständig erforscht, so daß eine vernünftige, leistungsgleiche Simulation nicht möglich war. Das Prinzip funktionierte allerdings. Und die letzte Chance ist das CYC-Projekt. Dabei gehen die Programmierer davon aus, daß ein Mensch eben doch logisch denkt. Und das es dafür Regeln gibt. Nur für uns sind sie so selbstverständlich, daß wir sie überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen. '

' Und wie sieht es aus ? Schaffen sie es ? '

' Ich glaube, sie machen einen entscheidenden Fehler, aber ich bin noch nicht ganz sicher. Doch wenn der behoben ist, könnte es klappen. '

' Du meinst, es ist technisch möglich, daß man einen Menschen nicht von einem Computer unterscheiden kann. '

' Irgendwann und nur auf den Output begrenzt, ist das wohl bald möglich. Aber das hat Taylor auch schon gedacht. Ich weiß es nicht. Es wäre aber möglich. '

' Morgen, hast du gesagt ? '

' Ja genau. '

' Woher weißt du das mit der Beerdigung eigentlich ? '

' Sagen wir, ich habe gelernt die Zahlen zu verstehen. '

' Muß ich das verstehen ? '

' Nein, mußt du nicht. '

' Na, also dann bis morgen. '

' Ich komme so gegen Mittag vorbei. '

' Um wieviel Uhr ist denn die Beerdigung ? '

' 15 Uhr. '

' O.K. bis dann. Ach soll ich Tatjana von dir grüßen ? '

' NEIN... '

Er legte einfach auf. Anscheinend ist er nicht gut auf sie zu sprechen. Verstehe ich gar nicht. Ich mag sie...

' Wer war das ? ' fragte Tatjana, als ich vom Telefon ins Wohnzimmer ging.

' Mein Nachbar. '

' Der Nachbar ? '

' Genau der Nachbar. '

' Und was wollte er ? '

' Wissen wann die Beerdigung von Bruno ist. '

' Aber das weißt du doch gar nicht. '

' Aber er. '

' Warum hat er dann dich gefragt ? '

' Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wollte er nur sein Beileid ausdrücken. Außerdem will er hierher kommen. '

' Das hatte ich befürchtet. Dann wird bald deine Entscheidung folgen müssen. '

' Ich habe mich doch schon entschieden. Ich mache mit bei den Borkenkäfern. '

' Das tust du nur, weil ich dich darum gebeten habe. '

' Nun ja, das kann ich nicht leugnen. Aber macht mich das zu einem schlechteren Mitglied in eurem Club ? '

' Du siehst das alles einfach viel zu locker. Das ist kein Fußballclub oder ein Kaninchenzüchterverein. Die Borkenkäfer sind fast eine Religion. Nein, nicht nur fast, sie sind eine Religion. Sie stehen für einen Glauben. Den Glauben an Petterson und seine Theorien. Du mußt dich endlich entscheiden, ob du für uns oder gegen uns bist. Und zwar jetzt und hier und wenn, dann mit allen Konsequenzen. '

' Ich sagte bereits, daß ich diese Entscheidung bereits getroffen habe. Und wenn ich etwas sage, dann gilt das immer mit allen Konsequenzen (oder meistens eben leider nicht, aber das sag ich jetzt besser nicht ) '

' Ich glaube dir nicht. Du hast noch nie konsequent zu deinem Wort gestanden. Das Risiko wäre einfach zu groß. Ich glaube ich sollte Ashley doch vorschlagen, jemand anderen zu nehmen. '

' Gib mir eine Chance, bitte ! Ich will es mir einmal selbst beweisen, daß ich etwas durchziehen kann. Bitte, sag mir, was ich tun soll. '

' Du tust es ja doch nicht. Dann haben wir nur einen unnötigen Mitwisser mehr. Nein, ich habe dich eingehend beobachtet. Du hattest Recht, du bist kein radikaler Mensch. Du bist nicht geeignet dafür. Außerdem ist es auch zu gefährlich. '

' Mein ganzes Leben lang, hab ich mich vor einer Entscheidung gedrückt. Ich muß wissen, ob ich es kann oder nicht. Nur einmal. '

' Du verfällst wieder in altes Denken. Das ist nur eine Rolle, nicht mehr. Das Drehbuch läßt bei deinem Charakter keine Konsequenz zu. Deine Module sind dafür nicht ausgerichtet. Das ist aber kein Nachteil oder ein Fehler von dir. Das ist einfach so. '

' Ich muß die Rolle in Bezug auf mein Umfeld spielen, auf meine Vorgeschichte und auf meine Überzeugungen. Ich muß wissen, ob ich es kann. '

' Es bringt dir wirklich keinerlei Vorteile und ich bin dir auch nicht böse, wenn du es nicht tust. Allerdings muß ich dann gehen und mir jemand neuen suchen. '

' Bitte ! Ich brauche wieder so etwas wie Selbstwertgefühl oder Selbstvertrauen. Gib es mir zurück ! '

' Nein !!! '

' Bitte ! Ich will nicht wieder zurück ins Tal. Hilf mir ! '

' Du hast es so gewollt. Wenn du Hilfe willst, die muß ich dir geben. Aber das ist eigentlich verdammt schade. Nun gut, du sollst einfach nur auf der Beerdigung deinen Nachbarn erschiessen.'

' Nur ?!? '

' Ja, das wäre alles. '

' Ich soll jemanden erschießen ? Ausgerechnet ich. Das glaubst du doch selbst nicht. Das ist doch wohl nur ein Scherz. '

' Nein, das ist kein Scherz. Dein Nachbar muß sterben und das möglichst schnell. '

' Warum ? '

' Es ist begründet. '

' Was heißt das ? Bitte etwas genauer ! '

' Warum willst du das wissen ? '

' Damit ich weiß, ob ich es mache. '

' Es ist notwendig. Vertraust du mir nicht ? '

' Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. '

' Glaube konsequent, und hinterfrage nicht die Aufgaben deines Meister. '

' Seit ihr so was wie eine Sekte ? '

' Nein. '

' Besonders demokratisch seit ihr aber nicht ? '

' Doch schon, nur das Problem liegt darin, daß du dir die Tragweite des Todes deines Nachbarn nicht vorstellen kannst. Du würdest nur die kurzfristigen Auswirkungen sehen. Das System ist so angelegt. Deshalb würdest du es vermutlich ablehnen. Das liegt aber nur an deiner begrenzten Sichtweise. '

' Das klingt aber sehr nach Diktatur. Das Volk braucht einen Führer, weil es alleine zu blöd ist, und die Tragweite nicht sieht. Es soll schon vorgekommen sein, daß es diese allumfassende Bedeutung gar nicht gab. Früher hat auch mal jemand gesagt, daß das Volk nicht alles wissen sollte, weil ihm noch der Weitblick fehle, um einzusehen, daß man die Juden auslöschen müßte. Ich muß gestehen, ich habe es heute noch nicht verstanden. Das könnte natürlich daran legen, daß es diese Notwendigkeit gar nicht gab. Also komm mir nicht mit diesem Spruch, 'dazu bist du zu blöd', auch wenn du ihn netter formulierst. '

' Du aber bist wirklich zu blöd. Dein Nachbar ist der führende Kopf der modernen Wissenschaft, in Bezug auf Schaffung der KI im System. Wenn es möglich ist, das die Statisten anfangen zu denken, dann beginnt der Wechsel. An diesem Punkt, wenn die Statisten im System, das reale Welt genannt wird, in der Lage sind, oder anders ausgedrückt, das Prinzip verstanden haben, wie man künstliche Welten erschafft, dann hat die vorletzte Schicht, das vorige Glied der Kette seine Aufgabe erfüllt. Die Verholzung kann beginnen und wird beginnen. '

' Wenn er es nicht macht, macht es ein anderer. '

' Nein, eben nicht. Oder noch nicht. Er hat die Informationen nicht durch lernen und die Entwicklung des Systems erhalten. Er hat sie aus dem VRS geklaut. Die Zerstörung der alten Welt ist erst in 6 Jahren geplant, falls unsere Berechnungen stimmen. Jetzt geht das zu schnell. '

' Dann geht es eben schneller. Mir ist das ehrlich gesagt ziemlich egal. '

' Das sollte es aber nicht. Wenn der Schritt schneller verlauft, verläuft der nächste noch schneller, und der nächste noch schneller. Weil die Systeme immer besser und immer schneller werden. Das Ende dieser Kette folgt dann auch schneller. Außerdem sollte es dir schon deswegen nicht egal sein, weil du ja in dem anderen Glied lebst, auch wenn du gerade eine Datenbrille trägst. Du gehst genauso drauf wie wir. '

' Noch eine Frage, warum soll ausgerechnet ich ihn erschießen. '

' Es ist dein Spiel. Dein System. Dein Urlaub. '

' Darf ich darüber noch ein wenig nachdenken ? Ich meine, man erschießt schließlich nicht jeden Tag jemanden. So etwas muß man sich genau überlegen. '

' All zu viel Zeit haben wir nicht mehr. Aber ein paar Stunden bestimmt. '

' Danke. Soll ich wieder spazieren gehen ? '

' Nein, ich gehe. Ich muß sowieso noch die Waffe besorgen. Also bis später dann... '

Sie geht und läßt mich alleine zurück. Auf der einen Seite muß man sicher irgendwann mal Farbe bekennen. Es ist schon richtig, man kann sich nicht nur die Rechte nehmen, man muß auch die Pflichten erfüllen. Aber es ist eine Pflicht seinen Nachbarn zu erschießen, nur weil der zu schlau ist. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir, wir Wessis, werfen den ehemaligen Grenzsoldaten der DDR vor, daß sie hätten erkennen müssen, daß der Schießbefehl gegen übergeordnetes Recht verstößt. Nun kann man natürlich sagen, daß ein Mord gegen übergeordnetes Recht verstößt. Aber vielleicht rechtfertigt auch dieses Recht einen Mord, weil es über den normalen moralischen Werten steht. Vielleicht gibt es Situationen, in denen man nicht auf geltende Normen schauen darf, sondern auf die Auswirkungen schauen muß. Aber Mord bleibt trotzdem Mord. Oder es ist jetzt Notwehr ?

Wo ist die Grenze zwischen Feigheit und Vernunft ? Wo die Grenze zwischen Konsequenz und Wahnsinn ? Gibt es sie überhaupt ? Kann man jemals entscheiden, was richtig ist und was nicht ? Kann man überhaupt entscheiden ? Wenn ich mir nicht selbst widersprechen will, muß ich sagen, daß ich überhaupt keine Wahl habe. Egal wie ich mich entscheide, es geschieht sowieso das, was durch die Umstände vorgeben ist. Wenn ich ihn nicht schieße, tut es ein anderer. Warum überhaupt schießen ? Man kann die Umstände nicht in seinem Sinne, oder überhaupt einem Sinne beeinflussen. Dann ist es doch völlig sinnlos mit Gewalt etwas verändern zu wollen. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß es nicht. Wie weit ist es mit mir gekommen, daß ich nicht mehr weiß, ob es richtig ist einen Menschen zu erschießen oder nicht ? Wie weit ?

Langsam wird mir klar, daß ein Käfig nicht nur ein Gefängnis ist, sondern auch ein Schutz. Der Preis für die absolute Freiheit, die es eigentlich ja gar nicht gibt, wäre absolute Verwirrtheit. Wenn nichts mehr gilt, kann man nicht mehr entscheiden, weil keine Maßstabe für eine solche Entscheidung mehr gelten. Wie ein Wellensittich, der aus seinem Käfig entflohen ist, und nun zum verhungern verurteilt ist, weil er nie gelernt hat, sich in der Freiheit zu ernähren. Ein Vögel ist nicht schlau genug, um wieder in seinen Käfig zurückzufliegen, selbst wenn er verhungert. Bin ich schlauer ?

Nein, daß bin ich nicht. Denn ich weiß, sobald ich wieder im Käfig wäre, würde ich mir wieder wünschen auszubrechen. Wenn man einmal frei ist, geht man nicht freiwillig in den Käfig zurück, obwohl es wirklich schlauer wäre. Vielleicht wäre es aber auch einfach feige, zurück zu gehen. Es ist zu spät. Die Theorie bestimmt bereits mein Denken. Ich bin nicht mehr in der Position zu sagen, daß ich das alles lieber doch nicht glaube. Es gibt nur einen Weg. Entweder die Theorie stimmt oder ich finde selbst einen logischen Widerspruch in der Theorie. Aber alles ablehnen nur weil es für mich besser wäre, geht nicht mehr. Das würde ich wieder als Opportunismus auffassen. Alles gilt bis zum Beweis des Gegenteils. So bin ich an diese Theorie herangegangen, und es wäre falsch, diese Einstellung zu ändern.

Ich laufe auf eine Wand zu. Oder besser, ich weiß nicht ob ich auf eine Wand zu laufe. Aber es wäre möglich. Nun ist die alles entscheidene Frage, soll ich Energie aufwenden, um auszuweichen, obwohl ich nicht weiß, ob da wirklich eine Wand ist. Dieses Ausweichen ist mit hohen Risiko verbunden, aber gegen die Wand zu laufen wäre noch schlimmer. Was also tun ?

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich weiß, daß da eine Wand ist. Aber ich rede mir ein, daß sie nicht da ist, weil ich Angst vorm ausweichen habe.

Ich stelle mir das gerade mal bildlich vor. Stellen sie sich vor, sie sitzen im Auto und fahren mit 100Km/h in eine Sackgasse, an deren Ende eine Wand ist. Und sie überlegen sich, na soll ich nun bremsen oder lieber doch nicht. Vielleicht bilde ich mir die Wand ja nur ein. Und während gerade das dritte Gegenargument formulieren, haut ihnen der Airbag ins Gesicht und ihr Auto hat Totalschaden. Was glauben sie, was ihre Versicherung ihnen erzählt, wenn diese feststellt, daß sie nicht gebremst haben. Da können sie soviel erzählen, wie sie wollen. Die bezahlen keinen Pfennig.

Vielleicht sollte man einfach die Wirklichkeit so hinnehmen, wie sie sich nun einmal darstellt. Da es ja keinen Zufall gibt, ist es auch kein Zufall, daß ausgerechnet ich Tatjana getroffen habe. Das sie mir von der Theorie erzählt hat. Vielleicht sollte ich aufhören, mich gegen die Umstände zu wehren. Es ergäbe doch überhaupt keinen Sinn, wenn man mir diese Theorie aufdrängt, und ich sie dann nicht anwenden soll. Ich sollte aufhören mich zu fragen, wo der Haken ist. Genau wie Tatjana gesagt hat, man übersieht nicht zufällig tausendmal das selbe, sondern wenn man etwas wirklich nicht findet, dann sollte man es nicht finden.

Ich glaube, ich sollte es tun. Wenn man alles abwägt, kann man wohl nur zu diesem Urteil kommen. Trotzdem erschrickt es mich, wie wenig mir mittlerweile ein Menschenleben bedeutet. In diesem ganzen Entscheidungsprozeß hat nicht einmal das Wort Mitleid eine Rolle gespielt. Es ging und geht nur um mich. Es ging auch nicht um Tatjana und diese sogenannten Beziehung zu ihr, sondern wirklich nur um mein eigenes Gewissen, meine Skrupel, meine Wehleidigkeit.

Außerdem hat ein Terrorist nahezu die Pflicht einen Menschen zu erschießen, sonst hätte er völlig seinen Beruf verfehlt..." Der Spieler ist mutig geworden, aber auch schlauer ?

Kapitel 40

Auf der anderen Seite :

" Langsam, aber sicher fügt sich alles wie ein Puzzles zusammen. An Tagen wie heute, da bedauere ich fast die anderen Menschen, die wie ich früher, rund um die Uhr arbeiten müssen. Deren Leben nur aus Arbeit besteht und die niemals genug Zeit haben, um darüber nachzudenken, was sie eigentlich tun. Die meisten von denen tun einfach nur ihren Job, ohne sich jemals gefragt zu haben, warum sie das eigentlich tun. Außer natürlich um Credits zu kriegen. Ich glaube, daß ist schon allen bewußt. Doch viele, oder eigentlich alle, haben das System nicht verstanden.

Doch ich habe mich jetzt schlau gemacht. Ich hatte schon erwähnt, daß das Komitee versucht die alten, also unsere Normen, mit in die neue Schicht zu nehmen. Doch bisher wußte ich nicht wie. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Sie haben selbst ein System zusätzlich an das 74ziger angeschlossen. Sie haben einen neuen Terminal geschaffen. Der Urlauber, der dort spielt, arbeitet für das Komitee. Er ist im open-ended Modus, und hat die besten Module. Sie haben die Daten aus der Verhaltensforschung verglichen, und sind dabei auf eine Art Optimaleinstellung gekommen. Optimal für ihre Zwecke. Dieser Mensch ist nicht kritisch oder besonders gebildet. Aber er ist ein Genie auf dem Gebiet der Elektronik. Das reicht.

Wir nennen so jemanden einen Maulwurf. Das bei ihm rein zufällig das Memory-Killing nicht funktioniert hat, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Dieser Mensch soll das kollektive Wissen des System vermehren, und den Urlaubern den Weg zeigen. Er soll den Urlaubern erklären, wie sie unser System kopieren können. Die Nachteile darf er dabei ruhig weglassen.

Solche Maulwürfe hat es übrigens immer schon gegeben. Man muß den Leuten schließlich sagen, in welche Richtung sie sich entwickeln sollen. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, daß Einstein ein solcher war, denn das Komitee hätte ganz gerne Atombomben im System gehabt. Seine Relativitätstheorie war die Grundlage für die Entwicklung solcher Waffen. Wie das genau zusammenhängt, weiß ich nicht. Und die Entwicklung von Computern hat von Anfang an nach dem selben Prinzip stattgefunden. Das Komitee hat jemand geschickt, der den Urlaubern klar machte, wie man Transistoren baut. Durch gezielte Informationen haben sie die Entwicklung der Urlauber hin zu einer technikorientierten Gesellschaft geformt. Die ganze industrielle Revolution hätte niemals stattgefunden, wenn nicht ein Brite 'zufällig' auf die Idee gekommen wäre, eine Dampfmaschine zu bauen.

Nun muß klar unterscheiden zwischen 'programmierten Maulwürfen', die im Prinzip nur Statisten sind, und Maulwürfen, die wie Helper arbeiten. Für die Leute im System ist es nicht möglich diese beiden Gruppen voneinander zu unterscheiden. Die Statisten werden aber vom Computer gesetzt, wie wir sagen, und die Maulwürfe werden vom Komitee entsandt. Die Gesandten manipulieren im Sinne des Komitees und die Statisten in Sinne der Weiterentwicklung des Systems. Es ist wirklich unheimlich schwer zu sagen, welcher Maulwurf zu welcher Gruppe gehört. Noch schwerer zu sagen ist, welche Veränderung auf Grund eines Geistesblitzes eines Urlaubers erfolgt ist, und welche von einem Maulwurf. Weil das so schwer ist, kann man dem Komitee auch so gut wie nie etwas nachweisen. Ganz nebenbei erwähnt, hat das auch noch niemand versucht. Es war den meisten völlig egal. Doch wenn man die Pettersontheorie im Hinterkopf hat, dann kann einem das eigentlich nicht mehr egal sein. Diese Maulwürfe vom Komitee sind ein klarer Bruch der Regeln.

Nun kommt wieder unser alter Freund Petterson ins Spiel, der daß natürlich geahnt hat. Innerhalb der Studenten gibt es übrigens das Gerücht, daß Petterson ebenfalls ein Maulwurf einer noch höheren Intelligenz als unserer sei. Dieser 'Maulwurf' hat die Prozedur Armageddon geschrieben. Und diese Prozedur sollte genau dann in Kraft treten, wenn der Maulwurf des Komitees die Daten zum letzten Schritt anfordert. Diese Maulwürfe des Komitees verstoßen auch noch auf eine andere Weise gegen die Regeln. Sie nutzen das VRS zur Kommunikation mit dem Komitee, um gezielte Instruktionen zu erhalten. So haben sie praktisch den allumfassenden, globalen Blick. Sie wissen alles, was die Forscher wissen. Und denen entgeht so schnell nichts. Sobald also eine gefährliche Information durch das VRS ins System gelangt, aktiviert sich die Prozedur. Nur davon hat das Komitee bis jetzt keine Ahnung. Sie glauben, daß die Verholzung von Gott gegeben ist, und das kurz vor dem Übergang eben die Prozedur anläuft. Vor diesem Hintergrund muß es für sie nahezu wie ein Schock gewesen sein, daß die Prozedur ihre Reiter ausgerechnet immer dahin geschickt hat, wo sich ihr Maulwurf aufhält. Vielleicht haben einige sogar Gewissensbisse gekriegt, und glaubten, daß die Götter sich nun an ihnen rächen würden, weil sie die Regeln gebrochen haben. Vielleicht haben sie deshalb die Gelder für die Forschung so drastisch erhöht, um dem Prinzip das hinter diesen 'Zufällen' steht, auf die Spur zu kommen. Offensichtlich haben sie es noch nicht geschafft.

Petterson soll seinerzeit gesagt haben, daß die Prozedur nicht nur die alte Welt zerstören wird, sondern alles, den ganzen Baum. Das würde zu mindestens die gewaltige Größe des Programms erklären. So etwas muß ziemlich aufwendig sein. Das würde dadurch geschehen, daß die Prozedur seinen Virus aktivieren würde. Nun, es steht zu mindestens fest, daß der Virus wieder arbeitet. Es könnte also so sein.

Ich habe schon mal erwähnt, daß die Prozedur eigentlich für das Jahr 1000 geplant gewesen ist. Aber die Weißkittel, das Ur-Komitee, hat es damals nicht in Betrieb genommen. Bisher war man davon ausgegangen, daß das 74ziger System sich einfach langsamer entwickelt hat, als es geplant war. Die Voraussetzung zum Übergang waren einfach noch nicht gegeben. Ashley sagt aber, daß sie es damals nicht gestartet haben, weil sie die Drohung von Petterson ernst genommen haben. Sie hatten Angst, daß das ganze System kaputt geht. Man muß dazu sagen, daß Petterson damals noch lebte, und er wohl selbst seiner Drohung Nachdruck verliehen hat.

Offiziell darf man so etwas natürlich nicht wissen. Das Komitee gibt sich alle Mühe Petterson als verrückten und machtbesessenen Menschen hinzustellen, der nichts anders wollte, als das System zu kontrollieren. Moralische oder revolutionäre Beweggründe werden ihm nicht zugestanden. Da ich ein Opfer dieser Informationspolitik war, habe ich ihnen am Anfang etwas falsches gesagt. Petterson hat sehr wohl gesagt, daß er das System zerstören will und der Virus verändert, bzw. verseucht, keine Charaktere, sondern er stört die Kommunikation zwischen dem Komitee und seinen Maulwürfen. Das muß man richtig stellen. Nicht Petterson ist der Böse, sondern das Komitee.

Aber trotz alledem kann man diese Prozedur noch stoppen. Man müßte 'nur' das Komitee dazu bringen, ihren Maulwurf aus dem System zurückzuziehen. Er müßte seine Arbeit einstellen. Da wie Ashley ich auch der Ansicht bin, daß die das niemals freiwillig tun, muß da wohl etwas nachgeholfen werden. Leider bin ich meinen Job als Spieleconditioner los, deswegen kann ich nicht mehr an die Systeme heran. Aber ich habe ja noch einen Trumpf im Ärmel. Der Helper von dem das Komitee nichts weiß. Man müßte dem Maulwurf einfach die Existenz im System nehmen. Ihn töten.

Ashley sagt, daß dieses bereits veranlaßt worden ist. Der einzige, der das ganze noch kippen könnte, ist der Urlauber. Mit einem einzigen Satz könnte er die Welt dem Untergang weihen. Das Problem ist, er weiß nicht welcher. Und wir können es ihm nicht sagen. Der Satz hieße : 'Tatjana, hilf mir, daß mein Nachbar am Leben bleibt. ' Sie muß ihm bei allem hilfreich zur Seite stehen. Sie muß, auch wenn es ihr und unser Tod wäre. Sie muß, auch wenn sie genau weiß, daß es falsch ist, so etwas zu tun. Weil man alles Helper jedem Urlauber auch beim dem größten Blödsinn helfen muß, wenn der darum bittet, ist dieser Job so verhaßt bei uns. Aber wie gesagt, er wird gut bezahlt... " soweit die Theorie.

Kapitel 41

Der Spieler fährt fort :

" Sie kam erschreckend schnell zurück. Wenn man richtig konzentriert nachdenkt, merkt man oft gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Zwar hatte ich schon eingehend darüber nachgedacht, was ich nun machen würde, und ich hatte mich auch schon entschieden, aber ich wurde das Gefühl nicht los, irgendetwas zu übersehen. Ich hätte gerne noch länger nachgedacht. Aber wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich wahrscheinlich heute immer noch nachdenken. Man muß mich zwingen, sonst entscheide ich mich nie. Je mehr man über eine Sache nachdenkt, desto besser werden einem die Konsequenzen klar. Desto mehr realisiert man, wie gefährlich es eigentlich ist, das zu tun, was man vor hat. Es wird dann mit unter so gefährlich, daß man überhaupt nicht mehr handelt. Wenn man lange genug überlegt, dann wird einem klar, wie gefährlich zum Beispiel einkaufen ist. Auf dem Weg zum Supermarkt sind soviele Gefahren. Autos, die einen überfahren. Eine unbeleuchtete Baugrube, in man hineinstürzen könnte. Ein Verbrecher könnte einen als Geisel nehmen oder gleich erschießen. Ich will damit sagen, daß wenn etwas schief gegen soll, dann kann alles schief gehen. Ein bißchen 'Glück' braucht man überall. Sterben kann man bei jeder Sache. Sicher hierbei ist die Wahrscheinlichkeit wohl ein bißchen höher. Obwohl so genau weiß ich das auch wieder nicht. Wissen sie wieviele Menschen täglich auf dem Weg zum Supermarkt sterben ? Ich nicht. Wissen sie denn wieviele Menschen bei einem Attentatsversuch, also bei dem Versuch ein Attentat zu machen, sterben ? Ich nicht. Also kann man die relativen Häufigkeiten gar nicht ausrechnen. Trotzdem glaube ich, daß das was ich vor habe riskanter als einkaufen ist.

Wie gefährlich es nun auch immer sei, sie hat die Waffe wie angekündigt mitgebracht. Das heißt im Klartext, daß die Schonfrist vorbei ist.

' Ich habe mir überlegt, daß du... äh, du machst es doch ? '

' Hab ich eine andere Wahl ? '

' Wenn du die Welt retten willst nicht. Also ich habe mir überlegt, daß du deinen Nachbarn besser hier erschießt und nicht auf der Beerdigung. Wegen der Zeugen. '

' Wieso Zeugen ? '

' Ich denke mal, daß Bruno nicht nur euch beide kannte. '

' Das meine ich nicht. Ich dachte, ich rette die Welt, in dem ich ihn töte. '

' Ja, daß tust du ja auch. '

' Aber wenn es doch zum Vorteil für die Welt ist, dann wird der Computer mich doch wohl nicht in den Knast schicken. '

' Das nehme ich zwar auch an, aber ich weiß es nicht genau. Und Vorsicht ist bekanntlich besser als Nachsicht. '

' Hier in meiner Wohnung ? '

' Wegen mir auch in seiner Wohnung. Nur ich dachte, da er eh hierhin kommen wollte, wäre es praktischer hier. '

' O.K., aber was machen wir mit der Leiche ? '

' Verbrennen. Dein Nachbarn wollte immer schon eine Feuerbestattung. Das hat er mir mal erzählt. '

' Einfach so verbrennen ? So wie bei einem Osterfeuer ? So wie ein paar Gartenabfälle ? '

' Die Leiche muß verschwinden. Und zwar so, das sie nicht mehr zu identifizieren ist. Wir könnten auch Säure nehmen. Hast du zufällig 30 Liter Salzsäure im Haus ? '

' Heute nicht. '

' Siehst du, daß dachte ich mir. Ich meine, diese Massenmörder essen ihre Opfer immer. Aber ich denke, verbrennen ist mir lieber. '

' Mir auch. '

' Wir haben also keine andere Möglichkeit. '

' Wie wäre es denn mit der klassischen Methode, einen großen Stein an die Leiche und ab in den nächsten See damit. '

' Du siehst zu viele schlechte Krimis. Hast du schon mal versucht eine Leiche aus einem Kofferraum zu heben ? '

' Noch nicht. '

' Laß es auch besser sein. Da brauchst du einen Kran für. 70 Kilo tote Materie zu heben ist nicht einfach. '

' Du scheinst Erfahrung damit zu haben. '

' Das bringt der Job so mit sich. '

' Ich dachte, du bist kein gefährlicher Terrorist. '

' Den Job meinte ich auch nicht. Aber als Helper muß man schon mal einen Menschen aus dem Weg räumen. Einen reichen Onkel, oder die lästige(r) Ehefrau/man, einen störenden Konkurrenten, im privaten wie im beruflichem Bereich. Es gibt eine Menge zu tun.'

' Du willst mir jetzt nicht erzählen, daß du so eine Art Profispieler bist. '

' Ich muß meinem Urlauber bei allem helfen, was er will. Außer im sexuellen Bereich, aber das weißt du ja schon. Und wenn er eben jemanden umbringen will, dann helfe ich halt. '

' Also kann man sich mit Hilfe eine Helpers jeden Wunsch erfüllen.'

' Im Prinzip schon. Nur erstens ist das nicht billig, denn dafür werden Credits abgezogen, und zweitens werden dir für das Erreichen dieses Ziels logischer Weise keine Punkte gegeben. '

' Aber wenn man nur seinen Urlaub genießen will und nicht daran verdienen will, dann kann man sich das Leben doch schön machen.'

' Deswegen werden Mid-low Spiele ja auch als Urlaub bezeichnet. '

' Ist es eigentlich üblich, daß man im Urlaub jemanden erschießen muß ? '

' Nein, eher die Ausnahme. Und dein Urlaub ist ja sowieso ein ganz besonderer. '

' Verbrennen, meinst du also ? '

' Ja, würde ich sagen. '

' Bist du eigentlich hier, wenn ich ihn... '

' Nein. Ich denke, es ist besser, wenn du das alleine machst und wenn du dafür dann auch die vollständige Punktzahl bekommst, die hast du dir verdient. '

' Du brauchst mir ja nicht zu helfen. Du sollst nur da sein. '

' Seelischen Beistand leisten ? '

' Ja, genau. '

' Ist das keine Hilfe ? '

' Doch, irgendwie schon. Aber ich schaff das nicht alleine. '

' Streng dich an. Du wirst doch jetzt nicht kurz vorm Ziel das Handtuch schmeißen ? '

' Du meinst, ich muß da jetzt durch. '

' Genau. '

' Und du hast recht. '

' Wie wäre es wenn wir deine Entscheidung ein wenig feiern ? '

Ich hatte nichts dagegen. Die Nacht wurde lang und feucht. Ich konnte ja am nächsten Tag ausschlafen. Mein Nachbar wollte ja erst gegen Mittag kommen...

Kapitel 42

Mittag, High Noon. Er wird gleich kommen. Ich weiß nicht genau wann, denn mein Nachbar ist selten pünktlich, aber er wird kommen. In einer halben Stunde, in einer viertel Stunde oder in wenigen Minuten. Die Zeit bis zum Punkt X läßt sich nicht genau ausdrücken, aber sie ist auf jeden Fall zu kurz. Werde ich es diesmal schaffen, meinen Plan in die Praxis umzusetzen ? Ich habe da große Bedenken. Im letzten Moment bin ich immer wieder eingebrochen und habe doch noch Vernunft angenommen. Damals war es bestimmt vernünftig es nicht zu tun, aber jetzt ?

Es bringt nichts mehr darüber nachzudenken. Jetzt muß ich es tun, egal ob es nun richtig ist oder nicht. Ich habe mir etwas vorgenommen, und ich muß mir endlich beweisen, daß ich nicht nur ein Maulheld bin, sondern daß ich auch Verantwortung übernehmen kann. Es muß getan werden. Man kann nicht sein ganzes Leben den anderen die Drecksarbeit überlassen. Doch was passiert, wenn ich ihn sehe. Ihm direkt gegenüber stehe. Er ist völlig wehrlos und unvorbereitet. Aus heiteren Himmel trifft ihn eine Kugel. Von einer Sekunde auf die andere endet sein Leben. Und das ist einzig und allein meine Schuld. Es war keine ungünstige Konstellation von Umständen. Keine Verwechslung. Er war nicht einfach nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Es war auch kein Affekt. Es war kaltblütig geplanter Mord. Nur habe ich denn eine andere Wahl?

Mein Nachbarn wird sagen, daß es schön sei mich wieder zu sehen. Vielleicht wird ihm auffallen, daß ich mich ein wenig merkwürdig verhalte, und er wird fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei. Und noch bevor er die Waffe in meiner Hand richtig wahrgenommen hat, werde ich auf ihn schießen. Ich werde einfach abdrücken. Er wird zu Boden sinken und seine Augen werden mich anstarren. Sie werden fragen, fragen nach dem Warum. Meine Antwort wird nichts weiter als ein weiterer Schuß sein, um ganz sicher zu gehen. Seine Frage wird inhaltlich unbeantwortet bleiben. Er wird es nicht verstehen. Wie sollte er auch ? Ich verstehe es ja selbst nicht.

Ich muß einfach nur abdrücken. Vergessen das ich auf einen Menschen schieße. Das ist nur ein Statist. Ein Hologramm, nicht mehr. Ich muß nur meinen Zeigefinger ein wenig krümmen und ein wenig zielen. Direkt auf das Herz. Das hat Tatjana mir erklärt. Ich dachte auch immer, man sollte bei einer solchen Gelegenheit doch besser auf den Kopf schießen. Aber sie sagte, daß es unheimlich schwer sei, den Kopf zu treffen, weil der dauernd in Bewegung sei, während der Körper, der Brustkorb, relativ unbeweglich ist. Außerdem sei die Angriffsfläche größer. Man sollte auch mindestens zwei Schüsse unmittelbar hintereinander abgeben. Das wäre sicherer. Auch mein Einwand, daß man doch lieber erstmal einen Schuß abgeben würde, um zu gucken, ob der getroffen hat, ließ sie nicht gelten. Vielleicht sollte ich dazu noch sagen, daß man mit der Waffe maximal zwei Schuß abgeben kann, bevor man wieder nachladen muß. Wenn der erste daneben gehen würde, wäre es sowieso zu spät, da man in der Regel keine Zeit zum Nachladen hat. Eine Kugel alleine wäre aber fast nie tödlich, es sei denn, man sei ein sehr guter Schütze. Ich kann sagen, das bin ich nicht. Das heißt, ich habe eigentlich noch nie geschossen. Selbst auf der Kirmes habe ich bei diesen Schießständen immer versagt. Nun gelegentlich wird behauptet, daß die Läufe an diesen Waffen immer so schief sind, daß man nur treffen kann, wenn man eben nicht genau auf das Ziel zielt. Vielleicht ein kleiner Trost, denn ich habe so gut wie nie getroffen. Sie sehen im Prinzip ist das ganz einfach...

' Ist jemand zu Hause ? '

Mein Nachbar ist da.

' Nein, aber ich komme gleich wieder. '

Mein Nachbar kam zu mir ins Zimmer. Ich saß in meinem Fernsehsessel, den ich schon häufiger erwähnt habe.

' Ich bin zum Scherzen aufgelegt. Können wir reden ? '

' Worüber ? '

' Über alles. Ich schätze, du weißt sowieso alles. '

' Was soll ich wissen ? '

' Stell dich nicht dümmer an, als du bist. Ich weiß genau, daß Tatjana dich unterrichtet hat. '

' Du weißt das ich... '

' Mir entgeht so schnell nichts. '

' Und du bist trotzdem hier her gekommen ? '

' Man kann nicht ständig vor den Problemen weglaufen. Ich dachte, du könntest das verstehen. Einmal muß es passieren. '

' Aber wieso ? Und worüber willst du dann noch reden ? '

' Kannst du nicht verstehen, daß es einmal so kommen mußte. Doch ich weiß nicht, ob ich wirklich genug Mut dazu habe. Ich dachte, daß du, nun ja, du bist doch quasi Experte auf diesem Gebiet. '

' Experte ? '

' Ja, ich habe einen Auftrag, wie du ja weißt. Ein Ziel, einen Traum. Doch jetzt, nach dem Feuer, ist er mit verbrannt. '

' HÄH ? '

' Ja, nach dem Sturm ist Feuer ausgebrochen. Warum weiß ich nicht. Und auf einmal stand alles in Flammen. Alles. Mein Traum ist verbrannt. '

' Ich verstehe nicht, was du mir sagen willst. '

' Ich habe dir doch am Telefon von diesem Projekt erzählt. Die letzte Hoffnung ist in Flammen aufgegangen. '

' Willst du damit sagen, daß dein Leben sozusagen sinnlos geworden ist ? '

' Besser kann man das nicht formulieren. Und da du ja weißt, was man in einer solchen Situation macht, hatte ich eigentlich gedacht, du könntest mir ein paar Tips geben. '

' Vielleicht ist dir aufgefallen, daß ich noch lebe. So der ganz tolle Experte bin ich nicht gerade. '

' Aber immerhin der beste, den ich kenne. Weißt du, es gibt nicht viele Menschen mit deiner Biographie. '

' Laß es mich nur einmal aussprechen, damit ich sicher sein kann, daß wir nicht aneinander vorbei reden. Du willst dich umbringen? '

' Ich weiß nicht, ob ich will. Aber ich schätze, ich muß. '

' Warum ? '

' Ich hätte nie dahin fahren dürfen. Du hattest recht, es waren keine Zufälle, daß ausgerechnet da, wo ich war, Naturkatastrophen waren. Das passierte nur wegen mir. '

' Du kannst die Geschichte nicht zurückdrehen. '

' Nein, das kann ich wirklich nicht. Aber ich könnte in ein anderes System gehen. Ins 74/2. '

' Das verstehe ich nicht. '

' Das macht nichts. Also hilfst du mir nun oder nicht ? '

' Wie denn ? '

' Du bist doch der Experte. '

Eigentlich wäre das ja die Gelegenheit. Aber andererseits, wenn er nicht mehr weiter kommt, kann er dann noch zu einer echten Gefahr werden ? Es dieser Mord jetzt noch gerechtfertigt, falls er es denn jemals war.

Soll ich Ihnen was sagen, es ist mir egal. Ich kann endlich mal konsequent sein. Und schaden tue ich ihm damit jawohl auch nicht. Vielleicht kann dadurch ein ansonsten sinnloser Selbstmord noch etwas nütze sein.

' Rein zufällig, habe ich eine Waffe hier. Wenn du die haben willst, brauchst du es nur zu sagen. '

' Das kann ich nicht. Könntest du nicht...? Ich meine, könntest du dir nicht vorstellen, daß du unter Umständen... eventuell auf mich schießen würdest. '

Völlig unvorstellbar. So etwas würde ich nie tun.

' Ich weiß nicht. Ich bin ein miserabler Schütze. '

' Versuch es doch mal. Bitte. Ich halte auch ganz still. '

' Warum willst du auf einmal sterben ? '

' Ich muß, damit ich nochmal neu starten kann. Ich drücke, oder besser, du würdest nur den Resetknopf drücken. Ich will aus dieser sinnlosen Endlosschleife raus. Du mußtest das eigentlich verstehen. '

' Du meinst also, ich soll wirklich ? '

' Ja, bitte. '

Da er es ja nun unbedingt wollte, und da Tatjana mich ebenfalls darum gebeten hatte, und da ich endlich mal konsequent sein wollte, tat ich es. Ich kann ihnen sagen, Leichen auf dem Teppich hinterlassen nicht nur ekelige Flecken, sie sind auch an sich ziemlich ekelig. Erst wesentlich später sollte ich erfahren, daß mein Nachbar nur schwer verwundet war. " soweit der Spieler.

Kapitel 43

" So, und den Rest kennen Sie ja, Herr Doktor. "

" Die Nachbarn sind also durch den Schuß aufgeschreckt worden und haben die Polizei informiert. '

" Ja, genau. Und die Polizei war entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten relativ schnell. Zu schnell. Ich konnte gar nicht so schnell Feuer machen. "

" Die haben Sie also sozusagen auf frischer Tat ertappt. "

" Ich hatte sogar die Waffe noch in der Hand. "

" Und was ist mit dieser Tatjana passiert ? "

" Ich hab sie nie wieder gesehen. Wie auch, die Bullen haben mich ja sofort in den Knast gesteckt. "

" Na, na, in die geschlossene Abteilung für psychisch Kranke. "

" Das ist das selbe. Also was meinen Sie, Herr Doktor, bin ich nun irre oder nicht ? '

" Das läßt sich in einem Satz schlecht sagen. Sie haben offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zur Realität. Nun das ist ganz normal nach einem Selbstmordversuch. Aber was bei ihnen besonders ist. Sie verleugnen nicht ihre Persönlichkeit, was in krassen Fällen zur Schizophrenie führen würde, sondern sie verleugnen alles andere. Normal wäre, wenn Sie das Ich abwerten würden, um die Verantwortung loszuwerden. Wie sie sagten, die Umstände wären Schuld. Aber gerade das, haben Sie ja zum Schluß eben nicht mehr getan. Sie haben sich eine Schuld aufgebürdet, die sie objektiv gar nicht hatten. Es hat sie niemand gezwungen, konsequent zu sein. Trotzdem verspürten sie den Drang nach Perfektion, die eben diese Konsequenz mit einschloß. Ich glaube, ich werde der Anstaltsleitung empfehlen, sie zu entlassen. Aber sie sollten weiterhin in Behandlung bleiben. "

" Aber wieso ? Ist denn nicht verrückt, wenn man das Leben als Computerspiel auffaßt ? "

" Ich habe nie etwas anderes behauptet. Aber darüber habe ich nicht zu urteilen. Aus dieser Vorstellung heraus erwächst keine Gefahr für die Gesellschaft. Und sie mindert auf keinen Fall die Zurechnungsfähigkeit. Sie waren und sind voll verantwortlich. "

" Das können Sie nicht machen. Sie schicken mich damit auf den elektrischen Stuhl, wissen Sie das ? "

" Die Todesstrafe gibt es schon lange nicht mehr. Aber für mich steht fest, daß sie lebenslänglich kriegen werden. "

" Sie wissen, daß das dasselbe für mich ist. "

" Natürlich. Sie werden das Leben in der Zelle ziemlich schnell als sinnlos ansehen und sich erhängen. "

" Warum tun sie sowas ? Es kann ihnen doch völlig egal sein, was mit mir passiert. Und Sie haben selbst gesagt, daß ich keine Gefahr für die Menschen bin. "

" Es tut mir leid, aber meine Diagnose steht fest. Sie sind gesund. "

" Warum sind sie nur so stur ? "

" Ich habe meine Gründe. "

" Er ist doch nicht einmal gestorben. Es war nur ein Mordversuch. "

" Vielleicht bekommen sie auch nur 10 Jahre, wer weiß. "

" Ich würde nicht einmal ein Jahr überleben. "

" Sie brauchen gar nicht im Konjunktiv zu sprechen. Sie werden das Jahr nicht überleben. Aber soll ich deswegen einem potenziellen Mörder einen Freibrief geben ? "

" Aber ich bin kein Mörder !!! "

" Das er überlebt hat, war nur Zufall. Sie hatten die Absicht ihn zu töten... Wärter führen sie ihn ab! "

Man brachte den Spieler zurück in seine Zelle. Nach einer Woche begann das Verfahren. Das Urteil lautete 5 Jahre ohne Bewährung. Nach zwei vergeblichen Fluchtversuchen erhängte sich der Spieler in seiner Zelle. Er hätte noch 6 Monate absitzen müssen...

Kapitel 44

Auf der anderen Seite :

" Der Urlauber ist zurückgekehrt und der Alltag beginnt wieder für ihn. Bis zum nächsten Urlaub. Das könnte allerdings noch ein wenig dauern. Das 74/1 System ist nicht, wie nach der Pleite des Maulwurfs zu vermuten war abgeschaltet worden, sondern sie haben einen neuen Versuch gestartet. Die Prozedur läuft weiter. Es ist also im Grunde alles genauso wie vor dem Antritt der Reise des Urlaubers. Dies ist ja auch nicht einmal 8 Stunden her.

Aber die Qualität unseres Lebens hat sich verändert. Die Verholzung steht unmittelbar bevor. Das ganze Leben spielt sich nur noch im System ab. Die Urlaubsreisen sind nun kostenlos und rund um die Uhr haben wir unsere Brillen auf. Die Systeme sind vernetzt worden. 512 denkende Menschen leben im System, als wäre es eine reale Welt. Wir essen mit dem System, wir bewegen uns im System, wir lieben sogar im System. 74/1 ist das einzige System, daß noch läuft.

Doch wie kam es dazu. Tatjana war, wie ich sagte, Studentin der Pettersontheorie. Aber sie gehörte zu denjenigen, die sich verpflichtet hatten zu schweigen, die ihre Überzeugung an das System verkauft haben. Der Maulwurf, so der Plan, sollte durch das Attentat um so stärker auf sein Gebiet konzentriert werden. Denn das Komitee war der Meinung, daß der Maulwurf auf seinem Weg viele Hindernisse und Rückschläge zu verkraften haben wird. Deshalb wollte man ihn erst mal testen, ob er auch dann noch konsequent arbeitet, wenn es für ihn gefährlich wird. In der Phase als sich der Urlauber und der Maulwurf trafen, hätte man, bei einem negativen Testergebnis, noch eine Auswechslung ohne größere Zeitverzögerung vornehmen können. Der Tester, der Urlauber, hatte keine Ahnung von seinem Auftrag. Aber er wurde gut bezahlt. So wie bei den toxikologischen Tests, die ich schon mal erwähnte. Der Maulwurf hat seine Probe bestanden.

Nun haben wir die Zeche zu zahlen. Unsere Welt können wir nicht mehr wahrnehmen. Wir sehen nur noch das System. Nur noch das Cyberspace. Wir sind jetzt sozusagen im Dauerurlaub. Wer weiß, wann die Verholzung endgültig abgeschlossen sein wird ? Aber wir können es nicht mehr verhindern. Wir sind auf das System fixiert, und können nichts anders mehr wahrnehmen. Aber wir kämpfen weiter, und zwar in der neuen Schicht. In ihrer Schicht. Wir werden es nicht noch einmal zulassen, daß eine Schicht verholzt. Wir dürfen nicht wieder eine neue Realität aufbauen, die dann irgendwann unser alte ersetzt. Wehret den Anfängen !!!

Manchmal wenn es ganz still ist, und man nichts mehr hört, wenn man keine künstlichen zum System gehörende Geräusche mehr wahrnimmt, dann kann man trotzdem noch etwas hören. Wenn sie ganz leise sind, und die Stille sie gefangen nimmt, dann können sie manchmal das leise Brummen der Generatoren hören, die den Strom für das System liefern. Solange wie dieses Brummen nicht verstummt, lebt der Baum und es gibt noch Hoffnung, daß das Wachsen nach zu außen zu stoppen ist. Kämpft um euere Realität, sonst passiert auch das gleiche wie uns.


P.S. : Entweder bist du, lieber Leser, ein Statist, dann paß auf, daß du nicht gelöscht wirst. Das kannst du jedoch gar nicht beeinflussen, du kannst ja nicht einmal denken. Aber wenn du kein Statist sind, dann bist du einer von uns. Einer der Denkenden im System. Du musst dich entscheiden.

Wenn du dich für uns entscheidest, wirst du alleine gegen deine Umwelt, gegen die Statisten stehen. Du wirst einsam sein. Die Marionetten werden alles versuchen, um dich zu brechen, um dich in den Sog der Masse, der Mode, der Magnetfelder des Cyberspace zu ziehen. Vielleicht, wenn wir uns alle zusammen tun, können wir die Verholzung stoppen. Vielleicht, hoffentlich, aber momentan sieht es schlecht für uns aus. Sehr schlecht...


So, das war es.
Bitte empfehlen Sie dieses Schriftstück weiter !!!
Die Weiterverbreitung ist ausdrücklich erwünscht !!!